Zi­vil­ge­sell­schaft Bür­ger­be­tei­li­gung als Chan­ce

ProZukunft - - Inhalt -

Ei­ne le­ben­di­ge De­mo­kra­tie braucht Be­tei­li­gungs­pro­zes­se als not­wen­di­ge Baustei­ne ei­ner an den Be­dürf­nis­sen nach Mit­wir­kung und Mit­ge­stal­tung ori­en­tier­ten Po­li­tik. Wel­che Mög­lich­kei­ten es da­bei gibt, hat sich Al­f­red Auer an­hand ei­ni­ger von der Stif­tung Mit­ar­beit her­aus­ge­ge­be­nen Bü­cher an­ge­se­hen.

„De­mo­kra­tie ist ei­ne Le­bens­wei­se und nicht ei­ne For­mel, die wie Mar­me­la­de ein­ge­kocht und halt­bar ge­macht wer­den kann“, sag­te ein­mal Saul Da­vid Alinksy, der Be­grün­der von Com­mu­ni­ty Or­ga­ni­zing (CO). Ei­ne so ver­stan­de­ne le­ben­di­ge De­mo­kra­tie braucht je­doch weit mehr als die üb­li­chen Ver­fah­ren po­li­ti­scher Re­prä­sen­ta­ti­on. Be­tei­li­gungs­pro­zes­se sind längst not­wen­di­ge Baustei­ne ei­ner an Nach­hal­tig­keit ori­en­tier­ten Stadt­ent­wick­lung, denn dort zeigt sich das Be­dürf­nis nach Be­tei­li­gung und Mit­wir­kung un­mit­tel­bar und kon­kret. Im­mer öf­ter geht es aber auch um das Kon­zept ei­ner Bür­ger­schaft, bei der es auf al­le an­kommt und um ein Ge­rech­tig­keits­emp­fin­den, das nicht ak­zep­tie­ren will, dass Men­schen von der Ge­sell­schaft aus­ge­schlos­sen wer­den. Auch Men­schen mit be­son­de­ren Be­dürf­nis­sen wol­len und kön­nen sich für an­de­re und für das Ge­mein­we­sen en­ga­gie­ren. Al­f­red Auer hat sich ei­ni­ge von der Stif­tung Mit­ar­beit her­aus­ge­ge­be­ne Bü­cher zu die­sem The­ma an­ge­se­hen.

Teil­ha­ben und Mit­ge­stal­ten

In der De­bat­te zur qua­li­ta­ti­ven Ver­bes­se­rung der po­li­ti­schen Mit­ge­stal­tung geht es we­sent­lich um die Ele­men­te und Rah­men­be­din­gun­gen ge­lin­gen­der Be­tei­li­gungs­kul­tur. In die­sem Zu­sam­men­hang hilft auch der Blick über die Gren­zen wei­ter. Es zeigt sich, dass For­men der di­rek­ten De­mo­kra­tie in Deutsch­land, Ös­ter­reich und der Schweiz sehr un­ter­schied­lich aus­ge­stal­tet sind. Die Her­aus­ge­be­rin­nen se­hen dar­in die Chan­ce ei­ner grenz­über­schrei­ten­den Dis­kus­si­on und der Re­fle­xi­on der je­weils ei­ge­nen po­li­ti­schen Kul­tur.

Wie ent­steht „Be­tei­li­gungs­kul­tur“

Ein­gangs dis­ku­tiert Jeannette Beh­rin­ger, wie re­prä­sen­ta­ti­ve De­mo­kra­tie wei­ter­ent­wi­ckelt wer­den

kann, „da­mit das Be­dürf­nis nach mehr Mit­ge­stal­tung, die Kom­pe­ten­zen und Ide­en der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger bes­ser in Ent­schei­dungs­fin­dungs­pro­zes­se ein­flie­ßen kön­nen“(S. 8). Die Mo­ti­ve und For­men der Be­tei­li­gung, so ihr Be­fund, ver­än­dern sich stän­dig. Die­se Dy­na­mik ha­be viel­schich­ti­ge Ur­sa­chen und sei so­wohl in ge­sell­schaft­li­chen Ve­rän­de­run­gen als auch auf in­di­vi­du­el­ler Ebe­ne zu se­hen. Die­se Ve­rän­de­run­gen gel­te es zu ver­ste­ti­gen, so­dass sie – un­ab­hän­gig vom je­wei­li­gen The­ma des Dis­kur­ses – in den Pro­zess der Wil­lens­bil­dung ein­flie­ßen. Als we­sent­li­ches Ele­ment ei­ner Be­tei­li­gungs­kul­tur („Schar­nier zwi­schen Re­prä­sen­ta­ti­on und Teil­ha­be“) be­schreibt Beh­rin­ger die Ver­fas­sungs­ge­setz­ge­bung als Aus­ge­stal­te­rin von Teil­ha­ber­rech­ten, „die der ein­zel­nen Bür­ge­rin und dem ein­zel­nen Bür­ger ei­ne star-

