„Wir ha­ben ge­wür­felt, wer wel­che Woh­nung be­kommt“

KURIER_SPECIAL - - HOMESTORY -

Ro­bert ist mit sei­ner Frau in ei­nen Wohn-Clus­ter für Se­nio­ren ge­zo­gen. Für ihn ist es die ab­so­lu­te Traum­woh­nung.

Mei­ne Frau (61) und ich (70) ha­ben über ei­ne Be­kann­te da­von er­fah­ren. Sie wuss­te, dass wir uns für ein al­ter­na­ti­ves Wohn­pro­jekt in­ter­es­sie­ren und sag­te: „Ire­ne, das, was ihr wollts, das baue ich jetzt.“Ein Wohn­pro­jekt in der Ot­ta­krin­ger St­ein­bruch­stra­ße. Man wohnt nicht in der­sel­ben Woh­nung, aber in ei­nem Haus mit ge­mein­sam ge­nutz­ten Be­rei­chen. 16 Woh­nun­gen, sechs Stock­wer­ke, ganz oben ein Ge­mein­schafts­raum zum Kar­ten­spie­len, Ko­chen oder Qi-Gong-Kur­se. Wir wa­ren schon da­bei, als sich die Grup­pe ge­bil­det hat, An­fang 2008. Ein­ge­zo­gen sind wir im Som­mer 2011.

Bis da­hin ha­ben wir ge­trennt ge­wohnt, ei­nen Ki­lo­me­ter ent­fernt. Ei­gent­lich su­per, aber man kann am Abend nicht schnell mit den Schlap­fen vor­bei­kom­men. Un­ser Wunsch war ei­ne ge­mein­sa­me Woh­nung, die ge­trennt be­geh­bar ist. Und wir woll­ten nicht zu zweit ein­sam am Wald­rand le­ben. Ich ha­be sel­ber viel in WGs ge­wohnt, auch nach mei­ner Stu­den­ten­zeit. Ich brau­che im­mer noch an­ge­neh­me Leu­te um mich her­um, aber nicht mehr di­rekt in mei­ner Woh­nung. Au­ßer­dem ha­ben wir Se­nio­ren­hei­me von der Nä­he ge­se­hen. Da woll­ten wir nicht woh­nen. Das hat sich in den letz­ten Jah­ren dort auch ge­än­dert: Heu­te zie­hen die meis­ten schon sehr na­he an der Pfle­ge­be­dürf­tig­keit ins Heim. Wir hin­ge­gen woll­ten wo le­ben, wo wir die an­de­ren Men­schen noch in ih­rer Groß­ar­tig­keit er­le­ben. Und wir woll­ten, dass die jün­ge­ren Al­ten die äl­te­ren Al­ten un­ter­stüt­zen. Ein Mo­tiv ist si­cher auch Ein­sam­keit. Aber das ist ein Ta­bu, über das auch hier nicht so wirk­lich ge­spro­chen wird.

Wich­tig war na­tür­lich, dass wir den Wohn­raum be­kom­men, den wir wol­len. Wei­ters muss­te es in West-Wien in Geh­wei­te zum Wie­n­er­wald sein. Und na­tür­lich auch der Kos­ten­rah­men: Es läuft so ähn­lich wie bei ei­ner Ge­nos­sen­schaft. Man zahlt beim Ein­zie­hen ei­nen ge­wis­sen Be­trag, bei uns un­ge­fähr 24.000 Eu­ro für 80 Qua­drat­me­ter, den man beim Aus­zie­hen mit klei­nen Ab­zü­gen wie­der zu­rück­be­kommt. Die Mie­te be­trägt mit Be­triebs­kos­ten um die 700 Eu­ro, ein Hun­der­ter mehr wä­re noch drin ge­we­sen.

