Ri­si­ko­mü­dig­keit und Zu­kunfts­ge­stal­tung

ProZukunft - - Inhalt -

Gun­ter Sper­ka hat sich sehr dif­fe­ren­ziert mit dem neu­en Buch von Ort­win Renn zum The­ma „War­um wir uns vor dem Fal­schen fürch­ten“, das in der Rei­he „Fo­rum für Ver­ant­wor­tung“er­schie­nen ist, be­schäf­tigt. Die „schreck­li­chen Kin­der der Neu­zeit“von Peter Slo­ter­di­jk hat Wal­ter Spiel­mann ge­le­sen und Stefan Wal­ly hat sich ein wich­ti­ges Buch über Stan­dards und Gü­te­kri­tie­ri­en der Zu­kunfts­for­schung an­ge­se­hen.

Wo­vor müs­sen wir uns fürch­ten? Ort­win Renn hat sich die­ser Fra­ge aus der Sicht der Ri­si­ko­for­schung an­ge­nä­hert. Gun­ter Sper­ka hat das Buch ge­le­sen. Mit den „schreck­li­chen Kin­dern der Neu­zeit“, die Peter Slo­ter­di­jk den Vor­wurf ein­brach­ten, ein re­ak­tio­nä­res Zu­kunfts­bild zu ver­tre­ten, hat sich Wal­ter Spiel­mann be­schäf­tigt. Er wirft auch ei­nen Blick auf 14 Er­eig­nis­se, die un­ser Zeit­al­ter ent­schei­dend ge­prägt ha­ben. Schließ­lich hat sich Stefan Wal­ly ein wich­ti­ges Hand­buch über Stan­dards und Gü­te­kri­te­ri­en der Zu­kunfts­for­schung an­ge­se­hen.

Wo­vor wir uns (nicht) fürch­ten soll­ten

Ort­win Renn, Pro­fes­sor an der Univ. Stuttgart und re­nom­mier­ter Ex­per­te für Um­welt­so­zio­lo­gie und Nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung, hat ei­nes je­ner Bü­cher ge­schrie­ben, die wich­tig wä­ren, wür­den sie von den rich­ti­gen Leu­ten ge­le­sen. Ei­nes je­ner Bü­cher mi­t­hin, die Re­zen­sen­ten ger­ne „Ent­schei­dungs­trä­gern“oder „Po­li­ti­kern“als Bett­lek­tü­re emp­feh­len. Nun, schon aus dem Um­fang – im­mer­hin mehr als sechs­hun­dert Sei­ten, wenn auch in bett­taug­li­chem Ta­schen­buch­for­mat – wird schnell klar, dass die­se Ziel­grup­pe nicht er­reicht wer­den wird, da die An­ge­hö­ri­gen die­ser Ziel­grup­pe er­fah­rungs­ge­mäß we­der Zeit noch Lust ha­ben, der­art de­tail­lier­te (die Zah­len- und Da­ten­ver­liebt­heit, die aus dem Buch spricht, kann als ers­ter, klei­ner Kri­tik­punkt ge­se­hen wer­den) und aus­führ­li­che Darstel­lun­gen zu le­sen. Da­her, und man­gels kom­pak­tem „Sum­ma­ry for Po­li­cy Ma­kers“, wird auch die Fra­ge of­fen blei­ben müs­sen, wie die wich­ti­gen Bot­schaf­ten, die die­ses Buch zwei­fel­los zu bie­ten hat, es bis zu den Ent­schei­dungs­trä­gern schaf­fen. Es bleibt nach der lan­gen, groß­teils loh­nen­den, manch­mal so­gar span­nen­den Lek­tü­re über­haupt die Fra­ge of­fen, an wen sich die­ses Buch wen­det: die „brei­te Öf­fent­lich­keit“mit ih­rer no­to­risch kur­zen Auf­merk­sam­keits­span­ne wird es nicht sein (so sie über­haupt in der La­ge ist, der­ar­ti­ge Tex­te sinn­zu­sam­men­hän­gend zu stu­die­ren), eher schon das, was man „in­ter­es­sier­te Öf­fent­lich­keit“nennt, und, no­ta­be­ne, die Fach­welt. Und die­se bei­den Grup­pen wer­den nichts grund­sätz­lich Neu­es er­fah­ren; scha­de ei­gent­lich.