ke Ak­tiv­bür­ger­schaft ein­räu­men und zu­trau­en“(S. 18). Als ein wei­te­rer Ak­teur der Mit­wir­kung wird die Zi­vil­ge­sell­schaft aus­ge­macht, die mit ei­ner ei­ge­nen Hand­lungs­lo­gik der Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on und Selb­stän­dig­keit aus­ge­stat­tet ist und „in Be­zug auf das In­ter­es­se der Mit­ge­stal­tung der po­li­ti­schen Wil­lens­bil­dung über das Selbst­ver­ständ­nis und das Wis­sen ver­fügt, the­men­be­zo­ge­ne Dia­log­pro­zes­se und die ent­spre­chen­de Ko­ope­ra­ti­on mit wei­te­ren Ak­teu­ren fried­lich und ko­ope­ra­tiv zu ge­stal­ten“(S. 24). Ho­he An­for­de­run­gen wer­den auch an ei­ne neue Kon­flikt­kul­tur im Sin­ne dia­lo­gi­scher Dis­kur­se ge­stellt. Nicht zu­letzt müss­ten sich auch Ver­wal­tun­gen in ei­nem so ver­stan­de­nen Pro­zess als part­ner­schaft­li­che Ak­teu­re der Bür­ger­ge­sell­schaft ver­ste­hen. Schließ­lich baut Be­tei­li­gungs­kul­tur auf Trans­pa­renz, die ei­ne De­zen­tra­li­sie­rung von Mach­tres­sour­cen an­strebt, so die Au­to­rin.

Län­der­ana­ly­sen

Über­aus zu­rück­hal­tend be­wer­ten Mar­ti­na Hand­ler und Flo­ri­an Wal­ter die kon­kre­ten Hand­lungs­for­men, le­ga­len Vor­aus­set­zun­gen und bü­ro­kra­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen der Be­tei­li­gungs­kul­tur in Ös­ter­reich. Zwar lie­ge das Land in der „En­ga­ge­ment-land­kar­te“im eu­ro­päi­schen Mit­tel­feld, nach wie vor sind hier­zu­lan­de aber vie­le Ver­ei­ne und Ver­bän­de par­tei­po­li­tisch zu­or­den­bar. Des­halb wer­den di­rekt­de­mo­kra­ti­sche In­stru­men­te, so der Be­fund, häu­fig zur par­tei­po­li­ti­schen Mo­bi­li­sie­rung ge­nutzt bzw. ha­ben die po­li­ti­schen Par­tei­en noch im­mer ei­ne star­ke Bin­de­kraft für neue po­li­ti­sche For­de­run­gen. Kri­ti­siert wird auch der zö­ger­li­che Aus­bau von Go­ver­nan­ce-struk­tu­ren, um Bür­ge­rin­nen mehr Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten im Rah­men ei­ner ko­ope­ra­ti­ven Po­li­tik­ge­stal­tung ein­zu­räu­men. Be­män­gelt wird zu­dem „die noch ge­ring aus­ge­präg­te Be­reit­schaft der Po­li­tik, zi­vil­ge­sell­schaft­li­che Be­tei­li­gung zu in­sti­tu­tio­na­li­sie­ren“(S. 51). Dies ist für die Au­to­rin­nen Aus­druck von zum Teil noch be­ste­hen­den gro­ßen Vor­be­hal­ten ge­gen­über den For­de­run­gen nach wei­ter­ge­hen­den Mit­spra­che­rech­ten. Ins­ge­samt sei das Par­ti­zi­pa­ti­ons­re­per­toire hier­zu­lan­de deut­lich stär­ker auf Wah­len und par­tei­en­zen­trier­te Ak­ti­vi­tä­ten aus­ge­rich­tet als auf in­for­mel­le, ko­ope­ra­ti­ve Be­tei­li­gungs­for­men.

