Ist Neu­es mög­lich

ProZukunft - - Inhalt -

Wie kom­men wir zu et­was Neu­em? Alain Ba­diou und Alain Fin­kiel­kraut strei ten dar­über, Sla­voj Zi­zek ver­wen­det für das ra­di­kal Neue den Be­griff des Er­eig­nis­ses. Wie ei­ne neue Moral be­grün­det wer­den könn­te, be­schreibt G.E.M. Ans­com­be, und Clau­de Lé­vi-strauss zeigt, wie ver­wo­ben un­ser Ver­hal­ten mit der Ver­gan­gen­heit ist. Stefan Wal­ly hat die­se Bü­cher ge­le­sen.

Wie kom­men wir zu et­was Neu­em? Alain Ba­diou und Alain Fin­kiel­kraut strei­ten dar­über, ob das Stre­ben nach Über­win­dung des Sta­tus quo im­mer die Ge­fahr des To­ta­li­tä­ren in sich trägt. Sla­voj Zi­zek ver­wen­det für das ra­di­kal Neue den Be­griff des Er­eig­nis­ses. G.E.M. Ans­com­be be­schreibt, wie ei­ne neue Moral be­grün­det wer­den könn­te. Clau­de Lé­vi-strauss hin­ge­gen zeigt uns am Bei­spiel des Weih­nachts­manns, wie ver­wo­ben un­ser Ver­hal­ten mit der Ver­gan­gen­heit ist. Stefan Wal­ly gibt Ein­bli­cke in die Denk­wel­ten die­ser Au­to­ren und er­gänzt Tho­mas Pi­ket­ty, der il­lus­triert hat, wie nack­te Zah­len Fu­ro­re ma­chen kön­nen.

Ei­ne Kon­tro­ver­se

Alain Ba­diou und Alain Fin­kiel­kraut sind zwei der füh­ren­den In­tel­lek­tu­el­len Frank­reichs. In dem Band „Kl­ar­text. Ei­ne Kon­tro­ver­se“strei­ten die bei­den über Na­tio­na­lis­mus, Is­ra­el, den Mai´68 und den Kom­mu­nis­mus. Ba­diou nimmt da­bei die Po­si­ti­on des Kom­mu­nis­ten ein, der frei­lich die kom­mu­nis ti­schen Ver­su­che des 20. Jahr­hun­derts kri­ti­siert, ih­re Be­rech­ti­gung aber ver­tei­digt und den Be­griff des Kom­mu­nis­mus auf­recht­er­hält. Fin­kiel­kraut hin­ge­gen hält dem li­be­ra­le Auf­fas­sun­gen ent­ge­gen. Ba­diou, des­sen phi­lo­so­phi­sche Tex­te oft schwer zu le­sen sind, ist in die­ser Dis­kus­si­on leicht zu er­fas­sen, sei­ne Ar­gu­men­te sind klar und kön­nen auch als Ein­stieg in ei­ne um­fang­rei­che­re Ba­diou Re­zep­ti­on nütz­lich sein.

