Von der Rü­pel­re­pu­blik bis zur Post-kol­laps-ge­sell­schaft

ProZukunft - - Inhalt -

Am Buch­markt hof­fen At­tri­bu­ie­run­gen wie „Rü­pel­re­pu­blik“, „reue­lo­se“, „er­schöpf­te“, „über­for­der­te“oder gar „Post-kol­laps“-ge­sell­schaft die Auf­merk­sam­keit auf sich zu len­ken. Was es mit ih­nen auf sich hat, er­kun­det

Hans Holzin­ger. Lui­sa Gr­a­ben­schwei­ger er­gänzt die Dia­gno­se zur „Sucht­ge­sell­schaft“.

Ver­sieht man den Be­griff „Ge­sell­schaft“mit be­son­de­ren At­tri­bu­ten, sol­len da­mit pa­ra­dig­ma­ti­sche Ve­rän­de­run­gen an­ge­zeigt wer­den. So sind Be­zeich­nun­gen wie Kon­sum-, Ri­si­ko- oder post­in­dus­tri­el­le Ge­sell­schaft fi­xer Be­stand­teil der öf­fent­li­chen Dis­kur­se ge­wor­den. Am ak­tu­el­len Buch­markt hof­fen neue At­tri­bu­ie­run­gen wie „Rü­pel­re­pu­blik“, „Reue­lo­se Ge­sell­schaft“, „Er­schöpf­te Ge­sell­schaft“, „Über­for­der­te Ge­sell­schaft“oder gar „Post-kol­laps-ge­sell­schaft“die Auf­merk­sam­keit der Le­se­rin­nen auf sich zu len­ken. Was es mit ih­nen auf sich hat, er­kun­det im Fol­gen­den Hans Holzin­ger. Lui­sa Gr­a­ben­schwei­ger er­gänzt die Dia­gno­se ei­nes Psych­ia­ters über un­se­re „Sucht­ge­sell­schaft“.

„Mei­ne Er­fah­rung aus über vier­zig Jah­ren be­ra­ten­der und psy­cho­the­ra­peu­ti­scher Be­rufs­tä­tig­keit lau­tet: Das, was Men­schen krank macht, ist die Lü­ge – und das, was sie heilt, ist die Wahr­heit.“(Ro­traud Per­ner in 29 , S. 10)

Rü­pel­re­pu­blik

Der Jour­na­list der (ehe­ma­li­gen) Frank­fur­ter Rund­schau Jörg Schind­ler hat mit sei­nem Ti­tel „Die Rü­pel­re­pu­blik“brei­tes Auf­se­hen er­regt. Das Buch hat ho­he Auf­la­gen er­reicht und war lan­ge in Best­sel­ler-lis­ten zu fin­den. Be­schrie­ben wer­den da­rin auf poin­tier­te Art Din­ge wie der zu­neh­men­de Ego­is­mus der Bür­ge­rin­nen, die Ab­nah­me von Ge­mein­sinn und der Ver­fall von so­zia­lem Zu­sam­men­halt. Der Au­tor ver­bin­det sei­ne All­tags­wahr­neh­mun­gen über die Zu­nah­me der Ell­bo­gen­men­ta­li­tät und des Ego-den­kens mit wis­sen­schaft­li­chen Er­kennt­nis­sen und em­pi­ri­schen Be­fun­den. Als Schau­plät­ze wer­den die deut­schen Stra­ßen, auf de­nen „das Faust­recht“Ein­zug hält, eben­so be­schrie­ben wie das Par­kett von Politik und Wirtschaft, wo sich „An­stand im­mer we­ni­ger aus­zahlt“. Der über­zo­ge­ne In­di­vi­dua­lis­mus („Nichts als die Frei­heit“) be­kommt eben­so sein Fett ab wie das Fernsehen, das aus der „Tu- ei­ne Guck­ge­sell­schafft“ge­macht ha­be, oder die „fal­schen Freun­de“der so­zia­len Netz­wer­ke. Ei­ni­ge Ab­schnit­te wid­met Schind­ler dem so­zia­len Aus­ein­an­der­drif­ten, der Zu­nah­me der Rei­chen und de­ren „Ver­ar­mungs­wahn“, den Spal­tun­gen am Ar­beits­markt, „auf dem es im­mer noch ei­nen gibt, auf den man her­ab­schau­en kann“so­wie den wei­ter­hin gras­sie­ren­den „Sün­den­bock“-stra­te­gi­en. Ge­fähr­li­che Ten­den­zen or­tet der Au­tor auch im Ge­sund­heits­we­sen, in stei­gen­den Kran­ken­stän­den und der Me­di­ka­men­ten­flut („War­um vie­le von uns nur noch mit Pil­len über die Run­den kom­men“). Schind­ler sieht und be­schreibt aber auch Ge­gen­be­we­gun­gen – Initia­ti­ven, in de­nen Men­schen ge­mein­sam et­was auf­bau­en – et­wa die Tran­si­ti­on-town-be­we­gung (s. i. d. PZ) oder Pro­jek­te wie Ge­mein­schafts­gär­ten und So­li­da­ri­scher Land­wirt­schaft. Des Au­tors Plä­doy­er gilt ei­ner „Ge­sell­schaft des Ver­trau­ens“, in der wir wie­der Kon­takt zu un­se­ren Mit­men­schen auf­bau­en, um auf die­ser Ba­sis „et­was an den Ver­hält­nis­sen zu än­dern“(S. 245).

