Zu­kunft his­to­risch und krea­tiv

ProZukunft - - Inhalt -

Wal­ter Spiel­mann stellt die sym­pa­thi­schen und über­zeu­gen­den The­sen des Er­zie­hungs­wis­sen­schaft­lers Olaf-axel Bu­row vor, für den Krea­ti­vi­tät nur im Plu­ral ge­lin­gen kann. Stefan Wal­ly be­spricht die sehr zu emp­feh­len­de “Ge­schich­te der Zu­kunfts­for­schung” der His­to­ri­ke­rin El­ke See­fried.

Ei­ne sehr zu emp­feh­len­de Ge­schich­te der Zu­kunfts­for­schung von El­ke See­fried, His­to­ri­ke­rin in München, hat sich Stefan Wal­ly an­ge­se­hen. Die auf sym­pa­thi­sche aber auch über­zeu­gen­de Wei­se vor­ge­stell­te The­se des Er­zie­hungs­wis­sen­schaft­lers Olaf-axel Bu­row, dass Krea­ti­vi­tät als kon­ti­nu­ier­lich zu pfle­gen­der Pro­zes­se nur in ge­mein­sa­mem Zu­sam­men­wir­ken ge­lin­gen kann, wird von Wal­ter Spiel­mann vor­ge­stellt.

Zu­kunfts­for­schung his­to­risch

El­ke See­fried, His­to­ri­ke­rin in München und an der Uni­ver­si­tät Augs­burg, hat in jah­re­lan­ger Klein­ar­beit die Ge­schich­te der Zu­kunfts­for­schung auf­ge­ar­bei­tet. Beim Durch­wüh­len von Kis­ten, Re­ga­len und Da­ten­ban­ken hat sie aber nie den Über­blick ver­lo­ren. Ganz im Ge­gen­teil: Ihr ge­lingt die Sys­te­ma­ti­sie­rung ei­nes For­schungs­fel­des, das si­cher nicht leicht mit Ka­te­go­ri­en in den Griff zu be­kom­men war. Nir­gends sonst ist die Ge­schich­te die­ses For­schungs­felds für die­se Zeit ge­nau­er aus­ge­ar­bei­tet.

Die Ge­schich­te der Zu­kunfts­for­schung be­ginnt mit For­schern, die mit ei­nem nor­ma­tiv-on­to­lo­gi­schen Ver­ständ­nis an die Fra­ge­stel­lun­gen her­an­gin­gen. Zu die­ser Grup­pe ge­hör­ten Carl-fried­rich von Weiz­sä­cker und Bertrand de Jou­ve­n­el. Sie sa­hen ihr Ziel dar­in, wie­der Ord­nung und Frie­den in der be­schleu­nig­ten wis­sen­schaft­lich-tech­ni­schen Mo­der­ne zu schaf­fen. Die Vor­schau in die Zu­kunft wur­de von die­ser Grup­pe als Kunst ver­stan­den, die von den in­di­vi­du­el­len Fä­hig­kei­ten es Ein­zel­nen ab­hing. Es folg­ten Wis­sen­schaft­ler, die ei­nen em­pi­risch­po­si­ti­vis­ti­schen Zu­gang wähl­ten. Da­zu ge­hör­ten Na­tur-, So­zi­al und Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler wie Da­ni­el Bell, Her­man Kahn oder Karl St­ein­buch. Auf der Ba­sis von vor­lie­gen­den Fak­ten woll­te man die Zu­kunft po­si­ti­vis­tisch ver­mes­sen. Die­se Grup­pe von For­schern war vor al­len in den USA ein­fluss­reich, war die­ser An­satz doch leicht mit dem Em­pi­ris­mus, der dort hoch im Kurs stand, zu ver­bin­den.

