Ethik Sind die Men­schen­rech­te west­lich?

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Stefan Wal­ly hat sich bei Hans Jo­as kun­dig ge­macht, ob die Men­schen­rech­te als ei­ne eu­ro­päi­sche Er­fin­dung gel­ten kön­nen und au­ßer­dem ei­nen Blick auf den Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal Re­port 2014/15 ge­wor­fen, der wie im­mer ei­nen so­li­den Über­blick über die welt­wei­te La­ge der Men­schen­rech­te bie­tet.

Ein über­aus dif­fe­ren­zier­tes Bild von den Men­schen­rech­ten ent­wirft Hans Jo­as und stellt in Fra­ge, dass die west­li­che Kul­tur in­hä­rent die Men­schen­rech­te her­vor­brin­gen muss­te. Der Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal Re­port 2014/15 zur welt­wei­ten La­ge der Men­schen­recht gibt wie im­mer ei­nen so­li­den Über­blick über die Kri­sen­her­de der Welt. Stefan Wal­ly hat sich bei­de Bän­de an­ge­se­hen.

Un­zu­rei­chen­der Schutz

Auch die re­li­giö­sen und phi­lo­so­phi­schen Qu­el­len des west­li­chen Den­kens bo­ten kei­nen Schutz vor Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen. Die Men­schen­rech­te als west­li­ches Er­be zu re­kla­mie­ren wird der Ge­schich­te nicht ge­recht, meint Hans Jo­as.

Er spricht, wenn er die Idee der Men­schen­rech­te be­schrei­ben will, von der „Sa­kra­li­sie­rung der Per­son“. Je­der Mensch wird in im­mer stär­ker mo­ti­vie­ren­der und sen­si­bi­li­sie­ren­der Wei­se als hei­lig an­ge­se­hen und die­ses Ver­ständ­nis im Recht in­sti­tu­tio­na­li­siert. (S. 11). In sei­nem neu­en Buch stellt der So­zio­lo­ge die Fra­ge, ob die­se Men­schen­rech­te ei­gent­lich „west­lich“sind. Sind sie das Er­geb­nis ei­ner kul­tu­rel­len Ent­wick­lung im Geis­tes­le­ben der Re­gio­nen, die wir „Wes­ten“nen­nen? Sind sie Er­geb­nis ei­ner west­li­chen Ah­nen­ket­te von Mo­no­the­is­mus, Chris­ten­tum und Auf­klä­rung? Sind die Sta­tio­nen der Men­schen­rechts­for­mu­lie­rung wie die ame­ri­ka­ni­sche Re­vo­lu­ti­on, die Fran­zö­si­sche Re­vo­lu­ti­on oder die „All­ge­mei­ne Er­klä­rung der Men­schen­rech­te“von 1948 nicht al­le­samt „west­li­che“Pro­duk­te? Sind sie da­mit et­was, das der Wes­ten der Welt „ge­ben“kann? Ja­os un­ter­schei­det grund­sätz­lich drei Ebe­nen, wenn man über Men­schen­rech­te spricht. Zum ei­nen die re­li­giö­se oder phi­lo­so­phi­sche Ethik, zum zwei­ten die In­sti­tu­tio­na­li­sie­rung in nor­ma­ti­ven Stan­dards und drit­tens die trans­na­tio­na­len Pak­te und Kon­ven­tio­nen.

Sa­kra­li­sie­rung der Per­son

In ei­nem ers­ten Schritt geht Ja­os weit zu­rück und dis­ku­tiert den Be­ginn der Sa­kra­li­sie­rung der Per­son in der Ethik der Re­li­gio­nen und Phi­lo­so­phi­en. Er fin­det die­sen Vor­gang in der Bi­bel, in der der Mensch im Eben­bild Got­tes ge­schaf­fen wur­de. Er fin­det ihn auch in der grie­chi­schen Phi­lo­so­phie. Ne­ben die­sen Qu­el­len, auf die sich der Wes­ten stützt, fin­det er den Vor­gang aber ge­nau­so in In­di­en, wo wich­ti­ge re­li­giö­se Den­ker das At­man, den sa­kra­len Kern des Selbst, als iden­tisch mit dem Brah­man, der tiefs­ten Rea­li­tät des Kos­mos, be­trach­ten (S. 22). Ähn­li­ches fin­det man auch im Bud­dhis­mus und in Chi­na bei Kon­fu­zi­us.

