Er­näh­rung Ge­sund es­sen, be­wusst le­ben oder „Any­thing goes“?

ProZukunft - - Inhalt -

Im­mer mehr Men­schen wol­len sich nicht nur ge­sund er­näh­ren, son­dern le­gen auch Wert auf güns­ti­ge Nah­rungs­mit­tel. Wenn wir dar­über hin­aus in Be­tracht zie­hen, dass Er­näh­rungs­si­cher­heit über

Krieg und Frie­den we­sent­lich mit ent­schei­den, wird deut­lich, dass da­mit ei­ne der zen­tra­len Zu­kunfts­fra­gen be­nannt ist. Wal­ter Spiel­mann hat sich da­zu ei­ni­ge ak­tu­el­le Pu­bli­ka­tio­nen an­ge­se­hen.

Im­mer mehr Men­schen, so das Er­geb­nis ei­ner jüngst in Ös­ter­reich pu­bli­zier­ten Stu­die, wol­len sich ge­sund er­näh­ren, le­gen aber auch Wert dar­auf, dass Nah­rungs­mit­tel güns­tig zu er­wer­ben sind. Kommt das nicht der sprich­wört­li­chen Qua­dra­tur des Krei­ses gleich, die al­len Be­tei­lig­ten – der Land­wirt­schaft, dem Han­del, den Kon­su­men­ten – glei­cher­ma­ßen zu schaf­fen macht und letzt­lich da­zu führt, dass wir in ei­nem im­mer viel­fäl­ti­ge­ren glo­ba­len An­ge­bot Ge­wohn­hei­ten ent­wi­ckeln, die den an­geb­li­chen Trends oft nicht ent­spre­chen? Wenn wir dar­über hin­aus in Be­tracht zie­hen, dass, glo­bal be­trach­tet, Er­näh­rungs­si­cher­heit über Krieg und Frie­den we­sent­lich mit ent­schei­det, wird deut­lich, dass mit dem The­ma ei­ne der zen­tra­len Zu­kunfts­fra­gen be­nannt ist. Ei­ni­ge ak­tu­el­le Pu­bli­ka­tio­nen da­zu hat sich Wal­ter Spiel­mann nä­her an­ge­se­hen.

Bio – al­les Schwin­del, oder was?

Über Ma­chen­schaf­ten rund ums Es­sen las­sen sich nicht nur Kri­mis, son­dern auch Sach­bü­cher schrei­ben. Vie­le Re­gal­me­ter füll­ten wohl Bü­cher, de­ren Au­to­rin­nen sich auf in­ves­ti­ga­ti­ve Wei­se dar­an ma­chen, die Qua­li­tät von Nah­rungs­mit­teln zu un­ter­su­chen. Zu ih­nen zählt auch der Us-ame­ri­ka­ni­sche Jour­na­list Peter Lau­fer, des­sen Er­kun­dun­gen ih­ren An­fang neh­men, als ei­nes Ta­ges ei­ne Tü­te mit „Bio“-wal­nüs­sen aus Ka­sachs­tan, und we­nig spä­ter ei­ne Do­se mit ver­dor­be­nen bo­li­via­ni­schen Bio­boh­nen auf den Kü­chen­ti­schen lan­den.

Skep­sis, Neu­gier und Durch­hal­te­ver­mö­gen trei­ben Lau­fer an, mo­ti­vie­ren ihn zu er­grün­den, was sich mit dem At­tri­but „Bio“al­les dar­stel­len, ver­de­cken und ver­tu­schen lässt. Da­bei stößt er bei dem lo­ka­len Nah­ver­sor­ger und der Kon­zern­lei­tung von „Tra­der’s Joe“– ganz ist die­se im Be­sitz des Al­di-im­pe­ri­ums, Ttip-in­ter­es­sen lie­gen auf der Hand – auf tau­be Oh­ren bzw. un­über­wind­ba­re Hür­den. Lau­fers Re­cher­chen sind aber den­noch in­for­ma­tiv, denn man er­fährt u. a., dass nach Kri­te­ri­en des Us-land­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­ums und auch der EU die Be­zeich­nung „Bio“ver­wen­det wer­den darf, wenn „min­des­tens 95 Pro­zent