Reue­lo­se Ge­sell­schaft

Die in Wien tä­ti­ge und le­ben­de Pscho­ana­ly­ti­ke­rin Ro­traud Per­ner hat Ähn­li­ches im Sinn, wenn sie von der „reue­lo­sen Ge­sell­schaft“und der Wie­der­ge­win­nung von Ver­ant­wort­lich­keit spricht. Vom „Ver­lust der Wahr­heit“, dem „Zeit­al­ter der See­len­ver­gif­tung“, den „Lü­gen der Gier, Träg­heit und Un­keusch­heit“, den „Lü­gen des Zor­nes, Gei­zes, Hoch­muts und Nei­des“han­delt ihr Buch. Ha­be frü­her die Er­mah­nung „Das ge­hört sich nicht“zum Gr­und­vo­ka­bu­lar je­der Er­zie­hung ge­hört, wür­den heu­te die meis­ten kei­nen „Ge­nie­rer“mehr ken­nen, so Per­ner, „wenn sie sich im Ton ver­grei­fen, am Kör­per oder an frem­dem Ei­gen­tum“(S. 9). Die Au­to­rin stellt nur be­dingt ge­sell­schaft­li­che Be­zü­ge her, ihr Haupt­in­ter­es­se gilt den psy­chi­schen De­for­mie­run­gen durch die ge­nann­ten Ver­feh­lun­gen und den (the­ra­peu­ti­schen) Ge­gen­maß­nah­men. So wür­de die Aus­brei­tung von Lü­gen und Täu­schen für ei­ge­ne ego­is­ti­sche Zie­le bei­de krank ma­chen – die Tä­ter wie die Op­fer. An­ders als die Auf­zäh­lung des mo­der­nen „Sün­den­re­gis­ters“im In­halts­ver­zeich­nis ver­mu­ten lässt, warnt Per­ner je­doch vor zu sim­plen Ur­tei­len oder gar Ver­ur­tei­lun­gen. Neid ge­he bei­spiels­wei­se häu­fig auf Er­leb­nis­se des Schmer­zes in der Kind­heit zu­rück, dass je­mand an­de­rer be­vor­teilt wur­de. Träg­heit wie­der­um kön­ne als Faul­heit, Un­wil­lig­keit, Trotz, Trau­er, De­pres­si­on oder auch als „Man­gel an Ener­gie“bzw. als „Selbst­schutz vor zu viel Fremd­ener­gie“wahr­ge­nom­men wer­den. Wer sich für psy­cho­lo­gi­sche Er­klä­run­gen und The-

ra­pie­vor­schlä­ge in­ter­es­siert und we­ni­ger für ge­sell­schaft­li­che Ana­ly­sen und Lö­sun­gen, fin­det in die­sem Buch ei­ne Fül­le an An­re­gun­gen.

