Ge­wit­ter im Ge­hirn

Ra­sches Han­deln. Der Schlag­an­fall ist die dritt­häu­figs­te To­des­ur­sa­che. Ös­ter­reich ge­nießt in der Prä­ven­ti­ons­for­schung in­ter­na­tio­nal An­se­hen.

KURIER_UNSER HERZ - - Inhalt - -MAG­DA­LE­NA MEER­GRAF

Wie Schlag­an­fäl­le ent­ste­hen, war­um sie ge­fähr­lich sind

Mit dem Ge­hirn steu­ern wir nicht nur je­de Be­we­gung, son­dern auch das Den­ken, Er­in­nern und vie­le an­de­re kom­ple­xe Leis­tun­gen. Kaum et­was ist be­droh­li­cher für die­ses wich­ti­ge Or­gan, als ein schwe­rer Schlag­an­fall. Denn bei Stö­run­gen der Blut­zu­fuhr sind Ge­hirn­zel­len in­ner­halb kür­zes­ter Zeit vom Ab­ster­ben be­droht. Ent­glei­ten­de Ge­sichts­zü­ge, Läh­mungs­ge­füh­le, plötz­lich ein­tre­ten­de Sprach- und Gleich­ge­wichts­stö­run­gen – ein Schlag­an­fall äu­ßert sich auf un­ter­schied­lichs­te Wei­se und hin­ter­lässt schwer­wie­gen­de neu­ro­lo­gi­sche Schä­den. Tre­ten die­se Sym­pto­me auf, soll­te man so schnell wie mög­lich die Ret­tung alar­mie­ren. Zwar gibt es be­reits sehr er­folg­rei­che aku­te The­ra­pi­en, aber sie funk­tio­nie­ren nur dann, wenn ab dem Ein­tre­ten der Be­schwer­den ein Zeit­fens­ter von längs­tens vier­ein­halb St­un­den ein­ge­hal­ten wird. Je ra­scher the­ra­piert wird, des­to bes­ser. Beim blu­ti­gen Schlag­an­fall platzt ein Ge­fäß, da­durch ent­steht ei­ne Blu­tung im oder um das Ge­hirn. Beim ischä­mi­schen Schlag­an­fall hin­ge­gen ver­stopft ein Ge­fäß, so­dass al­le Ner­ven­zel­len, die von die­sem Ge­fäß nor­ma­ler­wei­se ver­sorgt wer­den, zu we­nig Sau­er­stoff und Nähr­stof­fe er­hal­ten. „Je nach­dem, wie lan­ge die­ser Ver­schluss be­steht, ent­steht ein mehr oder we­ni­ger schwe­rer Scha­den“, so Ste­fan Kiechl, Prä­si­dent der Ös­ter­rei­chi­schen Schlag­an­fall-Ge­sell­schaft und Pro­fes­sor an der Uni­ver­si­täts­kli­nik Inns­bruck. 85 Pro­zent der Be­trof­fe­nen er­lei­den ei­nen ischä­mi­schen und et­wa 15 ei­nen blu­ti­gen Schlag­an­fall. Haupt­ri­si­ko­fak­to­ren sind er­höh­ter Blut­druck, ho­her Blut­zu­cker und Rau­chen. Sie füh­ren zu Ein­la­ge­run­gen in den Ge­fäß­wän­den. Wenn die­se wei­ter fort­schrei­ten, spricht man von At­he­ro­skle­ro­se. Ei­ne Art Ver­krus­tung, de­ren Deck­schicht, so­bald sie in­sta­bil wird, auf­bricht. Ein Ge­rinn­sel ent­steht, wel­ches das Ge­fäß ver­schließt. Ei­ne an­de­re häu­fi­ge Ur­sa­che sind Herz­rhyth­mus­stö­run­gen, wie das Vor­hof­flim­mern. Der Herz­schlag ist un­re­gel­mä­ßig, der Vor­hof ver­grö­ßert sich und ein Blut­ge­rinn­sel kann dar­in ent­ste­hen. Löst es sich, ge­langt es über das Herz in die Haupt­schlag­ader. „Wenn man Pech hat, wan­dert es nicht in die Bei­ne – wo es nur ge­rin­gen Scha­den an­rich­tet –, son­dern in die Hirn­ge­fä­ße. Bis es ste­cken bleibt und ver­stopft“, er­klärt Kiechl. Das En­d­er­geb­nis ist das­sel­be – ein Schlag­an­fall. Im­mer re­le­van­ter wer­den auch Be­we­gungs­man­gel und schlech­te Er­näh­rung: „Über die letz­ten zwei Jahr­zehn­te konn­ten wir be­ob­ach­ten, dass teils schon bei Ju­gend­li­chen mas­si­ves Über­ge­wicht und in Fol­ge Blut­zu­cker und Blut­hoch­druck ent­steht“, zeigt sich der Ex­per­te be­sorgt. Die Dia­gno­se ist re­la­tiv leicht zu stel­len: Bei ei­ner plötz­lich von ei­ner Se­kun­de auf die an­de­re auf­tre­ten­den Sprach­stö­rung, bei ei­ner Läh­mung oder Ge­fühls­stö­rung, die vor­her nicht vor­han­den war. Die Läh­mun­gen be­tref­fen meis­tens Bein und Arm oder das Ge­sicht ei­ner Kör­per­hälf­te. Der Grund: Ein Schlag­an­fall be­trifft meis­tens nur ei­ne Hirn­hälf­te. Die dor­ti­ge Be­we­gungs­rin­de ist für die Ex­tre­mi­tä­ten der je­weils an­de­ren Kör­per­hälf­te zu­stän­dig. Schnel­les Han­deln ist ge­fragt, auch wenn die Be­schwer­den nur kurz be­ste­hen. „Das so­ge­nann­te ,Schla­gerl‘ wird ba­ga­tel­li­siert. Denn bei die­sen Pa­ti­en­ten folgt nicht sel­ten ein schwe­rer Schlag­an­fall nach“, warnt Kiechl.

