Auf dem Weg in die re­duk­ti­ve Mo­der­ne

Der Be­lie­big­keit der Post­mo­der­ne, der es al­lein dar­um ging, al­le Ge­wiss­hei­ten der Mo­der­ne zu hin­ter­fra­gen, stell­te der kürz­lich ver­stor­be­ne So­zio­lo­ge Ul­rich Beck ei­ne „re­fle­xi­ve Mo­der­ne“ent­ge­gen. Die­se wür­de die Er­run­gen­schaf­ten der Mo­der­ne zwar wür­di­gen,

ProZukunft - - Inhalt -

Der Be­lie­big­keit der Post­mo­der­ne stell­te der kürz­lich ver­stor­be­ne So­zio­lo­ge Ul rich Beck ei­ne „re­fle­xi­ve Mo­der­ne“ent­ge­gen. Sein Kol­le­ge Ha­rald Wel­zer spricht nun von ei­ner „re­duk­ti­ven Mo­der­ne“. Wie die­se aus­se­hen könn­te ist The­ma der von Hans Holzin­ger vor­ge­stell­ten Pu­bli­ka­tio­nen.

Der neue Tu­gend­ter­ror

Zu gu­ter Letzt sei in die­sem Ka­pi­tel ei­ne Ab­hand­lung der be­son­de­ren Art kurz be­spro­chen. Thi­lo Sar­ra­zins „Der neue Tu­gend­ter­ror“, ge­star­tet in ei­ner 100.000er-auf­la­ge, ist in ers­ter Li­nie ei­ne Re­zep­ti­ons­ge­schich­te der so­ge­nann­ten Sar­ra­zin-de­bat­te rund um das Pam­phlet „Deutsch­land schafft sich ab“. Es wur­de da­mals breit re­zen­siert und of­fen­bar fühl­te sich der Au­tor zu­meist miss­ver­stan­den. Die Me­di­en nimmt er da­bei be­son­ders ins Vi­sier, weil sie viel Fal­sches vor al­lem über ihn und sei­ne The­men be­rich­te­ten. Er ar­gu­men­tiert, dass in Deutsch­land das Re­de­recht be­schränkt wer­de. Im Prin­zip geht er da­von aus, dass sich die „po­li­ti­sche Klas­se“und die „Me­di­en­klas­se“zu­sam­men­ge­tan hät­ten und sich an dem Spiel be­tei­li­gen, „un­ge­lieb­te stö­ren­de Tat­sa­chen in blo­ße Mei­nun­gen und - um­ge­kehrt - er­wünsch­te Mei­nun­gen in an­geb­li­che Tat­sa­chen um­zu­wan­deln“(S. 28). Sei­ne Ana­ly­se der „Po­li­ti­cal Cor­rect­ness“als trans­na­tio­na­les Phä­no­men des Abend­lan­des, „wel­ches zu­min­dest in Eu­ro­pa eher von der lin­ken Ecke des po­li­ti­schen Mei­nungs­spek­trums ge­prägt wird“(S. 35), zielt da­bei wohl eher auf ei­ne von ihm ge­mein­te an­de­re Kor­rekt­heit. Andre­as Kem­per, der ei­ne kri­ti­sche Re­plik auf das Buch ver­fasst hat, meint et­wa auf den „Nach­denk­sei­ten“, dass Sar­ra­zin „den po­li­ti­schen Wer­te­kon­sens un­se­rer Ge­sell­schaft als spieß­bür­ger­li­che Mei­nungs­zen­sur zu ver­leum­den ver­sucht“, um die Durch­set­zung des „wirk­lich Kor­rek­ten“vor­an­zu­trei­ben (vgl. www.nach­denk­sei­ten.de/?p=20866). Wei­te­re Ka­pi­tel be­schäf­ti­gen sich mit Ele­men­ten der Mei­nungs­frei­heit (mit Aus­füh­run­gen u. a. zu Nic­co­lo Ma­chia­vel­li und Al­exis de Toc­que­vil­le), mit der Spra­che des Tu­gend­ter­rors und mit ge­schlech­ter­ge­rech­ter Spra­che. Sei­ne Kern­bot­schaft stellt Thi lo Sar­ra­zin in „Vier­zehn Axio­me des Tu­gend­wahns im Deutsch­land der Ge­gen­wart“dar. Dar­in fin­det man sei­ne is­lam­kri­ti­schen The­sen eben­so wie je­ne zur Ver­er­bung von In­tel­li­genz wie­der. Gr­und­aus­sa­ge ist die Kri­tik an ei­nem ver­meint­lich links­li­be­ra­len Gut­men­schen­tum, das auf mo­ra­lisch kor­rek­te Ge­sin­nung an­statt auf Fak­ten set­ze und ei­nem „Gleich­heits­wahn“an­hän­ge.