Doch zu­rück zum Buch. Es ist in der ver­dienst­vol­len Rei­he „Fo­rum für Ver­ant­wor­tung“pu­bli­ziert wor­den. Und weil Ort­win Renn viel weiß und auch zu sa­gen hat, wur­de das Buch als Hy­brid her­aus­ge­ge­ben: wei­ter­füh­ren­de Tex­te und al­le An­mer­kun­gen sind im In­ter­net zu fin­den.

Im ers­ten Teil wird um­fas­send auf Ge­fah­ren und Ri­si­ken, die uns be­dro­hen (oder, zu­meist, wie sehr gut dar­ge­stellt wird, uns im Ver­gleich viel we­ni­ger be­dro­hen, als die Ge­ne­ra­tio­nen vor uns) ein­ge­gan­gen. Teil zwei wid­met sich der Fra­ge, war­um wir uns vor dem Fal­schen fürch­ten, war­um al­so in un­se­rer Wahr­neh­mung die Angst vor Din­gen, die we­nig oder kein Ri­si­ko ber­gen (wie et­wa Pfer­de­fleisch in der La­sa­gne) vor Le­bens­stil­fra­gen, die wirk­lich be­deut­sam sind für das Krebs- oder Herz-kreis­lau­f­ri­si­ko, wie et­wa Be­we­gung und die Um­stel­lung der Er­näh­rungs­wei­se do­mi­niert. Der drit­te Teil un­ter­sucht, wel­che Ri­si­ken un­ter­schätzt wer­den – hier geht es pri­mär um sys­te­mi­sche Ris­ken. Ab die­sem Teil be­ginnt der Au­tor auch, sich lang­sam sei­nem Haupt­an­lie­gen „Was kön­nen wir tun“(so ist der vier­te Ab­schnitt über­ti­telt) zu­zu­wen­den, in dem er nach­hal­ti­ge Le­bens­sti­le und Po­li­tik­ge­stal­tung the­ma­ti­siert. Woll­te man beck­mes­se­risch sein, könn­te man an­mer­ken, dass der Ti­tel mit dem In­halt und dem Haupt­an­lie­gen des Bu­ches nur in den ers­ten bei­den Tei­len zu­sam­men passt (auch wenn der Au­tor, sich des­sen of­fen­bar be­wusst, im­mer wie­der ver­sucht, „Ri­si­ko­mün­dig­keit“und nach­hal­ti­ges Le­ben mehr oder min­der syn­onym zu set­zen).

Als Zwi­schen­re­sü­mee kön­nen wir fest­hal­ten, dass Ri­si­ko­ta­bel­len und Ge­fah­ren­aus­sa­gen nicht do­mi­nie­ren, son­dern dass es sich um ein aus­führ­li­ches, fun­dier­tes Werk pri­mär zu Fra­gen der sys­te­mi­schen Ris ken und ins­be­son­de­re wie wir ih­nen ent­kom­men kön­nen, han­delt. Da­mit wird es auch gleich­zei­tig zu ei­nem Lehr­buch über nach­hal­ti­ge Po­li­tik (wo­mit wir wie­der bei der Le­se­emp­feh­lung für Po­li­ti­ke­rin­nen wä­ren…).

