Die Deutsch­land-il­lu­si­on

Ein Hort der Sta­bi­li­tät in ei­nem kri­sen­ge­schüt­tel­ten Eu­ro­pa, stol­zer Ex­port­welt­meis­ter um­ge­ben von schwa­chen Nach­barn, Ga­rant für die Um­set­zung der eu­ro­päi­schen Aus­te­ri­täts­po­li­tik, so lau­ten die oft vor­ge­tra­ge­nen Lo­bes­hym­nen auf Deutsch­land. Das Land mit

ProZukunft - - Inhalt -

Wie es aus­sieht, ist Deutsch­land weit­ge­hend oh­ne Schram­men durch die Fi­nanz­kri­se ge­kom­men. Ent­spre­chend laut tö­nen oft die Lo­bes­hym­nen auf das Land mit Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel an der Spit­ze. Trügt der Ein­druck? Al­f­red Auer hat sich ei­ni­ge kri­ti­sche öko­no­mi­sche und po­li­ti­sche Ein­schät­zun­gen an­ge­se­he­hen.

Din­ge, die nichts kos­ten

Ei­nen ganz an­de­ren Zu­gang wählt die Volks­wir­tin Andrea Ti­chy in ih­rem Buch mit dem pro­vo­kan­ten Ti­tel „Die bes­ten Din­ge kos­ten nichts“. Die Au­to­rin ver­neint kei­nes­wegs die Not­wen­dig­keit ei­ner ma­te­ri­el­len Ba­sis, die in mo­der­nen Öko­no­mi­en in ar­beits­tei­li­ger Wei­se ge­schaf­fen wird. Doch Le­bens­qua­li­tät auf den Er­werb von Gü­tern und Be­sitz zu re­du­zie­ren, füh­re in die Ir­re, so Ti­chy, die dies an mitt­ler­wei­le ja zahl­reich ver­füg­ba­ren Stu­di­en be­legt. Sie­ben Din­ge bzw. Ver­hal­tens­wei­sen führt Ti­chy aus, „die uns ge­sün­der, glück­li­cher und ge­las­se­ner ma­chen“: „Son­ne tan­ken“, „Zu Fuß ge­hen“, „Fas­ten“, „Le­ben­di­ges Was­ser trin­ken“, „Wild­pflan­zen sam­meln“, „Ge­mein­schaft le­ben“so­wie – ja, Sie le­sen rich­tig – „Pfle­gen statt Put­zen“. Die Auf­zäh­lung mag für man­chen wie die An­samm­lung eso­te­ri­scher Rat­schlä­ge klin­gen. Die Au­to­rin geht die Sa­che je­doch mit viel Sach­ver­stand, al­tem und neu­em Wis­sen über Ge­sund­heit und Vi­ta­li­tät, gar­niert mit zahl­rei­chen Be­fun­den aus ein­schlä­gi­gen Stu­di­en an. Sie ver­mit­telt so Er­kennt­nis­se über die ge­sund­er­hal­ten­de Wir­kung von Na­tur und Son­nen­licht, be­wuss­ter Er­näh­rung so­wie so­zia­ler Kon­tak­te. Dass selbst Auf­räu­men zur „Ener­gie­quel­le“wer­den kann, ar­gu­men­tiert die Au to­rin wie folgt: Ent­rüm­peln wir­ke be­frei­end, kör­per­li­che Ar­beit hel­fe Ka­lo­ri­en ab­zu­bau­en und selbst Schmutz zu be­sei­ti­gen, bie­te ein Übungs­feld „für Ge­duld, Rhyth­mus, Acht­sam­keit und Durch­hal­te­kraft“(S. 5).

Das Buch stellt nicht den An­spruch, ei­ne al­ter­na­ti­ve Wirt­schafts­wei­se zu ent­wi­ckeln, es gibt aber wert­vol­le prak­ti­sche Hin­wei­se, wie je­de(r) sich ein Stück weit dem Kon­sum­zwang der ge­gen­wär­ti­gen Öko­no­mie ent­zie­hen und da­mit auf de­ren Ve­rän­de­rung zu­rück­wir­ken kann. So ver­steht die Au­to­rin ihr schön ge­stal­te­tes Buch als ei­ne Art „Ge­gen­ma­ni­fest zum über­bor­den­den Kon­sum von Wa­ren und Kom­mu­ni­ka­ti­on“(S. 11), was ihr her­vor­ra­gend ge­lun­gen ist. H. H. Le­bens­stil: Öko­no­mie