Er­schöpf­te Ge­sell­schaft

Um ge­sell­schaft­li­che Ana­ly­sen geht es in den fol­gen­den Ti­teln. Wäh­rend in der hier­ar­chi­schen Ge­sell­schaft des an­ge­hen­den 20. Jahr­hun­derts die Neu­ro­se als wich­tigs­te psy­chi­sche Er­kran­kung galt, ist die­se im an­ge­hen­den 21. Jahr­hun­dert durch die De­pres­si­on ab­ge­löst wor­den, so der fran­zö­si­sche Psy­cho­ana­ly­ti­ker Alain Eh­ren­berg in „Das er­schöpf­te Selbst“. Sein deut­scher Kol­le­ge Stephan Grü­ne­wald spricht nun von der „er­schöpf­ten Ge­sell­schaft“und von ei­nem neu­en „Leis­tungs­dik­tat“. Der frü­he­re „Werk­stolz“sei durch ei­nen „Er­schöp­fungs­stolz“ab­ge­löst wor­den. Die Fra­ge, ob un­ser Tag er­folg­reich, be­frie­di­gend oder er­fül­lend war, ma­che sich nicht mehr an der Qua­li­tät der ge­leis­te­ten Ar­beit fest, son­dern am Aus­maß un­se­res ei­ge­nen Aus­ge­laugt- und Ge­stresst-seins. So to­be in vie­len Un­ter­neh­men ei­ne „Er­schöp­fungs­kon­kur­renz“. Für Grü­ne­wald wird der Be­griff ›Bur­nout‹ da­her ger­ne ver­wen­det, er ha­be den „Nim­bus ei­ner Tap­fer­keits­me­dail­le“, wäh­rend die Dia­gno­se ›De­pres­si­on‹ mit ei­nem Man­gel­zu­stand der Nie­der­ge­schla­gen­heit eti­ket­tiert sei. Nichts des­to trotz sieht auch er – wie Eh­ren­berg – in die­sen Er­schöp­fungs­zu­stän­den ein Warn­si­gnal da­für, dass im­mer mehr Men­schen den in­ne­ren Kom­pass und das Ge­spür für sich selbst ver­lo­ren ha­ben. Laut ei­nem vom Au­tor zi­tier­ten Spie­gel-re­port klagt je­der zwei­te Deut­sche über Schlaf­pro­ble­me, je­der sieb­te hat schon Schlaf­ta­blet­ten ge­schluckt, je­der zehn­te lei­det an ei­ner krank­haf­ten Schlaf­stö­rung. Die Flucht in die „Über­be­trieb­sam­keit“füh­re nun da­zu, dass wir auf­hör­ten zu träu­men, so Grü­ne­wald. Doch ei­ne Ge­sell­schaft, in der nicht mehr ge­träumt wird, ver­lie­re die Kraft für Neu­es. Grü­ne­wald fasst im ers­ten Ka­pi­tel des Bu­ches sei­ne Be­fun­de poin­tiert zu­sam­men. Die wei­te­ren Ab­schnit­te die­nen le­dig­lich der em­pi­ri­schen Un­ter­maue­rung mit Da­ten aus dem vom Au­tor ge­lei­te­ten “Rhein­gold In­sti­tut“für Kultur-, Markt­und Me­di­en­for­schung.

