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ProZukunft - - Ökonomie -

Der re­nom­mier­te tsche­chi­sche Öko­nom Tho­mas Sed­lacek un­ter­nimmt in sei­nem Buch „Die Öko­no­mie von Gut und Bö­se“ei­ne Rei­se durch die Kul­tur­ge­schich­te der Öko­no­mie.

Da­bei geht er in die Tie­fen un­se­rer wirt­schaft­li­chen Ord­nung und zeigt Ver­bin­dun­gen zwi­schen mo­ra­li­schen Hal­tun­gen und öko­no­mi­schen Lo­gi­ken auf. Denn die Wirt­schaft, so Sed­lacek, sei kei­ne rei­ne Ma­the­ma­tik. Die Zah­len und For­meln er­zäh­len uns Ge­schich­ten über die Welt, wie wir sie se­hen und deu­ten. Denn Ge­schich­ten sind grund­le­gend für mensch­li­ches Han­deln. Sie lei­ten, ge­ben Ori­en­tie­rung und set­zen Maß­stä­be (S.16).

Das Buch ist in zwei Haupt­tei­le ge­glie­dert. Der ers­te Teil be­fasst sich mit der Ge­schich­te der Öko­no­mie an­hand von sie­ben Epo­chen. Im zwei­ten Teil un­ter­nimmt Sed­lacek ei­ne in­halt­li­che An­nä­he­rung an die­se Epo­chen und ana­ly­siert die kul­tu­rel­len Im­pli­ka­tio­nen der vor­herr­schen­den öko­no­mi­schen My­then. Vom Gil­ga­mesch-epos bis zu Adam Smith un­ter­sucht Sed­lacek die Ver­bin­dung zwi­schen My­tho­lo­gie und den herr­schen­den öko­no­mi­schen Kon­zep­ten. Sed­lacek zeigt, wie Öko­no­mie und Moral ein­an­der be­din­gen. Die schein­ba­re Ob­jek­ti­vi­tät öko­no­mi­scher Zah­len wird auf­ge­ho­ben und die Rol­le von kul­tu­rel­len Wert­vor­stel­lun­gen für das öko­no­mi­sche Han­deln be­leuch­tet.

Pa­ra­dig­men­wech­sel

Die his­to­ri­sche Per­spek­ti­ve ver­weist auf die Ve­rän­der­bar­keit der herr­schen­den Pa­ra­dig­men im Lau­fe der Zeit. Et­hi­sche und öko­no­mi­sche Nor­men un­ter­lie­gen ei­nem Wan­del und brin­gen un­ter­schied­li­che Men­schen­und Welt­bil­der her­vor.

Im Gil­ga­mesch-epos fin­den wir ers­te Ele­men­te, die für das ge­gen­wär­ti­ge öko­no­mi­sche Den­ken prä­gend sind. Mensch­li­che Be­zie­hun­gen als Stö­rung der wirt­schaft­li­chen Ef­fi­zi­enz, die Un­ter­wer­fung der wil­den Na­tur als Hel­den­tat oder die Stadt als künst­li­cher Le­bens­raum, der die Na­tur er­setzt - die­se Leit­bil­der sind be­reits im Gil­ga­mesch-epos prä­sent. (S. 36, 41, 48) Über das Chris­ten­tum mit dem Stre­ben nach Har­mo­nie zwi­schen dem Ma­te­ri­el­len und dem Spi­ri­tu­el­len und Des­car­tes als me­cha­nis­ti­schen Den­ker, der die Vor­stel­lung vom Men­schen als Ma­schi­ne prägt, en­det die his­to­ri­sche Rei­se bei Adam Smith. Sed­lacek wagt ei­ne Re­ha­bi­li­ta­ti­on von Smiths Den­ken, dem der Ego­is­mus als trei­ben­de Kraft der Öko­no­mie zu­ge­schrie­ben wird. Der „Wohl­stand der Na­tio­nen“sei miss­ver­stan­den wor­den, be­haup­tet Sed­lacek und be­tont die zwi­schen­mensch­li­che Ver­bun­den­heit als Kern­ele­ment von Smiths Den­ken. Sed­lacek zieht ei­ne Ver­bin­dung zwi­schen der kul­tu­rel­len Be­deu­tung öko­no­mi­scher My­then und dem psy­cho­lo­gi­schen Mo­dell von Carl Gus­tav Jung, bei dem Arche­ty­pen die Grund­ele­men­te des mensch­li­chen See­len­le­bens dar­stel­len.