Die drit­te Grup­pe wa­ren For­scher, die ih­re Ar­beit kri­tisch-eman­zi­pa­to­risch ver­stan­den. Da­zu ge­hör­ten un­ter an­de­ren Ro­bert Jungk und Os­sip K. Flecht­heim. Hier nahm die For­schung den An­spruch auf,

auch wünsch­ba­re Zu­künf­te zu ent­wer­fen, man ging in Rich­tung par­ti­zi­pa­ti­ver Gestal­tung der Zu­kunft und So­zi­al­pla­nung.

In al­len Grup­pen gab es im­mer wie­der An­läu­fe, die Zu­kunfts­for­schung zu ei­ner neu­en Wis­sen­schaft zu er­he­ben. Das ge­lang je­doch nicht. Sie konn­te sich nicht als ei­gen­stän­di­ge Wis­sen­schaft mit fes­tem Ge­gen­stands­be­reich und Me­tho­den­ka­non eta­blie­ren.

Sehr wohl ge­lang es aber, die Zu­kunfts­for­schung zu in­sti­tu­tio­na­li­sie­ren. Ei­ne re­le­van­te An­zahl von Ein­rich­tun­gen und Netz­wer­ken ent­stand. Be­gin­nend mit “fu­tu­ri­bles“von Bertrand de Jou­ve­n­el und der „Ford Foun­da­ti­on“1960/61 ent­stan­den in vie­len Staa­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen, die un­ter­schied­lich lang exis­tier­ten. „Man­kind 2000“war ei­ne da­von, die sich als kri­tisch-eman­zi­pa­to­ri­sche Ein­rich­tung ver­stand und der Frie­dens­be­we­gung na­he stand. Gro­ße Be­deu­tung hat­te der „Club of Ro­me“, der im Selbst­ver­ständ­nis ei­nes in­ter­na­tio­na­len Ex­per­ten­krei­ses agier­te. Grund­sätz­lich do­mi­nier­ten bis zum En­de der 1960er-jah­re aber Stu­di­en, die die Mach­bar­keit von An­pas­sun­gen prüf­ten und durch­aus tech­ni­kaf­fin wa­ren.

Erst im Kon­text der Stu­die­ren­den­re­vol­te von 1968 kam es zum Um­schwung. Auch die Stu­die zu den „Gren­zen des Wachs­tums“des „Club of Ro­me“(1972) und an­de­re Ar­bei­ten rück­ten im­mer mehr die Un­si­cher­heits­po­ten­zia­le der mo­der­nen Welt in den Mit­tel­punkt. Die Em­pi­ri­ker, et­wa die Wirt­schafs­for­scher von „pro­gnos“, wa­ren dar­über hin­aus ver­un­si­chert, nach­dem sie die Wirt­schafts­kri­se der frü­hen 1970er-jah­re nicht vor­her­ge­se­hen hat­ten. So ent­stan­den auch neue Me­tho­den, Tren­dex­tra­po­la­tio­nen, quan­ti­ta­ti­ve Mo­del­lie­run­gen und Com­pu­ter­si­mu­la­tio­nen be­ka­men das Del­phi-mo­dell, Welt­mo­del­le, qua­li­ta­ti­ve und ky­ber­ne­ti­sche

Sze­na­ri­en und auch das Mo­dell der Zu­kunfts­werk­stät­ten zur Sei­te ge­stellt. Vor al­lem letz­te­re, die von Ro­bert Jungk und Nor­bert Mül­lert ent­wi­ckel­te Me­tho­de, rück­te die Zu­kunfts­for­schung nä­her an den Par­ti­zi­pa­ti­ons­ge­dan­ken der Neu­en So­zia­len Be­we­gun­gen her­an, die mit dem An­satz viel an­fan­gen konn­ten. In glei­cher Wei­se wie sich die Zu­kunfts­for­schung den so­zia­len Be­we­gun­gen zu­wand­te, ver­lor sie Ein­fluss in der Mi­nis­te­ri­al­bü­ro­kra­tie und in der prag­ma­ti­schen Po­li­tik­be­ra­tung. Nun ge­ne­rier­te die Zu­kunfts­for­schung nicht mehr über Be­ra­tung ih­ren Ein­fluss, son­dern be­gann dis­kur­siv in der Öf­fent­lich­keit zu wir­ken und ent­fal­te­te so po­li­ti­sche Wir­kung. Auch hier spiel­te Ro­bert Jungk ei­ne be­deu­ten­de Rol­le.