Über­for­der­te Ge­sell­schaft

Nicht nur in die Psy­che der Men­schen auf­grund von Be­schleu­ni­gung und Stress, son­dern auf die Wachs­tums- und Grö­ßen­fal­len in Wirtschaft, Politik und Ge­sell­schaft ins­ge­samt blickt der So­zi­al­wis­sen­schaft­ler Mein­hard Mie­gel in sei­nem neu­en Buch „Hy­bris“. Es trägt den Un­ter­ti­tel „Die über­for­der­te Ge­sell­schaft“. Der Über­for­de­run­gen sieht der Lei­ter des „Denk­werks Zu­kunft“ge­nug: von ge­stress­ten Ar­beit­neh­mern und Un­ter­neh­mern über hoch­ver­schul­de­te Staa­ten bis hin zur aus­ge­press­ten Na­tur. Nach Mie­gel er­le­ben wir der­zeit nicht ei­ne Kri­se des Ka­pi­ta­lis­mus, son­dern viel­mehr ei­ne „Kri­se der west­li­chen Kultur“, der Ka­pi­ta­lis­mus sei nur ei­ne Er­schei­nungs­form die­ser um­fas­sen­de­ren Kri­se. Un­ter­mau­ert mit Fak­ten, aber nicht ver­le­gen um star­ke An­sa­gen und poin­tier­te Zu­spit­zun­gen, un­ter­zieht der Au­tor ei­ne Viel­zahl von ge­sell­schaft­li­chen Be­rei­chen sei­ner Ana­ly­se: von gi­gan­to­ma­ni­scher Bau­wut über ei­ne über­bor­den­de Mo­bi­li­tät bis hin zum mo­der­nen Kör­per­kult, von der auf öko­no­mi­sche Ver­wert­bar­keit re­du­zier­ten Bil­dung über die Ver­ar­mung der Ar­beits­welt bis hin zum „über­for­der­ten Glu­cken­staat“.

Ei­nen ei­ge­nen mit „Him­mel auf Er­den“über­schrie­be­nen Ab­schnitt wid­met der Au­tor den men­ta­len Prä­gun­gen durch die Ideo­lo­gi­en von Fort­schritt und Wachs­tum. Dem mo­der­nen, na­ment­lich dem abend­län­di­schen Men­schen, sei das „Vor­wärts­stre­ben, Zie­le ver­fol­gen, Gren­zen durch­bre­chen“so in Fleisch und Blut über­ge­gan­gen, dass er dies „nicht nur für ei­nen kul­tu­rell be­ding­ten Ha­bi­tus, son­dern für die Na­tur des Men­schen schlecht­hin“hal­te (S. 161f.). Selbst­ver­ständ­lich wid­met sich Mie­gel dem The­ma sei­nes letz­ten Bu­ches „Exit“auch hier, der Fra­ge nach dem Wachs­tum. „Die Völ­ker der früh-in­dus­tria­li­sier­ten Län­der kon­su­mie­ren nur nicht zu viel“, so der Au­tor, „sie pro­du­zie­ren auch zu viel, je­den­falls mehr, als die Er­de schad­los er­tra­gen kann“(S. 169). Dies füh­re das Wachs­tums­den­ken ad ab­sur­dum. Ei­ne halb­wegs ra­tio­na­le Wachs­tums­de­bat­te wür­de des­halb nicht die Fra­ge in den Mit­tel­punkt stel­len, „wo­zu Wachs­tum gut ist, son­dern ab wann es schlecht ist“(S. 170). Die „Wachs­tums­mes­sen“, die tag­täg­lich in Brüssel und vie­len an­de­ren Or­ten ge­le­sen wür­den, sei­en da­her ge­spens­tisch, „spi­ri­tis­ti­sche Séan­cen, in de­nen Geis­ter be­schwo­ren wer­den“(S. 173). Man muss Mie­gel nicht in al­lem fol­gen, aber er trifft in vie­lem die (kul­tu­rel­len) Fal­len un­se­res Fort­schritts­den­kens und stellt sich da­mit be­wusst ge­gen an­de­re schein­bar kon­ser­va­ti­ve Den­ker wie Thi­lo Sar­ra­zin oder den Jour­na­lis­ten Chris­ti­an Ort­ner, der von man­chen als „ös­ter­rei­chi­scher Sar­ra­zin“be­zeich­net wird und des­sen Buch „Hört auf zu wei­nen“hier nur er­wähnt sei: der Te­nor gilt da­bei viel­mehr der Kla­ge über den (Leis­tungs-)ver­fall Eu­ro­pas und der Pa­ra­noia vom Über­holt-wer­den durch die Auf­stei­ger­mäch­te wie China oder In­di­en. Mie­gel geht tie­fer. Er setzt auf ei­nen geis­ti­gen Wan­del, ei­ne Kultur, „die nicht auf Hy­bris, son­dern auf Le­bens­for­men grün­det, die dem Men­schen ge­mäß sind“(S. 17).

