ORD­NUNG IM SELBSTTEST

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Was macht ein Ord­nungs­coach? Ein Er­fah­rungs­be­richt

Ähn­lich wie Sport­coa­ches be­treu­en auch Ord­nungs­coa­ches Kun­den mit ih­ren Schwei­ne­hun­den im Dop­pel­pack. Es geht da­bei glei­cher­ma­ßen um die rich­ti­ge Tech­nik wie um das In-die-Gän­ge-Kom­men selbst.

» Das Ent­rüm­peln und Aus­mis­ten ist mei­ne Sa­che nicht. Dies­be­züg­lich ähn­le ich mei­ner ver­stor­be­nen Groß­mut­ter, die aber an­ders als ich der Kriegs­ge­ne­ra­ti­on an­ge­hör­te. Nicht dass ich Weg­wer­fen prin­zi­pi­ell ab­leh­ne. Die am 12. Sep­tem­ber er­hal­te­ne Wahl­ver­stän­di­gungs­kar­te für die am sel­ben Tag ver­scho­be­ne Wahl­wie­der­ho­lung et­wa war ein­deu­tig ein Fall für das Alt­pa­pier. Aber meist sind die Din­ge für mich nicht so ein­deu­tig und ich sa­ge mir: „Das könn­te ich viel­leicht noch brau­chen“; oder spe­zi­ell bei Klei­dung: „Schon mor­gen kann das wie­der mo­dern sein.“Über­for­der­te Klei­dungs­und Schuh­käs­ten sind die Fol­ge. Im­mer­hin bin ich nicht al­lei­ne. Rund um Leu­te wie mich hat sich mit den Ord­nungs­coa­ches ein ei­ge­ner Di­enst­leis­tungs­sek­tor ent­wi­ckelt: Ei­ne sol­che be­schlie­ße ich zu tes­ten. Jen­ni­fer Na­gel hat ei­nen Stu­di­en­ab­schluss in Psy­cho­lo­gie und ord­net ger­ne – im­mer schon. Nach­dem sie zum x-ten Mal Freun­den da­bei ge­hol­fen hat­te, mach­te sie 2013 ei­nen Be­ruf dar­aus und ver­langt 60 Eu­ro pro St­un­de für ih­re Di­ens­te. Nagl ist Kun­din­nen, de­ren Klei­der­käs­ten aus al­len Näh­ten plat­zen, ge­wöhnt. Ih­re ge­fin­kel­ten Fra­gen sol­len ein quä­len­des „Ich weiß ir­gend­wie nicht“in ein ent­schie­de­nes „Weg da­mit“ver­wan­deln.

SACH­LI­CHE AR­GU­MEN­TE. Nach ei­nem kur­zen Erst­ge­spräch sit­zen wir vor der Kom­mo­de in ei­nem Berg von Ober­tei­len. „Al­les muss raus“lau­tet ein Grund­prin­zip. Nicht gleich aus der Woh­nung, aber aus den Käs­ten und Fä­chern. Na­gel hebt nun Stück für Stück auf und fragt: „Auf­he­ben oder weg­wer­fen?“Bei Ober­tei­len der Ka­te­go­rie: „Das wird wie­der mo­dern“gilt es zu klä­ren: Wird mir, wenn es so­weit ist, nicht doch et­was Neu­es bes­ser ge­fal­len? Wer­de ich dann über­haupt noch an das Teil in der Kom­mo­de den­ken? Passt mir das Shirt denn noch? Wer­de ich je wie­der bauch­frei tra­gen? In der gro­ßen Kis­te lan­det ein be­acht­li­cher Hau­fen für die Alt­klei­der­samm­lung. „Vie­len hilft es, wenn Sie wis­sen, dass die Klei­dung noch je­mand brau­chen kann“, sagt Na­gel. Das gel­te ins­be­son­de­re für Bü­cher. Wir ge­hen wei­ter zu mei­nen Schu­hen. Ein paar Lei­chen sind in Na­gels An­we­sen­heit schnell ent­sorgt. Et­li­che „Angst-Schu­he“, al­so Stö­ckel­schu­he, die ich nach mehr­ma­li­gem Ver­knö­cheln mei­de, ha­ben die Zu­kunft noch nicht hin­ter sich. So­bald ich mei­ne Fuß­ge­len­ke durch ein­bei­ni­ges Zäh­ne­put­zen ge­stärkt ha­be, be­kom­men sie noch ei­ne Chan­ce. Das Paar mit den au­ßer­ge­wöhn­li­chen Pla­teau-Ab­sät­zen ist am Zer­fal­len. „Ich ken­ne ei­nen tol­len Schuster“, merkt Na­gel an. „Wet­ten, du bringst sie nicht zum Re­pa­rie­ren?“, feixt da mei­ne in­ne­re Stim­me Al­so ab in den Mist­sack da­mit! Nach­dem ich mich sol­cher­art ein we­nig warm­sor­tiert ha­be, geht es ins Epi­zen­trum der Zet­tel­wirt­schaft, das Ar­beits­zim­mer, laut Na­gel der größ­te Pro­blem­fall in mei­ner Woh­nung. Dem stim­me ich voll­in­halt­lich zu. Am Schreib­tisch kommt mei­ne Nei­gung zur ge­misch­ten Pa­pier­sta­pel­bil­dung zum Tra­gen. Ne­ben vie­len Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten fin­den sich hier durch­ein­an­der An­sichts­kar­ten mit Sprü­chen­wie „Mon­day­ha­te­sy­ou­too“, mehr oder we­ni­ger ak­tu­el­le Ar­beits­un­ter­la­gen und das wohl äl­tes­te Er­in­ne­rungs­stück über­haupt: ei­ne 1800Schil­ling-Rech­nung von mei­ner ei­ge­nen Ge­burt, die ich zum run­den »

TIPP 1

Im­mer al­les aus dem Kas­ten bzw. dem Re­gal her­aus­räu­men und dann Stück für Stück durch­ge­hen.