El­ke See­fried ge­lingt ei­ne de­tail­rei­che, sys­te­ma­tisch durch­dach­te und trotz­dem gut les­ba­re Ge­schich­te der Dis­zi­plin. Das Buch wird mit Si­cher­heit das Stan­dard­werk zur Zu­kunfts­for­schung in den Jah­ren 1945 bis 1980 sein und noch oft zi­tiert wer­den. S. W. Zu­kunfts­for­schung: Ge­schich­te

111 See­fried, El­ke: Zu­künf­te. Auf­stieg und Kri­se der Zu­kunfts­for­schung 1945-1980. Berlin: De Gruy­ter, 2015. 575 S., € 49,95 [D], 51,50[A]

ISBN 9-783110-34163 Brin­gen wir’s gleich auf den Punkt: das Ge­nie als be­wun­der­te und ver­klär­te Per­sön­lich­keit hat die Büh­ne ver­las­sen, ist über­hol­te, wi­der­leg­te bil­dungs­bür­ger­li­che Fik­ti­on. Denn Krea­ti­vi­tät ge­lingt nur im Plu­ral, im kon­ge­nia­len Zu­sam­men­wir­ken un­ter­schied­li­cher Ta­len­te und Fä­hig­kei­ten, die sich, auch im Be­wusst­sein und in der Kennt­nis in­di­vi­du­el­ler Gren­zen, ak­zep­tie­ren und wech­sel­sei­tig för­dern.

So die zen­tra­le, fun­dier­te The­se von Olaf-axel Bu­row. Der Au­tor, Er­zie­hungs­wis­sen­schaft­ler an der Uni­ver­si­tät Kas­sel, des­sen Pu­bli­ka­tio­nen mehr­fach auch in Pro­zu­kunft emp­foh­len wur­den, legt in dem hier vor­ge­stell­ten Buch auf sym­pa­thi­sche und, was wohl noch mehr zählt, über­zeu­gen­de Wei­se dar, dass Krea­ti­vi­tät als kon­ti­nu­ier­lich zu pfle­gen­der und so auch ge­lin­gen­der Pro­zess ge­mein­sa­men Zu­sam­men­wir­kens neu ge­dacht und re­flek­tiert wer­den muss.

Aus­ge­hend von be­reits dar­ge­leg­ten über­zeu­gen­den his­to­ri­schen Bei­spie­len (Com­me­di­an Har­mo­nists, The Beat­les, die App­le-grün­der Ste­ve Jobs und Ste­ve Woz­ni­ak etc.) er­läu­tert Bu­row pra­xis­nah und all­ge­mein ver­ständ­lich Vor­aus­set­zun­gen und Er­folgs­fak­to­ren von krea­ti­ven Pro­zes­sen. Da­bei ist et­wa von der schein­bar ba­na­len, aber kei­nes­wegs zu un­ter­schät­zen­den Be­deu­tung in­spi­rie­ren­der Un­ord­nung, der Re­vi­si­on des Ar­beits­plat­zes oder von Über­zeu­gun­gen eben­so die Re­de wie von der Fä­hig­keit, das Stau­nen zu be­wah­ren. Span­nend und vor al­lem kon­kret mo­ti­vie­rend wird es dort, wo der Au­tor dar­auf zu spre­chen kommt, dass die Vor­stel­lung von krea­ti­vem Ein­zel­gän­ger­tum his­to­risch be­las­tet, mut­maß­lich falsch ist und vor al­lem den ak­tu­el­len Her­aus­for­de­run­gen in der „Epo­che der neun Un­über­sicht­lich­keit“(S. 52) nicht ge­recht wird. Die per­ma­nent be­schwo­re­ne oder auch ge­fürch­te­te Epo­che der In­di­vi­dua­li­sie­rung sei, so Bu­row, „nur ein kur­zes Über­gangs­sta­di­um. Ab ei­ner be­stimm­ten Schwel­le der In­di­vi­dua­li­sie­rung wird ein Ge­gen­trend zur Ge­mein­schafts­bil­dung not­wen­dig.“(S. 54) Wir wä­ren, so sei­ne op­ti­mis­ti­sche The­se – und hier be­zieht er sich de­zi­diert auf Ro­bert Jungk[vgl. S. 166ff.] – ge­ra­de da­bei, neue We­ge in die­se Rich­tung zu er­kun­den.

