Men­schen­be­ben 2015: Wo­hin geht die Rei­se?

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„Die Angst, der Zorn und die Hoff­nung der Be­droh­ten schaf­fen un­auf­hör­lich Un­ru­he“, schrieb Ro­bert Jungk in ei­nem vor mehr als 30 Jah­ren er­schie­ne­nen Re­port, in dem er den „Auf­stand ge­gen das Un­er­träg­li­che“in al­ler Welt por­trä­tier­te. Das von ihm ge­schil­der­te „Men­schen­be­ben“hält an.1) Eu­ro­pa, des­sen Zu­kunft ganz we­sent­lich im Sü­den ge­stal­tet und ent­schie­den wird, ist da­bei zu­letzt auf zwei­fa­che Wei­se in den Blick ge­ra­ten.

War es bis vor we­ni­gen Wo­chen die „grie­chi­sche Tra­gö­die“, die die Ga­zet­ten füll­te, um uns un­auf­hör­lich mit der schein­bar al­ter­na­tiv­lo­sen Bru­ta­li­tät öko­no­mi­scher Ver­nunft ver­traut zu ma­chen und uns zu er­läu­tern, dass die heh­ren Prin­zi­pi­en der So­li­da­ri­tät auf den Al­tä­ren des Pro­fits ge­op­fert wer­den müss­ten, um wei­te­re Übel von uns ab­zu­wen­den, so sind es – völ­lig uner­war­tet, und doch auch ab­seh­bar – Tur­bu­len­zen der ganz an­de­ren Art, die die po­li­ti­sche Ta­ges­ord­nung heu­te dik­tie­ren.

Wer­den Aber­tau­sen­de Flücht­lin­ge, die bis­lang an Eu­ro­pas Küs­ten ge­stor­ben und ge­stran­det sind, weil sie der in ih­ren Hei­mat­län­dern er­fah­re­nen Ver­fol­gung den Rü­cken kehr­ten, um im mut­maß­lich “ge­lob­ten Land” ein Min­dest­maß an Schutz und Si­cher­heit zu fin­den und dar­über hin­aus auch ei­ne Zu­kunfts­per­spek­ti­ve zu ent­wi­ckeln, das Ge­sicht Eu­ro­pas, viel­leicht gar der Welt ver­än­dern? Dies ist in An­be­tracht der jüngs­ten Ent­wick­lung al­les an­de­re als ge­wiss, ja we­nig wahr­schein­lich, und doch muss das Denk­ba­re for­mu­liert, das Mach­ba­re pos­tu­liert wer­den, um dem viel­leicht doch Mög­li­chen Raum zu ge­ben.

Die den ak­tu­el­len Völ­ker­wan­de­run­gen – welt­weit gibt es rd. 60 Mio. Flücht­lin­ge – zu Grun­de lie­gen­den Ur­sa­chen sind viel­fäl­tig und weit mehr als ei­ne eu­ro­päi­sche Her­aus­for­de­rung. Zu­rück­zu­füh­ren sind sie je­doch maß­geb­lich auch auf die ko­lo­nia­len Struk­tu­ren, die die Staa­ten Eu­ro­pas im 18. und 19. Jahr­hun­dert ge­schaf­fen ha­ben und die heu­te von den geo­stra­te­gi­schen In­ter­es­sen der glo­ba­len Ak­teu­re vor­an­ge­trie­ben wer­den. Wie auch im­mer das Wech­sel­spiel der In­ter­es­sen und Ein­fluss­nah­men sich aus­nimmt, das heu­te mehr denn je von wirt­schaft­li­chen Am­bi­tio­nen be­stimmt wird, und in dem nicht zu­letzt auch die EU ei­ne aus­beu­te­ri­sche Stra­te­gi­en ver­folgt2), – ei­ne län­ger­fris­tig fried­vol­le Ent­wick­lung im Na­hen und Mitt­le­ren Os­ten oder auch in Afri­ka könn­te wohl nur un­ter dem Man­dat der Ver­ein­ten Na­tio­nen und un­ter Ein­be­zie­hung al­ler be­trof­fe­nen Ak­teu­re ge­lin­gen. Die Prin­zi­pi­en und Ver­fah­rens­wei­sen ei­nes all­ge­mein ak­zep­tier­ten

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