Span­nend ist das von Au­de Lan­ce­lin mo­de­rier­te Ge­spräch an vie­len Stel­len, die grund­le­gen­den Un­ter­schie­de zwi­schen den bei­den Ide­en­fa­mi­li­en wer­den aber in der De­bat­te über den Kom­mu­nis­mus klar. Fin­kiel­kraut lehnt den Kom­mu­nis­mus ab, weil er das Pri­va­te po­li­tisch sieht und da­mit zu ei­nem Ge­gen­stand des Ein­griffs macht, weil er ei­ne ra­di­kal neue Welt will. „Wenn al­les po­li­tisch ist, ist al­les da­zu ver­ur­teilt, po­li­zei­lich zu wer­den.“Er hält dem ei­ne Ge­schich­te des gra­du­el­len Fort­schritts ent­ge­gen, der Zi­vi­li­sa­ti­on als Kunst der Tren­nung ver­steht: Tren­nung von Kir­che und Staat, von Zi­vil­ge­sell­schaft und po­li­ti­scher Ge­mein­schaft, Tren­nung von pri­va­tem und öf­fent­li­chem Le­ben. (S. 130) „Die grund­le­gen­de on­to­lo­gi­sche Ent­schei­dung der Neu­zeit be­steht dar­in, ei­ne Welt zu er­rich­ten und zu ver­tei­di­gen, in der es das Gan­ze nicht gibt.“(S.132) Ba­diou sieht die­se Kri­tik des Kom­mu­nis­mus als to­ta­les, ver­ein­heit­li­chen­des Sys­tem als nicht ge­recht­fer­tigt. „Wir müs­sen auf den wahr­haf­ten Sinn des Wor­tes `Kom­mu­nis­mus´ zu­rück­kom­men, auf sei­nen ge­ne­ri­schen Sinn, näm­lich auf die Hy­po­the­se, dass die mensch­li­chen Ge­sell­schaf­ten nicht not­wen­di­ger­wei­se vom Prin­zip des pri­va­ten Ei­gen­nut­zes ge­lei­tet wer­den. Das be­deu­tet kei­nes­wegs, dass das Kol­lek­tiv das In­di­vi­du­um ab­sor­biert oder ir­gend­et­was in der Art.“(S. 134)

Die zwei­te Li­nie des Dis­sen­ses ist die Fra­ge des An­t­ago­nis­mus. Fin­kiel­kraut kri­ti­siert, dass von Ba­diou ei­ne nur zwei­sei­ti­ge Kon­fron­ta­ti­on zwi­schen dem Sta­tus quo und der neu­en Ge­sell­schaft auf­ge­baut wer­de. „Die­ser Dua­lis­mus führt zu Ver­bre­chen, denn er ent­wer­tet nicht nur die Ver­gan­gen­heit und ver­dammt sie zur Nich­tig­keit, son­dern un­wei­ger­lich auch die Men­schen, die sie ver­kör­pern.“(S. 140) Ba­diou sieht sich miss­ver­stan­den, er meint dar­auf, dass ein Neu­es nicht das Al­te ent­wer­ten müs­se. Man ge­he von ei­ner Si­tua­ti­on aus wie sie ist, Eman­zi­pa­ti­ons­po­li­tik geht aber über die­se dann hin­aus. „Und ich sa­ge ganz ein­fach, dass der ge­gen­wär­ti­ge ge­schicht­li­che Mo­ment die­ser Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te sich un­ter dem Na­men Kom­mu­nis­mus er­fül­len wird, aus Grün­den sei­ner in­ne­ren Sub­stanz. Das ist al­les.“(S. 140) Eman­zi­pa­ti­on

34 Ba­diou, Alain; Fin­kiel­kraut, Alain: Kl­ar­text. Ei­ne Kon­tro­ver­se. Wi­en: Pas­sa­gen­ver­lag, 2014. 153 S., €19,90 [D], €19,90 [A], sfr 21,30

ISBN 9-783709-200384.

Das Er­eig­nis

Das grund­le­gen­de Merk­mal ei­nes „Er­eig­nis­ses“ist das über­ra­schen­de Auf­tre­ten von et­was Neu­em, das jeg­li­ches sta­bi­le Sche­ma un­ter­lau­fe. „In ei­nem Er­eig­nis än­dern sich die Din­ge nicht nur: Was sich än­dert, ist eben je­ner Pa­ra­me­ter, an dem wir die Tat­sa­chen der Ve­rän­de­rung mes­sen, d. h. ein Wen­de­punkt ver­än­dert das ge­sam­te Feld, in­ner­halb des­sen Tat­sa­chen er­schei­nen.“(S. 177)

