Wirt­schaft aus Frau­en­sicht

Gibt es ei­ne weib­li­che Sicht auf Wirt­schaft, und wenn ja, wie un­ter­schei­det sich die­se vom männ­li­chen Blick? Die fol­gen­den von Frau­en ver­öf­fent­lich­ten Pu­bli­ka­tio­nen ge­ben dar­auf ei­ne dif­fe­ren­zier­te Ant­wort. Dem Strang ei­ner ge­nu­in fe­mi­nis­ti­schen Öko­no­mie

ProZukunft - - Inhalt -

Gibt es ei­ne weib­li­che Sicht auf die Wirt­schaft, und wenn ja, wie un­ter­schei­det sich die­se vom männ­li­chen Blick. Va­nes­sa Ma­rent und Hans Holzin­ger stel­len ak­tu­el­le Ver­öf­fent­li­chun­gen zur Dis­kus­si­on.

Fe­mi­nis­ti­sche Öko­no­mie

Bet­ti­na Hai­din­ger und Kä­the Knitt­ler be­le­gen in „Fe­mi­nis­ti­sche Öko­no­mie“, dass es in der Tat ei­ne weib­li­che Sicht auf Wirt­schaft und Wirt schafts­wis­sen­schaf­ten gibt. Ihr Buch bie­tet ei­nen ers­ten Ein­blick in die grund­le­gen­den Po­si­tio­nen, The­men und Per­spek­ti­ven der fe­mi­nis­ti­schen Öko­no­mie. Sie span­nen da­bei den Bo­gen von den ers­ten Öko­no­min­nen der Ge­schich­te, die bis heu­te wei­test­ge­hend un­sicht­bar ge­blie­ben sind, über Ka­pi­ta­lis­mus- und Mar­xis­mus­kri­tik bis hin zu neu­en Uto­pi­en für ei­ne post­pa­tri­ar­cha­le und post­ka­pi­ta­lis­ti­sche Öko­no­mie.

Im Fo­kus der fe­mi­nis­ti­schen Öko­no­mie steht der un­be­zahl­te Teil der Wirt­schaft: die Haus- und Re­pro­duk­ti­ons­ar­beit. Die­se un­be­zahl­te Ar­beit sicht­bar zu ma­chen, sie auf­zu­wer­ten und den An­dro­zen­tris­mus in Wis­sen­schaft und Wirt­schaft auf­zu­de­cken ist das Ziel die­ses Zwei­ges der Öko­no­mie. Die Kri­tik der Au­to­rin­nen setzt vor al­lem bei der „Blind­heit“der Öko­no­mie für ge­schlech­ter­spe­zi­fi­sche Un­gleich­hei­ten an. Die bei­den ar­gu­men­tie­ren, dass die Aus­wahl der Fra­ge­stel­lun­gen, The­men oder auch Me­tho­den in der For­schung tra­di­tio­nell sehr se­lek­tiv statt­fin­det und so Frau­en in­sti­tu­tio­nell aus­schließt. So wer­den bei­spiels­wei­se wirt­schaft­li­che Kenn­zah­len als ob­jek­tiv und (ge­schlechts)neu­tral an­ge­se­hen, ob­wohl ih­re Be­rech­nungs­wei­se be­ste­hen­de Un­gleich­hei­ten zwi­schen den Ge­schlech­tern häu­fig ver­steckt. Als be­mer­kens­wer­tes Bei­spiel sei das tra­di­tio­nel­le BIP ge­nannt, ei­ner der am meis­ten ver­wen­de­ten In­di­ka­to­ren für Wirt­schafts­wachs­tum und Wohl­stand. Die­ser schließt un­be­zahl­te Ar­beit - die nach wie vor zum größ­ten Teil von Frau­en ge­leis­tet wird - voll­kom­men aus. Wür­de man un­be­zahl­te Ar­beit aber mit ei­nem durch­schnitt­li­chen Frau­en­lohn be­le­gen, wür­de dies für Ös­ter­reich in et­wa 37,5 Pro­zent des BIP aus­ma­chen. Fe­mi­nis­ti­sche Öko­no­min­nen ver­su­chen da­her, die­sen Teil der Wirt­schaft sicht­bar zu ma­chen und die „Ge­schlechts­lo­sig­keit“der Öko­no­mie in Fra ge zu stel­len. V. M. Öko­no­mie: fe­mi­nis­ti­sche