In der Fol­ge de­fi­niert er ei­nen Zei­t­raum, der das 8. bis zum 2. Jahr­hun­dert vor Chris­tus um­fasst. Er nennt die­sen Zei­t­raum das „Ach­sen­zeit­al­ter“. Die­se Pha­se ist für den Au­tor be­son­ders wich­tig, weil in ver­schie­de­nen Re­li­gio­nen ein Über­gang statt­fand. War da­vor das Gött­li­che noch Teil der Welt, er­fahr­bar in Wun­dern der Na­tur, so wird nun mit der Idee der Tran­szen­denz ei­ne schar­fe qua­si-räum­li­che Tren­nung zwi­schen dem Welt­li­chen und dem Gött­li­chen vor­ge­nom­men (S. 28). „Das Gött­li­che ist nun das Ei­gent­li­che, das Wah­re, das ganz An­de­re, dem ge­gen­über das Ir­di­sche nur de­fi­zi­tär sein kann.“(S. 29) Die­se Idee ist mit ei­nem Got­tes­kö­nig­tum nun nicht mehr ver­ein­bar, ei­ne neue Form der Herr­schafts­kri­tik wird mög­lich, die Men­schen sind auf sich selbst zu­rück­ge­wor­fen, die gött­li­chen Ge­bo­te zu er­ken­nen. Nie­mand steht au­ßer­halb der Kri­tik. Die Re­pres­si­on ge­gen re­li­giö­se Ab­wei­chung war die lo­gi­sche Ant­wort de­rer, die et­was zu ver­lie­ren hat­ten. Das ra­di­ka­le Po­ten­zi­al der Tran­szen­denz wur­de da­mit auch bald ent­schärft. Wer­te und Glau­bens­in­hal­te wur­den den ge­ge­be­nen Be­din­gun­gen an­ge­passt. Sei es durch die In­ter­pre­ta­ti­on, dass das Gu­te auf Er­den nicht ver­wirk­licht wer­den kön­ne, oder durch die In­sti­tu­tio­na­li­sie­rung durch Kir­chen, die in das Macht­ge­fü­ge ein­be­zo­gen wur­den, wo­mit sie di­rekt zur Le­gi­ti­ma­ti­on po­li­ti­scher Ex­pan­si­on bei­tru­gen.

Da­mit gibt Jo­as den Blick frei auf die Art und Wei­se, wie die Span­nung zwi­schen Tran­szen­denz und rea­len Macht­fra­gen in ver­schie­de­nen Kul­tu­ren ge­löst wur­den. Nicht mehr die Es­senz ei­ner Re­li­gi­on sei ent­schei­dend, son­dern ih­re Ef­fek­te in den Kul­tu­ren, zi­tiert Jo­as den is­rae­li­schen So­zio­lo­gen Shmu­el Eisenstadt. Die­sen Schritt er­gänzt Jo­as: Für ihn kön­nen die­se Kul­tu­ren nicht als ne­ben­ein­an­der­lie­gen­de Un­ter­su­chungs­ein­hei­ten be­trach­tet wer­den. Auch die­se Kul­tu­ren sei­en über sich selbst hin­aus­wei­sen­de Ge­bil­de: Sie grif­fen wech­sel­sei­tig, im­pe­ria­lis­tisch in ih­re Dy­na­mi­ken ein.

Der Au­tor setzt bei sei­ner Un­ter­su­chung bei zwei schwe­ren Ver­let­zun­gen der Men­schen­rech­te an. Das sind Fol­ter und Skla­ve­rei. Zu­erst wid­met er sich den „Skla­ven­staa­ten“der Ge­schich­te. Da­bei han­delt es sich um Ge­sell­schaf­ten, in de­nen Sk­la-

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ven ei­nen gro­ßen Teil der Be­völ­ke­rung bil­de­ten und ent­schei­dend für die Wirt­schafts­leis­tung wa­ren. „Wenn wir uns auf die `slave so­cie­ties´ in die­sem en­ge­ren Sinn be­schrän­ken, dann stel­len wir fest, dass sie al­le zur `west­li­chen´ Tra­di­ti­on zu ge­hö­ren schei­nen“. (S. 41)

Eu­ro­pa und die Skla­ve­rei

Kei­ne der Qu­el­len, auf die sich der Wes­ten be­ruft, ha­be die Grund­la­ge für ei­nen kon­se­quen­ten Wi­der­stand ge­gen Skla­ve­rei oder Ver­skla­vung ge­bo­ten. Manch­mal war es so­gar an­ders­rum: Die Groß­ar­tig­keit der Wer­ke der An­ti­ke wer­de man nie er­rei­chen kön­nen, da „uns die not­wen­di­gen Ar­beits­kräf­te da­für feh­len, näm­lich Skla­ven“, klag­te 1550 ein flä­mi­scher Di­plo­mat.