Frei­lich fin­det sich in ei­nem so um­fas­sen­den Buch auch ei­ni­ges, woran man sich rei­ben kann, und an man­chen Stel­len frägt man sich, was uns der Ver­fas­ser ge­nau sa­gen will. Die Aus­sa­ge bei­spiels­wei­se, dass Wirt­schafts­wachs­tum und Krebs­in­zi­denz nicht kor­re­lie­ren, auch wenn für das Wach­sen von Wirt­schafts­sys­te­men oft die­se Me­ta­pher ver­wen­det wird, wird et­was ver­un­glückt an­hand ei­ner Aus­sa­ge von De­nis Mea­dows ex­em­pli­fi­ziert. Liest man al­ler­dings ge­nau­er, was Mea­dows ge­sagt hat, wird klar, dass die­ser das, was Renn ab­lehnt, nicht ge­sagt hat. Solch nicht eben über­zeu­gen­de Form ar­gu­me­na­ti­ver Be­weis­füh­rung kommt lei­der mehr­fach vor. Auch sei er­wähnt, dass ein auf­merk­sa­mes Lek­to­rat an man­chen Stel­len gut ge­tan hät­te: so wird auf S. 363 der „New Sci­en­tist“zi­tiert und die Tra­ge­ka­pa­zi­tät der Er­de mit 100 Bil­lio­nen Men­schen an­ge­ge­ben. Är­ger­lich wird es nur an we­ni­gen Stel­len, et­wa ab S. 481, wo die „Gren­zen des Wachs­tums“als nicht halt­ba­rer My­thos dar­ge­stellt wer­den. Un­ab­hän­gig da­von, dass jüngst aus­tra­li­sche For­scher zeig­ten, dass die Aus­sa­gen des 1972 von Mea­dows et al ver­wen­de­ten Welt­mo­dells mit den der­zei­ti­gen Ent­wick­lun­gen er­schre­ckend gut zu­sam­men pas­sen, soll­te das Vor­han­den­sein ab­so­lu­ter Gren­zen des Wachs­tums, wie et­wa die der Auf­nah­me­fä­hig­keit der At­mo­sphä­re, heu­te au­ßer Fra­ge ste­hen.

Als Fa­zit bleibt fest­zu­hal­ten, dass es ein un­glaub­lich de­tail­liert re­cher­chier­tes, hoch­in­ter­es­sant zu le­sen­des Buch ist, das an man­chen Stel­len nicht (nur) Ri­si­ko­mün­dig­keit, son­dern auch ho­he Beur­tei­lungs­mün­dig­keit der Le­se­rin­nen for­dert. Wer sich nicht dar­an stößt, ein manch­mal lang­at­mi­ges Buch, des­sen Ti­tel an­de­res sug­ge­riert als es letzt­lich be­han­delt, durch­zu­ar­bei­ten, wird mit Wis­sens-, viel­leicht so­gar mit Er­kennt­nis­ge­winn be­lohnt. G. S. Ri­si­ko­for­schung: Nach­hal­tig­keit

39 Renn, Ort­win: Das Ri­si­ko­pa­ra­dox – War­um wir uns vor dem Fal­schen fürch­ten. Hrsg. v. Klaus Wie­gan­dt. Frankfurt/m.: Fi­scher TB, 2014. 604 S., €14,99 [D], 15,50 [A], sfr 16,10

ISBN 978-3-596-19811-5

Nach uns die Sint­flut?

„Après nous la de­lugue“soll Ma­dame Pom­pa­dour, die Ge­lieb­te Lud­wig des XV. und ei­ne der ein­fluss­reichs­ten Per­so­nen am Hof, 1757 aus An­lass ei­ner Nie­der­la­ge der fran­zö­si­schen Trup­pen im Kampf ge gen Preu­ßen for­mu­liert ha­ben. Die­ses in die Ge­schich­te ein­ge­gan­ge­ne Bon­mot sei be­zeich­nend für die knapp mehr als 200 Jah­re wäh­ren­de Epo­che, die wir in der Nach­fol­ge der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on als die Mo­der­ne be­zeich­nen, meint Peter Slo­ter­di­jk. Seit die­ser epo­cha­len Er­schüt­te­rung – Slo­ter­di­jk spricht von Hia­tus – stel­le sich die Fra­ge: „Was tun?“Da­mit nicht ge­nug: Sich Nietz­sches „Tol­len Men­schen“zum Zeu­gen neh­mend, pos­tu­liert Slo­ter­di­jk, dass wir seit Auf­kün­di­gung der von Gott ge­setz­ten, mon­ar­chisch-ge­nea­lo­gi­schen Ord­nung, fort­wäh­rend der Zu­kunft ent­ge­gen tau­meln. Die „Pro­gram­mie­rung der Welt­ver­än­de­rungs­macht“las­se sich als „Streit zwi­schen Ra­tio­na­li­tät und Ir­ra­tio­na­li­tät“, als „ge­wuß­ter und ge­woll­ter Fort­schritt“oder als „chro­ni­sches Nach-vor­ne-stür­zen, das sich als Tat, Pro­jekt und plan­vol­les Han­deln ca­mou­fliert“(S. 72 f.), in­ter­pre­tie­ren.