Dem Re­zen­sen­ten der Süd­deut­schen Zei­tung (25.2.2014) fehlt bei Sar­ra­zin die Ein­sicht, dass sich nicht al­les um ihn dreht. Die Frank­fur­ter Rund schau hält es für zu­min­dest ge­wagt, dass Sar­ra­zin die schar­fe Ab­leh­nung sei­ner bio­lo­gis­ti­schen The­sen zur Zu­wan­de­rung auf Tu­gend­ter­ror und Me­di­e­no­lig­ar­chie zu­rück­führt.

Man muss Sar­ra­zins Buch nicht le­sen. Wer sich den noch dar­an macht, er­hält viel Dis­kus­si­ons­stoff und ei­nen Ein­blick in die li­be­ral-kon­ser­va­ti­ve Ge­dan­ken­welt ei­nes Au­tors, dem es vor al­lem auch dar­um geht, sich selbst zum The­ma zu ma­chen. Mei­nungs­frei­heit: Deutsch­land

28 Sar­ra­zin, Thi­lo: Der neue Tu­gend­ter­ror. Über die Gren­zen der Mei­nungs­frei­heit in Deutsch­land. München: DVA, 2014. 396 S.,

€22,99 [D], 23,70 [A], sfr 24,50

ISBN 978-3-421-04617-8

Trans­for­ma­ti­ons­de­sign

Ha­rald Wel­zer plä­diert seit vie­len Jah­ren für „Mo del­le des Wan­dels“, die – mehr als abs­trak­te Be­wusst­seins­bil­dung – zur Ein­lei­tung der not­wen­di­gen Ve­rän­de­run­gen füh­ren wür­den. Ge­mein­sam mit Bernd Som­mer hat er nun das Buch „Trans­for­ma­ti­ons­de­sign“ver­fasst, das für ei­nen neu­en Fort­schritts­dis­kurs im Sin­ne ei­ner „re­duk­ti­ven Mo­der­ne“wirbt. In die­ser ge­he es nicht mehr (nur) dar­um, durch In­no­va­tio­nen im­mer mehr Neu­es in die Welt zu brin­gen, son­dern durch „Re­no­va­ti­on“Be­ste­hen­des län­ger zu nut­zen (Re­no­vie­ren von Ge­bäu­den und In­fra­struk­tu­ren, Re­pa­rie­ren von Ge­gen­stän­den) und durch „Ex­no­va­ti­on“als kon­tra­pro­duk­tiv er­kann­te Din­ge bzw. Prak­ti­ken (wie Au­to­mo­bi­li­tät) zu über­win­den. Die Au­to­ren – Ha­rald Wel­zer ist Grün­dungs­di­rek­tor der Stif­tung FUTUR ZWEI (s. PZ 2014/4) und Pro­fes sor für Trans­for­ma­ti­ons­de­sign an der Eu­ro­pa-uni­ver­si­tät Flensburg, Som­mer ist Nach­hal­tig­keits ex­per­te am Flens­bur­ger Nor­bert Eli­as Cen­ter – ent wer­fen das Sze­na­rio ei­ner Zi­vi­li­sa­ti­on, die Ernst macht mit der dras­ti­schen Re­duk­ti­on des Na­tur­ver­brauchs. Das 21. Jahr­hun­dert wer­de in je­dem Fall zu dra­ma­ti­schen Ve­rän­de­run­gen füh­ren, die

Fra­ge sei nur, ob die­se be­wusst ge­steu­ert oder chao­tisch ab­lau­fen wer­den, so die Aus­gangs­the­se der bei­den: „Trans­for­ma­ti­on by de­sign or by de­sas­ter“, dies sei die ein­zi­ge Ent­schei­dungs­al­ter­na­ti­ve.