Der Blick auf die oft als Vor­bild dar­ge­stell­te Schweiz re­la­ti­viert die Wert­schät­zung ei­nes an Be­tei­li­gungs­mög­lich­kei­ten rei­chen po­li­ti­schen Sys­tems. Als Kri­tik­punk­te am Schwei­zer Sys­tem nennt Marc Bühl­mann den über­aus se­lek­ti­ven Zu­gang zum Be­tei­li­gungs­sys­tem. „Ers­tens wer­den Be­tei­li­gungs­rech­te nur sehr zu­rück­hal­tend ver­ge­ben; zwei­tens zeigt sich ei­ne eher schwa­che Nut­zung der In­stru­men­te“und drit­tens müs­se die we­nig re­prä­sen­ta­ti­ve Nut­zung und Be­tei­li­gung als Man­gel be­zeich­net wer­den (vgl. s. 75).

An­ders als in Ös­ter­reich ver­liert in Deutsch­land das Mo­dell der re­prä­sen­ta­ti­ven Par­tei­en­de­mo­kra­tie zu­neh­mend an Be­deu­tung. Zi­vil­ge­sell­schaft­li­che Ak­teu­re su­chen für ihr En­ga­ge­ment hin­ge­gen ver­stärkt neue We­ge jen­seits von Par­tei­en und or­ga­ni­sier­ter Kom­mu­nal­po­li­tik so­wie fest­ge­füg­ten In­ter­es­sen­grup­pen. Die Fol­ge ist ei­ne zu­neh­men­de In­sti­tu­tio­na­li­sie­rung par­ti­zi­pa­ti­ver Be­tei­li­gungs­in­stru­men­te. Ba­den- Würt­tem­berg hat bei­spiels­wei­se 2012 ei­ne Staats­rä­tin für Zi­vil­ge­sell­schaft und Bür­ger­be­tei­li­gung in­sti­tu­tio­na­li­siert und in vie­len Bun­des­län­dern wur­den die Hür­den für di­rekt­de­mo­kra­ti­sche Op­tio­nen in den letz­ten Jah­ren deut­lich ver­rin­gert. Her­vor­ge­ho­ben wer­den zu­min­dest zwei viel­ver­spre­chen­de Ent­wick­lungs­we­ge: zum ei­nen die zu­neh­men­de In­sti­tu­tio­na­li­sie­rung par­ti­zi­pa­ti­ver Be­tei­li­gungs­in­stru­men­te mit ent­spre­chen­den Vor­schrif­ten und Re­geln und zum an­de­ren die Ein­rich­tung ei­gen­stän­di­ger Ko­or­di­nie­rungs­stel­len für Bür­ger­be­tei­li­gung.

Die De­bat­te über die Ein­füh­rung er­gän­zen­der For­men der po­li­ti­schen Be­tei­li­gung zielt dar­auf ab, die Mög­lich­kei­ten der Ent­schei­dungs­fin­dung in der De­mo­kra­tie zu er­wei­tern und trans­pa­ren­ter zu ma­chen. Das macht letzt­lich ei­ne „gu­te Po­li­tik“und ei­ne „gu­te De­mo­kra­tie“aus, das aber for­dert auch von der Bür­ger­schaft ei­ne neue Qua­li­tät der Be­tei­li­gung, Ver­ant­wor­tung und Ge­mein­wohlori­en­tie­rung. Die hier vor­ge­leg­te Be­stands­auf­nah­me zur Be­tei­li­gungs­kul­tur in drei deutsch­spra­chi­gen Län­dern zeigt, dass sich ei­ni­ges be­wegt aber - un­ter­schied­lich ge­wich­tet - noch vie­les än­dern muss. Bür­ger­be­tei­li­gung

101 Teil­ha­ben und Mit­ge­stal­ten. Be­tei­li­gungs­kul­tu­ren in Deutsch­land, Ös­ter­reich und der Schweiz. Hrsg. v. d. Stif­tung Mit­ar­beit. Bonn, 2014. (Bei­trä­ge zur De­mo­kra­tie­ent­wick­lung von un­ten; 26) 109 S., € 10,ISBN978-3-941143-18-0