Ti­chy, Andrea: Die bes­ten Din­ge kos­ten nichts. Sie­ben wirk­sa­me Ver­hal­tens­wei­sen, die uns ge­sün­der, glück­li­cher und ge­las­se­ner ma­chen. Frankfurt/m.: Qu­ell Verl., 2014. 184 S., €17,90 [D],

18,20 [A], sfr 25,- ; ISBN 978-3-9815402-4-6

Al­ter­na­tiv­los

Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel hat 2010 den Spar­kurs und ein wei­te­res Hilfs­pa­ket für Grie­chen­land als „al­ter­na­tiv­los“be­zeich­net und da­mit das „Un­wort des Jah­res“ge­prägt. Die aus­lo­ben­de Ju­ry merk­te da­mals kri­tisch an, dass da­mit „die Po­li­tik­ver­dros­sen­heit in der Be­völ­ke­rung“ver­stärkt wür­de (vgl. S. 8). Da­ni­el Dett­ling stellt in „The Eu­ro­pean on­li­ne“(v. 4.11.2014 www.the­eu­ro­pean.de/ da­ni­el­dett­ling/9193-kurb­ju­weit-die-deut­schen-und-da­sen­de-der-po­li­tik) die Fra­ge, ob nicht auch die Po­li­ti­ker „al­ter­na­tiv­los“sei­en, „die per­fekt zu ei­nem Land pas­sen und die Stim­mung der Bür­ger am bes­ten tref­fen? Wa­ren, so be­trach­tet, nicht auch Kon­rad Ade­nau­er, Wil­ly Brand und Hel­mut Kohl al­ter­na­tiv­los?“ Und ist nicht auch Frau Mer­kel für Deutsch­land in die­sem Sin­ne „al­ter­na­tiv­los“? Ant­wor­ten dar­auf sucht Spie­gel-re­dak­teur Dirk Kurb­ju­weit in sei­ner ak­tu­el­len Ana­ly­se. Er will die Ei­gen­tüm­lich­kei­ten und auch die Tra­di­tio­nen be­schrei­ben, in de­nen An­ge­la Mer­kel steht oder mit de­nen sie bricht. Ve­he­ment kri­ti­siert er die „Kraft der Un­auf­fäl­lig­keit“, ih­re po­li­ti­sche Kon­troll­kul­tur, ih­ren küh­len Na­tio­na­lis­mus und ih­re Stra­te­gie der Scho­nung. In die­sem Zu­sam­men­hang in­ter­es­siert auch, wie Deutsch­land in der Welt wahr­ge­nom­men wird und wie es um die deut­sche Au­ßen­po­li­tik be­stellt ist (ex­em­pla­risch dar­ge­stellt am Bun­des­wehr-ein­satz in Af­gha­nis­tan). Ei­nen „Gip­fel der Selbst­scho­nung” – als De­sas­ter der Di­plo­ma­tie – nennt der Au­tor die Stimm­ent­hal­tung im UN-SI-

cher­heits­rat bei der Ab­stim­mung über ei­nen Krieg ge­gen Gad­da­fi und die da­mit ver­bun­de­ne Iso­lie­rung im Kreis der Ver­bün­de­ten. Cha­rak­te­ris­tisch ist für Kurb­ju­weit aber v. a. die Kon­trol­le der Spra­che. Jour­na­lis­ten ge­hen „mit ei­ner mi­ni­ma­len Hoff­nung ins Kanz­ler­amt, dass sie et­was Un­ge­wöhn­li­ches sa­gen oder we­nigs­tens grif­fig for­mu­lie­ren wird. Al­le wis­sen, dass sie höchst­wahr­schein­lich ent­täuscht wer­den. So ist es dann auch.“(S. 77) Die Stu­fe des Ent­set­zens er­reicht sei­nen Hö­he­punkt, wenn man merkt, dass das über­ar­bei­te­te In­ter­view noch öder wirkt als das Ge­spräch im Bü­ro der Kanz­le­rin.

