„Mehr Herz­er­kran­kun­gen durch Al­ters­an­stieg“

Franz Xa­ver Roi­t­hin­ger ist der Prä­si­dent der Ös­ter­rei­chi­schen Kar­dio­lo­gi­schen Ge­sell­schaft. Im In­ter­view spricht er über sei­ne wich­tigs­ten An­lie­gen.

KURIER_UNSER HERZ - - Inhalt - -MAG­DA­LE­NA MEER­GRAF

In­ter­view mit dem Kar­dio­lo­gen Franz Xa­ver Roi­t­hin­ger

Man­gel an Be­we­gung und Über­ge­wicht för­dern das Ri­si­ko für Herz-Kreis­lauf-Er­kran­kun­gen. Die Zahl der Über­ge­wich­ti­gen hat sich in den letz­ten 30 Jah­ren ver­dop­pelt, auch Kin­der sind be­trof­fen. Ist das nicht ein düs­te­rer Aus­blick?

Franz Xa­ver Roi­t­hin­ger: Kei­ne Fra­ge, Auf­klä­rung und Re­du­zie­rung von Über­ge­wicht muss ge­mein­sam mit den an­de­ren Fach­ge­sell­schaf­ten das Ziel der nächs­ten Jah­re sein. Das ist ei­ne Her­aus­for­de­rung für al­le. Aber man muss auch fest­hal­ten, dass ge­wis­se Be­dro­hun­gen – wie der Herz­in­farkt – durch mo­der­ne Be­hand­lungs­mög­lich­kei­ten deut­lich an Schre­cken ver­lo­ren ha­ben. Wir sind sehr gut dar­in ge­wor­den, das Le­ben äl­te­rer Pa­ti­en­ten zu ver­län­gern. Wir kön­nen auf­grund un­se­res Ge­sund­heits­sys­tems mit Stolz sa­gen, dass al­len Pa­ti­en­ten und Pa­ti­en­tin­nen die bes­ten me­di­zi­ni­schen Ge­rä­te zur Ver­fü­gung ste­hen.

Die Sterb­lich­keits ra­te durch Herz-Kreis lauf-Er­kran­kun­gen hält sich in Ös­ter­reich schon lan­ge an ers­ter Stel­le. Wie schät­zen Sie die Si­tua­ti­on hier­zu­lan­de ein?

Pro­zen­tu­ell er­le­ben mehr Leu­te ei­ne sol­che Er­kran­kung wie den Herz­in­farkt, weil sie im­mer äl­ter wer­den und nicht zu­vor schon aus an­de­ren Grün­den ver­ster­ben. Die Men­schen wer­den im Schnitt um zehn Jah­re äl­ter als noch vor 70 Jah­ren. Da­her bleibt die Zahl trotz po­si­ti­ver Ent­wick­lun­gen hoch. Ab­so­lut ver­meid­ba­re Din­ge wä­ren das Rau­chen und der Al­ters­dia­be­tes, da gibt es noch ei­ni­ges zu tun.

Wel­che pri­mä­ren Zie­le ver­folgt die Ös­ter­rei­chi­sche Kar­dio­lo­gi­sche Ge­sell­schaft der­zeit?

Mir per­sön­lich ist be­son­ders die Un­ter­stüt­zung der For­schung wich­tig. Die Ge­sell­schaft zahlt jähr­lich For­schungs­gel­der an jun­ge Wis­sen­schaft­ler aus. Wir or­ga­ni­sie­ren die kar­dio­lo­gi­sche Jah­res-

„Be­dro­hun­gen wie der Herz­in­farkt ha­ben durch mo­der­ne Be­hand­lungs­mög­lich­kei­ten deut­lich an Schre­cken ver­lo­ren.“

ta­gung, wo für ei­ne hoch­wer­ti­ge Fort­bil­dung al­ler Kol­le­gen durch na­tio­na­le und in­ter­na­tio­na­le Re­fe­ren­ten ge­sorgt wird. Die Ge­sell­schaft ver­folgt au­ßer­dem ge­sund­heits­po­li­ti­sche Zie­le: Gera­de bei den The­men Ärz­te­man­gel und Ar­beits­zeit­ge­setz ist sie ge­fragt, be­ra­tend zu wir­ken. Wir sind bei­spiels­wei­se an der neu­en Aus­bil­dungs­ver­ord­nung be­tei­ligt ge­we­sen. Es ging dar­um, dass man die Aus­bil­dung zum Kar­dio­lo­gen auf ei­nen in­ter­na­tio­na­len Stan­dard hebt. So­dass für jun­ge Leu­te, die hier die­sen Be­ruf er­ler­nen, kein Nach­teil be­steht.

Wel­che un­ter­schwel­li­gen Mög­lich­kei­ten gibt es zur För­de­rung von Prä­ven­ti­on?

Wir ha­ben ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten. Durch un­se­re Jah­res­ta­gung kön­nen wir im Kreis un­se­rer Ärz­te, die auch Mei­nungs­ma­cher sind, The­men ver­brei­ten. Die Aus­bil­dung der Kar­dio­lo­gen, In­ter­nis­ten und All­ge­mein­me­di­zi­ner da­hin­ge­hend ist wich­tig. Und ei­nen drit­ten Punkt stel­len die Mas­sen­me­di­en dar, wel­che mit ih­rer Reich­wei­te gro­ße Tei­le der Ge­sell­schaft auf die Wich­tig­keit hin­wei­sen kön­nen.