Hand­buch Com­mu­ni­ty Or­ga­ni­zing

Dem Wunsch ent­spre­chend, Ein­fluss auf die Gestal­tung des All­tags­le­bens zu neh­men, rü­cken For­men der Be­tei­li­gung in den Blick, wel­che die kon­kre­ten In­ter­es­sen der Men­schen in ih­ren je­wei­li­gen Le­bens­be­zü­gen ernst neh­men und auf­grei­fen. Um die Men­schen da­zu zu be­fä­hi­gen und zu be­stär­ken, ih­re An­ge­le­gen­hei­ten selbst in die Hand zu neh­men, braucht es Or­ga­ni­sa­ti­ons­for­men der Ge­mein­we­sen­ar­beit. Ei­ne Mög­lich­keit da­zu ist die in den USA ent­wi­ckel­te und seit nun­mehr über

20 Jah­ren auch in Deutsch­land prak­ti­zier­te Me­tho­de „Com­mu­ni­ty Or­ga­ni­zing“(CO). Die­ses Hand­buch lie­fert da­zu ei­ne Klä­rung des Be­griffs, ei­ne um­fang­rei­che Be­stands­auf­nah­me und Er­läu­te­run­gen zur Ge­schich­te des CO.

Zu­nächst er­läu­tern Leo Pen­ta, Pro­fes­sor für Ge­mein­we­sen­ar­beit und –öko­no­mie in Berlin, und der So­zi­al­päd­ago­ge Frank Dücht­ing knapp, wor­um es geht. CO sei ei­ne „Schu­le der De­mo­kra­tie“für Men­schen, „die sich vom öf­fent­li­chen En­ga­ge­ment ver­ab­schie­det ha­ben oder ein sol­ches noch nicht ge­wagt ha­ben“(S. 53). CO set­ze ins­be­son­ders die bis­her Aus­ge­schlos­se­nen in­stan­de, am po­li­ti­schen Ge­sche­hen teil­zu­neh­men. Als Ver­tre­ter des Us-ame­ri­ka­ni­schen Co-an­sat­zes kri­ti­sie­ren bei­de den Ein­satz von CO in Deutsch­land, da die­ses hier­zu­lan­de „ver­so­zi­al­ar­bei­te­ri­siert“und da­mit sei­ner po­li­ti­schen Mo­ti­va­ti­on be­raubt wor­den sei (vgl. S. 55). Po­si­ti­ve Bei­spie­le u. a. aus Berlin und Hamburg zei­gen aber, dass es doch ge­lin­gen kann, „ei­ne star­ke, selbst­be­wuss­te und al­le Be­völ­ke­rungs- und Bil­dungs­schich­ten um­fas­sen­de Form der de­mo­kra­ti­schen Mit­ge­stal­tung zu eta­blie­ren“(S. 58).

Pra­xis­bei­spie­le

Die „Bun­te Pra­xis des Com­mu­ni­ty Or­ga­ni­zing“wird im Haupt­teil des Ban­des an zahl­rei­chen Pro­jek­ten, Kam­pa­gnen, Initia­ti­ven und Bei­spie­len – u. a. von Michael Roth­schuh am CO in Ham­burg­wil­helms­burg, von Mo­ni­ka Götz mit der Bür­ger­platt­form WIN in Neu­köln oder mit der Kam­pa­gne „Ope­ra­ti­on Über­nah­me“der IG Me­tall Ju­gend – er­läu­tert. Es fol­gen In­ter­views mit je­nen, die in Deutsch­land von CO ge­lernt ha­ben und die­ses um­set­zen. Zu­dem fin­den sich über das Buch ver­teilt „State­ments“wei­te­rer Ak­ti­ver.