Wir ha­ben ge­wür­felt. Und ich hat­te lau­ter Ein­ser. Die ge­trennt be­geh­ba­ren und auf­ge­split­te­ten Woh­nun­gen im sel­ben Stock, die wir ur­sprüng­lich woll­ten, hat dann lei­der wer an­ders be­kom­men. Jetzt ha­ben wir ei­ne klas­si­sche Woh­nung und das passt gut für uns. Es ist auch prak­tisch, nicht zwei Kü­chen und WCs zu ha­ben. Im Haus gibt es noch ein zwei­tes Ehe­paar, sonst 15 Frau­en und ei­nen Mann, die je­weils al­lei­ne in der Woh­nung le­ben. Woh­nen im Al­ter ist eher weib­lich. Un­se­re Woh­nung liegt im Erd­ge­schoß, hat ein gro­ßes Wohn­zim­mer, zwei klei­ne­re Zim­mer und Ne­ben­räu­me, ei­nen Ab­stell­raum und auf bei­de Sei­ten ei­ne Ter­ras­se und ei­nen klei­nen Gar­ten. Ver­gli­chen mit den an­de­ren Woh­nun­gen ha­ben wir mehr Grün­flä­che, da­für we­ni­ger Son­ne.

In den mitt­ler­wei­le zehn Jah­ren die­ses Pro­jek­tes ken­ne ich je­den Be­woh­ner schon sehr gut. Ich weiß über die Pro­ble­me, Emp­find­lich­kei­ten und Be­dürf­nis­se Be­scheid und kann dar­auf Rück­sicht neh­men. Wie in ei­nem klei­nen Dorf, in dem man sich un­ter­stützt. Das Min­des­te ist, dass man für je­man­den, der

ge­ra­de krank ist, et­was aus der Apo­the­ke holt. Aber auch, wenn mir die De­cke auf den Kopf fällt, kann ich mich mit wem zum Re­den hin­setz­ten. Ein Nach­teil kann sein, dass die so­zia­le Kon­trol­le groß ist. Wenn zwei Näch­te durch­ge­hend das Licht brennt, sieht si­cher je­mand nach. Du bist nicht so an­onym wie in ei­nem Wie­ner Miets­haus.

95 Pro­zent der Leu­te sa­gen: „Toll, wie ihr wohnts! So ein Wohn­pro­jekt möch­te ich auch.“Die zwei­te Fra­ge lau­tet dann al­ler­dings: „Habts ihr Pro­ble­me?“Dann frag ich zu­rück: „Warst du schon ver­hei­ra­tet?“„Ja­ja.“„Und hast du Pro­ble­me ge­habt?“„Na­tür­lich.“

Es ist so: Dort wo Men­schen zu­sam­men­woh­nen, gibts Streit. Aber es ist noch nie­mand des­we­gen aus­ge­zo­gen bei uns. Für ein Wohn­pro­jekt ist es vorteilhaft, aus­rei­chend Selbst­er­fah­rung zu ha­ben. Zu wis­sen, was Pro­jek­tio­nen sind. Zu wis­sen, dass die Leu­te, die man am we­nigs­ten lei­den kann, die sind, von de­nen man auch am meis­ten ler­nen kann.

Ist ei­gent­lich die­se Woh­nung. Mir fällt nichts Ne­ga­ti­ves ein. Viel­leicht ein wei­te­rer Aus­blick und et­was mehr Son­ne im Win­ter – aber das ist Jam­mern auf ho­hem Ni­veau. Auch mit den Nach­barn ist es su­per: Wenn man sich mit ei­ner Hand­voll gut ver­steht, ist das voll aus­rei­chend. Mit dem Rest pflegt man, wie ich es nen­ne, pro­duk­ti­ve Nach­bar­schaft. Und na­tür­lich muss­te ich von mei­nem ho­hen An­spruch „Wir ler­nen ge­mein­sam, alt zu wer­den“ein biss­chen run­ter­ge­hen. Vie­le Be­woh­ner se­hen das Kon­zept als ge­gen­sei­ti­ge Hil­fe­stel­lung im Al­ter – und das ist auch voll okay so.

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