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Un­mo­dern sein ist ir­gend­wie mo­dern ge­wor­den. Wer am Puls der Zeit blei­ben will, muss sich nach längst ver­gan­ge­nen Zei­ten seh­nen. Der ur­ba­ne Mo­de­mensch von heu­te klei­det sich im Holz­fäl­ler­look und zupft vor dem Spie­gel sorg­sam sei­nen Hips­ter-Bart zu­recht, um so aus­zu­se­hen, wie er glaubt, dass sein Ur­groß­va­ter ger­ne aus­ge­se­hen­hät­te,wenn­der­da­mals­ne­ben­dem­vie­len Holz­fäl­len auch Zeit da­für ge­habt hät­te, sich den Bart zu­recht­zu­ma­chen.

Im Wohn­zim­mer steht ei­ne me­cha­ni­sche Schreib­ma­schi­ne. Sie ist voll funk­ti­ons­tüch­tig, wird aber ver­mut­lich erst ver­wen­det, wenn je­mand auf Kick­star­ter ei­ne WhatsApp-Schnitt­stel­le für Schreib­ma­schi­nen an­bie­tet. Da­ne­ben thront ein Vi­nyl-Plat­ten­spie­ler, sorg­sam aus­ta­riert mit ed­len Stell­schrau­ben, aber nie ge­nutzt, schließ­lich gibt es Spo­ti­fy und Youtube.

Wer die Ein­fach­heit frü­he­rer Jahr­zehn­te zu­rück­wünscht, oh­ne Han­dy und In­ter­net, der über­sieht, dass es auch ei­ne ein­sa­me Zeit war, in der man mit ent­fernt le­ben­den Freun­den kaum Kon­takt hal­ten konn­te, in der von der Bank­über­wei­sung bis zur Ur­laubs­bu­chung vie­les ex­trem müh­sam war, in der man we­ni­ger In­for­ma­ti­on hat­te und un­ge­prüft glau­ben muss­te, was in der Zei­tung stand.

Es mag lus­tig sein, al­te Ent­glei­sun­gen der Haar­mo­de neu aus­zu­pro­bie­ren. Und die Mu­sik ver­gan­ge­ner Ta­ge soll­te man un­be­dingt im­mer wie­der mal her­vor­ho­len. Aber tun wir nicht so, als wä­re frü­her al­les bes­ser ge­we­sen. Wer von längst ver­gan­ge­nen gol­de­nen Zei­ten re­det, der lügt. Wenn wir ei­ne gol­de­ne Epo­che wol­len, dann müs­sen wir sie erst be­gin­nen las­sen.

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