Das ist die Ant­wort, die Sla­voj Zi­zek in sei­nem neu­en Buch auf die Fra­ge gibt: „Was ist ein Er­eig­nis?“Zi­zek nä­hert sich Schritt für Schritt die­ser Ant­wort an, die zugleich ei­ne De­fi­ni­ti­on ist. Er geht da­von aus, dass mit Er­eig­nis et­was Scho­ckie­ren­des, aus den Fu­gen Ge­ra­te­nes, et­was, das plötz­lich zu ge­sche­hen scheint und den her­kömm­li­chen Lauf der Din­ge un­ter­bricht, et­was, das an­schei­nend von nir­gend­wo und oh­ne er­kenn­ba­re Grün­de kommt, ei­ne Er­schei­nung oh­ne fes­te Gestalt als Ba­sis ge­meint wer­den soll.

Die­ses Ver­ständ­nis liegt sei­ner Su­che nach „Er­eig­nis­sen“zu­grun­de. Da­für wer­den et­li­che Or­te an­ge­steu­ert, an de­nen gründ­lich nach­ge­se­hen wird. Zi­zek spricht von ei­ner U-bahn-fahrt, die die Le­se­rin und den Le­ser dort­hin bringt.

„Die öf­fent­li­che De­bat­te fin­det heu­te zwi­schen zwei de­sas­trö­sen ori­en­tie­run­gen statt, zwi­schen der Ein­mü­tig­keit der Wa­ren­welt und der uni­ver­sa­len Kom­mer­zia­li­sie­rung ei­ner­seits, und der Ver­kramp­fung auf die Iden­ti­tät, die ge­gen je­ne Glo­ba­li­sie­rung ei­nen re­ak­tio­nä­ren Schutz­wall er­rich­ten will, der noch da­zu völ­lig in­ef­fi­zi­ent ist, an­de­rer­seits.“(Alain Ba­diou in , S. 25)

Der ers­te Halt ist ei­ne Än­de­rung oder Auf­lö­sung des Rah­mens, durch den die Rea­li­tät er­scheint, der zwei­te ein re­li­giö­ser Sün­den­fall. Dar­auf fol­gen ein Sym­me­trie­bruch; die bud­dhis­ti­sche Er­leuch­tung; ein Zu­sam­men­tref­fen mit der Wahr­heit, die un­ser nor­ma­les Le­ben er­schüt­tert; die Er­fah­rung des Selbst als rein er­eig­nis­haf­tes Ge­sche­hen; die Im­ma­nenz der Il­lu­si­on in der Wahr­heit, die die Wahr­heit selbst er­eig­nis­haft wer­den lässt; ein Trau­ma, das die sym­bo­li­sche Ord­nung, in der wir uns be­fin­den, aus dem Gleich­ge­wicht bringt; das Auf­kom­men ei­nes neu­en „Her­ren­si­gni­fi­kan­ten“, ei­nes Si­gni­fi­kan­ten, der das ge­sam­te Feld der Be­deu­tung struk­tu­riert; die Er­fah­rung des rei­nen Flie­ßens von (Un)sinn; ein ra­di­ka­ler po­li­ti­scher Bruch; und das Un­ge­sche­hen­ma­chen ei­nes er­eig­nis­haf­ten Er­eig­nis­ses. (S. 12)

