Po­li­tik De­mo­kra­tie in Ge­fahr?

ProZukunft - - Inhalt -

Ist die De­mo­kra­tie über­haupt noch in der La­ge, ih­re Funk­ti­on zu er­fül­len oder sind wir längst in der Post­de­mo­kra­tie an­ge­kom­men? Oder fin­den die wirk­lich wich­ti­gen Ent­schei­dun­gen nur mehr hin­ter ver­schlos­se­nen Tü­ren statt? Al­f­red Auer hat sich auf Spu­ren­su­che nach kon­struk­ti­ven Vor­schlä­gen be­ge­ben.

Ist die par­la­men­ta­ri­sche De­mo­kra­tie über­haupt noch in der La­ge ih­re Funk­ti­on zu er­fül­len oder sind wir längst in der Post­de­mo­kra­tie an­ge­kom­men? In der Pra­xis fin­den die wirk­lich wich­ti­gen Ent­schei­dun­gen längst hin­ter ver­schlos­se­nen Tü­ren statt, Re­gie­run­gen und Eli­ten ver­tre­ten vor al­lem die In­ter­es­sen der Wirt­schaft und in­ter­na­tio­na­le Kon­zer­ne sa­gen uns, wo’s lang­geht. Aber wie ist un­se­re De­mo­kra­tie an­ge­sichts der zahl­rei­chen Be­dro­hun­gen noch zu ret­ten bzw. um­zu­ge­stal­ten? Al­f­red Auer hat sich ei­ni­ge Neu­er­schei­nun­gen an­ge­se­hen und sich auf Spu­ren­su­che nach kon­struk­ti­ven Vor­schlä­gen be­ge­ben.

„Das fa­ta­le Ge­fühl, in der Ge­sell­schaft gar nicht erst ge­hört zu wer­den, das ist auf der an­de­ren Sei­te der Kern des Ohn­machts­ge­fühls, das die gro­ße Mehr­heit un­se­rer Mit­bür­ger be­schleicht, und zwar durch al­le Schich­ten hin­durch ...“(Jo­han­nes Hein­richs in , S. 146)

Re­vo­lu­ti­on der De­mo­kra­tie

Es gibt kei­ne Al­ter­na­ti­ve zur De­mo­kra­tie, aber es gibt grund­sätz­li­che Al­ter­na­ti­ven in­ner­halb des de­mo­kra­ti­schen Spek­trums, so der So­zi­al­phi­lo­soph Jo­han­nes Hein­richs. Er hat be­reits 2003 ei­nen viel dis­ku­tier­ten Ent­wurf für ei­ne fried­li­che Re­vo­lu­ti­on der De­mo­kra­tie vor­ge­legt. Herz­stück die­ser nun in Neu­auf­la­ge er­schie­ne­nen „kon­struk­ti­ven Be­wusst­seins­re­vo­lu­ti­on“ist die Um­wand­lung der De­mo­kra­tie in ein wert-ge­stuf­tes Vier­kam­mer­par­la­ment: ein Wirt­schafts-, ein Po­li­tik-, ein Kul­turund ein Grund­wer­te­par­la­ment, die un­ab­hän­gig von­ein­an­der ge­wählt wer­den, ei­gen­stän­di­ge Ver­ant­wor­tun­gen ha­ben und de­ren Ge­set­ze nach ei­ner Vor­ran­g­re­ge­lung ver­bind­lich sind. Da­mit ist der Weg frei für fach­spe­zi­fi­sche Sach- und The­men­par­tei­en. Au­ßer­dem kon­zi­piert Hein­richs die Drei­heit von Staat, Pri­va­tem und Öf­fent­li­chem als Struk­tur­ele­ment der Ge­wal­ten­tei­lung. Zu­dem will er die di­rek­te ge­gen­über der re­prä­sen­ta­ti­ven De­mo­kra­tie stär­ken. „Die Vier­heit der Sys­te­me­be­nen und die Drei­heit der Or­ga­ni­sa­ti­ons­for­men ge­währ­leis­ten die Ver­wirk­li­chung des So­li­da­ri­täts­und des Rechts(staats)prin­zips, wel­che dem Ide­al von Frei­heit, Gleich­heit und Brü­der­lich­keit ent­spre­chen“, so der Nürn­ber­ger Staats­recht­ler Karl Al­brecht Schacht­schnei­der in sei­nem Vor­wort, in dem er die all­um­fas­sen­de Sys­te­ma­tik in der Un­ter­su­chung von Hein­richs wür­digt.