In der Ab­hand­lung wer­den zu­nächst gro­ße Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­se in der Ge­schich­te (Neo­li­thi­sche und In­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on, Über­win­dung der Skla­ve­rei, Frau­en- und Gleich­stel­lungs­bewe gun­gen) ge­wür­digt, in der Fol­ge vor­herr­schen­de Trans­for­ma­ti­ons­vi­sio­nen („Gre­en Busi­ness as usu­al“) kri­tisch be­leuch­tet und da­bei auch Kon­flik­te und Macht­ver­schie­bun­gen auf­ge­zeigt, die im Zu­ge von Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­sen im­mer auf­tre­ten. Die ab­schlie­ßen­den Ka­pi­tel wid­men sich der Pra­xis der Trans­for­ma­ti­on, al­so der „Gestal­tung von Re­duk­ti­on“so­wie der „so­zia­len Or­ga­ni­sa­ti­on des We­ni­ger“. Da­bei ge­he es we­ni­ger um ei­nen Sys­tem­wech­sel in to­to, „son­dern viel­mehr um Schrump­fung oder Ab­schaf­fung nicht­zu­kunfts­fä­hi­ger Teil­be­rei­che der Ge­sell­schaft ge ra­de mit dem Ziel, an­de­re zu be­wah­ren“(S. 51). Doch die bis­he­ri­ge Nach­hal­tig­keits­de­bat­te re­kur­rie­re vor­nehm­lich auf Ein­zel­prak­ti­ken bzw. tech­no­lo­gi­sche Ve­rän­de­run­gen und adres­sie­re nicht die Pro­duk­ti­ons- und Re­pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­se ins­ge­samt.

Ein­übung des We­glas­sens

Trans­for­ma­ti­ons­de­sign stre­be nach dem „kleinst­mög­li­chen Auf­wand“, so Wel­zer und Som­mer, was häu­fig er­for­de­re, nicht ein­fach Ant­wor­ten auf be­ste­hen­de Fra­gen zu fin­den, son­dern die­se an­ders zu stel­len: „So könn­te die Ant­wort auf die Fra­ge nach der best­mög­li­chen ge­stal­te­ri­schen Lö­sung für ei­ne Platz­ge­stal­tung sein: Man lässt ihn, wie er ist. Oder die Ant­wort auf die best­mög­li­che Rei­se­ver­bin­dung: zu Hau­se blei­ben.“(S. 114) Wäh­rend die ex­pan­si­ve Kul­tur der kon­su­mis­ti­schen Mo­der­ne auf die be­stän­di­ge Ver­meh­rung der Pro­duk­te und An­ge­bo­te zielt, be­deu­te die De­fi­ni­ti­on des gu­ten Le­bens in ei­ner re­duk­ti­ven Kul­tur das Ge­gen­teil. Ein­rich­tun­gen wie Re­pair-ca­fes wür­den in die­sem Sin­ne wir­ken (falls die Pro­duk­te re­pa­rier­fä­hig sind), Mo­del­le wie Open Sour­ce et­wa durch 3D-dru­cker nicht un­be­dingt, da sie eben der Mehr­pro­duk­ti­on ver­haf­tet blie­ben, so ein Bei­spiel der bei­den.

