VIEL­FALT IM KLEI­NEN

KURIER_WOHNEN - - Editorial -

Woh­nen ist ein Aus­druck un­se­rer Per­sön­lich­keit. Das un­ter­schrei­be ich. Wor­an ich nicht glau­be: Wer kla­re Räu­me be­vor­zugt, führt ein ar­mes Le­ben. Krims­krams muss nicht rei­cher Cha­rak­ter be­deu­ten.

„Das Selbst ei­nes Men­schen ist die Sum­me all des­sen, was er sein Ei­gen nen­nen kann.“Die­ser klu­ge Satz hat be­reits 128 Jah­re auf dem Bu­ckel und nichts von sei­ner Gül­tig­keit ver­lo­ren. Zu le­sen ist er in dem 1400 Sei­ten star­ken Stan­dard­werk „Prin­ci­ples of Psy­cho­lo­gy“, das der US-ame­ri­ka­ni­sche Phi­lo­soph und Psy­cho­lo­ge Wil­li­am Ja­mes 1890 her­aus­gab. Ob­wohl der wei­se Mann sich da­mit nicht un­be­dingt aufs Woh­nen be­zog, kommt die Aus­sa­ge hier be­son­ders zum Tra­gen. Denn an kei­nem an­de­ren Ort tra­gen wir Men­schen so vie­le per­sön­li­che Din­ge, die meist auch ei­ne Ge­schich­te zu er­zäh­len ha­ben, zu­sam­men wie in den ei­ge­nen vier Wän­den. Da hän­gen Fo­tos oder Kin­der­zeich­nun­gen an den Wän­den, in den Re­ga­len fin­den sich Mit­bring­sel aus dem Ur­laub oder lieb ge­won­ne­ne Erb­stü­cke, die streng ge­nom­men kei­ne Funk­ti­on er­fül­len. Die­ser Schnick­Schnack macht un­ser Zu­hau­se zu dem, was es ist: zu ei­nem Spie­gel un­se­rer Per­sön­lich­keit. Da­von sind je­den­falls die Wohn­psy­cho­lo­gen voll und ganz über­zeugt. In die­sem Zu­sam­men­hang ist es im­mer span­nend, wenn ich frem­de Men­schen be­su­chen darf, um dar­über zu schrei­ben, wie die­se woh­nen. Da ist der Art Di­rec­tor, der auf Li­ni­en im Raum ach­tet. Nip­pes darf bei ihm nicht sein, denn das zer­stört sei­ne Vor­stel­lung von Klar­heit. Da ist an­de­rer­seits die Tep­pich de­si­gne­rin, die sagt: „Ich könn­te nicht oh­ne mei­ne sen­ti­men­ta­len Schät­ze le­ben, die ich auf Rei­sen zu­sam­men­ge­tra­gen ha­be.“Doch ich wür­de mich hü­ten, die bei­den kon­trär woh­nen­den Men­schen des­we­gen zu be­ur­tei­len. Denn die Tat­sa­che, das sei­ner nichts sam­melt, heißt nicht, dass er ein ar­mes Le­ben führt. Mein Selbst – um mit Wil­li­am Ja­mes Wor­ten zu spre­chen – setzt sich aus Tau­sen­den Mu­scheln, Fo­tos und an­de­rem Zu­sam­men­ge­tra­ge­nen zu­sam­men. Viel­schich­ti­ger als der Art Di­rec­torb in ich des­we­gen si­cher nicht. Aber ich muss mehr Staub­wi­schen. Das ist das Schö­ne am Woh­nen, es ist so viel­fäl­tig wie die Welt selbst. In die­sem Sin­ne wün­sche ich Ih­nen viel Spaß beim Le­sen, Ih­re Anja Ge­re­vi­ni

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