Re­li­gi­on als Er­eig­nis

Wäh­len wir ei­ne Sta­ti­on aus, um Zi­zeks Idee zu il­lus­trie­ren. Zi­zek, der sich ger­ne als Kom­mu­nist be­zeich­net, lobt in dem Buch aus­führ­lich das Er­eig­nis­haf­te der christ­li­chen Re­li­gi­on. Sie sei die „ers­te und ein­zi­ge Re­li­gi­on des Er­eig­nis­ses“(S. 42). Der ein­zi­ge Zu­gang zum Ab­so­lu­ten (Gott) ver­lau­fe über un­se­re Ak­zep­tanz des ein­ma­li­gen Er­eig­nis­ses der In­kar­na­ti­on als sin­gu­lä­res his­to­ri­sches Ge­sche­hen. Chris­tus ver­kün­de mit der “fro­hen Bot­schaft” ei­nen ra­di­ka­len Bruch mit al­lem, was da­vor war. „Das ist das Er­eig­nis als Bruch im nor­ma­len Ver­lauf der Din­ge, als das Wun­der, dass ‘Chris­tus au­fer­stan­den ist`.“(S. 42) Zi­zek zeigt sich in dem Ka­pi­tel nicht nur des­we­gen be­ein­druckt vom Chris­ten­tum. Auch die Ge­schich­te vom Sün­den­fall im Pa­ra­dies ist ein Er­eig­nis in sei­nem Sinn: Denn nur durch das Auf­kom­men der Sün­de wird auch ih­re Über­win­dung mög­lich. Nur durch die Sün­de gibt es Gut und Bö­se. „Die Un­schuld des ´Pa­ra­die­ses´ ist ein an­de­rer Na­me für ein tie­ri­sches Le­ben, so dass das­je­ni­ge, was die Bi­bel ´Sün­den­fall´ nennt, nichts an­de­res ist als der Über­gang vom tie­ri­schen Le­ben zur ei­gent­li­chen mensch­li­chen Exis­tenz.“(S. 45).

Über­le­gun­gen wie die­se rei­hen sich an­ein­an­der und le­gen na­tür­lich auch die Fra­ge na­he, ob es ein po­li­ti­sches Er­eig­nis ge­ben kann? Et­was, das plötz­lich den Lauf der Din­ge grund­sätz­lich än­dert. „Im Ka­pi­ta­lis­mus, wo sich die Din­ge stän­dig än­dern, um gleich zu blei­ben, wür­de das wah­re Er­eig­nis dar­in be­ste­hen, das Prin­zip der Ve­rän­de­rung selbst zu ver­än­dern.“(S. 177). Zi­zek kann sich das vor­stel­len und be­schreibt es mit Hil­fe He­gel­scher Dia­lek­tik. „Ein dia­lek­ti­scher Pro­zess be­ginnt mit ei­ner be­ja­hen­den Idee, auf die er hin­strebt. Im Ver­lauf des Stre­bens macht die Idee selbst ei­ne tief­grei­fen­de Ve­rän­de­rung durch (nicht nur ei­ne tak­ti­sche An­pas­sung, son­dern ei­ne we­sent­li­che Neu­de­fi­ni­ti­on), weil die Idee selbst in die­sem Pro­zess über­holt wird, (über)de­ter­mi­niert von ih­rer Ak­tua­li­sie­rung.“(S. 182). Zi­zek stellt uns die Idee ei­ner Re­vol­te für Ge­rech­tig­keit vor, die sich ra­di­ka­li­siert, weil die Er­fah­rung ge­macht wird, dass wah­re Ge­rech­tig­keit nur mit ra­di­ka­le­ren grund­le­gen­den Ve­rän­de­run­gen mög­lich ist. „In sol­chen Mo­men­ten er­eig­net sich ein Neu­rah­mung der uni­ver­sel­len Di­men­si­on selbst, die Durch­set­zung ei­ner neu­en Uni­ver­sa­li­tät“(S. 182) Ge­rech­tig­keit

35 Zi­zek, Sla­voj: Was ist ein Er­eig­nis? Frankfurt/m.: S. Fi­scher, 2014. 206 S., €16,99 [D], 17,50 [A], sfr 18,20 ; ISBN 978-3-10-002224-0

Das En­de der Moral­phi­lo­so­phie?