Ge­ra­de in Kri­sen­zei­ten, wenn die Ori­en­tie­rung ab­han­den kommt, loh­ne es sich, so der Au­tor, über die Arche­ty­pen Be­scheid zu wis­sen, um den tie­fe­ren Sinn im Cha­os er­ken­nen zu kön­nen.

Wel­che Wir­kung ent­fal­ten die­se My­then im Lau­fe der Zeit? Die­ser Fra­ge wid­met Sed­lacek den zwei­ten Teil der „Öko­no­mie von Gut und Bö­se“. Er zeigt auf, wie im Gil­ga­mesch-epos das Be­geh­ren in die Welt kommt und der zi­vi­li­sier­te Mensch lernt nach et­was zu ver­lan­gen, was er nicht hat und auch nicht wirk­lich braucht. So wer­den Be­dürf­nis­se ge­bo­ren, die über die Grund­be­dürf­nis­se hin­aus­ge­hen und nur durch Über­fluss be­frie­digt wer­den kön­nen. Die Ge­nüg­sam­keit wird ab­ge­schafft (S. 273).

Ma­the­ma­ti­sie­rung der Öko­no­mie

Sed­lacek stellt dar, wie sich die Öko­no­mie von ei­ner mo­ral­phi­lo­so­phi­schen zu ei­ner rein ma­the­ma­ti­schen Wis­sen­schaft ent­wi­ckelt hat, die nach Prä­zi­si­on, Ein­deu­tig­keit, Vor­her­sag­bar­keit und Pl­an­bar­keit strebt. Die Ma­the­ma­ti­sie­rung des mensch­li­chen Ver­hal­tens im 21. Jahr­hun­dert be­ruht auf der An­nah­me, ma­the­ma­ti­sche Me­tho­den könn­ten die ge­sam­te Welt aus­rei­chend er­klä­ren. Des­car­te­ser­beist­die­per­so­ni­fi­zie­rungder­me­cha­nikund der­ma­the­ma­ti­kals­der­voll­kom­me­nen­ver­nunft.so­wird der Wahr­heits­grad des Wis­sens an dem Grad sei­ner Ma­the­ma­ti­sie­rung ge­mes­sen.die Ver­hei­ßung der Ma­the­ma­tik ist enorm, weil sie genau, ro­bust und ob­jek­tiv ist. Doch wir soll­ten uns da­vor hü­ten, uns von die­ser Ele­ganz ver­füh­ren zu las­sen. Denn das Le­ben­di­ge mit sei­nen Emo­tio­nen, Wi­der­sprü­chen, Lei­den­schaf­ten und Feh­ler­nist­zu­groß­und­zu­un­ge­wiss,als­das­ses­sich­durch die ei­ne Spra­che der Ma­the­ma­tik er­fas­sen lie­ße.

Die Ana­lo­gie, die Sed­lacek zwi­schen Ma­the­ma­tik und Spra­che her­stellt, ist we­sent­lich. Er zeigt Be­schrän­kun­gen der Ma­the­ma­tik an­hand der Be­schrän­kun­gen der Spra­che auf und so er­weist sich der uni­ver­sa­le Ob­jek­ti­vi­täts­an­spruch der Ma­the­ma­tik als Il­lu­si­on. Denn wie bei Witt­gen­stein die Gren­zen un­se­rer Spra­che die Gren­zen un­se­rer Welt be­deu­ten, so mar­kiert auch die ma­the­ma­ti­sche Spra­che ei­ne Welt (S. 370).

Zu die­ser Welt des ewi­gen Wirt­schafts­wachs­tums und der ent­mensch­lich­ten Öko­no­mie kann es aber Al­ter­na­ti­ven ge­ben, wenn wir die Fra­ge nach dem Sinn wa­gen, der hin­ter den Zah­len ver­bor­gen liegt. V. N.

Res­sour­cen

77 Sed­lacek, To­mas: Die Öko­no­mie von Gut und Bö­se. Mün­chen: Han­ser, 2012. 447 S.,

€ 24,90 [D], 25,65 [A], sfr 34,90

ISBN 978-3-446-42823-2

„Ich möch­te aber da­zu auf­ru­fen, nicht zu ver­ges­sen, dass das öko­no­mi­sche Den­ken viel um­fang­rei­cher ist als die an­ge­wand­te Ma­the­ma­tik und dass wir uns be­mü­hen soll­ten, es ganz zu ver­ste­hen, wenn wir über das ge­sam­te mensch­li­che Ver­hal­ten spre­chen wol­len. Da­für ist Ma­the­ma­tik zwar nütz­lich, aber nicht hin­rei­chend. Sie ist nur die Spit­ze des Eis­bergs."

(To­mas Sed­lacek in 77 , S.356)

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