Vier Hal­tun­gen be­nen­nen Wel­zer/som­mer für ei­ne re­duk­ti­ve Mo­der­ne (S. 172ff): In­ne­hal­ten (als „Stra­te­gie des Ori­en­tie­rungs­ge­winns“), Auf­hö­ren (als „mo­ra­to­ri­sche Stra­te­gie“zum Aus­stieg aus der Ab­fol­ge­lo­gik von Pro­blem und Lö­sung, et­wa im Kon­text des „An­sprin­gens“der Wirt­schaft nach der Fi­nanz­kri­se), Zu­rück­ge­hen (im Sin­ne von Ge­sell­schafts- und Ver­ge­mein­schaf­tungs­for­men, die be­deu­tend we­ni­ger Mo­bi­li­tät er­for­dern) so­wie schließ­lich An­kom­men (im Sin­ne des Er­hal­tens zi­vi­li­sa­to­ri­scher Stan­dards in den Be­rei­chen Frei­heit, so­zia­le Ab­si­che­rung, Ge­sund­heit, Bil­dung oder Rechts­staat­lich­keit). Die Au­to­ren plä­die­ren für ei­ne „Au­to­poe­tik des ers­ten Schrit­tes, des Schon-mal-an­fan­ges“(S. 178), denn je mehr „Pfad­wech­sel­schrit­te“es gä­be, des­to wahr­schein­li­cher wür­de de­ren At­trak­ti­vi­tät und Mehr heits­fä­hig­keit. „Das Bes­se­re set­ze sich da­bei dann durch, wenn die Kon­flik­te, die mit sei­ner Durch­set­zung ver­bun­den sind, er­folg­reich aus­ge­tra­gen wer­den, und wenn „es sich in die Pro­duk­ti­ons- und Re­pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­se tie­fen­wirk­sam ein­schreibt“(S. 179). Als vor­bild­haf­te Be­we­gun­gen wer­den ab­schlie­ßend die „Tran­si­ti­on Towns“, die Initia­ti­ve des „Di­vest­ment“des ame­ri­ka­ni­schen Um­welt­ak­ti­vis­ten Bill Mc Kib­ben, der er­folg­reich da­zu auf­ruft, In­vest­ments aus nicht-nach­hal­ti­gen Un­ter­neh­men her­aus­zu­neh­men, die Ge­mein­woh­löko­no­mie (von Chris­ti­an Fel­ber), Initia­ti­ven für Ar­beits­zeit­ver­kür­zung und ein Be­din­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men so­wie die Pro­jek­te der Com­mons und der Post­wachs­tums­öko­no­mie (à la Ni­ko Pa­ech) vor­ge­stellt.

Ein klu­ges Buch mit wert­vol­len An­re­gun­gen für die Nach­hal­tig­keits­de­bat­te, das auch durch In­ter­views mit Pro­po­nen­ten an­ge­spro­che­ner Initia­ti­ven be­rei­chert wird. Nach­hal­tig­keit: Trans­for­ma­ti­on

Wel­zer, Ha­rald; Som­mer, Bernd: Trans­for­ma­ti­ons­de­sign. We­ge in ei­ne zu­kunfts­fä­hi­ge Mo­der­ne. München: ökom, 2014. 236 S. (Trans­for­ma­tio­nen; 1) €19,95 [D], 20,60 [A], sfr 28,- ; ISBN 978-3-86581-662-7

De­si­gn­re­vo­lu­ti­on

Von „De­si­gn­wis­sen für die Zu­kunft“spricht das Team des In­sti­tu­te of De­sign Re­se­arch Vi­en­na (IDRV) und hat da­bei eben­so ei­ne nach­hal­ti­ge Ent wick­lung im Blick. Ha­rald Gru­endl, der Lei­ter des IDRV, so­wie die Mit­ar­bei­te­rin­nen Ul­ri­ke Hae­le, Mar­co Kehl­ham­mer und Chris­ti­na Nä­ge­le ha­ben ei­ne Aus­stel­lung ge­stal­tet, in der Pro­duk­te in Be­zug auf ih­ren öko­lo­gi­schen Ruck­sack ver­glei­chend dar­ge­stellt wer­den: et­wa die al­te Mok­ka Ex­press und der mo­der­ne Kap­sel­au­to­mat zur Her­stel­lung von Kaf­fee oder der Mit­tel­klas­se­wa­gen und der SUV. Die Aus­stel­lung ba­siert auf aus­führ­li­chen Re­cher­chen; sie ist aber zugleich äs­the­tisch-künst­le­risch sehr an­spre­chend ge­stal­tet. Bei­des gilt auch für den Ka­ta­log zur Aus­stel­lung mit dem schlich­ten Ti­tel „Werk­zeu­ge für die De­si­gn­re­vo­lu­ti­on“.

Un­ter „Werk­zeu­gen“wer­den da­bei nicht nur hand­werk­li­che, ma­nu­el­le Ge­rä­te, son­dern ins­be­son­de­re auch „Denk­werk­zeu­ge, ana­ly­ti­sche oder ak­ti­vis­ti­sche Me­tho­den, selbst­er­mäch­ti­gen­de Tools so­wie blo­ßes Wis­sen“ver­stan­den, heißt es in der Ein­lei­tung (S. 7). Mess­me­tho­den wie der öko­lo­gi­sche Fuß­ab­druck oder der öko­lo­gi­sche Ruck­sack wer­den eben­so vor­ge­stellt (und an­ge­wen­det) wie Wi­der­stands­for­men ge­gen die Ver­schleiß­wirt­schaft (et­wa die in­ter­na­tio­nal an Be­deu­tung ge­win­nen­de Re­pa­ra­tur­re­vo­lu­ti­on mit ih rem „Self-re­pair Ma­ni­fes­to“).