Ge­burts­tag als An­den­ken be­kam. „Sol­che Re­mi­nis­zen­zen in ei­ne ei­ge­ne Kis­te mit per­sön­li­chen Er­in­ne­run­gen ge­ben und die Kar­te an ei­ne Pin­nwand hän­gen“, regt Na­gel an. Die Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten mit mei­nen ei­ge­nen Ar­ti­keln oder noch zu le­sen­den Sto­rys kön­ne man even­tu­ell di­gi­ta­li­sie­ren. Das ist ei­ne Hei­den­ar­beit, wür­de aber tat­säch­lich ei­ni­gen Platz schaf­fen. „Am Schreib­tisch soll­te nur das lie­gen, wor­an Sie ge­ra­de ar­bei­ten“, meint die Ord­nungs­be­ra­te­rin und schlägt vor, den Rest in ei­ner „Ge­hört­ge­macht-Kis­te“in den Bil­ly-Re­ga­len da­ne­ben zu ver­stau­en. Ein lee­rer Tisch wä­re be­stimmt kon­zen­tra­ti­ons­för­dernd. Frei­lich müss­ten da­für die Bil­lys erst ein­mal frei­ge­räumt wer­den. Der­zeit ste­hen aber dort et­wa Dut­zen­de Fach­bü­cher in zwei­ter Spur, weil Ord­nungs­sys­te­me mit Fä­chern, in die ich so gut wie nie hin­ein­schaue, ih­nen den Platz weg­neh­men. Ich ge­be mir ei­nen Ruck und sor­tie­re vier Jahr­gän­ge ei­nes Ma­ga­zins aus, das ich seit dem Ein­räu­men an­no 2005 nicht mehr in der Hand hat­te. Ein gro­ßer Wurf, ein Fach ist nun ge­won­nen.

DIE WIRT­SCHAFT AM COM­PU­TER.

Wei­ter un­ten im Re­gal sto­ße ich auf ei­nen al­ten Screen­shot mei­nes PCSchreib­ti­sches und muss la­chen: Da­mals hat­te ich drei un­ge­le­se­ne Mails, heu­er sind es über 2000. Es soll al­so nie­mand sa­gen, es ver­än­de­re sich nichts in mei­nem Le­ben. Na­gel schlägt ein­zel­ne the­ma­ti­sche Post­fä­cher vor, um den Postein­gang zu lee­ren. Ich tip­pe die Ab­sen­der für die häu­figs­ten News­let­ter und un­ge­le­se­nen Mails als Stich­wort in das Such­feld ein und ver­schie­be gleich zig Mails auf ein­mal in ver­schie­de­ne Post­fä­cher – wenn ich sie nicht über­haupt kühn lö­sche. Am En­de des Ta­ges war­ten nur mehr 61 Mails im Postein­gang und ich »

stel­le fest: Da geht noch mehr! Wie scha­de, dass es im wirk­li­chen Le­ben kei­ne Such­funk­ti­on gibt, mit der man Ähn­li­ches ratz­fatz bei­sam­men hat! „Fürs Aus­mis­ten und Ord­nen muss man sich Zeit ge­ben und soll­te sich im­mer nur je­weils ein The­ma vor­neh­men“, sagt Na­gel. Schließ­lich ha­be das An­häu­fen sol­cher Men­gen an Hab­se­lig­kei­ten ja auch Jah­re ge­dau­ert.

MEIN FA­ZIT. Wie bei Sport­coa­ches geht es auch bei Ord­nungs­coa­ches nicht nur um die bes­te Tech­nik, son­dern auch um den An­stoß selbst. Holt man sich für 60 Eu­ro die St­un­de Un­ter­stüt­zung, um in den ei­ge­nen vier Wän­den wie­der Platz für Neu­es zu schaf­fen, fängt man dann auch wirk­lich da­mit an. Und so hilf­reich es ist, wenn je­mand ei­ne un­ab­hän­gi­ge Per­spek­ti­ve, Ide­en zum Ord­nen und trif­ti­ge Ar­gu­men­te fürs Weg­wer­fen bei­steu­ert: Als be­harr­li­che Bei­sit­zer sor­gen Ord­nungs­coa­ches vor al­lem da­für, dass­man­sich­de­min­ne­ren Schwei­ne­hund stellt und für ein paar St­un­den bei der Sa­che bleibt, wor­auf sich im Ide­al­fall ei­ne ge­wis­se Ei­gen­dy­na­mik ent­wi­ckelt. In­so­fern leis­ten sie auch ei­nen psy­chi­schen Bei­stand und hel­fen beim Los­las­sen. Ein gu­ter Ord­nungs­coach ver­gisst da­bei nie, dass es sich um ein sehr sub­jek­ti­ves The­ma mit un­ter­schied­li­chen To­le­ranz­gren­zen han­delt und ge­wis­se Din­ge ob ih­res emo­tio­na­len Wer­tes eben ein be­son­de­re Be­deu­tung ha­ben. Wie et­wa die ge­gen­über dem Schreib­tisch be­find­li­che Chai­se­longue „Lord By­ron“, die der­zeit mehr ei­ne Abla­ge­flä­che als sonst et­was ist. Ich hän­ge aber noch zu sehr dar­an, um das Mö­bel weg­zu­ge­ben. Wenn es ein­mal so­weit ist, gibt’s ei­ne Par­te – und ei­ne Par­ty. -ANDREA KRIE­GER

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