„Un­se­re Ge­sell­schaft lei­det nicht an ei­nem Schlaf­de­fi­zit, son­dern an ei­nem Traum­man­gel. Wenn wir ver­ges­sen zu träu­men, dann ver­ler­nen wir auch zu schla­fen.“(Stephan Grü­ne­wald in 30 , S. 28)

„Die ge­gen­wär­ti­ge Kri­se wur­zelt nicht in ei­nem Zu­we­nig, son­dern in ei­nem Zu­viel: zu viel Gü­ter­pro­duk­ti­on, noch im­mer auch zu viel Er­werbs­ar­beit, viel zu viel Res­sour­cen­ver­brauch und Um­welt­be­las­tung und nicht zu­letzt zu viel Be­an­spru­chung von Mensch und Ge­sell­schaft.“(Mein­hard Mie­gel in 31 , S. 252)

Post-kol­laps- Ge­sell­schaft

„Die Fra­ge ist nicht mehr, ob der Zu­sam­men­bruch kommt, son­dern wie wir da­nach le­ben wer­den“, meint Jo­han­nes Heim­rath. Sein Buch „Die Post­kol­laps-ge­sell­schaft“dreht sich des­halb ganz um die Fra­ge, wie ei­ne Welt nach dem Zu­sam­men­bruch aus­se­hen könn­te und wel­che Wei­chen wir jetzt stel­len kön­nen und soll­ten. Der Au­tor geht von drei mög­li­chen Sze­na­ri­en aus: Im Sze­na­rio „Schre­cken oh­ne En­de“kommt es durch ein Zu­sam­men­spiel meh­re­rer Fak­to­ren zu ei­nem ra­schen To­tal­zu­sam­men­bruch. In Sze­na­rio 2 „Lang­sa­mes Siech­tum“si­chern sich die Eli­ten die Res­sour­cen, fu­sio­nie­ren mit den Staa­ten und sor­gen in den ehe­ma­li­gen In­dus­trie­län­dern für ei­nen öko­lo­gisch ver­tret­ba­ren Min­dest­le­bens­stan­dard. Die Drit­te Welt wird hier fal­len­ge­las­sen, die rei­chen Na­tio­nen schot­ten sich mi­li­tä­risch ab. Mit grü­nen Tech­no­lo­gi­en und ei­nem Grund­ein­kom­men tritt die west­li­che Welt in ei­ne Art Öko-dik­ta­tur ein. Im drit­ten Sze­na­rio „Ei­ne en­keltaug­li­che Welt ent­steht“führt der Kol­laps zu ei­nem Um­den­ken, die Ide­en und Träu­me von ei­ner le­bens­för­dern­den Welt wer­den von ei­ner kri­ti­schen Mas­se auf­ge­nom­men und set­zen sich durch. Aus den Keim­zel­len der Gras­wur­zel­be­we­gun­gen der letz­ten 40 Jah­re ent­steht das neue Ge­sell­schafts­mo­dell der „Com­mo­nie“. Heim­rath gibt dem ers­ten Sze­na­rio ei­ne Ein­tritts­wahr­schein­lich­keit von 85 Pro­zent, ge­folgt von Sze­na­rio 2 mit 14 Pro­zent. Bleibt für die Po­si­ti­vu­to­pie nur 1 Pro­zent. In der Com­mo­nie wird in der Vi­si­on Heim­raths nicht „ge­wirt­schaf­tet“, son­dern „ge­mein­schaf­tet“– das Schen­ken ist der Aus­gangs­und Be­zugs­punkt. Em­pa­thie wä­re in die­ser Ge­sell­schaft Grund­la­ge des Zu­sam­men­le­bens, das Kon­sens­prin­zip Grund­la­ge von Ent­schei­dun­gen. Der Au­tor, Her­aus­ge­ber der Zeit­schrift „oya“, in der Pro­jek­te ei­nes an­de­ren Wirt­schaf­tens und Le­bens vor­ge­stellt wer­den, ar­gu­men­tiert glaub­wür­dig, dass die Gras­wur­zel­be­we­gun­gen nicht den Mas­sen­um­schwung brin­gen wer­den - zu stark wirkt das Fest­hal­ten an den al­ten Pa­ra­dig­men. Er setzt fol­ge­rich­tig aber dar­auf, dass uns die­se be­reits jetzt auf die Neu­an­fän­ge nach dem Kol­laps vor­be­rei­ten kön­nen. Die Zu­sam­men­bruchs-the­se (s. Kas­ten S. xy) ist frei­lich um­strit­ten, denn es kann wohl schwer vor­aus­ge­sagt wer­den, wel­che An­pas­sungs­leis­tun­gen an sich ver­än­dern­de Um­welt­be­din­gun­gen dem Ka­pi­ta­lis­mus zu­zu­trau­en sind. Da­zu kommt der Um­stand, dass die öko­lo­gi­schen Fol­gen un­se­res Zi­vi­li­sa­ti­ons- und Kon­sum­mo­dells meist nicht die Ver­ur­sa­cher tref­fen. So wird Sze­na­rio 2 die lei­der wohl höchs­te Ein­tritts­wahr­schein­lich­keit ha­ben.