16 Hai­din­ger, Bet­ti­na; Knitt­ler, Kä­the: Fe­mi­nis­ti­sche Öko­no­mie: In­tro. Ei­ne Ein­füh­rung. Wi­en: Man­del­baum Verl., 2014. 168 S., €11,60 [D], 12 [A], sfr 12,40

ISBN 978385476-629-2

Ar­beits­zeit und Ge­schlech­ter­ge­rech­tig­keit

Ar­beits­zeit­po­li­tik spielt ei­ne wich­ti­ge Rol­le im Kon­text der Ver­ein­bar­keit von Be­ruf und Fa­mi­lie - oder wei­ter ge­fasst - im Zu­sam­men­ge­hen von Wirt­schafts- und Pri­vat­sphä­re. „Wer dreht an der Uhr?“Die­ser Fra­ge geht­clau­dia Sor­ger nach, um her­aus­zu­fin­den, wel­chen Bei­trag Ar­beits­zeit­po­li­tik zur Um­set­zung von Ge­schlech­ter­ge­rech­tig­keit leis­ten kann und wel­che Rol­le die ös­ter­rei­chi­schen Ge­werk­schaf­ten da­bei ein­neh­men. Da­bei ar­bei­tet sie das The­ma der Ge­schlech­ter­ge­rech­tig­keit, ein Be­griff, den sie zwi­schen Dif­fe­ren­zund Gleich­heits­fe­mi­nis­mus ein­ord­net, so­wohl theo­re­tisch als auch em­pi­risch auf. Die Ana­ly­se der ak­tu­el­len Si­tua­ti­on zeigt, dass sich Ar­beits­zeit­mo­del­le noch im­mer an ver­al­te­ten Rol­len­bil­dern ori­en­tie­ren. Pro­to­typ ist der voll­zeit­er­werbs­tä­ti­ge Mann, der durch sei­ne Part­ne­rin von der Ver­sor­gungs­ar­beit ent­las­tet wird. Tat­säch­lich leis­ten Frau­en zwei Drit­tel der un­be­zahl­ten Ar­beit, dar­un­ter fal­len z. B. Kin­der­be­treu­ung, Pfle­ge von An­ge­hö­ri­gen und Haus­ar­beit. Wei­ters ist für Frau­en Teil­zeit­ar­beit die ers­te (und oft ein­zi­ge) Stra­te­gie, um Be­ruf und Fa­mi­lie zu ver­ein­ba­ren. Durch die ho­he Teil­zeit­quo te se­hen sich Frau­en aber wie­der­um ver­stärkt mit den ne­ga­ti­ven Be­gleit­erschei­nun­gen wie schlech­te­ren Auf­stiegs­chan­cen und nied­ri­ge­ren St­un­den­löh­nen kon­fron­tiert. Aber auch jun­ge Män­ner, die den klas­si­schen Ge­schlech­ter­rol­len wi­der­spre­chend An­ge­bo­te wie die El­tern­ka­renz in An­spruch neh­men wol­len, se­hen sich mit zahl­rei­chen Hür­den kon­fron­tiert.

Ge­schlech­ter­ge­rech­te Ar­beits­zeit­po­li­tik soll die­sen Un­gleich­hei­ten ent­ge­gen­wir­ken und da­zu bei­tra­gen, dass Frau­en und Män­ner in glei­chem Aus­maß und un­ter glei­chen Vor­aus­set­zun­gen am Er­werbs­le­ben teil­neh­men kön­nen. Den Ge­werk-

schaf­ten kommt da­bei ei­ne zen­tra­le Rol­le zu. Durch ak­ti­ve Ar­beits­zeit­po­li­tik könn­ten sie da­zu bei­tra­gen, den Zeit­kon­flikt zu lö­sen und ei­ne bes­se­re Ver­ein­bar­keit von Be­ruf und Fa­mi­lie er­mög­li­chen. Doch die Au­to­rin zeich­net mit Blick auf die So­zi­al­part­ner­schaft ein eher düs­te­res Bild. Sie sei män­ner­do­mi­niert, zu we­nig trans­pa­rent und ver­tre­te star­ke öko­no­mi­sche In­ter­es­sen der Wirt­schaft, die ei­ner Neu­be­wer­tung von un­be­zahl­ter Ar­beit ent­ge­gen­ste­hen. Die ös­ter­rei­chi­schen Ge­werk­schaf­ten ste­hen da­her vor der Her­aus­for­de­rung, ei­ne ak­ti­ve­re Rol­le in der Gestal­tung der Ar­beits­zeit­po­li­tik ein­zu­neh­men und „an der Uhr zu dre­hen“. V. M. Ar­beits­zeit: Frau­en