Kurb­ju­weit be­schäf­tigt sich seit Jah­ren mit der Bun­des­kanz­le­rin und be­reits vor fünf Jah­ren ist sein Buch „An­ge­la Mer­kel. Die Kanz­le­rin für al­le“er­schie­nen. Er ar­bei­tet sich aber nicht nur an Frau Mer­kel ab, son­dern ana­ly­siert dar­über hin­aus auch die ge­gen­wär­ti­ge deut­sche Po­li­tik im All­ge­mei­nen, die er als in­halts­leer und kon­for­mis­tisch be­zeich­net. Und auch der oben be­reits zi­tier­te Da­ni­el Dett­ling meint, dass die Deut­schen die von Mer­kel aus­ge­hen­de Lan­ge­wei­le zu lie­ben schei­nen. Ge­ra­de ei­ne gro­ße Ko­ali­ti­on bö­te, so Dett­ling, die Chan­ce schwie­ri­ge Re­for­men an­zu­ge­hen und um­zu­set­zen. Da­von sei aber nichts zu mer­ken.

An­ge­spro­chen wird auch das The­ma „Po­li­ti­sche Par­ti­zi­pa­ti­on“. Al­ler­dings in­ter­es­sie­ren die gro­ßen The­men von einst wie Krieg und Frie­den, So­zia­le Ge­rech­tig­keit und Bür­ger­rech­te (in Zei­ten von NSA) so­wie Um­welt und Na­tur nicht mehr son­der­lich, so Kurb­ju­weit. „Es gibt kei­ne Stim­mung für ei­ne Re­vo­lu­ti­on, ob­wohl die Welt sel­ten so un­ge­recht war wie in den ver­gan­ge­nen Jah­ren.“(S. 231) Im Ge­gen­satz zu den Wut­bür­gern von heu­te woll­ten die Be­we­gun­gen ge­gen Nach­rüs­tung und Atom­kraft in den 80er-jah­ren nicht nur et­was ver­hin­dern, son­dern auch „ei­ne Ge­sell­schaft des fried­li­chen Mit­ein­an­ders, der um­welt­scho­nen­den Le­bens­wei­se, der tief­grei­fen­den Ge­rech­tig­keit und an­nä­hern­den Gleich­heit“(S. 248). Die Wut­bür­ger­be­we­gung heu­te hält der Au­tor für ein Pro­jekt der Selbst­scho­nung und sieht sie im Ein­klang mit der „Scho­nungs­po­li­tik“Mer­kels. Sie sorgt bun­des­weit da­für, dass sich nicht all­zu viel än­dert. Die Wut­bür­ger über­neh­men le­dig­lich auf lo­ka­ler Ebe­ne die Par­ti­zi­pa­ti­ons­er­war­tun­gen. Pro­ble­ma­tisch wür­den die­se, so Kur­ju­weit, im­mer dann, wenn sich ein klei­ner Teil des Vol­kes ge­gen die Ent­schei­dung ei­nes grö­ße­ren Teils wehrt wie im Fal­le von „Stuttgart 21“(vgl. S. 274).

Ab­schlie­ßend legt der Au­tor in ei­nem Zwölf-punk­te-plan sein Kon­zept ei­ner trag­fä­hi­gen Po­li­tik dar. Die Stich­wor­te da­zu lau­ten: Ein­füh­rung ei­nes Mehr­heits­wahl­rechts, län­ge­re Le­gis­la­tur­pe­ri­oden, kür­ze­re Kanz­ler­schaf­ten, ei­ne Kon­zen­tra­ti­on der Wah­len, we­ni­ger Bun­des­län­der, Bil­dungs­po­li­tik als Bun­des­auf­ga­be, Ein­füh­rung ei­ner Bür­ger­ver­si­che rung, Stär­kung des Ple­bis­zits, Schaf­fung ei­ner ge­mein­sa­men Eu­ro­päi­schen Fi­nanz-, Wirt­schafts- und Ver­tei­di­gungs­po­li­tik. Frau Mer­kel soll­te, so der leicht iro­ni­sche Nach­satz, die nächs­te Prä­si­den­tin des Eu­ro­päi­schen Ra­tes wer­den. Spä­tes­tens dann wird es ei­ne „Al­ter­na­ti­ve“für die Kanz­ler­schaft in Deutsch­land brau­chen. Po­li­tik: Deutsch­land

23 Kurb­ju­weit, Dirk: Al­ter­na­tiv­los. Mer­kel, die Deut­schen und das En­de der Po­li­tik. München: Han­ser, 2014. 287 S., €19,90 [D], 20,50 [A], sfr 21,30

ISBN 978-3-446-24620-1 Die Deutsch­land-bla­se Das Mo­dell Deutsch­land sei rich­tungs­wei­send für ganz Eu­ro­pa, heißt es im­mer wie­der. Nun ha­ben sich gleich zwei Au­to­ren auf­ge­macht, die­sen Nim­bus mehr oder we­ni­ger ins Wan­ken zu brin­gen. Der ers­te ist Olaf Ger­se­mann, Wirt­schafts­jour­na­list der WELT, der da­von aus­geht, dass das Aus für ei­ne gro­ße Wirt­schaft­na­ti­on [so sinn­ge­mäß der Un­ter­ti­tel sei­nes Bu­ches] dro­hen könn­te.