In der Bi­bel hat Mo­ses zwar die Ver­skla­vung von Ju­den ver­bo­ten, an be­stimm­ten Stel­len die Ver­skla­vung An­de­rer aber aus­drück­lich ge­bil­ligt. „Wenn ihr Skla­ven und Skla­vin­nen braucht, könnt ihr sie von eu­ren Nach­bar­völ­kern kau­fen. (…) Ihr könnt sie für im­mer als eu­er Ei­gen­tum be­hal­ten und auch eu­ren Söh­nen ver­er­ben; sie müs­sen nicht frei­ge­las­sen wer­den.“(Lev 25,43-46) Im Chris­ten­tum kam es in der Fra­ge im­mer wie­der zu Span­nun­gen. Nach der Ent­de­ckung Ame­ri­kas wur­de kurz­zei­tig die Chan­ce der Mis­sio­nie­rung im Wi­der­spruch zu der Ver­skla­vung der In­di­os ins Feld ge­führt. Ein Edikt ge­gen die­se Ver­skla­vun­gen wur­de aber vom Papst bald wie­der auf­ge­ho­ben. „Ei­ni­ge ko­lo­nia­le Ge­setz­ge­ber be­hal­fen sich da­mit, den Skla­ven we­gen ih­rer `bar­ba­ri­ty´, ´ru­den­ess´, ´weak­ness and shal­low­ness of their minds´ die Fä­hig­keit, Christ zu wer­den, pau­schal ab­zu­spre­chen.“(S 51). In an­de­ren Si­tua­tio­nen er­hiel­ten Skla­ven nur nach dem Eid, kei­ner­lei An­sprü­che zu er­he­ben,die Tau­fe.

Auch Auf­klä­rer wird Tho­mas Hob­bes und John Lo­cke le­gi­ti­mier­ten die Skla­ve­rei, Lo­cke in­ves­tier­te so­gar Geld in de­ren Han­del. Nach der ame­ri­ka­ni­schen Re­vo­lu­ti­on stieg die An­zahl der Skla­ven in den USA bis 1861 auf das Fünf­fa­che. Frank­reich schaff­te 1794 die Skla­ve­rei in den Ko­lo­ni­en ab. Und führ­te sie 1802 wie­der ein. Ei­nes der Skla­ven­schif­fe, das mas­sen­haft Men­schen in die Skla­ve­rei trans­por­tier­te, hieß „Li­ber­té“.

Die Fol­ter wur­de im 18. Jahr­hun­dert in Eu­ro­pa in den meis­ten Staa­ten ab­ge­schafft. Gleich­zei­tig be­hielt sie in den Ko­lo­ni­en ih­re Be­deu­tung. Noch 1957 führ­ten die Fran­zo­sen in Al­ge­ri­en wäh­rend des Un­ab­hän­gig­keits­krie­ges „Be­fra­gun­gen“von Ver­däch­tig­ten durch. 3.000 von 24.000 Be­frag­ten star­ben an den Fol­gen (S. 64). Groß­bri­tan­ni­en ge­stand kürz­lich den Ein­satz von Fol­ter ge­gen ei­nen Auf­stand in Ke­nia im Jahr 1963 ein. Ge­ra­de im Um­gang mit Gue­ril­la­kriegs­füh­rung wur­den recht­li­che Ord­nun­gen ge­schaf­fen, die Fol­ter zu­läs­sig ma­chen.

Eu­ro­pa als Vor­bild?

All die­se Fak­ten stel­len die Idee in Fra­ge, dass die west­li­che Kul­tur in­hä­rent die Men­schen­rech­te her­vor­brin­gen muss­te. Jo­as nennt dies den te­leo­lo­gi­schen Fehl­schluss. Er kri­ti­siert auch, dass man die in­ter­nen Wi­der­sprü­che der Qu­el­len über­sieht, die Bi­bel sei kei­nes­wegs ein­heit­lich in ih­ren Aus­sa­gen zur Skla­ve­rei. Schließ­lich wer­de ger­ne das abs­trak­te west­li­che Ide­al mit der er­nüch­tern­den Wirk­lich­keit an­ders­wo in Kon­trast ge­setzt.