Ge­sell­schaft: Über­for­de­rung

28 Schind­ler, Jörg: Die Rü­pel­re­pu­blik. War­um sind wir so un­so­zi­al? Frank­furt: Fi­scher, 2013. 265 S,. € 9,99 [D], 10,30 [A], sfr 12,20

ISBN 978-3-596-18916-8

29 Per­ner, Ro­traut: Die reue­lo­se Ge­sell­schaft. St. Pöl­ten (u. a.):re­si­denz-verl. 2013. 254 S., € 22,80 [D], 23,50, sfr 28,- ; ISBN 978-37017-3317-0

30 Grü­ne­wald, Stephan: Die er­schöpf­te Ge­sell­schaft. War­um Deutsch­land neu träu­men muss. Frank­furt/m.: Cam­pus, 2013. 187 S., € 19,99 [D],

20,60 [A], sfr 24,- ; ISBN 978-3-593-39817-4

31 Mie­gel, Mein­hard: Hy­bris. Die über­for­der­te Ge­sell­schaft. Berlin: Pro­py­lä­en, 2014.313 S., € 22,90 [D],

23,70 [A], sfr 28,- ; ISBN 978-3-549-07448-0

32 Ort­ner, Chris­ti­an: Hört auf zu heu­len. War­um wir wie­der här­ter wer­den müs­sen, um un­se­ren Wohl­stand und un­se­re Le­bens­art zu schüt­zen. Wien: edi­ti­on a, 2013. 143 S., € 16,- [D], 16,95 [A], sfr 19,50

ISBN 978-3-99001-063-1

33 Heim­rath, Jo­han­nes: Die Post-kol­laps-ge­sell­schaft. Wie wir mit viel we­ni­ger viel bes­ser le­ben wer­den - und wie wir uns heu­te schon dar­auf vor­be­rei­ten kön­nen. Scor­pio-verl., 2012. 336 S., € 19,95 [D],