17 Sor­ger, Clau­dia: Wer dreht an der Uhr? Ge­schlech­ter­ge­rech­tig­keit und ge­werk­schaft­li­che Ar­beits­zeit­po­li­tik. Müns­ter: West­fäl. Dampf­boot 2014. 281 S., €29,90 [D], 31,-[A], sfr 45,ISBN 978-3-89691-966-3

So­li­da­ri­sche Öko­no­mie und Com­mons

Zwei Frau­en mit gro­ßen Ver­diens­ten um ei­nen an­de­ren Blick auf Öko­no­mie sol­len hier an­hand zwei­er Pu­bli­ka­tio­nen ge­wür­digt wer­den. Die Re­de ist von Susanne El­sen, Pro­po­nen­tin ei­ner So­li­da­ri­schen Öko­no­mie, und Sil­ke Hel­freich, Mit­in­itia­to­rin der deut­schen Be­we­gung für „Com­mons“. Bei­de ha­ben sich zu­letzt um die Her­aus­ga­be von Grund­la­gen­wer­ken ver­dient ge­macht. Nicht we­ni­ger als 20 Bei­trä­ge um­fasst der von Susanne El­sen, Pro­fes­so­rin an der Frei­en Uni­ver­si­tät Bo­zen, her­aus­ge­ge­be­ne Band über So­li­da­ri­sche Öko­no­mie und die Gestal­tung des Ge­mein­we­sens. Sie­ben da­von sind von Frau­en ver­fasst. Ne­ben theo­re­ti­schen Ein­füh­run­gen sind ins­be­son­de­re die vor­ge­leg­ten Pra­xis­bei­spie­le von In­ter­es­se. Dies gilt auch für das von Sil­ke Hel­freich mit der Hein­rich-böll-stif­tung her­aus­ge­ge­be­ne Grund­la­gen­werk „Com­mons“mit ins­ge­samt 80 Bei­trä­gen. Vor- und zur Dis­kus­si­on ge­stellt wer­den na­tio­na­le und in­ter­na­tio­na­le An­sät­ze ei­nes Wirt­schaf­tens jen­seits von Pro­fit­ma­xi­mie­rung. Land­wirt­schaft­li­che Com­mons-pro­jek­te wer­den da­bei eben­so be­schrie­ben wie ein an­de­rer Um­gang mit Wis­sen, zi­vil­ge­sell­schaft­li­che Initia­ti­ven wie die Tran­si­ti­on­be­we­gung oder Bau­ge­nos­sen­schaf­ten. Zu­dem fin­det man/frau grund­sätz­li­che Bei­trä­ge et­wa zu ei­nem „ge­mein­gü­ter­sen­si­ti­ven Wett­be­werbs­recht“oder zu ei­ner neu­en „Stro­mall­men­de“. Das Buch ist üb­ri­gens auch selbst mit Com­mons-li­zenz aus­ge­stat­tet und darf als di­gi­ta­le Ver­si­on im Netz ver­brei­tet und in­halt­lich be­ar­bei­tet bzw. ab­ge­wan­delt wer­den. H. H. Wirt­schaft: Ge­mein­wohl

18 Öko­so­zia­le Trans­for­ma­ti­on. So­li­da­ri­sche Öko­no­mie und die Gestal­tung des Ge­mein­we­sens. Hrsg. v. Susanne El­sen. Neu-ulm: Ag-spak, 2011. 450 S., €32,- [D], 33,- [A], sfr 45,ISBN 978-3-940865-19-9

19 Com­mons. Für ei­ne neue Po­li­tik jen­seits von Markt und Staat. Bie­le­feld: tran­script, 2012. 526 S., €24,80 [D], 25,50 [A], sfr 37,50