Im Fol­gen­den er­zählt uns der Au­tor, dass so­wohl die Po­li­tik als auch die tra­gen­den In­sti­tu­tio­nen im Land so­wie wei­te Tei­le der Be­völ­ke­rung durch den wirt­schaft­li­chen Auf­schwung trotz der Fi­nanz­kri­se blind ge­wor­den sei­en für die im­mer sicht­ba­rer wer­den­den Schwä­chen des Sys­tems. Ger­se­mann be­schäf­tigt sich in sei­ner Ana­ly­se we­der mit Ver­tei­lungs­fra­gen noch mit Ge­rech­tig­keits­lü­cken, son­dern sorgt sich um das lang­fris­ti­ge Wirt­schafts­wachs­tum, den In­dus­trie­stand­ort, den frei­en Han­del und den de­mo­gra­fi­schen Wan­del. Er plä­diert u. a. für ei­ne nied­ri­ge­re Ein­kom­men­steu­er, ei­nen schlan­ke­ren Staat und we­ni­ger Kün­di­gungs­schutz. Nach sei­ner An­sicht wird sich sehr viel än­dern müs­sen, da­mit man­ches so blei­ben kann, wie es ist. Es könn­te näm­lich sein, dass dem äl­ter und klei­ner wer­den­den Deutsch­land die Kräf­te nicht et­wa nur all­mäh­lich aus­ge­hen, son­dern plötz­lich (vgl. S. 260).

Zu­sam­men­fas­send lau­tet sein Fa­zit, dass Deutsch­lands ge­gen­wär­ti­ges wirt­schaft­li­ches und öko­no­mi­sches Po­ten­zi­al weit über­schätzt wird. Des­halb wen­det er den Be­griff der (Spe­ku­la­ti­ons-)bla­se auf die deut­sche Volks­wirt­schaft ins­ge­samt an. Sei­ne über­aus pes­si­mis­ti­sche Ein­schät­zung be­grün­det er mit zahl­rei­chen Zah­len und Fak­ten. „Vier Mil­lio­nen Ver­ges­se­ne“lau­tet die Über­schrift zum Ka­pi­tel über die Be­schäf­ti­gungs­schwä­che der deut­schen Wirt­schaft. Man müs­se, so Ger­se­mann, nicht drei, wie dies im­mer ge­sche­he, son­dern vier Mil­lio­nen Ar­beits­lo­se zäh-

len, denn ei­ne Mil­li­on wer­de von der BFA (Bun­des­agen­tur für Ar­beit) le­dig­lich als un­ter­be­schäf­tigt ge­zählt, und über­sieht da­bei, dass es 2005 noch knapp 5 Mil­lio­nen Ar­beits­lo­se gab. Ein wei­te­res The­ma ist die Wachs­tums­schwä­che: Zwi­schen 1993 und 2013 ge­hör­te Deutsch­land mit ei­ner durch­schnitt­li­chen Wachs­tums­ra­te von 1,29% nach An­ga­ben des IWF welt­weit zu den 12 wachs­tums­schwächs­ten Län­dern noch hin­ter Bu­run­di und Ton­ga. Ger­se­mann warnt ins­be­son­de­re da­vor, sich mit ei­nem schwa­chen Wachs­tum oder gar „Null­wachs­tum“ab­zu­fin­den, denn ei­ne „Kul­tur des We­ni­ger“sei kei­nes­wegs zu emp­feh­len. Das wür­de un­ser So­zi­al­sys­tem nicht ver­kraf­ten und schon gar nicht je­ne 17 Mil­lio­nen Men­schen in Deutsch­land, die in ei­nem Haus­halt mit ei­nem Net­to­ein­kom­men von we­ni­ger als 1.500 Eu­ro pro Mo­nat, 5 Mil­lio­nen da­von mit we­ni­ger als 900 Eu­ro, le­ben.