Be­ein­dru­ckend ist die sprach­li­che Krea­ti­vi­tät des Au­to­ren­in­nen-teams, in die sich im­mer wie­der auch Iro­nie mischt. So be­ginnt das Buch mit Ka­pi­teln wie „Welt­an­ge­le­gen­heit“(hier wer­den „Hand­ge­päck­men­gen für die Rei­se mit dem Raum­schiff Er­de“vor­ge­stellt) oder „Wach­ma­cher“(in An­spie­lung an die Weich­ma­cher der Kunst­stoff­in­dus­trie kom­men hier „De­si­gn­re­vo­lu­tio­nä­re“wie Wil­li­am Mor­ris, Ernst Fried­rich Schu­ma­cher oder Ivan Il­lich zu Wort). In „Kaf­fee­kis­te“wer­den die zwei an­ge­spro­che­nen Kaf­fee­her­stel­lungs­for­men dar­ge­stellt, in „Schnel­ler Tod“Bei­spie­le von Ob­so­le­s­zenz und in „Gre­en­wa­shing“sol­che von pseu­do-öko­lo­gi­schen Lö­sun­gen pro­ble­ma­ti­siert. Man be­kommt da­bei „Werk­zeu­ge für den Lo­god­schun­gel“an die Hand.

Selbst­ver­ständ­lich wer­den auch Zu­kunfts­lö­sun­gen an­ge­spro­chen, et­wa wie­der ver­wert­ba­re bzw. kom­pos­tier­ba­re Ma­te­ria­li­en (Ka­pi­tel „Wie­der­auf­er­ste­hung“) oder die Wie­der­be­le­bung ei­ner Kul­tur des Re­pa­rie­rens. Die De­si­gn­re­vo­lu­ti­on müs­se je­doch – das stellt die Ver­bin­dung zum Trans­for­ma­ti­ons­de­sign von Wel­zer/som­mer her – bei der Hin­ter­fra­gung un­se­res Kon­sum­mo­dells an­set­zen, so die Au­to­rin­nen. Ei­ner Abrech­nung mit dem In­dus­tri­al De­sign der Mas­sen­pro­duk­ti­on so­wie den Wer­be­de­si­gnern als de­ren Hand­lan­gern (Ka­pi­tel „Pu­bli­kums­be­schimp­fung“) fol gen An­re­gun­gen für ei­nen „welt­ge­rech­ten Le­bens­stil“. Da­bei wird kei­nes­wegs auf rein in­di­vi­du­el­le Lö­sun­gen ge­setzt. Ent­schie­de­nes und mu­ti­ges Han­deln der Po­li­tik („De­sign für die Po li­tik“) sei eben­so not­wen­dig wie ei­ne Neu­de­fi­ni ti­on von In­dus­trie- und Wer­be­de­sign im Sin­ne ei­nes „De­signs für neue Le­bens­sti­le“. Es sei mit ei­nem Zi­tat ge­schlos­sen, das wohl an al­le in ih­ren je­wei­li­gen Hand­lungs- und Ent­schei­dungs­fel­dern ge­rich­tet ist: „War­ten Sie nicht mehr und er­war­ten Sie auch nichts. Tun Sie et­was.“(S. 155) Mehr über die Ak­ti­vi­tä­ten des IDRV ist zu fin­den un­ter www.idrv.org.

Werk­zeu­ge für die De­si­gn­re­vo­lu­ti­on. De­si­gn­wis­sen für die Zu­kunft. Hrsg. v. IDRV – In­sti­tu­te of De­sign Re­se­arch Vi­en­na. Sul­gen: Nigg­li Verl., 2014. 192 S., €29,80 [D], 30,60 [A], sfr 45,ISBN 978-3-7212-0903-7

