STUMMER AUF­SCHREI

De­pres­sio­nen schrän­ken die Hand­lungs- und Leis­tungs­fä­hig­keit und so­mit den ge­sam­ten All­tag enorm ein. Wel­che Rol­le das Burn-out in die­sem Zu­sam­men­hang spielt. Was pas­siert, wenn man die Warn­si­gna­le des Kör­pers nicht be­ach­tet.

KURIER_PSYCHE - - DEPRESSION UND BURN-OUT - VON ANDREA KRIE­GER

Kön­nen Sie sich freu­en? Schla­fen Sie gut? Sind Sie im­stan­de, sich zu kon­zen­trie­ren? Müs­sen Sie all dies schon seit min­des­tens 14 Ta­gen ver­nei­nen, steckt un­ter Um­stän­den ei­ne De­pres­si­on da­hin­ter. „Es han­delt sich um die häu­figs­te Dia­gno­se ne­ben Herz­Kreis­lauf-Er­kran­kun­gen. Ei­ne De­pres­si­on ist genau­so ein­fach zu dia­gnos­ti­zie­ren und auch gut be­han­del­bar“, sagt Sieg­fried Kas­per von der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Psych­ia­trie und Psy­cho­the­ra­pie der Me­di­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wi­en. Kas­per ist mit der De­pres­si­on qua­si auf Du: 40 Jah­re be­schäf­tigt er sich jetzt schon da­mit. Das größ­te Pro­blem sei­en die Un­be­han­del­ten, so der Fach­arzt: „Vie­le Be­trof­fe­ne se­hen das Lei­den als per­sön­li­ches Ver­sa­gen und glau­ben nicht, dass ih­nen je­mand hel­fen kann.“Im­mer wie­der hö­ren sie den Satz: Reiß dich zu­sam­men! „Das ge­hört zum Schlimms­ten, das man zu De­pres­si­ven sa­gen kann“, be­tont Kas­per. „Denn ge­ra­de je­neHirn­area­le,di­edieS­tim­mun­gund den An­trieb ko­or­di­nie­ren, sind ja be­ein­träch­tigt.“

Aber wie kommt es über­haupt so weit? „Wir ge­hen von ei­ner ge­wis­sen Ver­letz­lich­keit im Hirn­stoff­wech­sel aus. Durch all­ge­mei­ne Le­bens­um­stän­de bricht die De­pres­si­on dann aus.“Es spie­len al­so in­ne­re, aber auch

äu­ße­re und so­zia­le Fak­to­ren zu­sam­men. Je nach Ur­sa­che, Sym­pto­me und Schwe­re­grad wird zwi­schen ver­schie­de­nen For­men un­ter­schie­den. Bei der sai­son­ab­hän­gi­gen De­pres­si­on – um­gangs­sprach­lich auch Herbst- oder Win­ter­de­pres­si­on ge­nannt – spielt Licht­man­ge­lei­neRol­le,der­den­n­eu­ro­lo­gi­schen Stoff­wech­sel aus dem Gleich­ge­wicht bringt. Bei re­ak­ti­ven De­pres­sio­nen sind be­las­ten­de Er­leb­nis­se wie et­wa der Ver­lust ei­nes ge­lieb­ten Men­schen oder ei­nes Ar­beits­plat­zes der häu­fi­ge Aus­lö­ser. Wo­bei die­se nicht mit Trau­er zu ver­wech­seln sind.

ALL­TAG WIRD ZUR TOR­TUR. „Erst, wenn dar­über der All­tag über län­ge­re Zeit zur Tor­tur wird, spricht das für ei­ne De­pres­si­on.“Klas­sisch: Man wacht um vier Uhr in der Früh auf und krei­sen­de Ge­dan­ken ver­hin­dern das Wei­ter­schla­fen. Vie­les, über das man sich frü­her ein­mal ge­freut hat, und sei es nur das Be­grü­ßungs­we­deln des Hun­des, lässt ei­nen plötz­lich kalt. Stän­di­ges Gr­ü­beln über das ei­ge­ne Le­ben über­la­gert die Kon­zen­tra­ti­on. Nicht im­mer sind die Sym­pto­me gleich schwer. Bei ei­ner leich­ten De­pres­si­on ist der All­tag noch ganz gut zu be­wäl­ti­gen. In so ei­nem Fall reicht un­ter Um­stän­den re­gel­mä­ßi­ge sport­li­che Be­tä­ti­gung, um das Pro­blem zu be­sei­ti­gen. „Mo­to­ri­sche Tä­tig­kei­ten wie flot­te Spa­zier­gän­ge, mög­lichst viel Frisch­luft und Licht sind ge­ne­rell wich­tig“, sagt Kas­per. Schwer De­pres­si­ve kön­nen sich da­zu al­ler­dings nicht mehr auf­raf­fen. „Mo­to­ri­sche Tä­tig­kei­ten wür­den auch nicht aus­rei­chen. Hier braucht es un­ter­stüt­zen­de Me­di­ka­men­te.“Ei­ne Psy­cho­the­ra­pie hilft, mit be­las­ten­den Si­tua­tio­nen bes­ser fer­tig zu wer­den. Ei­ne Kom­bi­na­ti­on ist laut Kas­per kein Wi­der­spruch, son­dern das Bes­te, um das Pro­blem schnell in den Griff zu be­kom­men. Im­mer vor­aus­ge­setzt, et­wai­ge Ne­ben­wir­kun­gen der An­ti­de­pres­si­va, wie et­wa Ge­wichts­pro­ble­me, Ver­dau­ungs­stö­run­gen und Li­bi­do­ver­lust füh­ren nicht zum Ab­set­zen der Pil­len.