Zu­dem lei­de die deut­sche Wirt­schaft an ei­ner fort­schrei­ten­den In­ves­ti­ti­ons­schwä­che. „Was hier durch­scheint, ist ein kon­trol­lier­ter Rück­bau: Im Vor­griff auf die Ver­grei­sung un­se­rer Ge­sell­schaft be­gin­nen un­se­re Un­ter­neh­men, ih­re Zel­te ab­zu­bau­en.“(S. 187) Zu al­lem Über­druss macht der Au­tor auch noch ei­ne ekla­tan­te Struk­tur­schwä­che aus. Die ho­hen Ex­port­über­schüs­se sei­en ein Ver­stoß ge­gen das Ge­bot des au­ßen­wirt­schaft­li­chen Gleich­ge­wichts und Fol­ge vor al­lem ei­ner in­ter­nen Ab­wer­tung durch über­mä­ßi­ge Lohn­zu­rück­hal­tung, die zu Las­ten der Bin­nen­nach­fra­ge ge­he. Ins­ge­samt zeich­net Ger­se­mann den Zu­stand und die Zu­kunft der deut­schen Wirt­schaft in düs­te­ren Far­ben. Wer al­ler­dings The­ra­pie­vor­schlä­ge er­war­tet, wird ent­täuscht, denn des Au­tors Ab­sicht ist es aus­schließ­lich, ei­ne Dia­gno­se zu er­stel­len (vgl. S. 265). Und er setzt, wie er­wähnt, auf ein drin­gend be­nö­tig­tes Wirt­schafts­wachs­tum nicht oh­ne Sei­ten­hieb auf die Be­stre­bun­gen zur Um ver­tei­lung. Am Schluss des Bu­ches ringt sich Ger­se­mann zu zehn Vor­schlä­gen durch, die sei­ner An­sicht nach so­fort in An­griff ge­nom­men wer­den müss­ten: 1. Ein­füh­rung ei­nes Kin­der­wahl­rechts 2. Trag­fä­hig­keits­ana­ly­sen für al­les 3. In­ves­ti­ti­ons­ge­bot für den Staat 4. Ener­gie­sub­ven­tio­nen in For­schung um­len­ken 5. We­ni­ger Be­ru­fe im dua­len Sys­tem (ver­wand­te Aus­bil­dungs­be­ru­fe zu­sam­men­le­gen, 300 Aus­bil­dungs­be­ru­fe re­du­zie­ren)

6. Frei­be­trä­ge für le­bens­lan­ges Ler­nen

7. Weg mit dem NC (Nu­me­rus clau­sus)

8. We­ni­ger Kün­di­gungs­schutz

9. Al­le Aka­de­mi­ker rein. Al­len Aus­län­der nach Stu­di­um ei­ne un­be­grenz­te Ar­beits- und Auf­ent­halts­er­laub­nis ge­ben.

10. Nied­ri­ge­re Ein­kom­mens­steu­er­sät­ze

Die­se 10-Punk­te-the­ra­pie wirkt un­ko­or­di­niert und bei­läu­fig; sie lädt eben­so zur Dis­kus­si­on ein wie die The­sen des Au­tors. Po­li­tik: Deutsch­land

24 Ger­se­mann, Olaf: Die Deutsch­land-bla­se. Das letz­te Hur­ra ei­ner gro­ßen Wirt­schafts­na­ti­on. München: DVA, 2014. 319 S., €19,99 [D], 20,60 [A], sfr 21,40 ISBN 9783421046574

Die Deutsch­land-il­lu­si­on

Auch der Prä­si­dent des Deut­schen In­sti­tuts für Wirt­schafts­for­schung und Po­li­tik­be­ra­ter (in­zwi­schen Chef­öko­nom der Bun­des­re­gie­rung) Mar­cel Fratz­scher ist da­von über­zeugt, dass es Deutsch­land viel schlech­ter geht als al­le den­ken. Ganz so düs­ter wie Ger­se­mann zeich­net er al­ler­dings nicht. Nach sei­nem Be­fund ist Deutsch­lands Wirt­schaft zwei­ge­teilt: Ei­ner­seits ist das Land so gut wie kein an­de­res in Eu­ro­pa durch die Fi­nan­zund Schul­den­kri­se ge­kom­men, an­de­rer­seits sei­en Ar­mut und Ver­mö­gensun­gleich­heit ge­stie­gen und die Chan­cen­gleich­heit ge­sun­ken. Das deut­sche Durch­schnitts­ver­mö­gen ist nicht nur nied­rig, es ist auch un­gleich ver­teilt. Deutsch­land hat die höchs­te Ver­mö­gensun­gleich­heit im Eu­ro-raum. Zu­dem hat Deutsch­land seit dem Jahr 2000 we­ni­ger Wachs­tum zu ver­zeich­nen als an­de­re eu­ro­päi­sche Staa­ten; zu­dem sei­en zwei von drei Ar­beit­neh­me­rin­nen heu­te schlech­ter ge­stellt als vor 15 Jah­ren.