Kon­sum-bot­schaf­ten

„Kon­sum soll mit den Zie­len ei­ner Nach­hal­ti­gen Ent­wick­lung ver­ein­bar sein; dar­über ist man sich grund­sätz­lich ei­nig. Man weiß aber noch im­mer nicht ge­nau, wie nach­hal­ti­ger Kon­sum denn nun ganz kon­kret aus­sieht, und es ist zwar klar, dass Ver än­de­run­gen nö­tig sind, aber wel­che ge­nau und wie sie zu er­rei­chen sind, dar­über herrscht noch gro­ße Un­si­cher­heit.“Da­mit be­grün­den die Au­to­rin­nen ei nes im Auf­trag des deut­schen Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Bil­dung und For­schung er­stell­ten For­schungs­be­richts, für den ei­ne in­ter­dis­zi­pli­nä­re Her­an­ge­hens­wei­se ge­wählt wur­de, ih­re als „Kon­sum-bot­schaf­ten“be­zeich­ne­ten Emp­feh­lun­gen an die Po­li­tik. Die Grund­the­se: „Nach­hal­ti­ger Kon­sum lässt sich nicht oh­ne in­di­vi­du­el­le Ver­hal­tens­än­de­run­gen ver­wirk­li­chen – aber auch nicht oh­ne Ve­rän­de­run­gen auf der sys­te­mi­schen Ebe­ne.“(S. 9f).

Al­ter­na­ti­ve Sicht­wei­sen

Acht Bot­schaf­ten for­mu­liert das For­schungs­team, die aus­ge­hend von wahr­ge­nom­me­nen My­then al­ter­na­ti­ve Sicht­wei­sen for­mu­lie­ren. Be­gon­nen wird mit der „Aus­hand­lungs­bot­schaft“, die Dia­log­pro­zes­se über das, was nach­hal­ti­ger Kon­sum ist, for­dert, so­wie mit der „Kor­ri­dor-bot­schaft“, der ge­mäß Leit­plan­ken im Sin­ne von Mi­ni­mal- und Ma­xi­mal-stan­dards vor­ge­ge­ben wer­den sol­len, in­ner halb de­rer die Men­schen ihr Ver­hal­ten aus­rich­ten soll­ten. Die „Mut-bot­schaft“greift das Di­lem­ma auf, dass Bür­ge­rin­nen tief­grei­fen­de Re­for­men mehr­heit­lich ab­leh­nen, auch wenn sie im In­ter­es­se des Ge­mein­wohls wä­ren. Vor­ge­schla­gen wer­den „ge­schütz­te Or­te“, um der Po­li­tik die Ent­wick­lung par­tei­en­über­grei­fend kon­sens­fä­hi­ger Po­si­tio­nen zu er­mög­li­chen. Die „Be­fä­hi­gungs-bot­schaft“setzt hier an und plä­diert für ei­ne sys­te­ma­ti­sche und flä­chen­de­cken­de Nach­hal­tig­keits­bil­dung – von den Schu­len über die Uni­ver­si­tä­ten bis hin zur Er­wach­se­nen­bil­dung. Vor­ge­schla­gen wer­den „re­gio­na­le Bil­dungs­land­schaf­ten“, die al­le Be­rei­che ab­de­cken und auf über­re­gio­na­ler Ebe­ne ko­or­di­niert wer­den. Mit der „Steue­rungs-bot­schaft “wird die Schaf­fung ei­ner Ein­rich­tung vor­ge­schla­gen, die das „rei­che wis­sen­schaft­li­che Wis­sen“für ei­ne in­tel­li­gen­te Steue­rung bün­delt. Da­zu ge­hö­re u. a. das do­sier­te Maß und der rich­ti­ge Ein­satz von In­for­ma­tio­nen.

Neue Rou­ti­nen Die „ An­eig­nungs-bot­schaft“geht da­von aus, dass neue Er­kennt­nis­se und dar­aus ab­ge­lei­te­te Not­wen­dig­kei­ten von den Men­schen nur an­ge­nom­men wer­den, wenn sie die­se in ih­ren All­tag in­te­grie­ren kön­nen. Not­wen­dig hier­für sei­en Er­folgs­ge­schich­ten so­wie Mög­lich­kei­ten des Aus­pro­bie­rens und Ein­übens neu­er Rou­ti­nen. Mit der Kor­ri­dor-bot­schaft hängt die „ Struk­tur-bot­schaft “zu­sam­men, der ge­mäß mensch­li­ches Ver­hal­ten im­mer von Rah­men­be­din­gun­gen ab­hängt, die ein be­stimm­tes Ver­hal­ten er­leich­tern oder er­schwe­ren. Auch hier wird emp­foh­len, das vor­han­de­ne Wis­sen zu bün­deln und der Po­li­tik zur Ver­fü­gung zu stel­len. Schließ­lich wird mit der „Such-bot schaft“dar­auf ver­wie­sen, dass nicht ge­sagt wer­den kön­ne, wie ei­ne nach­hal­ti­ge Ge­sell­schaft ge­nau aus­sieht. Ein ge­sell­schaft­li­cher Such­pro­zess brau­che da­her so­zia­le Initia­ti­ven und Re­al­ex­pe­ri­men­te, die Ler­nen er­mög­li­chen.