In­di­vi­du­el­les Ta­lent, die Kon­zen­tra­ti­on auf Do­mä­nen und Dis­zi­pli­nen so­wie vor al­lem das Ver­ständ­nis und die Be­rück­sich­ti­gung von ge­sell­schaft­lich wirk­sa­men „Fel­dern“(nach K. Le­win), in de­nen je­de/r Ak­teur/in be­wusst ei­ne Rol­le ein­nimmt, sie „ei­gen­sin­nig“mit­ge­stal­tet und so die Mög­lich­keit zur Ent­fal­tung per­sön­li­cher In­ter­es­sen und Be­ga­bun­gen hat, sind die we­sent­li­chen Fak­to­ren für das Ge­lin­gen per­sön­li­cher und ge­mein­schaft­li­cher Krea­ti­vi­tät. Im kol­lek­ti­ven Flow wer­den per­sön­li­ches Glück und Tea­mer­folg zugleich er­lebt.

Wem die­se Darstel­lung vor­ran­gig theo­rie­be­las­tet er­scheint – Bu­row folgt nach meh­re­ren pra­xis­ori­en­tier­ten Pu­bli­ka­tio­nen ganz be­wusst die­sem An­satz –, dem sei ver­si­chert, dass der Au­tor, ein durch die päd­ago­gi­sche Pra­xis an Schu­len und Uni­ver­si­tä­ten ver­sier­ter Ken­ner sei­nes The­mas, im­mer wie­der kon­kre­te, nach­voll­zieh­ba­re Tipps zum per­sön­li­chen oder auch kol­lek­ti­ven „Trans­fer“be­reit­hält. Zu­kunfts­ori­en­tier­te Ent­schei­dungs­gre­mi­en – in An­be­tracht der ak­tu­el­len, im­men­sen Her­aus­for­de­run­gen soll­ten das (trans-)na­tio­na­le Ver­ant­wor­tungs­trä­ger in Po­li­tik und Wirt­schaft eben­so sein wie so­zi­al nach­hal­tig ori­en­tier­te Un­ter­neh­men, die sich den „Lu­xus“fla­cher, team­ori­en­tier­ter Ent­schei­dungs­fin­dung be­wahrt ha­ben oder die­sen neu ent­de­cken wol­len – fin­den hier ein prä­zi­ses Ma­nu­al zur Ent­wick­lung kol­lek­ti­ver Krea­ti­vi­tät. Drin­gend emp­feh­lens­wert. W. Sp. Krea­ti­vi­tät: kol­lek­ti­ve

112 Bu­row, Olaf-axel: Team-flow. Ge­mein­sam wach­sen im Krea­ti­ven Feld. Beltz, 2015. 207 S., € 25,60 [D], 26,40 [A] ; ISBN 978-3-407-36569-9

„Mei­ne The­se lau­tet: Der Pro­zess der fort­schrei­ten­den In­di­vi­dua­li­sie­rung und Aus­dif­fe­ren­zie­rung ist nur ein kur­zes Über­gangs­sta­di­um. Ab ei­ner be­stimm­ten Schwel­le der In­di­vi­dua­li­sie­rung wird ein Ge­gen­trend zur Ge­mein­schafts­bil­dung not­wen­dig. Mei­nes...

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.