Die zen­tra­le The­se des Bu­ches lau­tet, dass Deutsch­land drei Il­lu­sio­nen un­ter­liegt. Die ers­te ist die, dass die wirt­schaft­li­che Zu­kunft ge­si­chert sei. Die zwei­te liegt im Glau­ben, Deutsch­land brau­che Eu­ro­pa nicht und sei­ne wirt­schaft­li­che Zu­kunft lä­ge au­ßer­halb des Kon­ti­nents. Die drit­te ist die Vor­stel­lung, Eu­ro­pa sei nur auf Deutsch­lands Geld aus. Eu­ro­pa braucht ei­ne dy­na­mi­sche deut­sche Wirt­schaft, so Fratz­scher wei­ter, denn „in der Stär­ke der deut­schen Wirt­schaft liegt der Schlüs­sel für Eu­ro­pas lang­fris­ti­gen wirt­schaft­li­chen Er­folg“(S. 14f.). Als gro­ße Her­aus­for­de­run­gen sieht der Öko­nom zum ei­nen die er­folg­rei­che Voll­en­dung der Wäh­rungs­uni­on, zum an­de­ren ei­ne tie­fe­re wirt­schaft­li­che In­te­gra­ti­on, und nicht zu­letzt brau­che Eu­ro­pa ei­ne Neu­ord­nung sei­ner In­sti­tu­tio­nen im Sin­ne der Sub­si­dia­ri­tät.

Der Au­tor kri­ti­siert ei­ne kurz­fris­tig wir­ken­de Um­ver­tei­lung wie die Müt­ter­ren­te und die Ren­te mit 63 (Schät­zun­gen zu­fol­ge wird das mehr als zehn Mil­li­ar­den Eu­ro jähr­lich kos­ten, vgl. S. 64f.) und for­dert statt­des­sen ein „nach­hal­ti­ges Wachs­tum“(S. 220). Ins­ge­samt wünscht er sich ei­nen rich­ti­gen Mix aus Aus­ga­ben­und Steu­er­po­li­tik, „der die An­rei­ze für pri­va­te Ak­teu­re rich­tig setzt und gleich­zei­tig ei­ne sta­bi­li­sie­ren­de Wir­kung für die Wirt­schaft hat“(S. 68). Bei al­ler Kri­tik soll­ten wir nach An­sicht Fratz­schers aber drei gro­ße und wich­ti­ge wirt­schafts­po­li­ti­sche Er­fol­ge Deutsch­lands an­er­ken­nen: den Ab­bau der Ar­beits­lo­sig­keit, die ho­he Wett­be­werbs­fä­hig­keit der deut­schen Ex­port­sek­to­ren und die Kon­so­li­die­rung der

öf­fent­li­chen Haus­hal­te. Letz­te­re stel­le das Ver­trau­en der Fi­nanz­märk­te wie­der her und sor­ge für öf­fent­li­che In­ves­ti­tio­nen. Die Zah­len lie­fert der Au­tor gleich mit, wenn er vor­rech­net, dass die jähr­li­che In­ves­ti­ti­ons­lü­cke al­lein in Deutsch­land 3 Pro­zent der Wirt­schafts­leis­tung oder 80 Mil­li­ar­den Eu­ro be­trägt (S. 82). Schließ­lich spart Fratz­scher nicht mit The­ra­pie­vor­schlä­gen. Ei­ne lang­fris­ti­ge Chan­ce sieht er in der Ener­gie­wen­de. Wir dürf­ten „nicht igno­rie­ren, dass die Kli­ma­po­li­tik und die Ver­rin­ge­rung von Co2-emis­sio­nen ganz zen­tra­le Zie­le der Ener­gie­wen­de“(S. 97) sind. Ins­be­son­de­re gel­te es, den An­teil er­neu­er­ba­rer Ener­gi­en am Brut­to­end­ener­gie­ver­brauch bis 2050 auf 60 Pro­zent zu stei­gern, so­wie bis 2050 80 Pro­zent durch re­ge­ne­ra­ti­ver Strom­er­zeu­gung und die Ab­sen­kung des Pri­mär­ener­gie­ver­brauchs um 50 Pro­zent ge­gen­über 2008 zu er­rei­chen. Der In­ves­ti­ti­ons­be­darf in die­sem Be­reich ist al­so enorm und soll­te nach Fratz­scher haupt­säch­lich durch pri­va­te In­ves­ti­tio­nen be­werk­stel­ligt wer­den. In der an­hal­ten­den Nied­rig­zins­pha­se, in der An­le­ger nach Ren­di­te brin­gen­de An­la­gen su­chen, sieht er ei­ne ein­ma­li­ge Chan­ce.