Chris­ten­tum und Auf­klä­rung schei­nen zwar die Eu­ro­pä­er von Ver­skla­vung durch Eu­ro­pä­er be­wahrt zu ha­ben, sie ver­sag­ten hin­ge­gen dar­in, die­sen Schutz al­len Men­schen zu ge­wäh­ren. Der Au­tor fol­gert: „Es gibt ein Po­ten­zi­al für die Sa­kra­li­sie­rung der Per­son in den Ethi­ken al­ler re­li­giö­sen und phi­lo­so­phi­schen Tra­di­tio­nen, die an den ach­sen­zeit­li­chen Durch­bruch zum mo­ra­li­schen Uni­ver­sa­lis­mus an­knüp­fen. Doch kann die­ses Po­ten­zi­al in al­len Tra­di­tio­nen un­wirk­sam oder still­ge­legt wer­den.“(S. 54)

Ja­os kommt zu dem Schluss, dass die von Selbst­kri­tik freie Pro­kla­ma­ti­on des si­che­ren Be­sit­zes der „eu­ro­päi­schen Wer­te“in ih­rer Selbst­wi­der­sprüch­lich­keit der Ver­wen­dung des Kreu­zes in den Ero­be­rungs­krie­gen der Kreuz­zü­ge ähn­le. Men­schen­rech­te

105 Jo­as, Hans: Sind die Men­schen­rech­te west­lich? München: Kö­sel, 2015. 96 S., € 10,00 [D], 10.30 [A]

ISBN 9-783466-371266

AI - Im Di­ens­te der Men­schen­rech­te

Der Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal Re­port 2014/15 zur welt­wei­ten La­ge der Men­schen­recht gibt wie im­mer ei­nen so­li­den Über­blick über die Kri­sen­her­de der Welt. Da­bei sorgt Am­nes­ty da­für, dass auch die Men­schen­recht­s­ein­schrän­kun­gen im Wes­ten nicht un­ter den Tisch fal­len.

Es wä­re un­red­lich, das Lei­den au­ßer­halb Eu­ro­pas nicht zu re­la­ti­vie­ren, so, als ob man Un­ter­schie­de nicht se­hen wür­de. Die 200.000 To­ten im Krieg in Sy­ri­en sind über­wie­gend Zi­vi­lis­ten. Vier Mil­lio­nen sy­ri­sche Staats­bür­ger sind be­reits ge­flo­hen. Grau­sa­me Mor­de des „Is­la­mi­schen Staats“und auch von schii­ti­schen Mi­li­zen be­dro­hen noch im­mer Hun­dert­tau­sen­de. In Ni­ge­ria le­ben Tau­sen­de im Kon­flikt mit der Mi­liz Bo­ko Ha­ram, und

in der Zen­tral­afri­ka­ni­schen Re­pu­blik wur­den 5.000 Men­schen bei ge­walt­tä­gi­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen ge­tö­tet. Im Süd­su­dan wur­den zwei Mil­lio­nen Men­schen ver­trie­ben. Is­rae­lis le­ben un­ter der Be­dro­hung durch Ra­ke­ten­be­schuss, beim An­griff auf den Ga­za­strei­fen durch Is­ra­els Streit­kräf­te star­ben al­lein im Jahr 2014 2.000 Pa­läs­ti­nen­se­rin­nen und Pa­läs­ti­nen­ser, so Am­nes­ty. In Sri Lan­ka kam es zu Men­sch­rechts­ver­stö­ßen, die nun vom UN Men­schen­rechts­rat un­ter­sucht wer­den. In Me­xi­ko sind seit 2006 22.000 Men­schen ver­schwun­den.

Deutsch­land kri­ti­siert AI we­gen un­zu­rei­chen­der Qua­li­tät bei Un­ter­su­chun­gen von Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen durch Po­li­zis­ten und weist auf die frem­den­feind­li­chen An­grif­fe auf Asyl­su­chen­de hin. In Ös­ter­reich wür­den Häft­lin­ge im Maß­nah­men­voll­zug ver­nach­läs­sigt, Asyl­ver­fah­ren sei­en nach wie vor lang­wie­rig. Die Schweiz wird vor al­lem we­gen des Ein­sat­zes von Ge­walt bei Ab­schie­bun­gen kri­ti­siert. Men­schen­rech­te

106 Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal: Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal Re­port 2014/15. Zur welt­wei­ten La­ge der Men­schen­rech­te. Frankfurt; S. Fi­scher, 2015. 528 S.,

€ 14,99 [D], 15,50 [A] ; ISBN 978-3-10-000838-1

„Man kann die ‘All­ge­mei­ne Er­klä­rung der Men­schen­rech­te’ des­halb das Re­sul­tat ei­nes ge­glück­ten Pro­zes­ses der ‘Wer­te­ge­ne­ra­li­sie­rung’ nen­nen, d. h. ei­ner Ver­stän­di­gung zwi­schen ei­ner Viel­falt von be­tei­lig­ten Denk- und Kul­tur­tra­di­tio­nen. Da­bei wa­ren die...

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