Sui­zid­ge­fahr: Wie Sie hel­fen kön­nen

Las­sen sich An­zei­chen für ei­nen mög­li­chen sui­zid­ver­such er­ken­nen? was tun, wenn ich die Be­fürch­tung ha­be, dass sich ein An­ge­hö­ri­ger et­was an­tun möch­te?

KURIER_SPECIAL - - SELBSTMORD -

Ches­ter Ben­nington al­bert mit sei­nenKin­der­nund­tes­te­tBon­bons in aus­ge­fal­le­nen Ge­schmacks­rich­tun­gen – ein Vi­deo zeigt den Sän­ger als glück­li­chen Fa­mi­li­en­va­ter nur we­ni­ge St­un­den, be­vor er sich das Le­ben nimmt. „So sah sei­ne De­pres­si­on für uns aus – nur 36 St­un­den vor sei­nem Tod. Er hat uns sehr ge­liebt, und wir ha­ben ihn ge­liebt“, schreibt sei­ne Ehe­frau, die den Clip ver­öf­fent­licht hat. „Ich zei­ge euch das, da­mit ihr wisst, dass De­pres­sio­nen kein be­stimm­tes Ge­sicht oder Stim­mung ha­ben.“Hin­ter dem Drang, sich das Le­ben zu neh­men, ver­birgt sich meist der Wunsch, das ei­ge­ne Lei­den zu be­en­den. Nicht im­mer geht es dar­um, nicht mehr le­ben zu wol­len, son­dern kei­nen an­de­ren Aus­weg zu wis­sen und den un­trag­ba­ren Zu­stand nicht mehr aus­zu­hal­ten.

Im Jahr 2015 star­ben in Ös­ter­reich 1249 Per­so­nen durch Sui­zid – die Mehr­heit da­von wa­ren Män­ner. Die Zahl der Sui­zid­to­ten ist da­mit mehr als zwei­ein­halb Mal so hoch ist wie je­ne der Ver­kehrs­to­ten (475 Per­so­nen). Das Ri­si­ko steigt mit dem Al­ter an, ab dem 50 Le­bens­jahr nimmt es be­son­ders zu. Au­ßer­dem ist es bei de­pres­si­ven Men­schen 20-mal hö­her als bei der nicht er­krank­ten Be­völ­ke­rung.

Den meis­ten Sui­zid­hand­lun­gen ge­hen über kür­ze­re oder län­ge­re Zeit be­reits Fan­ta­si­en und­ei­nin­ne­rerKampf­vor­aus.„Wenn sich ei­ne Per­son erst ein­mal zu dem Ent­schluss­durch­ge­run­gen­hat,ha­dert sie nicht mehr mit sich selbst und wirkt da­her auf an­de­re ent­spannt“, er­klärt Chris­toph Ka­bas die Ru­he Ben­ningtons so kurz vor sei­nem Sui­zid. In der Pha­se des Ha­derns kön­ne man die An­zei­chen am ehes­ten er­ken­nen, so der Kli­ni­sche Psy­cho­lo­ge. Na­he­zu al­le Sui­zi­de wer­den nie­der­schwel­lig an­ge­kün­digt, zum Bei­spiel mit Aus­sa­gen wie „Ich kann nicht mehr wei­ter.“oder „Wenn das nicht an­ders wird, pas­siert et­was.“Je kon­kre­ter die Pla­nung („Mor­gen sprin­ge ich.“), des­to be­droh­li­cher ist die Si­tua­ti­on ein­zu­schät­zen. „Wenn ei­ne Per­son da­von spricht, sich das Le­ben neh­men zu wol­len, soll­te man dies im­mer ernst neh­men und kon­kret da­nach fra­gen“, ap­pel­liert Ka­bas, der im Ex­per­ten­gre­mi­um des Sui­zid­prä­ven­ti­ons­pro­gramms des Ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­ums (SUPRA) tä­tig ist. Bist du so ver­zwei­felt, dass du schon dar­an ge­dacht hast, dir das Le­ben zu neh­men? Ich ha­be den Ein­druck, dass es dir schlecht geht, möch­test du mit mir dar­über re­den? „Spricht man das The­ma an, merkt man schnell, ob es sich nur Un­muts­äu­ße­rung han­delt oder, ob sich je­mand tat­säch­lich in ei­ner prä­sui­zi­da­len Pha­se be­fin­det.“Ers­te-Hil­fe-Tipps in den SUPRA-Bro­schü­ren sol­len mehr Si­cher­heit für den schwie­ri­gen Um­gang mit ei­nem Men­schen, der Sui­zid­ge­dan­ken hat oder ei­nen Sui­zid­ver­such be­gan­gen hat, ver­mit­teln. Und Ka­bas fügt hin­zu: „Vie­le Maß­nah­men, die all­ge­mein der Ge­sund­heit und ins­be­son­de­re der psy­chi­schen gut tun – ak­tiv blei­ben, Aus­gleich, so­zia­le Kon­tak­te – wir­ken auch sui­zid­prä­ven­tiv.“Sui­zid gilt in der Ge­sell­schaft nach wie vor als Ta­bu­the­ma. Für Men­schen mit Selbst­mord­ge­dan­ken wä­re es je­doch we­sent­lich, über die zur Kri­se füh­ren­den Pro­ble­me und ih­re Sui­zi­da­li­tät spre­chen zu kön­nen. Fragt das Ge­gen­über nach, gibt es dem Be­trof­fe­nen die Mög­lich­keit, über sei­ne schwär­zes­ten Gedanken re­den zu kön­nen. „Feed­back und Ide­en von au­ßen zu be­kom­men, hilft enorm und re­du­ziert das Ri­si­ko“, be­stä­tigt Pe­ter Stippl, Prä­si­dent des Ös­ter­rei­chi­schen Bun­des­ver­bands für Psy­cho­the­ra­pie. Un­freund­li­che Re­ak­tio­nen oder Zu­rück­wei­sun­gen von dem Sui­zid­ge­fähr­de­ten sol­le man nicht per­sön­lich neh­men und dar­auf mög­lichst ge­las­sen und ge­dul­dig re­agie­ren, so der Ex­per­te.

Wenn die be­trof­fe­ne Per­son nicht be­reit ist, pro­fes­sio­nel­le Hil­fe in An­spruch zu neh­men, kön­nen sich An­ge­hö­ri­ge zu­nächst selbst Rat ho­len – zum Bei­spiel bei der Te­le­fon­seel­sor­ge un­ter der Num­mer 142. Fühlt man sich durch den Sui­zid­ge­fähr­de­ten über­for­dert oder be­steht un­mit­tel­ba­re Selbst- oder Fremd­ge­fähr­dung, soll­te man nicht zö­gern, so­fort ei­nen psych­ia­tri­schen Not­dienst, den Ret­tungs­dienst oder die Polizei zu ver­stän­di­gen.

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