BE­HAND­LUNG. Zu­al­ler­erst wird ver­sucht mit­tels Auf­lö­sungs­the­ra­pie, ei­ne di­rek­te In­jek­ti­on in die Ve­ne, das ver­stopf­te Ge­fäß wie­der zu öff­nen. Wenn das Ge­rinn­sel aber zu groß ist, wird zu­sätz­lich ein Ka­the­der ein­ge­setzt, mit dem das Ge­rinn­sel raus­ge­zo­gen wird. Die­se Be­hand­lungs­ab­fol­ge ist Teil der kürz­lich ak­tua­li­sier­ten­Leit­li­nie­derDeut­schenSchlag­an­fall Ge­sell­schaft, der Ame­ri­can He­art As­so­cia­ti­on (AHA) und der Eu­ro­pean Stroke Or­ga­ni­sa­ti­on (ESO). „Dass der Ka­the­der zu­sätz­lich hilft, ist erst seit En­de 2014 durch Stu­di­en ge­si­chert. Aber nur ei­ner von 20 hat so ei­nen schwe­ren Schlag­an­fall, dass die­se The­ra­pie für ihn zu­sätz­lich von Nut­zen ist“, er­klärt Kiechl. Mit­te Mai be­such­te der Pro­fes­sor den Eu­ro­päi­schen Schlag­an­fall Kon­gress in Bar­ce­lo­na. Die wich­tigs­te neue Er­kennt­nis: „Von der Ka­the­der­be­hand­lung wur­den Da­ten zum Lang­zeit­ver­lauf prä­sen­tiert. Die The­ra­pie bringt, wenn sie an aus­ge­wähl­ten Pa­ti­en­ten gut ge­macht wird, auch noch nach zwei Jah­ren ei­nen

deut­li­chen Vor­teil.“Kiechl selbst wur­de bei der Ver­an­stal­tung der ESOFor­schungs­preis ver­lie­hen. „Das ist ei­ne gro­ße Freu­de, nicht nur für mich per­sön­lich. Die Ver­lei­hung drückt auch­aus,das­sÖs­ter­reich­in­ter­na­tio­nal ein ho­hes An­se­hen ge­nießt.“

NACHBEHANDLUNG. Spät­fol­gen ei­nes Schlag­an­falls kön­nen blei­ben­de Sprach­stö­run­gen, Läh­mun­gen, Gleich­ge­wichts­stö­run­gen und Seh­stö­run­gen sein. „Es gibt auch spä­te Kom­pli­ka­tio­nen. Zum Bei­spiel De­pres­sio­nen, Denk­stö­run­gen, ei­ne ab­nor­me Mü­dig­keit, ein­ge­schränk­te Leis­tungs­fä­hig­keit, Sturz­pro­ble­me und Bla­sen­stö­run­gen“, sagt Kiechl. Oft blei­ben die­se Be­schwer­den un­ent­deckt und die Le­bens­qua­li­tät des Pa­ti­en­ten ein­ge­schränkt. Ei­ne struk­tu­rel­le Nach­be­treu­ung ist da­her ei­ne der Haupt-For­de­run­gen der Ös­ter­rei­chi­schen Schlag­an­fall Ge­sell­schaft. Mit 38 Stroke Units und der Ver­net­zung mit an­de­ren Kran­ken­häu­sern ist die aku­te Ver­sor­gung sehr gut auf­ge­stellt, so der Ex­per­te: „Wir füh­ren re­gel­mä­ßig Qua­li­täts­kon­trol­len durch, bei de­nen die Da­ten al­ler Stroke Units er­fasst wer­den. Die Er­geb­nis­se wer­den zwei Mal im Jahr be­spro­chen. Das hat da­zu ge­führt, dass sich die Be­hand­lungs­qua­li­tät enorm ver­bes­sert hat.“Mit den Da­ten von über 100.000 Pa­ti­en­ten lässt sich au­ßer­dem gut For­schung be­trei­ben. Auch sonst sind Wis­sen­schaft­ler hier­zu­lan­de sehr ak­tiv: In Graz wird er­folg­reich über die Klein­ge­fäß­er­kran­kun­gen im Ge­hirn ge­forscht. In Inns­bruck ist es ge­lun­gen, ein gro­ßes For­schungs­pro­jekt zur Ge­fäß­al­te­rung zu eta­blie­ren. Fort­schrit­te gibt es be­reits in der Se­kun­där­prä­ven­ti­on: Vor­beu­gen lässt sich mit ver­schie­de­nen Me­di­ka­men­ten, wel­che die Ri­si­ko­fak­to­ren be­ein­flus­sen. Neue­run­gen gibt es bei­spiels­wei­se in der Be­hand­lung von Fett­stoff­wech­sel­stö­run­gen und von Dia­be­tes. Mit all die­sen Maß­nah­men kann man das Ri­si­ko für wei­te­re Schlag­an­fäl­le fast auf ein Ni­veau sen­ken, wel­ches dem ei­nes ge­sun­den Men­schen gleicht.

Im CT zei­gen sich die oft ver­hee­ren­den Aus­wir­kun­gen ei­nes Schlag­an­falls oder ei­ner Ge­hirn­blu­tung

Ne­ben Throm­bo­sen kön­nen auch Herz­rhyth­mus­stö­run­gen wie Vor­hof­flim­mern ei­nen Schlag­an­fall ver­ur­sa­chen

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