Nicht al­le der hier vor­ge­tra­ge­nen Er­kennt­nis­se und Vor­schlä­ge sind neu und die Bot­schaf­ten über­lap­pen ein­an­der na­tur­ge­mäß, doch die Aus­füh­run­gen ge­ben durch­aus Hand­rei­chun­gen für Po­li­tik und Ge­sell­schaft, er­gänzt auch durch zahl­rei­che zu­kunfts­wei­sen­de Pra­xis­mo­del­le. Ent­schei­dend wer­den wohl neue, aus den sich meh­ren­den Kri­sen re­sul­tie­ren­de Fak­ten sein, et­wa die öko­no­mi­schen Kos­ten des Kli­ma­wan­dels, der ja bis­lang kei­nes­wegs als „Ka­ta­stro­phe“wahr­ge­nom­men wird. Maß­nah­men der Be­wusst­seins­bil­dung und die heu­te im Klei­nen er­prob­ten „Mo­del­le des Wan­dels“wer­den dann erst ih­re gro­ße Be­deu­tung erlangen. Nach­hal­tig­keit: Kon­sum

31 Kon­sum-bot­schaf­ten. Was For­schen­de für die ge­sell­schaft­li­che Gestal­tung nach­hal­ti­gen Kon­sums emp­feh­len. Hrsg. v. Syn­the­se­team des The­men­schwer­punkts „Vom Wis­sen zum Han­deln – Neue We­ge zum nach­hal­ti­gen Kon­sum“. Stuttgart: Hir­zel 2013. 198 S., €24,90 [D], 25,50 [A], sfr 37,50