al­ler Zu­ta­ten die An­for­de­run­gen der Re­gie­rung für Bio­pro­duk­te er­fül­len. (…) Bio be­deu­tet auf bei­den Sei­ten des At­lan­tiks, dass die Zu­ta­ten frei von che­mi­schen Un­kraut­ver­nich­tern und Pes­ti­zi­den und frei von gen­tech­nisch ver­än­der­ten Or­ga­nis­men und nicht be­strahlt oder vol­ler che­mi­scher Kon­ser­vie­rungs­mit­tel sind. Bis auf die ver­blei­ben­den 5 Pro­zent. Und wel­che Ge­heim­nis­se ber­gen die­se 5 Pro­zent?“, fragt Lau­fer (S. 26f.), oh­ne frei­lich die­se Fra­ge im Wei­te­ren zu be­ant­wor­ten.

Aus­führ­lich hin­ge­gen schil­dert der Au­tor, den sei­ne Re­cher­che durch die USA, aber u. a. auch nach Ös­ter­reich, Un­garn, Ita­li­en und Spa­ni­en, nach Afri­ka und Süd­ame­ri­ka füh­ren, sys­te­misch zu­min­dest frag­wür­di­ge Prak­ti­ken: Fast über­all – die­ser Aspekt zieht sich gleich­sam wie ein ro­ter Fa­den durch das Buch – wer­den die Be­hör­den, die Zer­ti­fi­zie­run­gen vor­neh­men, von den Pro­du­zen­ten be­zahlt, wor­aus sich na­tur­ge­mäß Ab­hän­gig­kei­ten und In­ter­es­sen­kon­flik­te er­ge­ben [kön­nen]. „Wenn das, was wir Bi­o­bau­ern tun, gut sein soll und was die an­de­ren tun schlecht, war­um müs­sen die nicht zer­ti­fi­ziert wer­den?“(S. 92), fragt et­wa Er­nie Car­man, Kaf­fee-pro­du­zent und Ex­por­teur in Cos­ta Ri­ca.

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Ge­mein­sa­me In­ter­es­sen und un­ter­schied­li­che Kul­tu­ren

Ei­ne Ant­wort dar­auf ist wohl die Tat­sa­che, dass sich mit der Mar­ke „Bio“viel Geld ver­die­nen lässt und dass vie­le da­von pro­fi­tie­ren. Wur­den mit Bio­pro­duk­ten in den USA An­fang der 1990er-jah­re noch 1 Mil­li­ar­de $ um­ge­setzt, so stieg der Ge­winn in den dar­auf fol­gen­den 20 Jah­ren auf 27 Mil­li­ar­den $. Für die Qua­li­täts­kon­trol­le durch die staat­lich zu­stän­di­ge Be­hör­de USDA ste­hen ak­tu­ell nicht mehr als 27 Per­so­nen (!) zur Ver­fü­gung (S. 72f.). Und die­se gibt trotz al­ler Hart­nä­ckig­keit des Au­tors kei­ne sub­stan­ti­el­len Aus­künf­te über an­ge­frag­te Zu­sam­men­hän­ge. Kein Wun­der, dass Lau­fer mit Blick auf die NSA und Oba­mas Ad­mi­nis­tra­ti­on bit­ter, zy­nisch und poin­tiert for­mu­liert: „Wenn es um das geht, was in un­se­ren Mä­gen lan­det, ist Trans­pa­renz ein Muss, vor al­lem wenn Wa­shing­ton sich wie­der­holt als Nest von Ge­heim­nis­krä­mern er­weist.“(S. 103)