Schar­fe Kri­tik übt der Au­tor, er war zu­letzt Pro­fes­sor für So­zi­al­öko­lo­gie in Berlin in der Nach­fol­ger von Ru­dolf Bahro, an Ha­rald Wel­zer, der sei­ner An­sicht nach ziem­lich frech mit dem Ti­tel „Selbst­den­ken“an die Öf­fent­lich­keit ge­tre­ten ist. „Da­bei brauch­ten wir Wi­der­stand ge­gen Ge­dan­ken­lo­sig­kei­ten sei­ner Art.“(S. 337) Den hier pro­pa­gier­ten „Auf­brü­chen von un­ten“feh­le es am struk­tu­rel­len Den­ken, kon­sta­tiert Hein­richs. Kri­ti­siert wird auch die von den heu­ti­gen Eli­ten ge­prie­se­nen eher­nen Markt­ge­set­ze und der Slo­gan „The­re Is No Al­ter­na­ti­ve“(TI­NA). Die weit­um pro­agier­te Idee der Ba­sis­de­mo­kra­tie, al­so ein „nur von Un­ten“, schei­tert in der Pra­xis nach Hein­richs v. a. dar­an, dass die Be­tei­lig­ten aus vie­ler­lei

Grün­den nicht in der La­ge sei­en, Ei­gen­ver­ant­wor­tung zu über­neh­men, wes­halb sich in al­len ba­sis­de­mo­kra­ti­schen Pro­jek­ten hier­ar­chi­sche Struk­tu­ren mit z.b. Wort­füh­rern und Or­ga­ni­sa­to­ren her­aus­bil­den.

De­mo­kra­tie ist für Hein­richs ein stän­di­ger Gestal­tungs­auf­trag. Be­reits im ers­ten Ka­pi­tel stellt er er­nüch­ternd fest, dass die deut­sche Nach­kriegs­de­mo­kra­tie we­der theo­re­tisch noch prak­tisch voll­endet sei. Ei­ne zeit­ge­mä­ße De­fi­ni­ti­on von De­mo­kra­tie wä­re hin­ge­gen fol­gen­de: „De­mo­kra­tie ist die So­zi­al­ge­stalt der Frei­heit, ei­ne kom­mu­ni­ka­ti­ve Ge­sell­schaft al­so ei­ne Ge­sell­schaft mit Ge­mein­schaftscha­rak­ter.“(S. 339) Zu Selbst­be­stim­mung und Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on ge­hö­ren al­ler­dings in­tel­li­gen­te­re Struk­tu­ren als die der bis­he­ri­gen De­mo­kra­tie. Ne­ben dem Mehr­heits­prin­zip ge­hört zur De­mo­kra­tie die De­le­ga­ti­on auf­grund von Ver­trau­en und die sach­li­che Be­ra­tung. Da­zu brau­che es Sach­par­tei­en statt der jet­zi­gen Par­tei­en der struk­tu­rel­len Un­sach­lich­keit, so Hein­richs.

De­mo­kra­ti­sie­rung 97 Hein­richs, Jo­han­nes: Re­vo­lu­ti­on der De­mo­kra­tie. Ei­ne kon­struk­ti­ve Be­wusst­seins­re­vo­lu­ti­on. 2., ak­tu­al. Aufl. St. Au­gus­tin: Aca­de­mia-verl., 2014. 354 S., € 26,80 [D], 27,60 [A] ; ISBN978-3-89665-646-9

Die Angst­spi­ra­le

Die Ge­fähr­dun­gen der De­mo­kra­tie sind viel­fäl­tig. Ne­ben dem Ver­lust po­li­ti­scher Steue­rungs­fä­hig­keit und dem Ver­lust von Le­gi­ti­ma­ti­on durch die Ver­wei­ge­rung po­li­ti­scher Par­ti­zi­pa­ti­on ist es der Ver­lust von Si­cher­heit durch trans­na­tio­nal agie­ren­de Ter­ro­ris­ten und der Ver­lust un­se­rer Pri­vat­sphä­re durch die um­fas­sen­de Samm­lung per­sön­li­cher Da­ten. Aber sind un­se­re Ängs­te vor dem „St­ein­zei­tis­lam“be­rech­tigt oder sind die staat­li­chen Schutz­maß­nah­men da­ge­gen die grö­ße­re Ge­fahr für die frei­heit­lich de­mo­kra­ti­sche Grund­ord­nung? Die Wirt­schafts­wis­sen­schaft­le­rin und Au­to­rin Chris­ta Chor­herr glaubt nicht, dass ei­ne staat­li­che To­tal­über­wa­chung zu mehr Si­cher­heit führt. Es sei aber leich­ter, „‘Law and Or­der‘ zu ver­spre­chen, als dem Wäh­ler zu er­klä­ren, dass ein ab­so­lu­ter Schutz eben­so we­nig mög­lich ist, wie