ISBN 978-3-7776-2371-9

Kon­sum­ka­pi­ta­lis­mus

Um Kon­sum-bot­schaf­ten geht es auch dem So­zi­al­psy­cho­lo­gen Klaus Ot­to­m­ey­er, wenn auch in an­de­rer Form. „Die Gestal­tung der Ge­brauchs­wert­ver­spre­chen mit Hil­fe schö­ner Ver­pa­ckun­gen, Wer­be­spots usw. macht bei vie­len Wa­ren über ein Drit­tel der Her­stel­lungs­kos­ten aus“, rech­net er in sei­ner Ab­hand­lung über „Wer­te­ge­schwätz und Wer­te­kon­flik­te im Ka­pi­ta­lis­mus“vor (S. 14). Un­ter Be­zug­nah­me auf Marx, We­ber, Ha­ber­mas, Fromm, Arno Gru­en oder Richard Sen­nett ana­ly­siert Ot­to­m­ey­er in sei­ner Ab­schieds­vor­le­sung an der Al­pen-adria-uni­ver­si­tät Kla­gen­furt die Ent­frem­dung des ho­mo oe­co­no­mi­cis, ho­mo la­bo­rans und ho­mo con­su­mens im mo­der­nen Ka­pi­ta­lis­mus. Er dia­gnos­ti­ziert ein „Wer­te­cha­os“, das den Bo­den für neue Fun­da­men­ta­lis­men be­rei­te: „Als Wer­te und Er­zie­hungs­zie­le für un­se­re Kin­der und En­kel ste­hen Em­pa­thie und Ego­is­mus, Ehr­lich­keit und trick­rei­ches Über­lis­ten, Ko­ope­ra­ti­on und Kar­rie­re­ori­en­tie­rung, As­ke­tis­mus und Kon­su­mis­mus, Spar­sam­keit und die Geil­heit des Ha­ben-wol­lens, Er­wach­se­nen-selbst­kon­trol­le und In­fan­ti­lis­mus, Ge­winn­stre­ben und Ge­mein­wohl, Im­pres­si­on-ma­nage­ment und Au­then­ti­zi­tät, Bin­dung und die Frei­heit von Bin­dung, part­ner­schaft­li­che Treue und Dau­er­se­xua­li­sie­rung mehr oder we­ni­ger gleich­be­rech­tigt und un­ver­bun­den ne­ben­ein­an­der.“(S. 31) Der Ne­o­f­un­da­men­ta­lis­mus, der sich in vie­len Ge­sell­schaf­ten der Welt aus­brei­te, ver­spre­che da­ge­gen ei­ne „ein­fa­che Wer­te­ord­nung“(S. 32). Da­ge­gen kön­ne, so Ot­to­m­ey­er, nur durch Re­fle­xi­on und Of­fen­heit an­ge­gan­gen wer­den. Er spricht von ei­nem „über­grei­fen­den Wer­te-dach“über den drei „Wer­te- und Le­bens­wel­ten des Ar­bei­tens, Lie­bens und Kämp­fens“, das von „wech­sel­sei­ti­ger An­er­ken­nung der je­wei­li­gen In­ter­ak­ti­ons­part­ner“(S. 45) aus­ge­he. Ar­beit sei in die­sem Sin­ne zu er­gän­zen durch Spaß und Spiel, Lie­be durch Frei­heit und Kamp­fes­mut (man könn­te auch po­li­ti­sches bzw. ge­sell­schaft­li­ches En­ga­ge­ment da­für ein­set­zen) durch Fair­ness und Ver­söh­nung. Die Miss­ach­tung der Per­so­nen- und Frei­heits­rech­te an­de­rer er­for­de­re di­rek­tes Ein­grei­fen und Zi­vil­cou­ra­ge „oh­ne Um­we­ge über staat­li­che In­stan­zen“: „Wenn man es nicht tut, trägt man selbst zu Ent­wür­di­gung, Ver­ge­wal­ti­gung oder Ent­rech­tung der Be­trof­fe­nen bei.“(S. 47). Doch die­sem „Kamp­fes­mut“steht für Ot­to­m­ey­er die Ver­ant­wor­tungs­dif­fu­si­on in der mo­der­nen Kon­sum­ge­sell­schaft ent­ge­gen, was wie­der­um den Kreis schließt zum „Wer­te­ge­schwätz“bzw. dem „Cha­os mit Sys­tem“. Kon­sum­ka­pi­ta­lis­mus: Wer­te

Ot­to­m­ey­er, Klaus: Cha­os mit Sys­tem. Wer­te­ge­schwätz und Wer­te­kon­flik­te im Ka­pi­ta­lis­mus. Kla­gen­furt: Dra­va, 2014. 55 S., €9,90 [D], 10,10 [A], sfr 15,50 ISBN 978-3-85435-724-7 Vgl. auch:

Ders.: Öko­no­mi­sche Zwän­ge und mensch­li­che Be­zie­hun­gen. So­zia­les Ver­hal­ten im Ka­pi­ta­lis­mus. Wi­en u.a.: Lit-ver­lag, 2013. 256 S., €18,90 [D],

19,50 [A], sfr 27,- ; ISBN 978-3-643-50618-4

„Rou­ti­nen er­mög­li­chen es uns, an­ge­sichts der Kom­ple­xi­tät der Le­bens­um­stän­de nicht je­den Tag neu dar­über nach­den­ken, neu ab­wä­gen, neu dis­ku­tie­ren, neu ent­schei­den zu müs­sen, wel­ches Han­deln für wel­che Si­tua­ti­on an­ge­mes­sen ist.“(Kon­sum-bot­schaf­ten in , S. 95)

„De­sign braucht ei­ne neue Rol­le. Vom er­folg­rei­chen Di­enst­leis­ter der In­dus­trie muss es sich zur ge­sell­schaft­li­chen Di­enst­leis­tung ent­wi­ckeln.“(IDRV , S. 160)

„Das De­sign hät­te nicht mehr die Auf­ga­be, un­ab­läs­sig hin­zu­kom­men­de Din­ge zu ge­stal­ten, son­dern je­ne Din­ge, die man nicht braucht, aus der Welt zu schaf­fen.“(Wel­zer/som­mer in , S. 119)

„An­kom­men be­deu­tet die Er­kennt­nis, dass es Din­ge und Si­tua­tio­nen gibt, die kei­ne Ver­bes­se­rung mehr brau­chen.“(Wel­zer/som­mer in , S. 174)

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