Wie leut­se­lig, of­fen und ge­sprä­chig neh­men sich da­ge­gen Be­hör­den und In­ter­es­sen­ver­tre­ter von NGOS und ein­schlä­gi­gen Un­ter­neh­men in Ös­ter­reich, Un­garn und Ita­li­en aus! Lau­fer ist nicht nur be­geis­tert vom Charme der Wie­ner Ca­fés, son­dern wür­digt die Ent­wick­lung der Bio­ge­setz­ge­bung in Ös­ter­reich, zeigt sich (mit Ein­schrän­kun­gen) an­ge­tan von Wer­ner Lam­pert und des­sen Kon­zept „Zu­rück zum Ur­sprung“, das Ho­fer-kun­den er­mög­licht, die Her­kunft der er­wor­be­nen Bio­pro­duk­te zu re­cher­chie­ren. Mit Blick auf Ita­li­en kon­sta­tiert Lau­fer hin­ge­gen ein deut­lich ge­rin­ge­res In­ter­es­se der Be­völ­ke­rung am The­ma „Bio“, zeigt sich aber be­ein­druckt von der Viel­falt der auch in die­sem Kon­text sich ma­ni­fes­tie­ren kri­mi­nel­len Ener­gie so­wie der Ent­schlos­sen­heit der Jus­tiz, da­ge­gen vor­zu­ge­hen. Dass es dem Au­tor am En­de sei­ner etap­pen­rei­chen Rei­se, über die er ganz in ame­ri­ka­ni­scher Tra­di­ti­on lo­cker, zu­wei­len aber auch et­was lang­at­mig und sprung­haft be­rich­tet, noch ge­lingt, in Cha­ra­gua (im Nor­den Bo­li­vi­ens ge­le­gen) den mut­maß­li­chen Pro­du­zen­ten von mit Si­cher­heit bio­lo­gisch pro­du­zier­ten schwar­zen Boh­nen aus­fin­dig zu ma­chen, kann zu­min­dest als Teil­er­folg auf der Su­che nach ech­ten (bio­lo­gi­schen) Wer­ten ver­bucht wer­den.

Ein Buch, das mit Ein­schrän­kun­gen vor al­lem je­nen zu emp­feh­len ist, die an ei­nem in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich im Um­gang mit Bio­pro­duk­ten in­ter­es­siert sind. Bio­pro­duk­te

107 Lau­fer, Peter: Bio? Die Wahr­heit über un­ser Es­sen. St. Pölten (u. a.): Re­si­denz Ver­lag, 2015. 286 S. € 19,90 [D], 20,70 8A]

ISBN 978-3-7017-3359-0

Acker­gif­te - nein dan­ke

In An­leh­nung an Ra­chel Car­sons Öko­klas­si­ker „Der stum­me Früh­ling“(1962 er­schie­nen), be­ginnt das jour­na­lis­tisch-en­ga­giert ge­stimm­te Buch der in Berlin un­ter an­de­rem für die taz tä­ti­ge Au­to­rin. „Che­mie­pro­du­zen­ten“, so ei­ne ers­te, mas­si­ve An­sa­ge von Ute Scheub, „ha­ben den Vor­teil, dass Kran­ke fast nie be­wei­sen kön­nen, von ih­nen ver­gif­tet wor­den zu sein. Laut Krebs­re­gis­ter von 2013 star­ben im Bun­des­ge­biet im Jahr 2008 rund 25.000 Men­schen an [Krebs, W. Sp.] (…) Ge­bie­te mit in­ten­si­ver agrar­in­dus­tri­el­ler Be­wirt­schaf­tung wie Nie­der­sach­sen und Schles­wig-hol­stein wei­sen noch hö­he­re Ra­ten auf.“(S. 7f.). Ja, es wur­de 2001 ein „dre­cki­ges Dut­zend von Su­per­gif­ten“durch die Stock­hol­mer Kon­ven­ti­on welt­weit ver­bo­ten, aber min­des­tens „24 ver­schie­de­ne Su­perunkräu­ter, die ge­gen Monsan­tos Pes­ti­zid ‚Roun­dup Re­a­dy‘ im­mun sind, brei­ten sich welt­weit in 18 Län­dern aus; ge­gen das Her­bi­zid Atra­zin sind 64 Un­kräu­ter re­sis­tent“(S. 10). Ver­ständ­lich al­so, dass die Au­to­rin im wei­te­ren Ver­lauf den Be­griff „Pflan­zen­schutz­mit­tel“nicht ver­wen­det (vgl. S. 11). Ein kur­zer, prä­zi­ser Blick auf die Zu­sam­men­set­zung frucht­ba­rer, le­ben­di­ger Bö­den – dem „Ma­gen der Er­de“– und ein Er­fah­rungs­be­richt ei­ner Ak­ti­vis­tin über die Zer­stö­rung der ehe­mals viel­fäl­ti­gen Ucker­mark ma­chen deut­lich, wie um­fas­send und in wei­ten Tei­len wohl auch un­um­kehr­bar die ak­tu­el­le Ent­wick­lung ist. Ein wei­te­res Ka­pi­tel gibt Ein­blick in die Ent­wick­lung der Agrar­in­dus­trie und be­leuch­tet ex­em­pla­risch auch das ver­geb­li­che Be­mü­hen von Cla­ra Im­mer­wahr, ih­ren Gat­ten Hans Ha­ber von der Her­stel­lung von Am­mo­ni­ak auf in­dus­tri­el­ler Ba­sis ab­zu­brin­gen, das in der Pro­duk­ti­on von Kunst­dün­ger und töd­li­chen Ner­ven­ga­sen ei­ne zen­tra­le Rol­le spie­len soll­te. The­ma­ti­siert wird aber auch die ver­hee­ren­de Wir­kung des Un­kraut­be­kämp­fungs­mit­tels „Agent Oran­ge“, des­sen Ein­satz im Viet­nam­krieg (1965 bis 1971) bei et­wa 100.000 Kin­dern zu Fehl­bil­dun­gen führ­te, aber auch 200.000 Us-sol­da­ten nicht ver­schon­te (vgl. S 28).