ISBN 978-3-8376-2036-8 Too big to tell Das Un­vor­stell­ba­re und in der Tat Ver­rück­te der mo­der­nen Fi­nanz­wirt­schaft nimmt die Fil­me­ma­che­rin Jo­han­na Tschaut­scher aufs Korn. Wie ent­steht Geld? Was ist Geld­schöp­fung? Wie viel Geld gibt es und wer hat es? Was ver­leiht die Bank bei ei­ner Kre­dit­ver­ga­be? Wie lan­ge gibt es Fi­nanz­kri­sen be­reits und wie wird je­ne von 2008 er­klärt? Und wie sol­len wir da her­aus kom­men? Wel­che Macht­struk­tu­ren ver­hin­dern, dass es zu ei­nem trans­pa­ren­ten und den Bür­ge­rin­nen die­nen­den Geld­sys­tem kommt? Die­se und wei­te­re Fra­gen stellt Tschaut­scher in „Too big to tell“in An­spie­lung an das zum ge­flü­gel­ten Wort ge­wor­de­ne At­tri­but „Too big to fail“für je­ne Ban­ken, die ge­ret­tet wer­den muss­ten, um das Ge­samt­wirt­schafts­sys­tem nicht zu ge­fähr­den.

Tschaut­scher in­ter­viewt Fi­nanz­ex­per­ten wie Dirk Soll­te von der Uni­ver­si­tät St. Gal­len (s. PZ 1/2010) oder Fried­rich Schnei­der von der Wirt­schafts­uni­ver­si­tät Linz, die Ver­tre­te­rin ei­nes al­ter­na­ti­ven Geld­sys­tems Marg­ret Ken­ne­dy, den Wirt­schafts­pu­bli­zis­ten Wolf­gang Kess­ler oder den grü­nen Eu-par­la­men­ta­ri­er Sven Gie­gold. Deut­lich wer­den Phä­no­me­ne wie die Auf­blä­hung des Geld­vo­lu­mens durch die He­bel­wir­kung bei der Kre­dit­ver­ga­be (nur 10 Pro­zent der von den Ban­ken ver­ge­be­nen Kre­di­te müs­sen durch Spar­gut­ha­ben ge­deckt sein, der Rest ist „Geld­schöp­fung“) so­wie des Fi­nanz­sek­tors durch die Ver­la­ge­rung des Ka­pi­tals von Real­in­ves­ti­tio­nen in Fi­nanz­spe­ku­la­tio­nen. Deut­lich wird auch, dass die Ver­su­che der Re­gu­lie­rung des Fi­nanz­sys­tems zwar ge­ge­ben sind (so hat die EU nicht nur neue Ge­set­ze aus­ge­ar­bei­tet, son­dern mit Fi­nan­ce­watch auch ei­ne als NGO or­ga­ni­sier­te Be­ob­ach­tungs­stel­le for­ciert), aber wohl nicht aus­rei­chen. Der Film ver­sucht Licht ins Dun­kel des Fi­nanz­ge­sche­hens zu brin­gen und trägt da­mit ein Stück weit zur fi­nanz­po­li­ti­schen Al­pha­be­ti­sie­rung bei, doch gänz­li­che Klar­heit brin­gen auch die Ge­sprä­che mit den Ex­per­ten nicht.dar­auf geht die Fil­me­ma­che­rin auch ex­pli­zit ein (und auch der Ti­tel des Films ver­weist dar­auf). Tschaut­scher bleibt so­mit am En­de et-

was re­si­gniert. „Nach zahl­rei­cher Lek­tü­re wis­sen wir nun hun­der­te De­tails und ken­nen die­se Spra­che“, so schreibt sie am Dvd-co­ver, doch „die­se Er­klä­run­gen und die Su­che nach Ve­rän­de­rung for­dern das Mensch­li­che nicht mehr ein“, was eben ei­ne Wirt­schaft im Di­ens­te der Grund­be­dürf­nis­se al­ler Men­schen be­deu­ten wür­de. Of­fen­sicht­lich wä­ren hier ra­di­ka­le­re Ein­schnit­te von­nö­ten, et­wa die Tren­nung in „Di­enst­leis­tungs­ban­ken“, die der Kre­dit­ver­ga­be im Sin­ne des Ge­mein­wohls die­nen, und Pri­vat­ban­ken, die wei­ter spe­ku­lie­ren dür­fen, je­doch nicht mehr mit staat­li­cher Hil­fe rech­nen dürf­ten, wie et­wa Chris­ti­an Fel­ber (s. PZ 2014/3) for­dert. Der Film be­treibt bei al­ler Rat­lo­sig­keit den­noch ein wich­ti­ges Stück Auf­klä­rung, al­lein schon weil er zeigt, wel­ches für die Ge­sell­schaft ge­fähr­li­che Ei­gen­le­ben der Fi­nanz­sek­tor ent­wi­ckelt hat. Die ka­ba­ret­tis­ti­schen Ein­schü­be von Gün­ther Lai­ner un­ter­strei­chen das Ab­sur­de und Un­sag­ba­re der tag­täg­lich mit Mil­li­ar­den von Dol­lar, Eu­ro oder Yen jon­glie­ren­den Ban­ker und Fi­nanz­dienst­leis­ter.