Mit Blick auf Eu­ro­pa hält der Au­tor fest, Deutsch­land sei nicht Op­fer, son­dern Nutz­nie­ßer der Ez­bgeld­po­li­tik und dem­ent­spre­chend in der Ver­ant­wor­tung: „Deutsch­land kann und soll­te als Kon­junk­tur­lo­ko­mo­ti­ve hel­fen, die eu­ro­päi­sche Wirt­schaft an­zu­schie­ben und aus der Kri­se zu füh­ren.“(S. 221) U. a. schlägt Fratz­scher ei­ne eu­ro­päi­sche In­ves­ti­ti­ons­agen­da, ei­ne Eu­rou­ni­on mit ei­nem Eu­ro­ver­trag als Ba­sis für ei­ne Fis­kal­uni­on so­wie die Voll­en­dung der Ban­ken­uni­on vor. Die drin­gends­te Her­aus­for­de­rung sei, die po­li­ti­sche Kri­se Eu­ro­pas zu be­wäl­ti­gen und ei­ne kla­re Vi­si­on für die Zu­kunft zu ent­wi­ckeln. Man wird se­hen, ob das ge­lingt. Ers­ter Prüf­stein ist Grie­chen­land und die Ver­län­ge­rung des Hilfs­pro­gramms. Ins­ge­samt merkt man den Aus­sa­gen an, dass sie leicht kom­pa­ti­bel und an­schluss­fä­hig sind. Schließ­lich wür­de ein Po­li­tik­be­ra­ter mit mar­kan­te­ren Po­si­tio­nen sei­ne Auf­trag­ge­ber wohl eher ab­schre­cken. Po­li­tik: Deutsch­land

25 Fratz­scher, Mar­cel: Die Deutsch­land-il­lu­si­on. War­um wir un­se­re Wirt­schaft über­schät­zen und Eu­ro­pa brau­chen. München: Han­ser Verl.,. 250 S., €19,90 [D], 20,50 [A], sfr 21,30 ; ISBN 978-3-446-44034-0 Wei­te­re Ti­tel zum The­ma

Die neue Um­ver­tei­lung

Un­gleich­heit so­weit das Au­ge reicht, ge­or­tet u. a. bei den Bil­dungs­chan­cen, bei den Äl­te­ren, beim Ein­kom­men und Ver­mö­gen, bei Ge­sund­heit und Krank­heit, in der All­tags­welt so­wie zwi­schen Ost und West. Nein, nicht et­wa ir­gend­wo, son­dern hier in Deutsch­land. Wer all dies be­haup­tet und mit Fak­ten un­ter­legt: Hans-ul­rich Weh­ler , ei­ner der re­nom­mier­tes­ten deut­schen So­zi­al­his­to­ri­ker. Sei­ne Dia­gno­se ist er­nüch­ternd und scho­ckie­rend zugleich, denn die Kluft zwi­schen Arm und Reich wird im­mer grö­ßer, ob­wohl nach den Prin­zi­pi­en der so­zia­len Markt­wirt­schaft eben dies ver­hin­dert wer­den soll­te und ei­ne brei­te Streu­ung des Wohl­stands an­ge­strebt war. Trotz­dem wer­den die obers­ten fünf Pro­zent der So­zi­al­py­ra­mi­de enorm be­güns­tigt, wäh­rend die Le­bens­be­din­gun­gen und Ein­kom­men der Mit­tel­schicht und erst recht der Un­ter­schich­ten sta­gnie­ren oder sich ver­schlech­tern. Es sei nach Ein­schät­zung Weh­lers „nur dem ho­hen Wohl­stands­ni­veau und der Ef­fek­ti­vi­tät der deut­schen so­zi­al­staat­li­chen Leis­tun­gen zu ver­dan­ken, dass sich die Ver­tei­lungs­kon­flik­te noch nicht schär­fer zu­ge­spitzt ha­ben“(S. 168).