Kon­se­quenz die­ser Sturz­be­we­gung sei ein „be­un­ru­hi­gen­der Über­schuß an Wirk­lich­keit“, der auf die „La bi­li­sie­rung der Fi­lia­ti­on“zu­rück­zu­füh­ren sei und sich in ei­nem zi­vi­li­sa­ti­ons­dy­na­mi­schen Haupt­satz wie folgt zu­sam­men­fas­sen las­se: „Im Welt­pro­zess nach dem Hia­tus wer­den stän­dig mehr Ener­gi­en frei­ge­setzt, als un­ter For­men über­lie­fe­rungs­fä­hi­ger Zi­vi­li­sie­rung ge­bun­den wer­den kön­nen“(S. 85). Dies bleibt, wie wir wis­sen, und wie Slo­ter­di­jk nicht mü­de wird uns mah­nend [lei­der nur sel­ten auch au­gen-

„Die Ent­wick­lung zur Mo­der­ne ist da­durch ge­kenn­zeich­net, dass wir die Ver­wund­bar­keit von Sys­te­men er­höht ha­ben, vor al­lem durch Glo­ba­li­sie­rung, Ver­net­zung und durch die Mög­lich­kei­ten ef­fi­zi­en­te­rer Auf­ga­ben­er­fül­lung mit Hil­fe der mo­der­nen In­for­ma ti­ons­und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­en, was die­se Sys­te­me ver­wund­ba­rer macht.“(Ort­win Renn in , S. 590)

zwin­kernd] zu er­läu­tern, nicht fol­gen­los: Die ins­ge­samt 25, je nach Ge­schmack des In­ter­pre­ten tra­gi­schen oder er­hei­tern­den Sät­ze – z. B. „Es wer­den in al­ler Welt viel mehr Wün­sche nach Ob­jek­ten des Kon­sums und des Ge­nie­ßen sti­mu­liert, als durch re­al pro­du­zier­te Gü­ter be­dient wer­den kön­nen“, „Es wer­den der Pro­blem­lö­sungs­fä­hig­keit künf­ti­ger Ge­ne­ra­tio­nen zu­neh­mend mehr Auf­ga­ben auf­ge­bür­det, als die­se durch die Über­nah­me des Kom­pe­tenz-er­bes vor­an­ge­hen­der Ge­ne­ra­tio­nen und des­sen Er­gän­zung durch ei­ge­ne Er fin­dungs­kräf­te meis­tern könn­ten“, „Es wer­den in Mensch­kör­pern der wohl­ha­ben­den He­mi­sphä­re stän­dig mehr Fett­re­ser­ven auf­ge­baut, als durch Be­we­gungs­pro­gram­me und Diä­ten ab­zu­bau­en sind“(vgl. S. 87ff.) – ge­hö­ren zu den we­ni­gen se­man­tisch schlich­ten Ge­fü­gen die­ses ins­ge­samt aus­la­den­den, nicht sel­ten auch müh­sa­men Tex­tes.

Die Re­bel­li­on der schreck­li­chen Kin­der

Zwar nicht bei­läu­fig, aber doch will­kür­lich ver­sam­melt Slo­ter­di­jk in sei­nem Pa­n­op­ti­kum „neu­zeit­li­cher Schre­ckenskin­der“Kai­ser und Kö­ni­ge (Ödi­pus und Alex­an­der d. Gro­ße, En­g­lands Hein­rich VIII., Na­po­le­on), De­s­po­ten und Ty­ran­nen (Hit­ler, Sta­lin), Re­li­gi­ons­grün­der, Kir­chen­vä­ter und Re­vo­lu­tio­nä­re (Je­sus, Pau­lus, Au­gus­ti­nus, Le­nin), Künst­ler (Leo­nar­do Da Vin­ci) und Phi­lo­so­phen (Nietz­sche, Stir­ner), um ih­re his­to­ri­sche Ein­zig­ar­tig­keit – im Gu­ten wie im Bö­sen – aus der Ver­nei­nung und Ver­wei­ge­rung der Tra­di­ti­on, des (bio­lo­gi­schen) Er­bes und des Re­spekts ge­gen­über dem Vor­an­ge­gan­ge­nen zu pos­tu­lie­ren. Das Stre­ben nach Ei­gen­stän­dig­keit und Frei­heit – Je­sus wird für Slo­ter­di­jk als „Bas­tard Got­tes“zu ei­nem Weg­be­rei­ter der Men­schen­rech­te – ge­ra­ten so un­ter Ge­ne­rals­ver­dacht.