Die­ter Oel­schlä­gel, Pro­fes­sor eme­ri­tus für Me­tho­den der So­zia­len Ar­beit und Er­wach­se­nen­bil­dung, er­in­nert in sei­nem Aus­blick an die „Sub­stanz­kri­se des Po­li­ti­schen“(S. 229), ver­ur­sacht durch ei­nen Rück­zug des Staa­tes und die Li­be­ra­li­sie­rung der Fi­nanz­märk­te. „Die öf­fent­li­che Dis­kus­si­on wird zu­neh­mend von un­ge­wähl­ten Ex­per­ten und Lob­by­is­ten be­herrscht“so Oel­schlä­gel, und hält fest, dass in der heu­ti­gen Post­de­mo­kra­tie der Bür­ger in­fol­ge der un­ge­heu­ren Macht­fül­le in­ter­na­tio­na­ler Kon­zer­ne ei­nen mas­si­ven Kon­troll­ver­lust er­lei­de. Die­se Ent­wick­lung müs­se ei­ne Re­form de­mo­kra­ti­scher Struk­tu­ren zur Fol­ge ha­ben. De­zi­diert be­schäf­tigt sich Oel­schlä­ger auch mit dem Ver­hält­nis von Ge­mein­we­sen­ar­beit und CO. Es sei Auf­ga­be bei­der, “Be­din­gun­gen von All­tags­so­li­da­ri­tät zu schaf­fen, die sich of­fen­sicht­lich in mo­der­nen Ge­sell­schaf­ten nicht oh­ne wei­te­res er­ge­ben“(S. 236). Da­zu ge­hö­re u. a. der Auf­bau von Un­ter­stüt­zungs­net­zen, das Zur-ver­fü­gung-stel­len von sank­ti­ons­frei­en Räu­men als Ge­le­gen­heit für Aus­tausch, Kom­mu­ni­ka­ti­on und In­for­ma­ti­on.

Al­les in al­lem ein Band, der klar be­nennt, wor­um es geht und was zu tun wä­re.

Com­mu­ni­ty Or­ga­ni­zing: BRD 102 Hand­buch Com­mu­ni­ty Or­ga­ni­zing. Theo­rie und Pra­xis in Deutsch­land. Hrsg. v. d. Stif­tung Mit­ar­beit u. d. Fo­rum Com­mu­ni­ty Or­ga­ni­zing (FOCO). In Ko­ope­ra­ti­on mit DICO – Deut­sches Inst. f. Com­mu­ni­ty Or­ga­ni­zing. Bonn 2014. (Ar­beits­hil­fen für Selbst­hil­feund Bür­ger­initia­ti­ven Nr. 46), 248 S., € 12

Wer­te­welt Bür­ger­be­tei­li­gung

Da­mit Bür­ger­be­tei­li­gung ein selbst­ver­ständ­li­cher Be­stand­teil un­se­rer Po­li­tik wird, be­darf es laut Ma­rie Hop­pe ei­nes Wan­dels in­di­vi­du­el­ler und kol­lek­ti­ver Wer­te. In Hop­pes Di­plom­ar­beit, die als Mit­glied der GRÜ­NEN bis 2015 in der Bre­mi­schen Bür­ger­schaft die Agen­den der Bei­rä­te­po­li­tik ver­trat, ste­hen psy­cho­lo­gi­sche Kom­po­nen­ten von Bür­ger­be­tei­li­gung im Fo­kus der Ana­ly­se. Da­bei geht es um in­di­vi­du­el­le und ge­sell­schaft­li­che Wer­temus­ter von Po­li­tik und dar­um, un­ter wel­chen Um­stän­den sie ver­än­dert wer­den kön­nen. Nach ei­ner re­prä­sen­ta­ti­ven Be­fra­gung (2011) der Ber­tels­mann-stif­tung (www.ber­tels­mann-stif­tung.de/cps/rde/xchg/bst/hs.xsl/nach­rich­ten_102347.htm) glau­ben 76 Pro­zent der Bür­ge­rin­nen, dass Po­li­ti­ke­rin­nen mehr Mit­be­stim­mung durch die Be­völ­ke­rung ab­leh­nen. Meist wird da­von aus­ge­gan­gen, dass die Zu­stim­mung oder Ab­leh­nung von Bür­ger­be­tei­li­gung auf­grund von in­ner­li­chen, nicht im­mer be­wuss­ten Ein­stel­lun­gen er­folgt. Ziel der Stu­die ist es da­her, die die­ser Ein­schät­zung zu­grun­de­lie­gen­den im­pli­zi­ten Wer­temus­ter zu iden­ti­fi­zie­ren. Da­zu wur­den 51 tie­fen­psy­cho­lo­gi­sche In­ter­views mit Bür­ge­rin­nen, Ver­wal­tungs­mit­glie­dern und Po­li­ti­ke­rin­nen aus Bre­men ge­führt und aus­ge­wer­tet. Die Er­geb­nis­se wur­den schließ­lich zu ei­nem drei­di­men­sio­na­len „Wer­te­raum Bür­ger­be­tei­li­gung“zu­sam­men­ge­fasst.