In der eng­lisch­spra­chi­gen Welt ist Ger­tru­de Eliz­a­beth Mar­ga­ret (G.E.M.) Ans­com­be ein wich­ti­ger Be­zugs­punkt in der phi­lo­so­phi­schen De­bat­te. Der Suhr­kamp-ver­lag leg­te nun ei­ne Auf­satz­samm­lung die­ser streit­ba­ren Pro­fes­so­rin an der Uni­ver­si­tät von Cam­bridge vor, die ihr Den­ken bes­ser zu­gäng­lich macht. Die Tex­te sind die ei­ner ana­ly­ti­schen Phi­lo­so­phin und er­for­dern viel Kon­zen­tra­ti­on beim Le­sen. Der Sam­mel­band er­leich­tert aber den Zu­gang zu den Tex­ten, in­dem den Le­se­rin­nen und Le­sern ei­ne Lek­tü­reh­il­fe zur Sei­te ge­stellt wird. Ans­com­be tritt in dem Buch als schar­fe Kri­ti­ke­rin der Moral­phi­lo­so­phie auf. Ihr Schlüs­sel­text „Die Moral­phi­lo­so­phie der Mo­der­ne“ver­sucht zu er­klä ren, dass „es der­zeit zweck­los ist, Moral­phi­lo­so­phie zu trei­ben“(S. 142). Es ma­che kei­nen Sinn wei ter über „Pflicht“und „mo­ra­lisch rich­tig bzw. falsch“zu re­den. Selbst das „Sol­len“ha­be kei­ne Be­deu­tung mehr. Ans­com­be sagt, dass die­se Be­grif­fe stets auf mo­ra­li­sche Ge­set­ze ver­wei­sen. Die­se ha­be es in der Ge­schich­te ge­ge­ben, näm­lich in auf Gott ge­grün­de­ten Re­gel­wer­ken. Da heu­te aber Moral un­ab­hän­gig von ei­nem Gott be­stimmt wird, fehlt den oben ge­nann­ten Be­grif­fen der Be­zug.

Die Phi­lo­so­phin dis­ku­tiert dann die wich­tigs­ten al­ter­na­ti­ven mo­ra­li­schen Be­zü­ge, vor al­lem den Kon se­quen­zia­lis­mus, wo­nach Han­deln mo­ra­lisch nach den in­ten­dier­ten Fol­gen zu be­wer­ten sei. Sie ver­wirft die­se Idee, da sie be­deu­tet, dass man selbst grau­sams­te Din­ge tun kön­ne, wenn man nur glau­be, man lö­se gu­te Fol­gen aus.

Es gibt zwei Ant­wor­ten auf die Un­be­gründ­bar­keit grund­le­gen­der mo­ra­li­scher Wer­tun­gen in der Mo­der­ne. Die ei­ne wä­re die Rück­kehr zu auf Gott ge­grün­de­te Ge­set­zes­ethi­ken. Will man das nicht, so deu­tet Ans­com­be an, dass es auch an­de­re We­ge ge­be. Sie bleibt beim Ver­wer­fen der dis­ku­tier­ten Be­grif­fe wie „mo­ra­lisch falsch“. Aber sie schlägt statt­des­sen vor, auch heu­te noch be­stimm­ba­re Be­grif­fe zu nut-

„Im Ka­pi­ta­lis­mus, wo sich die Din­ge stän­dig än­dern, um gleich zu blei­ben, wür­de das wah­re Er­eig­nis dar­in be­ste­hen, das Prin­zip der Ve­rän­de­rung selbst zu ver­än­dern.“(Sla­voj Zi­zek in , S. 177)

zen, auf de­nen sich ei­ne Ethik auf­bau­en las­sen könn­te. Sie nennt als Bei­spie­le „un­ge­recht“und „ver­lo­gen“. Moral­phi­lo­so­phie

36 G.E.M. Ans­com­be Auf­sät­ze. Hrsg. v. K. Nies­wandt ... Berlin: Suhr­kamp, 2014. 400 S., €18,00 [D], 18,50 [A], sfr 19,30 ; ISBN 978-3-518-29701-8

Sind wir al­le Kan­ni­ba­len?