Wäh­rend, so der Au­tor, in tra­di­tio­nel­len Kul­tu­ren „Wie­der­hol­bar­keit und Wahr­heit“als evo­lu­tio­nä­re Prin­zi­pi­en Be­stand hat­ten, wird „die ‚Wirk­lich­keit‘ der Mo­der­ne über­wie­gend aus der Nach­ah­mung von mo­dell­ge­ben­den Zeit­ge­nos­sen be­stimmt“. Es siegt, mit Ga­b­ri­el Tar­de ge­spro­chen, „die Mo­de über die Sit­te“(vgl. S. 225).

Frei­lich ir­ri­tiert es, und stößt ge­ra­de im Blick auf die Ns-ideo­lo­gie un­an­ge­nehm auf, wenn das Prin­zip ge­neao­lo­gi­scher Kon­ti­nui­tät zur con­di­tio si­ne qua non des zi­vi­li­sa­to­ri­schen Fort­schritts hoch­sti­li­siert wird. Und den­noch sind die Er­kun­dun­gen des Au­tors, dem kom­ple­xe kir­chen-, kunst- und li­te­ra­tur­ge­schicht­li­che Zu­sam­men­hän­ge glei­cher­ma­ßen ver­traut sind wie po­li­ti­sche, öko­no­mi­sche und selbst­re­dend phi­lo­so­phi­sche, mit Ge­winn zu le­sen.

Von ei­ner ak­tu­el­len Form von Bas­tar­di­sie­rung jen­seits ge­nea­lo­gi­scher Tra­di­ti­ons­ver­wei­ge­rung spricht der Au­tor zu En­de sei­ner mä­an­dern­den Ge­dan­ken­gän­ge, wenn er – von den Grün­dungs­vä­tern der ame­ri­ka­ni­schen Ver­fas­sung aus­ge­hend – die Pra­xis ei­ner „ni­hi­lis­ti­schen Geld­schöp­fung“kri­ti­siert, durch wel­che sich „das Recht auf Neu­be­ginn“nur von ei­nem „epo­cha­len Staats­bank­rott“ab­lei­ten lässt (S. 445). In An­be­tracht des Pos­tu­lats „her­kunfts­schwa­cher und nach­kom­mens­lo­ser Selbst­ver­zeh­rer“als den „re­al und prag­ma­tisch letz­ten In­di­vi­du­en in der Kon­su­mund Er­werbs’ge­sell­schaft‘“, ver­wun­dert es frei­lich nicht, dass Peter Slo­ter­di­jk ein­mal mehr als Re­ak­tio­när und Stich­wort­ge­ber der Rech­ten at­ta­ckiert wur­de. All­zu leicht soll­te man es sich in der Beur­tei­lung mit die­sem flir­ren­den, viel­schich­ti­gen und im Hin­blick auf die Gestal­tung der Zu­kunft skep­ti­schen Es­say al­ler­dings nicht ma­chen. W. Sp. Mo­der­ne: Kri­tik

Slo­ter­di­jk, Peter: Die schreck­li­chen Kin­der der Neu­zeit. Berlin: Suhr­kamp, 2014. 489 S., €27,70 [D], 28,50 [A], sfr 29,70