All­ge­gen­wär­ti­ges Gift

Ein­mal ab­ge­se­hen von den dra­ma­ti­schen Fol­gen des Ein­sat­zes che­mi­scher Sub­stan­zen in mi­li­tä­ri­schen Zu­sam­men­hän­gen zeigt sich, dass Acker­gif­te tat­säch­lich all­ge­gen­wär­tig sind, auch auf Zier­pflan­zen aus Gar­ten­cen­tern. „Im Jah­re 2014 ließ Gre­en­peace 86 Pro­ben in zehn eu­ro­päi­schen Län­dern zie­hen. Er­geb­nis: 98 Pro­zent der Blu­men wei­sen Pes­ti­zid­rück­stän­de auf, 79 Pro­zent der ge­fun­de­nen Pflan­zen­gif­te wa­ren bie­nen­ge­fähr-

lich.“(S. 32) Doch da­mit nicht ge­nug: „Das Pes­ti­zid Ak­ti­ons-netz­werk PAN In­ter­na­tio­nal geht von jähr­lich 100 tau­sen­den To­ten und vie­len Mil­lio­nen schwe­ren Ver­gif­tungs­fäl­len aus – schät­zungs­wei­se 41 Mil­lio­nen, da­von bis zu 99 Pro­zent in den ar­men Län­dern. Das ent­spricht et­wa ei­nem Drit­tel al­ler Farm­ar­bei­ter welt­weit.“(S. 37). Die „che­mi­sche Auf­rüs­tung“, so Scheub, blei­be den­noch ein her­vor­ra­gen­des Ge­schäfts­mo­dell, um Mil­lio­nen auf Dau­er zu Ab­hän­gi­gen zu ma­chen; ein Mo­dell, der die Mas­se der Kon­su­men­ten mit ih­rem Wunsch nach Bil­lig­pro­duk­ten ger­ne folgt. Dies um­so mehr, als die Che­mie­in­dus­trie kei­ne Mit­tel scheut, um ih­re Pro­duk­te als in­te­ger, si­cher und ver­ant­wor­tungs­voll pro­du­ziert an­zu­prei­sen und zu­dem ih­ren Pro­duk­ten ver­füh­re­risch, sanft und un­schul­dig klin­gen­de Na­men gibt. Ra­sen­dün­ger, mit Pes­ti­zi­den an­ge­rei­chert, sind et­wa un­ter dem Na­men „Euf­lor“, „Ga­bi“oder „Gar­ten­per­le“zu ha­ben. Wenn dar­über hin­aus von „Ko­exis­tenz“und „Wahl­frei­heit“, von „gu­ter fach­li­cher Pra­xis“, „si­che­rer An­wen­dung“, „ge­si­cher­ten wis­sen­schaft­li­chen Er­kennt­nis­sen“oder von „Si­cher­heit für Ver­brau­cher und Na­tur“oder „neu­tra­len, un­ab­hän­gi­gen Be­hör­den“ge­schrie­ben und ge­spro­chen wer­de, so han­de­le sich da­bei schlicht­weg um Lü­gen, for­mu­liert Scheub hier wohl et­was [zu] poin­tiert, aber im ein­zel­nen ge­wiss be­leg­bar und zu­tref­fend. Rich­tig ist wohl auch, dass nicht sel­ten an­ge­ge­be­ne „Grenz­wer­te grenz­wer­tig“sind, und frei­lich trifft auch das Ar­gu­ment zu, dass der Ein­satz von Pes­ti­zi­den kei­nes­wegs da­zu bei­trägt, den Welt­hun­ger zu be­sei­ti­gen. Viel­mehr trägt die Po­li­tik der Agrar­mo­no­po­le zu fort­schrei­ten­der Ab­hän­gig­keit bei, be­för­dert die Ver­gif­tung von Flo­ra und Fau­na und führt – nicht sel­ten be­glei­tet von mi­li­tä­ri­schen Ak­tio­nen – zur Zer­stö­rung tra­di­tio­nel­len, re­gio­na­len Saat­guts.