20,60 [A], sfr 24,- ; ISBN 978-3-942166-78-2

Dia­gno­se „Sucht­ge­sell­schaft“

Der Au­tor des in die­sem Ab­schnitt ab­schlie­ßend vor­ge­stell­ten Bu­ches „Jun­kies wie wir“spricht von ei­nem Mas­sen­phä­no­men na­mens Sucht­ge­sell­schaft. Da die öf­fent­li­che Wahr­neh­mung sich in ers­ter Li­nie auf „sub­stanz­be­zo­ge­nen Süch­te“kon­zen­trie­re, hät­ten sich in de­ren Schat­ten Süch­te ver­brei­tet, die ge­sell­schaft­lich ak­zep­tiert sei­en: ex­zes­si­ves Shop­pen, Ar­bei­ten oder In­ter­net-sur­fen, so Ko­rosch Yaz­di. Der Psych­ia­ter, Lei­ter der Sucht­ab­tei­lung ei­nes ös­ter­rei­chi­schen Kran­ken­hau­ses, spricht hier von „Ver­hal­tens­süch­ten“. Er geht da­von aus, dass in je­dem und je­der von uns ein Jun­kie steckt und er­klärt dies mit bio­che­mi­schen Pro­zes­sen im Be­loh­nungs­zen­trum un­se­res Ge­hirns. Die Wirtschaft ma­che sich das zu­nut­ze, in­dem sie selbst kri­ti­sche Kon­su­men­tin­nen zu Sucht­ge­trie­be­nen „um­er­zie­hen“wür­de. Da­bei ha­be sie es be­son­ders auf Kin­der und Ju­gend­li­che ab­ge­se­hen, um so das Sucht­ver­hal­ten mög­lichst nach­hal­tig in un­ser al­ler Le­ben zu ver­an­kern. Ver­hal­tens­süch­te be­die­nen schnell und un­kom­pli­ziert die zu­tiefst mensch­li­che Su­che nach Be­zie­hung, so die Er­klä­rung des Au­tors: „Die Um­wäl­zun­gen im ge­sell­schaft­li­chen Le­ben – das ste­ri­le Fa­mi­li­en­le­ben, die Skru­pel­lo­sig­keit der Wirtschaft, die Hilf­lo­sig­keit des Ge­sund­heits- und So­zi­al­ap­pa­ra­tes, die Feh­l­ein­schät­zun­gen des Bil­dungs­sys­tems, die Feig­heit der po­li­ti­schen Kas­te – all das ist Syn­onym für die to­ta­le Be­zie­hungs­lo­sig­keit, die die Sucht­ge­sell­schaft kenn­zeich­net. Weil al­le nur mehr mit Spie­len,

Shop­pen und dem In­ter­net be­schäf­tigt sind und die­se Tä­tig­kei­ten auf­grund ih­rer bio­che­mi­schen Wir­kung im Be­loh­nungs­zen­trum di­rekt ins Hams­ter­rad der Sucht­be­frie­di­gung füh­ren, ha­ben die Men­schen den Be­zug zu Be­zie­hun­gen ver­lo­ren“(S. 158) Yaz­di spricht gar von ei­ner „be­zie­hungs­un­fä­hi­gen Ge­sell­schaft“, in der die Men­schen we­der ih­re Freun­de noch ih­re Kol­le­gen noch ih­ren Ar­beit­ge­ber per­sön­lich ken­nen. 2030 mar­kie­re der „Be­zie­hungs­un­fä­hi­ge“ei­nen „Point of no re­turn“, weil er nicht wei­ter­ge­ben kön­ne, was er selbst nie­mals ge­lernt ha­be. Nicht zu­letzt wür­den sich die Sym­pto­me der Sucht­ge­sell­schaft in der Kör­per­lich­keit der Men­schen wi­der­spie­geln. „Die be­zie­hungs­un­fä­hi­ge Ge­sell­schaft ist gleich­zei­tig ei­ne Krüp­pel­ge­sell­schaft, die sich aus Fett­lei­bi­gen, Herz­schwa­chen, Dia­be­ti­kern, Man­gel­er­nähr­ten, Bu­cke­li­gen und Halb­b­lin­den re­kru­tiert. Für kei­ne der weit­ver­brei­te­ten Ver­hal­tens­süch­te ist mehr ein Aus­flug in die rea­le Welt not­wen­dig.“(S.159).