ISBN 978-3- 518-42435-3

Welt­ge­stal­ter Mensch

Die Welt hat sich seit Be­ginn der In­dus­tri­el­len Re­vo­lu­ti­on stär­ker ver­än­dert als wäh­rend der gan­zen vor­an­ge­gan­ge­nen Zeit, meint wohl zu Recht der nie­der­län­di­sche Me­teo­ro­lo­ge und Che­mie- No­bel­preis­trä­ger Paul Crut­zen, der den Be­griff „An­thro­po­zän“ge­prägt hat. Wenn­gleich heu­te über den Be­ginn der Epo­che dis­ku­tiert wird, steht au­ßer Zwei­fel, dass auf­grund der zu­vor nie da­ge­we­se­nen Be­schleu­ni­gung und Kom­ple­xi­tät der ge­nu­in vom Men­schen ge­präg­ten Ent­wick­lung ein nach ihm be­nann­tes Zeit­al­ter gut zu be­grün­den ist. Mit dem viel­fach als Jahr­hun­dert­ka­ta­stro­phe be­zeich­ne­ten Aus­bruch des Ers­ten Welt­krie­ges, des­sen Ur­sa­chen und Fol­gen aus An­lass des Ge­denk­jahrs 2014 aus­führ­lich re­flek­tiert wur­den, er­scheint es (dem Reiz der Zahl­sym­me­trie und sä­ku­la­rer Ge­denk­kul­tur fol­gend), ge­ra­de­zu na­he­lie­gend, den 14 be­deu­tends­ten Er­eig­nis­sen „un­se­res“Zeit­al­ters nach­zu­spü­ren. Die­sen Im­pul­sen ist der fol­gen­de Ti­tel zu ver­dan­ken.

14 Kno­ten­punk­te

Ein­ge­lei­tet von ei­nem Pro­log, in wel­chem Mit­her­aus­ge­ber Han­nes An­d­rosch – als er­fah­re­ner Po­li­ti­ker, er­folg­rei­cher Un­ter­neh­mer, zu­letzt eif­ri­ger Ver­fech­ter ei­ner grund­le­gen­den Neu­ori­en­tie­rung der ös­ter­rei­chi­schen Bil­dungs­po­li­tik für die­se Auf­ga­be mehr­fach le­gi­ti­miert – we­sent­li­che Aspek­te des glo­ba­len Wan­dels skiz­ziert, fol­gen 14 Fach­bei­trä­ge, mit de­nen „Kno­ten­punk­te“der po­li­ti­schen, wirt­schaft­li­chen, kul­tu­rel­len und tech­no­lo­gi­schen Ent­wick­lung des „An­thro­po­zäns“vor­ge­stellt wer­den. Nicht „Mei­len­stei­ne“, son­dern „Kul­mi­na­tio­nen, auf die ei­ne län­ge­re Ent­wick­lung zu­ge­lau­fen ist“(S. 8), wür­den da-

„Soll­te die Zu­kunft

(…) sich im­mer mehr zu der Di­men­si­on ent­wi­ckeln, in der die Ge­gen­wär­ti­gen ih­re teils ge­erb­ten, teils selbst­ge­wag­ten Schul­den bei Gläu­bi­gern und an­de­ren In­stan­zen zu Las­ten der Ver­gan­gen­heit til­gen müs­sen, wer­den die Über­schul­de­ten frü­her oder spä­ter der Res­sorts ge­wor­de­nen Zu­kunft trot­zig den Rü­cken keh­ren.“(Peter Slo­ter­di­jk in ,S. 487)

„Qua­li­täts­vol­le Zu­kunfts­for­schung ist nur dann mög­lich, wenn die Be­deu­tung von Theo­ri­en für das wis­sen­schaft­li­che Ar­bei­ten im Be­wusst­sein ge­hal­ten wird und bei for­schungs­re­le­van­ten Ent­schei­dun­gen auf wis­sen­schaft­li­che Theo­ri­en zu­rück­ge­grif­fen wird.“(El­mar Schüll in , S. 100)

mit in den Blick ge­nom­men, heißt es da­zu in der Ein­lei­tung.