96

die Zehn Ge­bo­te es nicht ver­hin­dern kön­nen, stän­dig ge­bro­chen zu wer­den“(S. 264).

Chor­herr sucht ei­ne Be­grün­dung für un­se­re mehr oder min­der dif­fu­sen Ängs­te. Ei­ne der Ur­sa­chen sieht sie in der „Ge­rech­tig­keits­lü­cke, die sich in Ar­mut und Aus­beu­tung und ei­nem welt­wei­ten Wohl­stands­ge­fäl­le ab­bil­det“(S. 255). Des­halb gel­te es, die im­mer wei­ter fort­schrei­ten­de po­li­ti­sche, öko­no­mi­sche und in­tel­lek­tu­el­le Ent­frem­dung zwi­schen der is­la­mi­schen und der west­li­chen Welt auf­zu­hal­ten. Sie gibt auch zu be­den­ken, dass das Kon­zept, den glo­ba­len Ter­ro­ris­mus mit Ge­walt zu be­kämp­fen, weit­ge­hend ver­sagt hat. Des­halb kön­ne Ge­walt nur ein Teil ver­stärk­ter An­stren­gun­gen sein. „Ge­rech­ter Frie­de ist das Ziel, nicht ge­rech­ter Krieg.“(S. 259) Ob es ziel­füh­rend ist, so der Vor­schlag Chor­herrs, sich ei­nem ge­mein­sa­men Wer­te­ka­ta­log zu ver­schrei­ben, der auf Men­schen­rech­te und De­mo­kra­tie, auf so­zia­ler Ge­rech­tig­keit, auf Bil­dung als Bei­trag zur Re­duk­ti­on des Ter­rors be­ruht, ist m. E. frag­lich. Ei­ne sol­che Ei­ni­gung auf dem kleins­ten ge­mein­sa­men Nen­ner wä­re zu all­ge­mein und be­lie­big. Letzt­lich aber gel­te es, die Angst­spi­ra­le zu durch­bre­chen. Was wir brau­chen ist Fin­ger­spit­zen­ge­fühl im Um­gang mit an­de­ren Wel­t­an­schau­un­gen, das Ernst­neh­men der Men­schen mit ih­ren Ängs­ten, Sor­gen und Wün­schen so­wie ei­nen be­hut­sa­men Um­gang mit un­se­ren Frei­heits­rech­ten. Im End­ef­fekt lie­ge es aber nicht nur an den west­li­chen Staa­ten, zur Si­cher­heit in Frei­heit bei­zu­tra­gen, so Chor­herr, auch die is­la­mi­sche Welt müs­se ei­nen Bei­trag leis­ten. Vor­aus­set­zung da­für wä­re, „dass sich mit dem Sess­haft­wer­den des Is­lam in Eu­ro­pa auch ei­ne Tren­nung von Mo­schee und Staat voll­zieht“(S. 271). Die­se Hoff­nung wird sich wohl nicht so schnell ver­wirk­li­chen las­sen. De­mo­kra­tie: Fun­da­men­ta­lis­mus

98 Chor­herr, Chris­ta: Die Angst­spi­ra­le. Wie Fun­da­men­ta­lis­mus und Über­wa­chungs­staat un­se­re De­mo­kra­tie be­dro­hen. St. Pölten (u. a.): Re­si­denz-verl., 2015. 278 S., € 21,30 [D], 21,90 [A]