Al­ter­na­ti­ven sind mög­lich

Das Bei­spiel der Süd­ti­ro­ler Ge­mein­de Mals zeigt ex­em­pla­risch, dass Al­ter­na­ti­ven nicht nur an­ge­dacht, son­dern auch er­folg­reich um­ge­setzt wer­den kön­nen: Bei ei­ner Volks­ab­stim­mung [ein­schließ­lich Brief­wahl­mög­lich­keit], die im Jahr 2012 statt­fand, „stimm­ten bei ei­ner Wahl­be­tei­li­gung von bei­na­he 70 Pro­zent mehr als drei Vier­tel der Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler ge­gen den Ein­satz von Acker­gif­ten im Ge­mein­de­ge­biet und für ei­ne pes­ti­zid­freie Zu­kunft. Im Ju­li 2013 ver­fass­ten 20 Ärz­te-und Zahn­ärz­tin­nen, acht Tier­ärz­te, sie­ben Apo­the­ke­rin­nen und 15 Bio­lo­gen aus dem Ein­zugs­ge­biet Oberv­intsch­gau ein ‘Ma­ni­fest zum Schutz der Ge­sund­heit und für den nach­hal­ti­gen Um­gang mit Bo­den, Was­ser und Luft‘. Die­ses Ma­ni­fest hat un­glaub­lich zur Sen­si­bi­li­sie­rung der ört­li­chen Be­völ­ke­rung und zur Auf­rüt­te­lung und die gan­zen Süd­ti­ro­ler Ge­sell­schaft bei­ge­tra­gen“, be­rich­tet der Apo­the­ker Jo­han­nes Fragner-un­ter­per­tin­ger (S. 81f.).

Im ab­schlie­ßen­den „Lö­sun­gen“über­schrie­be­nen Ka­pi­tel, das frei­lich noch weit aus­führ­li­cher hät­te aus­fal­len kön­nen, schlägt die Au­to­rin zu­letzt po­si­ti­ve, er­mu­ti­gen­de Tö­ne an: ge­schil­dert wer­den das gift­freie Wer­ken und Wir­ken auf ei­nem bran­den­bur­gi­schen De­me­ter­hof mit dem eben­falls klin­gen­den Na­men „Ap­fel­t­raum“, die Ver­diens­te des Schwei­zer In­sek­ten­for­schers Hans-ru­dolf Her­ren oder die Ar­beit des Bio­lo­gen Clau­dio Nigg­li, der im Schwei­zer Wal­lis den For­schungs­wein­berg „My­tho­pia“auf­ge­baut hat, der rund 50 Schmet­ter­lings­ar­ten und über 150 ver­schie­de­ne Wild­pflan­zen be­hei­ma­tet. Skiz­ziert wird dar­über hin­aus die Be­deu­tung von Per­ma­kul­tur und sym­bio­ti­scher Land­wirt­schaft, die Kam­pa­gne des BUND für pes­ti­zid­freie Kom­mu­nen – bei­spiels­wei­se ha­ben sich Müns­ter, Saar­brü­cken, Cuxhaven, Tü­bin­gen und Tri­er ver­pflich­tet, auf öf­fent­li­chen Flä­chen und Parks im­mer we­ni­ger oder gar kei­ne Gif­te mehr ein­zu­set­zen. An­ge­spro­chen wer­den auch die Rah­men­be­din­gun­gen für ei­ne welt­weit öko­lo­gi­sche Er­näh­rung so­wie der Be­griff „Er­näh­rungs­sou­ve­rä­ni­tät“, der von dem Klein­bau­ern­netz­werk „Via Cam­pe­si­na“an­läss­lich des al­ter­na­ti­ven Wel­ter­näh­rungs­gip­fels von 1996 ge­prägt wur­de. Im An­hang vor­ge­stellt wird schließ­lich die Kam­pa­gne „Agrar­gif­te? Nein dan­ke!, die von der Bür­ger­initia­ti­ve Land­wen­de in Klein Ja­se­dow in­iti­iert wur­de, um ins­be­son­de­re In­for­ma­tio­nen und Un­ter­stüt­zung im Fall von „Ab­drif­ten“, al­so der un­kon­trol­lier­ten Aus­brin­gung von Pes­ti­zi­den zu ge­ben. (Wei­te­re In­for­ma­tio­nen da­zu gibt es auf www.acker­gif­te-nein-dan­ke.de so­wie über in­fo@land­wen­de.de).