Im ab­schlie­ßen­den Ka­pi­tel „War­um wir die Ver­hal­tens­süch­te nach wie vor be­sie­gen kön­nen“be­schreibt Yaz­di an­hand von neun Maß­nah­men, wie wir vom „Hor­ror- zum Ret­tungs­ze­na­rio“ge­lan­gen kön­nen. So emp­fiehlt der Au­tor der Politik, neue Prio­ri­tä­ten in Rich­tung Sucht­be­kämp­fung und Be­zie­hungs­er­zie­hung zu set­zen, um be­zie­hungs­fä­hi­ge Nach­fol­ger­ge­ne­ra­tio­nen zu för­dern. So wer­den et­wa „Be­zie­hungs­früh­er­zie­hung“und neue Bil­dungs­schwer­punk­te vor­ge­schla­gen. Als Mo­dell gilt dem Au­tor et­wa Finn­land (smith­so­ni­an­mag.com), wo die Schü­le­rin­nen neun Jah­re im Klas­sen­ver­band blei­ben und nur die Bes­ten als Leh­re­rin­nen zu­ge­las­sen wer­den. Mit der „Wie­der­ent­de­ckung der Aus­ge­wo­gen­heit“wird die Ko­exis­tenz ver­schie­de­ner Ak­ti­vi­tä­ten an­ge­regt, wo­bei „exis­ten­zi­el­len Le­bens­in­hal­ten wie Freun­den, Fa­mi­lie, Aus­bil­dung und Be­ruf“im­mer der Vor­zug vor den „Do­pa­min­kicks“der En­ter­tain­ment­welt zu ge­ben sei (S. 185). Yaz­di for­dert aber auch Be­schrän­kun­gen für Sucht­an­ge­bo­te, z. B. ein Ver­bot von Wer­bun­gen an Schu­len. Schließ­lich ge­he es um Selbst­be­ob­ach­tung und Hil­fen für Selbst­be­schrän­kung (z. B. Li­mits für Ban­ko­mat- und Kre­dit­kar­ten) und um die Of­fen­heit für Viel­fäl­tig­keit: „Wer es schafft, sich vom Grund­satz ´mo­re of the sa­me´ zu eman­zi­pie­ren und wer im­mer wie­der neue Fa­cet­ten in sein Le­ben lässt, hat ei­nen ent­schei­den­den Schritt in Rich­tung sucht­frei­es Le­ben ge­macht.“(S. 201). Zu­letzt weist der Au­tor auch auf die Vor­bild­wir­kung hin: „Le­ben wir oh­ne Ver­hal­tens­süch­te, stei­gen auch die Chan­cen, dass un­se­re Kin­der oh­ne Ver­hal­tens­süch­te le­ben.“L. G.

Sucht­ge­sell­schaft

34 Yaz­di, Ko­rosch: Jun­kies wie wir. Spie­len, Shop­pen, In­ter­net. Was uns und un­se­re Kin­der süch­tig macht. Wien: edi­ti­on a, 2013. 203 S., € 19,95 [D] 20,60 [A], sfr 24,- ; ISBN 978-3-99001-052-5

„Un­se­re Ge­sell­schaft shoppt, zockt und surft sich in ei­nen kol­lek­ti­ven Rausch. Völ­lig le­gal, weil der Aus­gangs­punkt des Rau­sches als Kul­tur­pra­xis an­er­kannt ist.“(Ko­rosch Yaz­di in 34 , S. 9)

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