Erst­mals auf Deutsch lie­gen nun sechs­zehn Ar­ti­kel von Clau­de Lé­vi-strauss vor, die die­ser in den Jah­ren 1989 bis 2000 in der ita­lie­ni­schen Zei­tung La Re­pu­bli­ca ver­öf­fent­lich­te. Lé­vi-strauss macht mit den Tex­ten deut­lich, war­um in der So­zi­al­an­thro­po­lo­gie kein Weg an ihm vor­bei führt. Da­bei sind sei­ne Tex­te gut les­bar, über­ra­schen im­mer wie­der mit krea­ti­ven Ver­bin­dun­gen und Ana­lo­gi­en, die die Au­gen öff­nen und klar ma­chen, dass das, was man je­weils als „nor­mal“wahr­nimmt, im­mer selt­sa­mer wird, des­to ge­nau­er man es be­trach­tet. Den Ar­ti­keln aus La Re­pu­bli­ca ist in dem Sam­mel­band noch der Auf­satz „Der ge­mar­ter­te Weih­nachts­mann“hin­zu­ge­fügt. An­hand die­ses Tex­tes kann man zei­gen, was Lé­vi-strauss dem Le­ser bzw. der Le­se­rin bie­tet. Der Au­tor be­schreibt mit ru­hi­ger Dis­tanz die Ge­scheh­nis­se am 24. De­zem­ber 1951 in Di­jon. Dort wur­de ein sym­bo­li­scher Weih­nachts­mann von Hort­kin­dern am Vor­platz der Ka­the­dra­le öf­fent­lich ver­brannt. Die Kin­der wa­ren aus den christ­li­chen Hor­ten der Re­gi­on ge­kom­men. Den Initia­to­ren ging es dar­um, zu zei­gen, dass der Weih­nachts­mann ei­ne Lü­ge sei, für Chris­ten müs­se Weih­nach­ten das Fest der Ge­burt Chris­ti sein.

Lé­vi-strauss macht sich nun mit Freu­de auf die eth­no­lo­gi­sche Un­ter­su­chung des ei­ge­nen Lan­des und sei­ner Kul­tur. Weih­nach­ten, wie wir es ken­nen, sei im We­sent­li­chen ein mo­der­nes Fest. Zwar dürf­te es schon im 13. Jahr­hun­dert Weih­nachts­fei­ern ge­ge­ben ha­ben, man be­schrieb Weih­nach­ten als „An­lass für Fa­mi­li­en­fes­te“. Weih­nachts­bäu­me sind erst­mals im 17. Jahr­hun­dert in deut­schen Tex­ten er­wähnt, in Frank­reich erst im 19. Jahr­hun­dert. Ein­flüs­se aus ver­schie­de­nen Welt­re­gio­nen wur­den auf­ge­nom­men und wie­der ver­ges­sen. Man den­ke an Ren­tie­re. „Wir ha­ben es al­so mit ei­nem Ri­tu­al zu tun, des­sen Be­deu­tung im Lauf der Ge­schich­te schon vie­len Schwan­kun­gen aus­ge­setzt war; es er­leb­te Hö­he­punk­te und Rück­schlä­ge. So ge­se­hen ist die ame­ri­ka­ni­sier­te Form mit dem Weih­nachts­mann le­dig­lich der mo­derns­te die­ser Wech­sel­fäl­le.“(S. 21)