Im Fol­gen­den, von we­ni­gen Stich­wor­ten be­glei­tet, die be­han­del­ten The­men (und ih­re Au­to­rin­nen): Die Er­öff­nung des Wie­ner Kon­gres­ses (Man­fried Rau­chen­stei­ner), die Un­ter­zeich­nung des Ver­tra­ges von Nan­jing (Bern­hard Ecker), als ein Hö­he­punkt eu­ro­päi­scher Ko­lo­ni­al­po­li­tik zugleich Be­sie­ge­lung des chi­ne­si­schen Nie­der­gangs und Keim­zel­le des Auf­stiegs zur füh­ren­den Wirt­schafts­macht im 21. Jahr­hun­dert, und die Er­öff­nung der Na­tio­nal­ver­samm­lung in Frankfurt am 18. Mai 1848 ( Man­fred Matz­ka) set­zen zu Be­ginn po­li­ti­sche Ak­zen­te. Es fol­gen mit Blick auf den „Penn­syl­va­nia Oil Rush“ein öko­no­mi­sches, mit der Be­sie­gung des Kind­bett­fie­bers durch Ignaz Sem­mel­weis und mit der Wür­di­gung Sig­mund Freuds als Ent­de­cker der Psy­cho­ana­ly­se (dar­ge­stellt von­kä­the Sprin­ger-diss­mann) zwei me­di­zi­ni­sche The­men. Dar­an an­schlie­ßend wird mit Ber­ta von Sutt­ner, der ers­ten Trä­ge­rin des Frie­dens­no­bel­prei­ses (1905) die ein­zi­ge Frau in die­ser Rei­he ge­wür­digt. Der Rol­le von Mar­cel Duch­amps als Pro­vo­ka­teur und Er­neue­rer des Kunst-be­griffs, dem Sie­ges­zug des Ton­films und der prä­gen­den Rol­le Hol­ly­woods als Me­tro­po­le der glo­ba­len Film­in­dus­trie, von Nat­ta­lie Lett­ner am Bei­spiel von „The Jazz Sin­ger“(am 6.10.1927) ver­deut­licht, so­wie der Er­schüt­te­rung der ex­ak­ten Wis­sen­schaf­ten durch Kurt Gö­del (vor­ge­stellt von Ru­dolf Ta­sch­ner) sind wei­te­re Bei­trä­ge ge­wid­met. Frü­he Zwei­fel an der Über­le­bens­fä­hig­keit des Ka­pi­ta­lis­mus, die Jo­sef Schum­pe­ter 1936 dis­ku­tier­te, die Be­deu­tung des In­ter­nets als In­stru­ment der Auf­klä­rung und als Weg­be­rei­ter to­ta­ler Kon­trol­le (Alex­an­dra Fö­derl-schmid ) und ein am­bi­va­len­ter Blick auf die Zu­kunft der Eu­ro­päi­schen Uni­on (An­ton Pe­lin­ka) lei­ten schließ­lich zum ein­zi­gen Bei­trag über, der de­zi­diert Zu­künf­ti­ges in den Blick nimmt: Im Jahr 2114 ge­lingt es „Cy­borgs“erst­mals, im Fuß­ball ein bra­si­lia­ni­sches (€) Team zu be­sie­gen. Nicht we­ni­ger fol­gen­reich frei­lich scheint, dass die Ver­ein­ten Na­tio­nen –so Ge­rald Reischl in sei­nen „Sze­na­ri­en der Fu­ture Tech­no­lo­gies“– im Jahr 2094 den An­teil von Ma­schi­nen und künst­li­cher In­tel­li­genz an mensch­li­chen We­sen auf 30 % be­schrän­ken, um die­sen noch das Wahl­recht ein­zu­räu­men.

Die be­han­del­ten The­men und Sicht­wei­sen sind na­tur­ge­mäß sub­jek­tiv be­grün­det im We­sent­li­chen je­doch stich­hal­tig. Und doch ver­wun­dert es, dass man­che, m. E. be­deu­tend fol­gen­rei­che­re Ent­wick­lun­gen hier nicht zur Spra­che kom­men: das Ra­dio, das Fern­se­hen, vor al­lem aber die so fol­gen­rei­che Ent­wick­lung und Um­set­zung der „Atom­tech­no­lo­gie“hät­ten hier ei­ne kri­ti­sche Darstel­lung ver­dient.