Die Bun­des­zen­tra­le für Po­li­ti­sche Bil­dung in Bonn ver­treibt die­sen Film in Deutsch­land zu­sam­men mit Un­ter­richts­ma­te­ri­al in ei­ner Auf­la­ge von 10.000 Stück. Die Glo­bal Mar­shall Plan Initia­ti­ve Deutsch­land ver­teilt 500 Ko­pi­en des Fil­mes an den ei­ge­nen Le­se­kreis und ver­an­stal­tet Film­vor­füh­run­gen. Und die Pro Zu­kunft-re­dak­ti­on hat das Werk in die „Top Ten 2014 der Zu­kunfts­li­te­ra­tur“auf­ge­nom­men. H. H. Geld: Fi­nanz­sys­tem

20 Tschaut­scher, Jo­han­na; Lai­ner, Gün­ther: Too big to tell. Re­cher­chen in der Fi­nanz­welt. DVD 2014,

112 min. www.jo­han­na-tschaut­scher.eu

Ka­pi­tal des Staa­tes

Durch­aus der Main­stream-öko­no­mie zu­zu­rech­nen ist die bri­ti­sche Pro­fes­so­rin für Tech­no­lo­gie­po­li­tik der Uni­ver­si­tät Sussex Ma­ria­na Maz­zu­ca­to, die den­noch ei­nen neu­en Blick­win­kel in die De­bat­te ein­bringt. An zahl­rei­chen Be­fun­den legt die Au­to­rin in „Das Ka­pi­tal des Staa­tes“ih­re The se dar, dass die wich­tigs­ten An­stö­ße für tech­ni­sche In­no­va­tio­nen nicht von Un­ter­neh­men, son­dern von den Staa­ten kom­men. Ob im Be­reich des In­ter­nets, der Phar­ma­bran­che oder der Bio­tech­no­lo­gi­en, es sei­en staat­li­che In­ves­ti­tio­nen, die zu neu­en Durch­brü­chen füh­ren. Das so­ge­nann­te „Ri­si­ko­ka­pi­tal“der Wirt­schaft sprin­ge in der Re­gel erst auf, wenn ho­he und vor al­lem ra­sche Ge­win­ne lock­ten, sei je­doch nicht im­mer ri­si­ko­be­reit, was tech­no­lo­gi­sche Durch­brü­che er­schwe­re, so die Au­to­rin. Die gro­ßen Kon­zer­ne, die mit neu­en Tech­no­lo­gi­en im­men­se Ge­win­ne ma­chen, stün­den da­mit in der Schuld der Staa­ten, die sie in ad­äqua­ter Form zu­rück­zah­len müss­ten. Maz­zu­ca­to hat, aus­ge­hend von der Ver­knüp­fung von Ri­si­ko und Ge­winn, ein Mo­dell über den Zu­sam­men­hang von In­no­va­tio­nen und Un­gleich­heit ent­wi­ckelt. Ihr Be­fund: Nur dort, wo der Staat die ent­spre­chen­de Ren­di­te für sei­ne In­ves­ti­tio­nen be­kommt, et­wa in skan­di­na­vi­schen Län­dern, ge­lin­ge ei­ne aus­ge­wo­ge­ne Wohl­stands­ver­tei­lung. Drei For­men des Rück­flus­ses an Mit­teln aus In­ves­ti­tio­nen des Staa­tes sind für die Öko­no­min denk­bar: 1. na­tio­na­le In­no­va­ti­ons­fonds, die aus Tan­tie­men von Er­fin­dun­gen fi­nan­ziert wer­den und neue In­ves­ti­tio­nen er­mög­li­chen; 2. di­rek­te staat li­che Be­tei­li­gung an Un­ter­neh­men, wie dies Finn­land et­wa bei No­kia ge­macht hat; 3. schließ­lich sind In­ves­ti­ti­ons­ban­ken nach dem Bei­spiel Chi­nas oder Bra­si­li­ens denk­bar, die In­ves­ti­tio­nen fi­nan­zie­ren und Ren­di­ten lu­krie­ren.