ISBN 978-3-7017-3351-4

De­mo­kra­tie und Glo­ba­li­sie­rung

Ein wei­te­res Be­dro­hungs­mo­ment für die De­mo­kra­tie geht von der ver­stärk­ten Su­pra­na­tio­na­li­sie­rung po­li­ti­scher Ord­nung und der wach­sen­den Ab­hän­gig­keit von den glo­ba­len Fi­nanz­märk­ten aus. Die­se Fest­stel­lung ist na­tür­lich nicht neu, Co­lin Crouch hat mit dem Be­griff „Post­de­mo­kra­tie“dar­auf hin­ge­wie­sen eben­so wie der So­zio­lo­ge Ralf Dah­ren­dorf in ei­nem „Zeit-in­ter­view“im Jahr 2002. Der His­to­ri­ker Andre­as Wirsching nimmt sich des The­mas aus eu­ro­päi­scher Per­spek­ti­ve an, um die Pa­ra­do­xi­en der eu­ro­päi­schen Ge­gen­warts­ge­schich­te zu durch­leuch­ten. Die eu­ro­päi­sche In­te­gra­ti­on, so die be­ru­hi­gen­de The­se des Au­tors, bil­det ein In­stru­ment, „um den Na­tio­nen Eu­ro­pas ein gleich­be­rech­tig­tes und fried­li­ches Zu­sam­men­le­ben zu er­mög­li­chen“(S. 228). Man be­kann­te sich zu den Grund­sät­zen der Frei­heit, der De­mo­kra­tie, der Men­schen­rech­te und Gr­und­frei­hei­ten so­wie der Rechts­staat­lich­keit. Gleich­zei­tig lau­ern dunk­le Kräf­te der Ver­gan­gen­heit, na­tio­na­lis­ti­sche Rück­fäl­le, Ge­walt, im­pe­ria­le Ver­su­chun­gen. Die Pa­ra­do­xi­en der jüngs­ten Ge­schich­te zei­gen sich deut­lich: fort­schrei­ten­de Ein­heit bei fort­be­ste­hen­der Viel­falt, ja so­gar ge­stei­ger­ter kul­tu­rel­ler Dif­fe­ren­zie­rung. (Vgl. S. 8) Al­les in al­lem geht der Au­tor aber da­von aus, dass die eu­ro­päi­sche Ge­schich­te von ei­nem mäch­ti­gen his­to­ri­schen Trend zur Kon­ver­genz ge­prägt sei. Mit Blick auf die Fol­gen ei­ner sich be­schleu­ni­gen­den Mo­der­ne in Ver­bin­dung mit ge­stei­ger­ter Kom­ple­xi­tät und Kon­tin­genz­er­fah­rung sei die Pro­blem­lö­sungs­kom­pe­tenz des Na­tio­nal­staa­tes fast ge­gen Null ge­sun­ken. Dies ha­be den Be­deu­tungs­ver­lust klas­si­scher Ver­fas­sungs­or­ga­ne zu­guns­ten in­for­mel­ler Ver­fah­ren (Me­di­en, Lob­by­ing) so­wie ei­ne Per­so­na­li­sie­rung (Po­pu­lis­mus) zur Fol­ge, schluss­fol­gert Wirsching.

So bleibt am En­de nur, dar­auf hin­zu­wei­sen, wie dy­na­misch und zugleich dia­lek­tisch die eu­ro­päi­sche Ge­schich­te seit den 1980er-jah­ren ver­lau­fen ist. „Ih­re pa­ra­do­xen Cha­rak­te­ris­ti­ka sind die per­ma­nen­te An­glei­chung in der Un­gleich­heit, Ver­ein­heit­li­chung bei fort­schrei­ten­der Dif­fe­ren­zie­rung und neue Des­in­te­gra­ti­on in­mit­ten be­schleu­nig­ter In­te­gra­ti­ons­pro­zes­se.“(S. 230)

De­mo­kra­tie: Glo­ba­li­sie­rung

99 Wirsching, Andre­as: De­mo­kra­tie und Glo­ba­li­sie­rung. Eu­ro­pa seit 1989. München: C.h.beck, 2015. 245 S., € 14,95 [D], 15,40 [A]