Von die­sem Ein­wand ab­ge­se­hen, ist die­ser Band je­doch auch als ein zu­neh­mend ra­res Bei­spiel bi­blio­phi­len En­ga­ge­ments zu wür­den. Hier wird das Le­sen über die Ver­mitt­lung von Wis­sens­wer­tem hin­aus auch zu ei­nem hap­tisch und op­tisch an­spre­chen­den Ver­gnü­gen. W. Sp. Neu­zeit: In­no­va­tio­nen

1814 – 1914 – 2014: 14 Er­eig­nis­se, die die Welt ver­än­dert ha­ben. Hrsg. v. Han­nes An­d­rosch… Wi­en: Brand­stät­ter, 2014. 239 S., €19,90 [D], 20,50 [A], sfr 21,30 ; ISBN 978-3-85033-807-3

Stan­dards für Zu­kunfts­for­schung

Ein wich­ti­ges Hand­buch ha­ben Lars Ge­rold und an­de­re nun im Sprin­ger-ver­lag vor­ge­legt. Den Au to­ren geht es um Stan­dards und Gü­te­kri­te­ri­en der Zu­kunfts­for­schung.

Ziel des Bu­ches ist es, den Stand der De­bat­te über Zu­kunfts­for­schung zu re­zi­pie­ren und dar­aus Hand­lungs­an­lei­tun­gen zu de­stil­lie­ren, die die Qua­li­tät der Zu­kunfts­stu­di­en er­hö­hen kön­nen. Ziel ist es auch, den wis­sen­schaft­li­chen Cha­rak­ter der Zu­kunfts­for­schung zu stär­ken.

Le­sens­wert ist das Hand­buch für al­le, die zu­kunfts­be­zo­ge­ne For­schung be­trei­ben. Das sind be­kannt­lich nicht nur „Zu­kunfts­for­scher“, die sich auch so nen­nen, son­dern vie­le Wis­sen­schaft­le­rin nen in den un­ter­schied­lichs­ten Dis­zi­pli­nen.

Den Kern des Ban­des ma­chen drei Leit­ide­en aus. Sie wer­den als Zu­kunfts­an­ge­mes­sen­heit, Wis­sen­schaft­lich­keit und Ef­fek­ti­vi­tät im Hin­blick auf Ziel­er­rei­chung und Auf­ga­ben­er­fül­lung be­zeich­net. Weil in der Zu­kunfts­for­schung ex­pli­zit Aus­sa­gen über zu­künf­ti­ge Sach­ver­hal­te ge­trof­fen wer­den, muss stets auf prin­zi­pi­el­le Of­fen­heit und Un­ge­wiss­heit von Zu­kunft re­flek­tiert wer­den. Es müs­sen die Prä­mis­sen er­klärt und of­fen­ge­legt wer­den und es muss klar­ge­legt wer­den, ob man in ei­nem Text mög­li­che, wahr­schein­li­che oder wün­schens­wer­te Zu­kunfts­bil­der be­schreibt. Auch der Vor­gang der For­schung muss durch kla­re wis­sen­schaft­li­che Stan­dards be­stimmt sein: Deut­li­che For­schungs­fra­gen, sorg­fäl­ti­ge Re­fle­xi­on ver­gleich­ba­rer Stu­di­en, Nach­voll­zieh­bar­keit des Ar­gu­ments, an­ge­mes­se­ne Me­tho­den­wahl und theo­re­ti­sche Fun­die­rung.

Schließ­lich gilt es, die For­schung auch nutz­bar zu ma­chen. Da­zu gibt es Qua­li­täts­stan­dards für For­schungs­und Be­ra­tungs­pro­zes­se, den Wis­sens­trans­fer und das Auf­zei­gen von Hand­lungs­per­spek­ti­ven. Das Hand­buch soll­te in kei­ner Ein­rich­tung feh­len, die sich mit zu­kunfts­be­zo­ge­ner For­schung be­schäf­tigt. S. W. Zu­kunfts­for­schung

Stan­dards und Gü­te­kri­te­ri­en der Zu­kunfts­for­schung. Ein Hand­buch für Wis­sen­schaft und Pra­xis. Hrsg. v. Lars Ger­hold u. a. Wiesbaden: Sprin­ger, 2015. 205 S, €35,97 [D], €35,97 [A], sfr 38,50

ISBN 978-3-658-07362-6

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