Die Er­geb­nis­se der Stu­die be­stä­ti­gen im We­sent­li­chen schon be­kann­te Wert­hal­tun­gen. Es zeigt sich, dass zwei deut­lich von ein­an­der zu un­ter­schei­den­de Vor­stel­lun­gen dar­über be­ste­hen, wie Po­li­tik und bür­ger­schaft­li­che Be­tei­li­gung aus­se­hen soll­te. Da­bei prä­fe­riert die Grup­pe „Kom­pe­ten­te Ent­schei­dun­gen tref­fen“ei­ne re­prä­sen­ta­tiv or­ga­ni­sier­te Po­li­tik, in der die Ver­tre­te­rin­nen Be­lan­ge der Bür­ge­rin­nen auf­neh­men

und für sie ent­schei­den. Die Grup­pe „Ge­mein­sam neue We­ge den­ken“wünscht sich hin­ge­gen neue Struk­tu­ren, durch die sich Bür­ge­rin­nen di­rekt ein­brin­gen kön­nen und die ko­ope­ra­ti­ves Ge­stal­ten er­mög­li­chen. Was die Er­war­tun­gen für die Zu­kunft be­trifft, gibt es hin­sicht­lich der di­rekt­de­mo­kra­ti­schen Mit­be­stim­mung je­weils Nuan­cen, die in der Stu­die nä­her aus­ge­führt sind. In ih­rem Aus­blick be­schäf­tigt sich Hop­pe mit der Fra­ge, wie sich die er­ho­be­nen Er­geb­nis­se für die Po­li­tik in Bre­men und an­ders­wo ver­wer­ten las­sen. Ganz all­ge­mein kon­sta­tiert sie, dass vie­le der ge­won­ne­nen Da­ten den Ein­druck ei­nes Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­blems zwi­schen re­prä­sen­ta­ti­ver Po­li­tik und Bür­ge­rin­nen be­stä­ti­gen. Auf­fäl­lig sei au­ßer­dem, dass es al­len Be­frag­ten leicht fällt, De­fi­zi­te in ver­gan­ge­ner und ak­tu­el­ler Po­li­tik zu iden­ti­fi­zie­ren und zu be­nen­nen. Un­gleich schwe­rer scheint es hin­ge­gen, Al­ter­na­ti­ven zu be­nen­nen oder gar ei­ne Ide­al­vor­stel­lung von Po­li­tik zu be­schrei­ben. Als For­mat zur Ver­bes­se­rung der Si­tua­ti­on stößt der „In­ter­ak­ti­ve Work­shop“als ge­eig­ne­te Be­tei­li­gungs­form auf die größ­te Über­ein­kunft bei den Be­frag­ten. Gleich­wohl wird es, so die Au­to­rin, ei­ne Her­aus­for­de­rung sein, sol­che Work­shops dau­er­haft in die po­li­ti­schen Struk­tu­ren ein­zu­glie­dern, um die Le­ben­dig­keit von De­mo­kra­tie zu er­hal­ten.

Fa­zit die­ser pro­fun­den Er­he­bung: ein Aus­tausch dar­über, was wir un­ter Bür­ger­be­tei­li­gung ver­ste­hen und wel­che Zie­le wir da­mit ver­fol­gen, ist drin­gend ge­bo­ten.

Bür­ger­be­tei­li­gung: Wer­te 103 Hop­pe, Ma­rie: Wer­te­welt Bür­ger­be­tei­li­gung. Ei­ne Stu­die zu den Ein­stel­lun­gen von Po­li­tik, Ver­wal­tun­gen und Bür­ger/in­nen. Hrsg. v. d.

Stif­tung Mit­ar­beit, Bonn 2014. 64 S.

(mit­ar­beit.skript 07) € 8,ISBN 978-3-941143-19-7

mit­ten­mang da­bei!