Land­wirt­schaft: öko­lo­gi­sche 108 Scheub, Ute: Acker­gif­te? Nein dan­ke! Für ei­ne en­keltaug­li­che Land­wirt­schaft. Klein Ja­se­dow: Dra­chen­verl., 2014. 124 S.,

€ 10,30 [D], 10,60 [A]

ISBN 978-3-927369-87-0

Er­näh­rungs(un)si­cher­heit

Die seit dem Mill­en­ni­ums­be­ginn 2000 al­le zwei Jah­re durch­ge­führ­ten „St. Jo­han­ner Frie­dens­ta­ge“ha­ben sich – von Be­ginn an von ei­nem en­ga­gier­ten Team auf ho­hem Ni­veau ge­stal­tet – zu ei­nem weit­um ge­schätz­ten und an­er­kann­ten Fo­rum des in­ter­na­tio­na­len Frie­dens­dis­kur­ses

ent­wi­ckelt. Ein­drucks­voll wird mit die­ser Ver­an­stal­tungs­rei­he do­ku­men­tiert, wie das Zu­sam­men­wir­ken von Ak­teu­ren aus un­ter­schied­li­chen Be­rei­chen (Volks­kul­tur, Er­wach­se­nen­bil­dung, Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit, Schul­we­sen und dem An­lie­gen ge­gen­über auf­ge­schlos­se­nen po­li­tisch Ver­ant­wort­li­chen), vor al­lem aber mit­ge­tra­gen von der Sym­pa­thie und dem be­rech­tig­ten Stolz der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger, et­was Be­son­de­res wach­sen und ge­dei­hen kann.

Ganz zu Recht wur­den, die­sen Zu­sam­men­hang re­flek­tie­rend und wür­di­gend, die „Frie­dens­ta­ge 2014“mit der Er­nen­nung von St. Jo­hann – Be­zirks­haupt­stadt der Salz­bur­ger Re­gi­on Pon­gau – zu ei­ner „Fair-tra­de-ge­mein­de“so­wie mit der Ver­ga­be des Prei­ses „Ökos­til“an den dort an­säs­si­gen „Welt­la­den – Fair Tra­de“, von wel­chem al­les bis­her Er­wähn­te vor 30 Jah­ren sei­nen An­fang nahm, er­öff­net. Pro­mi­nen­te Re­fe­ren­ten, al­len vor­an Franz Fisch­ler, der ehe­ma­li­ge Eu­kom­mis­sar für Er­näh­rungs­an­ge­le­gen­hei­ten, aber auch Fach­leu­te wie Hans Eder, Lei­ter der vor al­lem in Süd­ame­ri­ka ak­ti­ven NGO „INTERSOL“stel­len das eben­so brei­te wie hoch­ka­rä­ti­ge Ni­veau die­ser Ver­an­stal­tung un­ter Be­weis.