ISBN 978-3-406-66699-5

Ge­rech­tig­keit

Ist ‚Ge­rech­tig­keit‘ zum blo­ßen Schlag­wort ver­kom­men oder ist sie ein wert­vol­les Gut der Ge­sell­schaft? Oft be­geg­net uns das Wort als ein Ide­al, auf das sich ver­schie­de­ne und auch wi­der­strei­ten­de Ak­teu­re be­ru­fen. Der Ruf nach ei­ner ge­rech­ten Ge­sell­schaft ist all­ge­gen­wär­tig. Die ak­tu­el­le Po­li­tik lie­fert eben­falls Stich­wor­te wie Min­dest­lohn und Ban­ker­bo­ni, Ren­te mit 63, Ge­ne­ra­tio­nen­ge­rech­tig­keit usw. Wie bei Ja­kob Augstein nach­zu­le­sen, ist Ge­rech­tig­keit die Ab­we­sen­heit von Un­ge­rech­tig­keit. Chris­ti­an Schü­le schreibt dar­über, ob­wohl es Ge­rech­tig­keit für ihn gar nicht gibt, gan­ze 359 Sei-

ten. „Ge­rech­tig­keit an sich gibt es so we­nig, wie der Mensch an sich ge­recht ist, weil der Mensch an sich gar nicht ge­recht sein kann, wo­hin­ge­gen es ge­recht han­deln­de Men­schen durch­aus gibt, aber nur dort, wo ihr Ver­hal­ten ei­ner Ord­nung ent­spricht, die als ge­recht gilt.“(S. 12)

Was ist al­so Ge­rech­tig­keit heu­te? Im­mer geht es da­bei gleich um al­les, wie Schü­le be­merkt: „so­zia­les Ver­hal­ten, prak­ti­zier­te Ethik, ge­setz­li­ches Recht, ge­sell­schaft­li­che Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on; um das Ver­hält­nis von Frei­heit und Gleich­heit und das Span­nungs­feld zwi­schen in­di­vi­du­el­ler Tu­gend und staat­li­cher In­sti­tu­ti­on“(S. 11). Je­de Fra­ge nach den Vor­aus­set­zun­gen des ge­rech­ten Le­bens ist für den Au­tor letzt­lich ei­ne nach den Vor­aus­set­zun­gen ei­nes bes­se­ren Le­bens. Schü­le bleibt bei sei­ner Spu­ren­su­che nicht an der Ober­flä­che zeit­geis­ti­ger Be­trach­tun­gen. Er be­zieht sich auf geis­tes­ge­schicht­li­che, so­zi­al­po­li­ti­sche und mo­ra­li­sche Wur­zeln der Ge­rech­tig­keit und ent­larvt sie auch hier als blo­ßes Kon­strukt der ge­ra­de be­vor­zug­ten phi­lo­so­phi­schen, re­li­giö­sen und po­li­ti­schen Strö­mun­gen. Trotz sei­ner, wie er es nennt, „Ab­riss­ar­bei­ten am Ge­rüst der Ge­rech­tig­keit“, trotz sei­ner Über­zeu­gung, es kön­ne Ge­rech­tig­keit nicht ge­ben, be­haup­tet er am En­de sei­ner Aus­füh­run­gen: „Al­les ist nichts oh­ne Ge­rech­tig­keit. Sie liegt al­lem zu­grun­de und schwebt über al­lem.“(S. 355) Nach­dem der Be­griff „ge­schleu­dert, ge­wrun­gen, ge­trock­net und ge­man­gelt letzt­lich in un­schul­di­ger Nackt­heit am Bü­gel hängt“, ver­steht Schü­le dar­un­ter das „kon­ven­tio­nel­le Recht des ein­zel­nen Bür­gers auf die Mög­lich­keit in­di­vi­du­el­ler Ent­fal­tung so­wie die kon­ven­tio­nel­le Pflicht staat­li­cher und ge­sell­schaft­li­cher In­sti­tu­tio­nen, die­se Mög­lich­kei­ten zu er­mög­li­chen“(S. 357). Letzt­lich aber gibt es nur ei­ne ein­zi­ge Form na­tur­ge­ge­be­ner Ge­rech­tig­keit: „die Herr­schaft des größ­ten, un­be­stech­lichs­ten, un­be­herrsch­bars­ten Gleich­ma­chers, des­sen Werk al­le Men­schen jen­seits von Schicht, Mi­lieu und Klas­se, von Haut­far­be, Ge­schlecht und In­tel­li­genz zu Glei­chen eint: der Tod.“(S. 360)

De­mo­kra­tie: Ge­rech­tig­keit 100 Schü­le, Chris­ti­an: Was ist Ge­rech­tig­keit heu­te? Ei­ne Abrech­nung. München: Patt­loch-verl., 2015. 360 S., € 19,99 [D], 20,60 [A]

ISBN 978-3-629-13049-5

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.