Aus­ge­hend von ei­nem Po­li­tik­be­griff, der das „Po­li­ti­sche“als Pla­nen und Han­deln der Bür­ger-in­nen im und für das Ge­mein­we­sen de­fi­niert (vgl. S. 20), bie­tet das Pro­jekt „mit­ten­mang da­bei!“ei­ne gänz­lich neue Sicht auf bür­ger­schaft­li­ches En­ga­ge­ment. Meist ist vom En­ga­ge­ment für aus­ge­grenz­te, dis­kri­mi­nier­te Men­schen die Re­de. Hier geht es dar­um, Men­schen beim Sprung vom „be­dürf­ti­gen Ob­jekt“so­zia­ler Hil­fen zum frei­wil­lig en­ga­gier­ten Sub­jekt zu un­ter­stüt­zen. „Die Grund­la­ge des mit­ten­mang-pro­jekts ist die Auf­fas­sung, dass nicht al­le Bür­ge­rin­nen Zu­gang zum bür­ger­schaft­li­chen En­ga­ge­ment ha­ben und ih­nen da­mit Chan­cen zur Mit­wir­kung und für so­zia­le An­er­ken­nung ver­schlos­sen blei­ben.“(S. 18) An­ge­dacht wur­de auch, be­ein­träch­ti­ge Men­schen als Frei­wil­li­ge zu ge­win­nen.

Be­rich­tet wird im Fol­gen­den über die Er­fah­run­gen mit 120 län­ger­fris­tig En­ga­gier­ten in Frei­wil­li­gen­zen­tren für Men­schen mit und oh­ne Be­hin­de­rung. „Die meis­ten be­hin­der­ten Frei­wil­li­gen wa­ren psy­chisch, ei­ni­ge kör­per­lich und ko­gni­tiv be­ein­träch­tigt oder hat­ten mit Kom­bi­na­tio­nen da­von um­zu­ge­hen. Ei­ne Rei­he von Frei­wil­li­gen hat mit Be­las­tun­gen wie Lang­zeit­ar­beits­lo­sig­keit, feh­len­der För­de­rung im Bil­dungs­be­reich oder Ar­mut zu kämp­fen. An­de­re such­ten We­ge aus so­zia­ler Iso­la­ti­on oder Auf­ga­ben für ei­nen er­füll­ten Ru­he­stand.“(S. 9) In den Pro­jek­ten wur­den min­des­tens zwei For­men des En­ga­ge­ments un­ter­schie­den: ei­ne eher funk­tio­na­le Form um­fasst Ak­ti­vi­tä­ten mit zeit­lich be­fris­te­ten prak­ti­schen Hil­fe­stel­lun­gen, ei­ne an­de­re gleicht eher ei­ner Pa­ten­schaft mit per­sön­lich ge­präg­tem En­ga­ge­ment.

Nä­her be­schrie­ben wer­den die „Kunst der En­ga­ge­ment­be­glei­tung“, die „An­nä­he­rung an den Bil­dungs­be­griff“, die „Wir­kun­gen des Bür­ger­schaft­li­chen En­ga­ge­ments“so­wie das „Recht auf ein bür­ger­schaft­li­ches En­ga­ge­ment für al­le“. Schließ­lich wird aus­drück­lich auf die Her­stel­lung von Teil­ha­be­ge­rech­tig­keit und auf die Not­wen­dig­keit von Ver­tei­lungs­ge­rech­tig­keit ver­wie­sen. „Ei­ne En­ga­ge­ment­po­li­tik für al­le kos­tet Geld. Von den knap­pen Fi­nanz­mit­teln wol­len nun auch bis­lang macht­be­schränk­te Grup­pen et­was ha­ben, um ih­re Mit­wir­kung in der Ge­sell­schaft or­ga­ni­sie­ren und ge­stal­ten zu kön­nen.“(S. 156) In die­sem Sin­ne müss­ten nach Ein­schät­zung der Au­to­rin­nen ge­zielt je­ne For­men ge­för­dert wer­den, „die das ge­mein­schafts­und ge­sell­schafts­be­zo­ge­ne de­mo­kra­ti­sche Han­deln der Bür­ge­rin­nen zum Ziel ha­ben“(S. 157) Dann aber soll­te Ge­sell­schaft als Bür­ger­ge­sell­schaft ge­dacht wer­den, in der Ver­schie­de­ne oder Ähn­li­che, al­so al­le „mit­ten­mang da­bei“sein kön­nen, um die Ge­sell­schaft ge­mein­sam zu ge­stal­ten.

Bür­ger­be­tei­li­gung

104 Schmidt, Ni­co­le D.; Knust, Pe­tra: mit­ten­mang da­bei! Bür­ger­schaft­li­ches En­ga­ge­ment als Chan­ce. Hrsg. v. d. Stif­tung Mit­ar­beit. Bonn 2013. 176 S. (Ar­beits­hil­fen für Selbst­hil­fe- und Bür­ger­initia­ti­ven Nr. 45) € 10,ISBN 978-3-941143-16-6

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