Wie stark ist die De­mo­kra­tie

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Wir er­le­ben der­zeit ei­ne Kri­se der De­mo­kra­tie, die vie­le Grün­de hat. Han­na Beit­zer er­klärt den Ge­ne­ra­tio­nen­kon­flikt, Bep­po Gril­lo meint, dass wir ei­nen Neu­an­fang brau­chen. An­de­re be­ru­hi­gen und ver­trau­en der De­mo­kra­tie. Ste­fan Wal­ly hat die Über­sicht.

Sind China und Russ­land nicht stär­ker als die west­li­chen De­mo­kra­ti­en? Er­le­ben wir nicht ei­ne Kri­se der De­mo­kra­tie, die vie­le Grün­de hat? Han­na Beit­zer er­klärt den Ge­ne­ra­tio­nen­kon­flikt, Bep­po Gril­lo er­läu­tert, dass man ei­nen Neu­an­fang braucht, ein Sam­mel­band zeigt die Ein­schrän­kun­gen für fort­schritt­li­che Politik in De­mo­kra­ti­en heu­te. Aber an­de­re be­ru­hi­gen: Da­vid Run­ci­man ver­traut der De­mo­kra­tie und Jos­hua Gree­ne hat ei­nen Vor­schlag, wie man La­ger­den­ken in De­mo­kra­ti­en lo­ckern kann. Ste­fan Wal­ly hat sich ei­ne Über­sicht ver­schafft.

Ei­ne neue Ge­ne­ra­ti­on

Han­na Beit­zer ist Jahr­gang 1982 und in­ter­es­siert sich für Politik. In dem Buch „Wir wol­len nicht un­se­re El­tern wäh­len“ver­sucht sie ein Por­trait ih­rer Ge­ne­ra­ti­on zu zeich­nen. Ge­nau­er ge­sagt sind die po­li­ti­schen Aus­drucks­for­men ih­rer Ge­ne­ra­ti­on ihr The­ma. Denn die­se For­men wer­den oft nicht ver­stan­den oder von Äl­te­ren ge­ring ge­schätzt. Gleich zu Be­ginn muss Beit­zer klar­stel­len, dass sie nur für ei­nen Teil der jun­gen Men­schen spre­chen kann, denn nur ein Teil äu­ßert sich po­li­tisch. „Fakt ist, dass das po­li­ti­sche En­ga­ge­ment nicht gleich­mä­ßig über al­le ge­sell­schaft­li­chen Schich­ten ver­teilt ist. Ak­tiv und so­mit letz­ten En­des auch prä­gend ist bis heu­te ei­ne be­stimm­te Be­völ­ke­rungs­grup­pe – die­je­ni­gen, die Zeit ha­ben, sich zu en­ga­gie­ren, die In­for­ma­tio­nen auf­spü­ren und ver­ar­bei­ten kön­nen und die selbst­be­wusst sind, For­de­run­gen

vor­zu­tra­gen. 1968 wa­ren das eben die Stu­den­ten, kri­tisch den­ken­de Leu­te wie mei­ne El­tern. Und heu­te sind das auch nicht die Leu­te, die nach neun oder zehn Jah­ren Schu­le müh­sam ei­nen Aus­bil­dungs­platz su­chen müs­sen und dann den Rest des Le­bens ar­bei­ten.“(S. 21f) Dar­an ha­ben auch neue Mit­be­stim­mungs­mög­lich­kei­ten nichts ge­än­dert. Beit­zer zi­tiert die Po­li­tik­wis­sen­schaft­le­rin Jo­han­na Klatt, die fest­ge­stellt hat, „dass un­kon­ven­tio­nel­le Be­tei­li­gungs­for­men wie Un­ter­schrif­ten­samm­lun­gen, Bür­ger­initia­ti­ven, kri­ti­scher Kon­sum und On­line-pro­test in der Re­gel un­glei­cher ver­teilt sind als et­wa die Teil­nah­me an Wah­len.“(S. 22)

Das Schei­tern der gro­ßen Ent­wür­fe

Politik an sich hat ei­nen schlech­ten Ruf. Beit­zer nimmt als Bei­spiel ei­nen Schul­be­such des Au­tors Wolf­gang Gründ­lin­ger. Die Schü­ler mach­ten ihm

dort klar, dass sie sich nicht für Politik in­ter­es­sie­ren. Par­tei­en und „die da oben“wa­ren kein in­ter­es­san­tes The­men und un­sym­pa­thisch. „Erst als es auf ein­mal nicht abs­trakt um `die da oben´ ging, son­dern um Cas­tor-trans­por­te und den ört­li­chen Csu-ab­ge­ord­ne­ten, kam Le­ben in die Schü­ler, hat­ten sie durch­aus ei­nen Mei­nung und auch In­ter­es­se.“(S. 121)

Ei­nen wich­ti­gen Un­ter­schied zwi­schen ih­ren Freun­din­nen und Freun­den und der El­tern­ge­ne­ra­ti­on sieht sie da­rin, dass das Den­ken in po­li­ti­schen La­gern nicht mehr über­nom­men wer­de. Auch die Or­ga­ni­sa­ti­ons­for­men sind an­de­re. Man ha­be sich nie als Teil ei­ner „Be­we­gung“ver­stan­den: Über jun­ge Men­schen: „Sie ver­trau­en aus gu­tem Grund we­der dem Markt noch ei­ner po­li­ti­schen Aus­rich­tung. Sie ver­trau­en nur sich selbst.“(S. 70)

Na­tür­lich spielt das In­ter­net ei­ne wich­ti­ge Rol­le in der Be­schrei­bung der Ge­ne­ra­tio­nen­un­ter­schie­de. „In al­len Fäl­len ste­hen Men­schen und von Men­schen ge­schaf­fe­ne po­li­ti­sche Sys­te­me hin­ter den Ent­wick­lun­gen, nicht ein tech­ni­sches Werk­zeug. Den­noch hat das Netz das Le­ben vie­ler Men­schen na­tür­lich grund­le­gend ver­än­dert - und da­mit auch die Art und Wei­se, wie heu­te Politik ge­macht wird.“(S. 100) Die 68er hät­ten ih­ren Pro­test auf die Stra­ße ge­tra­gen, die Jun­gen tra­gen ihn ins Netz. Beit­zer meint, dass die Pi­ra­ten­par­tei­en die­sen Pro­test nun vom Netz in die Politik tra­gen und dort den Ge­ne­ra­tio­nen­kon­flikt deut­lich sicht­ba­rer ma­chen. (S. 187) Politik: Jugend

51 Beit­zer, Han­nah: Wir wol­len nicht un­se­re El­tern wäh­len. War­um Politik heu­te an­ders funk­tio­niert. Rein­bark bei Ham­burg: Ro­wohlt, 2013. 187 S.,

€ 12,99 [D], € 13,40 [A], sfr 19,48

ISBN 978-3-499-62247-2

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