In der De­bat­te um as­tro­no­mi­sche Ma­na­ger­ge­häl­ter und stei­gen­de Ar­mut kommt der Fra­ge nach der so­zia­len Ge­rech­tig­keit ei­ne neue Dring­lich­keit zu. Je­doch sei­en, so der Be­fund des Au­tors, „in je­der hoch­dif­fe­ren­zier­ten west­li­chen Ge­sell­schaft, wie sie auch die Bun­des­re­pu­blik ver­kör­pert, die funk­tio­na­len Un­ter­schie­de nicht auf­heb­bar, zu­mal sie durch Un­ter­schie­de der Be­ga­bung, des Zu­falls der be­güns­ti­gen­den Her­kunft, der Leis­tungs­fä­hig­keit, der Aus­stat­tung mit so­zia­lem und kul­tu­rel­lem Ka­pi­tal ver­tieft wer­den“. Als ein­zi­ge Lö­sung sieht Weh­ler die Ab­mil­de­rung ei­ner all­zu krass aus­ge­präg­ten Hier­ar­chie. „Denn auf die Mo­bi­li­sie­rungs­dy­na­mik, wel­che die un­ver­zicht­ba­re ge­sell­schaft­li­che Dif­fe­ren­zie­rung vor­an­treibt und auf­recht­er­hält, kann der prag­ma­tisch klug han­deln­de In­ter­ven­ti­ons­und So­zi­al­staat nicht ver­zich­ten.“(S. 169). So­zia­le Un­gleich­heit: Deutsch­land

26 Weh­ler, Hans-ul­rich: Die neue Um­ver­tei­lung. So­zia­le Un­gleich­heit in Deutsch­land. München: C.H. Beck, 2013. 191 S., €14,95 [D], 15,40 [A], sfr 16,ISBN 978-3-406-64386-6

Volk oh­ne Mit­te

In den hier vor­ge­leg­ten Es­says schreibt der viel­fach aus­ge­zeich­ne­te His­to­ri­ker Götzaly über die Deut­schen und ih­re Ver­gan­gen­heit. Ins­be­son­de­re zeigt er, wie nach 1945 der al­te Geist in Ver­bin­dung mit Kar­rie­ris­mus die Er­for­schung der Ver­gan­gen­heit be­hin­der­te. Bei­spiel­haft be­rich­tet er vom „Ge­dächt­nis­schwund deut­scher Hirn­for­scher“, von der heil­sa­men Wir­kung des Kal­ten Krie­ges und er zeigt, wie die Staats­kas­se und da­mit al­le Deut­schen von dem „bei­spiel­lo­sen Raub­zug in Eu­ro­pa“(vgl. S. 85) pro­fi­tier­ten. Ge­schich­te: Deutsch­land

Aly, Götz: Volk oh­ne Mit­te. Die Deut­schen zwi­schen Frei­heits­angst und Kol­lek­ti­vis­mus. Frankfurt/m.: S. Fi­scher, 2015. 265 S.,

€21,99 [D], 22,70 [A], sfr 23,60

ISBN 978-3-10-000427-7

„Wenn ei­ne deut­sche Kanz­le­rin den Eu-part­nern an­kün­digt, sie wer­de ‘Al­les dar­an­set­zen, dass (…) an­de­re Län­der dem (deut­schen) Bei­spiel’ in der be­ruf­li­chen Bil­dung fol­gen (…), dann soll­ten un­se­re Nach­barn das bes­ser als das be­grei­fen, was es in...

„Po­li­tik heißt in Be­zug auf die drei Zeit­zo­nen: Un­ter dem Ein­druck der Ver­gan­gen­heit in der Ge­gen­wart so han­deln, dass die Zu­kunft gut wird. Das heißt, dass die Zu­kunft die wich­tigs­te Zeit­zo­ne der Po­li­tik sein müss­te, das Ziel al­len Han­delns.“(Dirk...

„Wir Deut­schen kon­zen­trie­ren uns ger­ne auf un­se­re Er­fol­ge und Stär­ken – und igno­rie­ren da­bei die Miss­er­fol­ge und die Men­schen, die nicht an die­sen Er­fol­gen teil­ha­ben, auch im ei­ge­nen Land.“(Mar­cel Fratz­scher in , S. 16) „Ein star­kes Wirt­schafts­wachs­tum...

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