Was könn­te auf po­li­ti­scher Ebe­ne ge­tan wer­den?

Be­we­gung wä­re im Kin­des­al­ter schon wich­tig, et­wa durch mehr Turn­stun­den in den Schu­len. Spä­ter könn­te man Sport durch ein Fit­ness­stu­dio am Ar­beits­platz för­dern. In gro­ßen ame­ri­ka­ni­schen Fir­men ist das schon Gang und Gä­be. Ein an­de­res The­ma, das je­doch sehr um­strit­ten ist, wä­re die Re­gle­men­tie­rung der Soft­drinks. Ge­ne­rell se­he ich das Pro­blem, dass be­wuss­te und ge­sun­de Er­näh­rung oft teu­rer ist als die, die uns krank macht.

Wie ist Ös­ter­reich in der For­schung auf­ge­stellt?

In Re­la­ti­on da­zu, was es an För­de­rungs­mit­teln gibt, ist die hei­mi­sche For­schung her­vor­ra­gend. Aber der An­teil, der für For­schung aus­ge­ge­ben wird, wird im­mer um­kämpf­ter. Das ist schon be­ängs­ti­gend. Auch die Ko­ope­ra­ti­on mit Fir­men ist nicht in dem Aus­maß ent­wi­ckelt, wie in an­de­ren Län­dern. In den USA, wo ich jah­re­lang ge­ar­bei­tet ha­be, ist die­ses Ver­hält­nis un­ver­krampf­ter. Dass das nichts mit Kor­rup­ti­on zu tun hat, möch­te ich be­to­nen. Au­ßer­dem wür­de noch mehr Po­ten­zi­al im steu­er­li­chen An­reiz für pri­va­te In­ves­to­ren oder Spen­der lie­gen – wenn Spen­den al­so ab­setz­bar sind. Wir ha­ben aus die­sem Grund ei­ne Herz­stif­tung ge­grün­det und konn­ten da­durch un­se­re jähr­li­che Aus­schüt­tung er­heb­lich stei­gern.

Von wel­chen neu­en Er­kennt­nis­sen darf man sich Fort­schrit­te in der Be­hand­lung er­hof­fen?

Was die Schlag­an­fall­vor­beu­gung be­trifft, gibt es neue blut­ver­dün­nen­de Me­di­ka­men­te am Markt, die we­sent­lich bes­se­re Er­geb­nis­se brin­gen. Es gibt neue Me­di­ka­men­te in der Be­hand­lung der Herz­schwä­che, die wahr­schein­lich re­vo­lu­tio­nie­ren wer­den. Und neue blut­fett­sen­ken­de Me­di­ka­men­te, die sehr viel­ver­spre­chend sind und zur­zeit im Sta­tus der Zu­las­sung sind.

Was ist neu an die­sen blut­fett­sen­ken­den Me­di­ka­men­ten?

Bei be­son­ders ge­fähr­de­ten Pa­ti­en­ten kön­nen die Blut­fett­wer­te tat­säch­lich auf ei­nen Le­vel ge­bracht wer­den, wo sie idea­ler­wei­se sein sol­len. Das konn­te man mit den her­kömm­li­chen Me­di­ka­men­ten kaum er­rei­chen. Der­zeit lau­tet die Stra­te­gie: Je nied­ri­ger des­to bes­ser. Blut­fet­te wie ein Neu­ge­bo­re­nes – mit den neu­en Me­di­ka­men­ten könn­te das in der Zu­kunft re­al wer­den.

„Tele­me­di­zin kann Le­ben ret­ten. Aus der Ent­fer­nung kann da­durch je­der­zeit ei­ne Fehl­funk­ti­on ent­deckt wer­den. Das soll­te flä­chen­de­ckend um­ge­setzt wer­den.“Franz Xa­ver Roi­t­hin­ger ist der Prä­si­dent der Ös­ter­rei­chi­schen Kar­dio­lo­gi­schen Ge­sell­schaft

In­wie­fern kann der tech­ni­sche Fort­schritt in der Ge­räte­the­ra­pie hel­fen?

Mit­tels Tele­me­di­zin bei­spiels­wei­se, lässt sich der Pa­ti­ent auch aus der Ent­fer­nung so über­wa­chen, dass je­der­zeit ei­ne Fehl­funk­ti­on ent­deckt wer­den kann. Der Pa­ti­ent hat ei­nen Schritt­ma­cher ein­ge­baut. Das Ge­rät sen­det Da­ten an ei­nen Emp­fän­ger, das am Nacht­käst­chen steht und der wie­der­um gibt die In­for­ma­tio­nen an das Schritt­ma­cher­zen­trum wei­ter. Wenn et­was nicht stimmt, be­kommt der Arzt ei­ne Nach­richt. Das kann Le­ben ret­ten. Wenn der Pa­ti­ent nur ei­ne Kon­trol­le im Jahr hät­te, wür­de ei­ne Rhyth­mus­stö­rung oder Ge­rä­te­fehl­funk­ti­on viel­leicht nicht ent­deckt wer­den.

Hat sich die­se Tele­me­di­zin be­reits im Kli­nik­all­tag durch­ge­setzt?

Nein, noch nicht in al­len Bun­des­län­dern. Für die Kar­dio­lo­gi­sche Ge­sell­schaft sieht da­her ei­nen gro­ßen Auf­trag dar­in, die Kos­ten­trä­ger da­von zu über­zeu­gen, dass die­se Art der Tele­me­di­zin flä­chen­de­ckend um­ge­setzt wer­den soll­te.

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