Dann sucht Lé­vi-strauss wei­ter, war­um nun ge­ra­de der Weih­nachts­mann so ag­gres­si­ve Re­ak­tio­nen der Kir­che aus­löst. Er meint es lie­ge dar­an, dass der Glau­be an den Weih­nachts­mann das fes­tes­te Boll­werk des Hei­den­tums sei. Denn in die­sem Glau­ben zei­ge sich „der Wunsch, ein klein we­nig an ei­ne Groß­zü­gig­keit oh­ne Kon­trol­le zu glau­ben, ei­ne Lie­bens­wür­dig­keit oh­ne Hin­ter­ge­dan­ken, an ei­ne kur­ze Zeit­span­ne, in der al­le Furcht, al­ler Neid und al­le Bit­ter­keit auf­ge­ho­ben sind. (…) In­dem wir un­se­re Kin­der im Glau­ben las­sen, dass ihr Spiel­zeug aus dem Jen­seits kommt, ver­schaf­fen wir uns ein Ali­bi für un se­re ge­hei­me Re­gung, die uns in Wirk­lich­keit ver­lei­tet, die­ses Spiel­zeug dem Jen­seits zu schen­ken un ter dem Vor­wand es den Kin­dern zu ge­ben. Da­durch blei­ben die Weih­nachts­ge­schen­ke ein wirk­li­ches Op fer an die Sü­ße des Le­bens, die vor al­lem dar­in be­steht, nicht zu ster­ben.“(S. 39) Die­ses Füh­len aber sei Aus­druck des Hei­den­tums, denn wäh­rend Chris­ten für die To­ten be­ten, be­ten Hei­den an die To­ten. Und ge­nau des­we­gen ist es für die Kir­che schwer zu er­tra­gen, so Lé­vi-strauss. Und war­um wir al­le Kan­ni­ba­len sind, kann Lé­vi-strauss in dem Buch auch er­klä­ren. Das wird in die­ser Re­zen­si­on aber nicht vor­weg­ge­nom­men. So­zi­al­an­thro­po­lo­gie

Lé­vi-strauss, Clau­de: Wir sind al­le Kan­ni­ba­len. Berlin: Suhr­kamp, 2014. 250 S, €26,95 [D],

27,70 [A], sfr 28,85 ; ISBN 978-3-518.58613-6

Das Ka­pi­tal im 21. Jahr­hun­dert

Tho­mas Pi­ket­tys Buch „Das Ka­pi­tal im 21. Jahr­hun­dert“ist ei­nes der ein­fluss­reichs­ten Wer­ke der Ge­gen­wart. Pi­ket­ty the­ma­ti­siert dar­in die Ent­wick­lung der ka­pi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaft und legt den Fo­kus da­bei auf das The­ma der Un­gleich­heit. Der Au­tor zeich­net die Ent­wick­lung der Un­gleich­heit in der Ge­schich­te nach, wo­bei er sich da­bei auf die letz­ten 200 Jah­re kon­zen­triert. Sein be­son­de­res In­ter­es­se gilt den Jah­ren nach 1955. Für die Zeit vor die­sem Jahr greift er vor al­lem auf die Ar­beit von Simon Kuz­net zu­rück, der da­mals den Rück­gang der Un­gleich­heit pos­tu­lier­te. Pi­ket­ty er­klärt, dass er die Zeit­rei­hen Kuz­nets fort schreibt und ih­nen an­de­re Da­ten zur Sei­te stellt. Die­se Zeit­rei­hen führt er dann bis in die Ge­gen­wart her­auf. Da­bei kommt er zu dem Er­geb­nis, dass die Un­gleich­heit seit den 1970er-jah­ren wie­der deut­lich zu­nimmt.

Pi­ket­ty zeigt dies an­hand der Ent­wick­lung der Ein­kom­men und auch der Ver­mö­gen. Viel Platz ist in dem Buch der Fra­ge der Zu­läs­sig­keit von Da­ten ge­wid­met. Be­son­ders schwie­rig zu er­fas­sen sind Ver­mö­gens­da­ten. Pi­ket­ty lei­tet die­se un­ter an­de­rem aus Steu­er­ein­nah­men ab.

Die Zu­nah­me der Un­gleich­heit be­grün­det der an der Pa­ris School of Eco­no­mics leh­ren­de Au­tor mit dem Phä­no­men, dass die Ka­pi­tal­ren­ta­bi­li­tät hö­her

ist als das Wirt­schafts­wachs­tum. Dies wird in der For­mel r > g aus­ge­drückt. Wenn Ka­pi­tal sich schnel­ler ver­mehrt als die ge­sam­ten öko­no­misch er­fass­ten Wer­te der Ge­sell­schaft, so muss dies auf Kos­ten an­de­rer Wohl­stands­quel­len ge­hen.