Der Blick auf glo­ba­le Zu­sam­men­hän­ge

Ne­ben der brei­ten Mit­wir­kung der Be­völ­ke­rung, ein­drucks­voll do­ku­men­tiert durch Schul­pro­jek­te zum „Öko­lo­gi­schen Fuß­ab­druck“oder die Er­ar­bei­tung ei­nes „Mu­si­cals der bun­ten Vö­gel“an der im Stadt­zen­trum ge­le­ge­nen Volks[=grund]schu­le so­wie Pro­jek­te der am Ort ak­ti­ven „Kul­tur-platt­form“wa­ren es vor al­lem die in vier Fo­ren dis­ku­tier­ten The­men, die den Blick auf glo­ba­le Zu­sam­men­hän­ge lenk­ten. „Neue Grü­ne Re­vo­lu­ti­on mit Gen­tech­nik ver­sus Öko­so­zia­le All­tags­kul­tur“(Fo­rum 1) gab et­wa ei­nem Bio­land­wirt aus Ober­ös­ter­reich, ei­ner Agrar-in­te­gra­ti­ons­be­ra­te­rin, die über Land­grab­bing in In­di­en re­fe­rier­te, so­wie ei­nem Mit­glied von „AGRARATTAC“Ge­le­gen­heit, über den sprich­wört­li­chen Tel­ler­rand zu bli­cken. In Fo­rum 2 wur­de da­ge­gen das The­ma „Bio­land­bau: von fai­ren Pro­duk­ten zum fai­ren Ge­nuss“er­ör­tert, wäh­rend sich ein wei­te­rer Ar­beits­kreis dem The­ma „Frie­dens­för­dern­de Be­deu­tung von Ar­ten­viel­falt, Er­näh­rungs­si­cher­heit und -sou­ve­rä­ni­tät“wid­me­te. Hier be­son­ders ak­tu­ell er­scheint mir der bis­lang viel zu we­nig be­dach­te Hin­weis von Fran­zis­kus Fors­ter, dass die EU die Po­li­tik des „Land­grab­bing“nicht et­wa nur im gar nicht mehr „fer­nen Afri­ka“, son­dern auch in Eu­ro­pa selbst mas­siv för­dert und da­mit die Vor­aus­set­zun­gen re­gio­na­ler Viel­fäl­tig­keit un­ter­gräbt. In Fo­rum 4 schließ­lich wur­de über „An­ti-gen­tech­nik-initia­ti­ven welt­weit – und wie du dich be­tei­li­gen kannst“leb­haft dis­ku­tiert. Mit ei­nem Re­sü­mee zu den Frie­dens­ta­gen 2000-2014 und ei­nem in An­be­tracht der Qua­li­tät und Brei­ten­wir­kung hof­fent­lich nur rhe­to­risch ge­stell­ten „?“, wie es im Hin­blick auf die Zu­kunft die­ser Ver­an­stal­tung wei­ter geht, schließt ein vom Um­fang her schma­ler, von der Sa­che her aber höchst ge­wich­ti­ger, auch fo­to­gra­fisch pro­fes­sio­nell ge­stal­te­ter Band von größ­ter Zu­kunfts­re­le­vanz.

Er­näh­rungs­si­cher­heit 109 Er­näh­rungs(un)si­cher­heit und Welt(un)frie­den. Ver­an­stal­tungs­be­richt zu den Frie­dens­ta­gen in St. Jo­hann im Pon­gau. Neu­kir­chen a. Grv.: Verl. Tau­ris­ka, 2015. 79 S. € 12,ISBN 978-3-901257-51-3