Grü­ne Tech­no­lo­gie

Aus­führ­lich be­schreibt Maz­zu­ca­to, die die Eu­ro­päi­sche Kom­mis­si­on zu Fra­gen wirt­schaft­li­chen Wachs­tums be­rät und im Vor­stand des re­nom­mier­ten bri­ti­schen Um­welt-thinktanks Gre­en Al li­an­ce tä­tig ist, auch den not­wen­di­gen und noch im­mer am An­fang ste­hen­den Wan­del hin zu grü­nen Tech­no­lo­gi­en. Wie an­de­re auch, lobt die Au­to­rin die Vor­rei­ter­rol­le Deutsch­lands, aber auch je­ne von Chi­na – für ihr ei­ge­nes Land sieht sie gro ßen Nach­hol­be­darf. Maz­zu­ca­to plä­diert für ei­ne ab­ge­stimm­te in­ter­na­tio­na­le Ko­ope­ra­ti­on der Staa­ten, um die Trans­for­ma­ti­on an­zu­sto­ßen: „Ei­ne der größ­ten zu­künf­ti­gen Her­aus­for­de­run­gen bei sau­be­ren Tech­no­lo­gi­en wird es sein, da­für zu sor­gen, dass wir durch den Auf­bau ko­ope­ra­ti­ver Öko­sys­te­me nicht nur die Ri­si­ken auf al­le ver­tei­len, son­dern auch die Ge­win­ne.“(S. 200) Die Kon­kur­renz deut­scher, Us-ame­ri­ka­ni­scher und chi­ne­si­scher So­lar­un­ter­neh­men sieht sie da­bei als nor­ma­len Pro­zess im Rah­men von Markt­wirt­schaf­ten. Auf­ga­be der Staa­ten sei es je­doch, die ent­spre­chen­den Markt­si­gna­le für die Um­steue­rung zu set­zen. Und hier schließt die Au­to­rin den Kreis zum oben Ge­sag­ten: „Hät­te der Staat nur 1 Pro­zent Ren­di­te auf sei­ne In­ves­ti­tio­nen ins In­ter­net be­kom­men, könn­te er heu­te mehr in grü­ne Tech­no­lo­gi­en in­ves­tie­ren.“(S. 238) H. H. In­no­va­ti­on: Staat

Maz­zu­ca­to, Ma­ria­na: Das Ka­pi­tal des Staa­tes. Ei­ne an­de­re Ge­schich­te von In­no­va­ti­on und Wachs tum. München: Kunst­mann, 2014. 303 S.,

€ 22,95 [D], 23,50 [A], sfr 35,ISBN 978-3-95614-000-6

„Un­ter ge­schlech­ter­ge­rech­ter Ar­beits­zeit­po­li­tik ist ei­ne Ar­beits­zeit­po­li­tik zu ver­ste­hen, die durch ih­re Ziel­set­zun­gen, Stra­te­gi­en, Initia­ti­ven und Maß­nah­men da­zu bei­trägt, dass Frau­en und Män­ner in glei­chem Aus­maß und un­ter glei­chen Vor­aus­set­zun­gen an...

„Frau­en ver­die­nen ab­ge­se­hen von der Lohn­dis­kri­mi­nie­rung - nicht des­halb we­ni­ger als Män­ner, weil sie ‘zu we­nig’ ar­bei­ten, son­dern weil sie ‘zu viel’ un­be­zahlt ar­bei­ten.“(Bet­ti­na Hei­din­ger in , S. 133) „Ent­las­tet von jed­we­der Re­pro­duk­ti­ons­ar­beit sind es...

„Um die grü­ne Re­vo­lu­ti­on zu star­ten und ge­gen den Kli­ma­wan­del an­zu­ge­hen, brau­chen wir wie­der ei­nen ak­ti­ven Staat, der die ho­he Un­si­cher­heit der An­fangs­pha­se auf­nimmt, wo­vor die Pri­vat­wirt­schaft zu­rück­schreckt.“(Ma­ria­na Maz­zu­ca­to in , S. 153f.)

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