Die­ses Phä­no­men r > g ist für Pi­ket­ty kein Na­tur­ge­setz, son­dern „im­mer ei­ne po­li­ti­sche, chao­tisch und un­vor­her­seh­ba­re Ge­schich­te“(S. 57). Die Po­li­tik schafft die Rah­men­be­din­gun­gen, Krie­ge sor­gen für Un­ter­bre­chun­gen, Zu­nah­me oder Ab­nah­me der Un­gleich­heit sind be­ein­fluss­ba­re Grö­ßen. Im Hin­ter­grund sieht Pi­ket­ty auch mög­li­che Trieb­kräf­te, die da­für sor­gen, dass Un­gleich­heit re­du­ziert wird. Dies sind für ihn vor al­lem die Ver­brei­tung von Wis­sen und Bil­dung. Da kann die Po­li­tik ein­grei­fen. Pi­ket­ty wirbt für ei­ne Be­steue­rung von Ka­pi­tal, um das aku­tu­ell ekla­tan­te Miss­ver­hält­nis zu bre­chen. Um dies zu er­rei­chen, sieht er die Not­wen­dig­keit ei­nes sehr ho­hen Ma­ßes an in­ter­na­tio­na­ler Ko­or­di­na­ti­on und re­gio­na­ler po­li­ti­scher In­te­gra­ti­on. Die­se Be­steue­rungs­lö­sun­gen lie­gen „nicht in der Reich­wei­te der Na­tio­nal­staa­ten, in de­ren Gren­zen frü­he­re so­zia­le Kom­pro­mis­se aus­ge­han­delt wur­den.“(S. 787) Die De­bat­te über Pi­ket­tys vo­lu­mi­nö­ses Buch ist fa­cet­ten­reich. Die wich­tigs­te Kri­tik kam von Chris Gi­les von der Fi­nan­ci­al Ti­mes. Er warf Pi­ket­ty vor, Feh­ler beim Über­tra­gen und bei der Aus­wahl von Da­ten ge­macht zu ha­ben. Wür­de man die­se Feh­ler kor­ri­gie­ren, so wä­re in ei­ner (re­le­van­ten) Ta­bel­le der An­stieg der Un­gleich­heit nicht mehr mess­bar. Pi­ket­ty wies die Kri­tik zu­rück und be­ton­te, dass das al­ter­na­ti­ve Da­ten­set eben­falls nicht der Weis­heit letz­ter Schluss sei, und es me­tho­di­sche Ar­gu­men­te für sei­ne Vor­gangs­wei­se gibt. Die New York Ti­mes zog nach ei­ni­ger Zeit Bi­lanz die­ser Aus­ein­an­der­set­zung: So­wohl die Ar­gu­men­te von Gi­les als auch von Pi­ket­ty sei­en re­spek­ta­bel. Grund­sätz­lich aber ist fest­zu­hal­ten, dass die­se Kon­tro­ver­sen das zen­tra­le Ar­gu­ment Pi­ket­tys oder gar das Fun­da­ment sei­ner The­se nicht er­schüt­tern kön­nen. Ka­pi­ta­lis­mus­kri­tik

Pi­ket­ty, Tho­mas. Das Ka­pi­tal im 21. Jahr­hun­dert. München. C.H. Beck. 811 S., € 30,80 [D], 31,70 [A], sfr 33,ISBN 978-3-406-67131-9

„Der Na­tio­nal­staat bleibt die rich­ti­ge Ebe­ne für ei­ne grund­le­gen­de Mo­der­ni­sie­rung zahl­rei­cher so­zi­al- und steu­er­po­li­ti­scher Maß­nah­men und in ge­wis­sem Ma­ße auch für die Ent­fal­tung neu­er For­men der go­ver­nan­ce wie neu­er in­ter­me­diä­rer, zwi­schen Staats­ei­gen­tum und Pri­vat­ei­gen­tum lie­gen­der For­men ge­teil­ten Ei­gen­tums (...).“(Tho­mas Pi­ket­ty in , S. 788)

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