ZUSATZDIAGNOSE. Wie eng der Zu­sam­men­hang zwi­schen De­pres­sio­nen und Burn-out ist, dar­über ge­hen die Mei­nun­gen aus­ein­an­der. Das „Aus­ge­brannt­sein“ist im me­di­zi­ni­schen Sin­ne ei­ne Zusatzdiagnose und kei­ne Be­hand­lungs­dia­gno­se. Es han­delt sich um ei­ne mul­ti­fak­t­o­ri­el­le Stress­re­ak­ti­on, die star­ke Er­schöp­fungs­sym­pto­me zeigt. Das al­lei­ne reicht nicht aus, um ei­nen Men­schen krank­zu­schrei­ben. Da­zu braucht es ei­ne Ba­sis-Dia­gno­se, die meist De­pres­si­on lau­tet. Kas­per ver­weist dar­auf, dass De­pres­si­ve sich­we­gen­derKon­zen­tra­ti­ons­stö­run­gen auch in der Ar­beit pla­gen. Ob das bis zur völ­li­gen Er­schöp­fung geht, hän­ge von den geis­ti­gen An­for­de­run­gen im Job ab. Vor al­lem aber sieht er Burn-out als Typf­ra­ge: „Das sind Men­schen, die sehr ar­beit­sam und har­mo­nie­be­dürf­tig sind, sich schwer ab­gren­zen und nicht mit ih­ren Kräf­ten haus­hal­ten kön­nen.“Dass man „sich mit dem Um­feld nicht ad­äquat aus­ein­an­der­set­zen kann“, sei al­ler­dings auch ein klas­si­sches Kern­sym­ptom ei­ner De­pres­si­on. Sich ge­gen ei­ne be­las­ten­de Ar­beits­si­tua­ti­on zu weh­ren oder­gar­kün­di­ge­nist­frei­li­ch­ins­be­son­de­re ab ei­nem ge­wis­sen Al­ter und in be­stimm­ten Bran­chen kei­ne leich­te Sa­che.

An­ders als Sieg­fried Kas­per macht der Wie­ner Neu­ro­lo­ge, Burn-out-Fach­mann und Coach Wolf­gang La­lou­schek in ers­ter Li­nie die zu­neh­mend schwie­ri­ge­ren Ar­beits­be­din­gun­gen ver­ant­wort­lich: „Si­cher­lich ist die Be­last­bar­keit von Men­schen un­ter­schied­lich. Aber ich bin über­zeugt, man kann je­den in ei­ne Art Burn-out

„‚Reiß dich zu­sam­men‘ ge­hört zum Schlimms­ten, das man zu De­pres­si­ven sa­gen kann.“Univ.-Prof. Dr. Sieg­fried Kas­per, Uni­ver­si­täts­kli­nik für Psych­ia­trie Wi­en

trei­ben“, sagt La­lou­schek, der selbst ein wien­wei­tes Pro­jekt zur Burn-ou­tPrä­ven­ti­on auf In­ten­siv­sta­tio­nen lei­tet. „Vie­le Be­rufs­tä­ti­ge er­le­ben nicht nur ei­nen stän­dig stei­gen­den Druck, son­dern auch ei­ne zu­neh­men­de Sinn­lo­sig­keit, et­wa durch wi­der­sprüch­li­che Auf­trä­ge. Da fin­de ich es fast schon nor­mal, wenn der Or­ga­nis­mus ir­gend­wann ein­mal Stopp sagt,“so La­lou­schek. Sein Bei­spiel zeigt: Die Vor­beu­gung von Burn-out ist mitt­ler­wei­le ein wich­ti­ges The­ma der Be­trieb­li­chen Ge­sund­heits­för­de­rung. Letzt­end­lich fal­len dar­aus re­sul­tie­ren­de lan­ge Kran­ken­stän­de auch den Fir­men und In­sti­tu­tio­nen auf den Kopf.

ANDAUERNDE BE­LAS­TUNG. Ein Bur­nout baut sich lang­sam auf. Wolf­gang La­lou­schek: „Die­se Pa­ti­en­ten er­zäh­len­mir:Ich­ha­be­dochim­mer­ger­ne­ge­ar­bei­tet, so ken­ne ich mich gar nicht. Von den Freun­den hö­ren sie: Mit dir ist ja über­haupt nichts mehr an­zu­fan­gen.“Ein wei­te­rer Warn­hin­weis: „Ge­hen die vie­len Ar­beits­stun­den nicht mit ei­nem dem­ent­spre­chen­dem Er­geb­nis ein­her, spricht das für ei­ne zu­neh­men­de In­ef­fi­zi­enz. Auch Feh­ler be­gin­nen sich zu häu­fen.“

In schwe­ren Fäl­len kom­men Be­trof­feneir­gend­wann­gar­nicht­mehr­aus­dem Bett. Der Stress macht sich kör­per­lich be­merk­bar. „Häu­fig wird man um An­ti­de­pres­si­va nicht her­um­kom­men, um wie­der schla­fen zu kön­nen und ei­ne Zu­kunfts­per­spek­ti­ve zu se­hen.“Gleich­zei­tig brau­che es aber un­be­dingt ei­ne Hil­fe bei der Aus­ein­an­der­set­zung mit den Be­las­tungs­fak­to­ren in Form ei­ner Ge­sprächs­the­ra­pie.

Mehr als 600.000 Men­schen lei­den in Ös­ter­reich an De­pres­sio­nen – die Dun­kel­zif­fer ist we­sent­lich hö­her

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