War­um wir es­sen, was wir es­sen

Wäh­rend man mit Ju­les Ver­nes noch in 80 Ta­gen um die Welt rei­sen muss­te, er­zählt uns Ma­rin Trenk, der an der Frank­fur­ter Uni­ver­si­tät ei­nen Fach­be­reich für „Ku­li­na­ri­sche Eth­no­lo­gie“lei­tet, wie die Glo­ba­li­sie­rung un­se­re Ess­ge­wohn­hei­ten ver­än­dert und die Viel­falt frem­der Kul­tu­ren vor un­se­re Woh­nungs­tür ge­bracht hat. Zu­min­dest in ur­ba­nen Zen­tren lässt es sich „vor Ort“gut und ger­ne mit 80 Ge­rich­ten um die Welt rei­sen. Da­von er­zählt die­ses Buch. Drei Wel­len der ku­li­na­ri­schen Glo­ba­li­sie­rung – die 1. in­fol­ge der Ent­de­ckun­gen des Ko­lum­bus, die 2. im Wind­schat­ten von Ko­lo­nia­li­sie­run­gen [z. B. In­di­ens], die 3. durch die „Über­sied­lung“na­tio­na­ler Kü­chen [z.b. durch Mi­gran­ten aus, Chi­na, Thai­land oder Me­xi­co] – wer­den im ers­ten Ab­schnitt be­schrie­ben und be­rei­ten die schmack­haf­te Grund­la­ge für den im zwei­ten Ab­schnitt ge­bo­te­nen Blick auf die Viel­falt der in Deutsch­land ge­pfleg­ten Ko­chund Ess­werk­stät­ten.

Von der deut­schen Vor­lie­be für Pas­ta und Piz­za, der mitt­ler­wei­le star­ken Frei­luft-kon­kur­renz durch Dö­ner-bu­den und der un­über­seh­ba­ren Prä­senz der asia­ti­schen Kü­chen-tria­de aus Chi­na, Ja­pan und Thai­land so­wie schließ­lich „vom rest­li­chen Trei­ben in un­se­ren Fuß­gän­ger­zo­nen“(den Fas­tfood-ket­ten mit di­ver­sen Bur­ger-, Fisch- und Ge­flü­gel-an­ge­bo­ten) bis hin zu den „Gas­t­ar­bei­ter­kü­chen“in tra­di­tio­nel­ler Auf­ma­chung (Grie­chen) oder tren­di­gem Am­bi­en­te (spa­ni­sche Ta­pas-lo­ka­le) reicht im We­sent­li­chen das Spek­trum.

„Any­thing goes“ist schließ­lich der ab­schlie­ßen­de, drit­te Teil be­ti­telt, in wel­chem der Au­tor ganz oh­ne Sen­ti­men­ta­li­tät über das „Ver­schwin­den der (häus­li­chen) Kü­che phi­lo­so­phiert oder sich dar­über Ge-

dan­ken macht, was denn aus der si­gni­fi­kant nur in süd­li­chen Rand­zo­nen noch le­ben­di­gen Ess­kul­tur Deutsch­lands auf Dau­er hal­ten wird. Trenk spe­ku­liert zu­dem wohl be­grün­det über die nächs­ten Ge­win­ner und Ver­lie­rer un­ter den „acht Ess­pro­vin­zen der Welt“[Me­xi­ko ist im Kom­men, Ozea­ni­en auch ku­li­na­risch un­ter Druck, Bra­si­li­en ein Rät­sel], um ab­schlie­ßend auf kul­tu­rel­le und ethi­sche Aspek­te im Zu­sam­men­hang mit dem Ver­zehr von Fleisch, aber auch auf die neu er­wach­te, viel­fäl­ti­ge Lust am Es­sen, Ko­chen und ge­mein­sa­men Ge­nie­ßen zu spre­chen zu kom­men. Ein höchst in­for­ma­ti­ves, ver­gnüg­li­ches und Ap­pe­tit an­re­gen­des Buch.

Es­sen: Glo­ba­li­sie­rung 110 Trenk, Ma­rin: Dö­ner Ha­waii. Un­ser glo­ba­li­sier­tes Es­sen. Stuttgart: Klett-cot­ta, 2015.

297 S., € 17,95 [D], 18,50 [A] ;

ISBN 978-3-68-94889-9

„Das Sel­ber­ko­chen wird, zu­min­dest von ei­ner Min­der­heit, nicht mehr aus­schließ­lich als Bür­de er­ach­tet. Kö­che, Koch­bü­cher und Koch­shows ste­hen so hoch im Kurs wie noch nie. Ob frei­lich die Fern­seh­kö­che viel Ein­fluss ha­ben, scheint frag­lich. Denn ih­re...

„Wenn wir sind, was wir es­sen, dann müs­sen wir wis­sen, was wir es­sen und wie es auf un­se­re Tel­ler kam.“(Peter Lau­fer in , S. 11)

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