Ein an­de­res Geld?

Spä­tes­tens mit der Finanzkrise 2007 ist das The­ma „Geld“auch in den Fo­kus der Fach­li­te­ra­tur ge­rückt. Grund ge­nug, nach ei­nem ers­ten Schwer­punkt „Geld und Schuld“(s. PZ 4/2013), sich noch­mals der Fra­ge an­zu­neh­men. Hans Holzin­ger gibt Ein­bli­cke in ak­tu­el­le

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Ei­ne neue Wirt­schafts­leh­re

Frank Niessen sieht in der Or­tho­do­xie und En­ge der ge­gen­wär­ti­gen Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten und der die­ser hö­ri­gen Politik das zen­tra­le Pro­blem, wel­ches ei­ner Um­steue­rung hin zu ei­nem nach­hal­ti­gen Wirt­schaf­ten im We­ge ste­he. Als Kar­di­nal­feh­ler be nennt der bel­gi­sche Öko­nom den Trug­schluss, Ar­beits­lo­sig­keit wei­ter­hin mit Wirt­schafts­wachs­tum be­kämp­fen und Res­sour­cen­pro­ble­me al­lein mit bes se­ren Tech­no­lo­gi­en lö­sen zu kön­nen so­wie in der Nicht­be­ach­tung der pri­va­ten Geld­schöp­fung so­wie der Zins­dy­na­mik in den öko­no­mi­schen Theo­ri­en. In sei­nen Leit­li­ni­en für ei­ne neue Wirt­schafts­wis­sen­schaft (die plu­ral sein müs­se) so­wie sei­nem al­ter­na­ti­ven An­satz für Wirt­schafts­po­li­tik plä­diert Niessen für neue Ar­beits­zeit­mo­del­le so­wie die Geld­schöp­fung durch die öf­fent­li­che Hand. Er geht aber dar­über hin­aus, wenn er ei­ne „Welt oh­ne Ar­mut und Um­welt­zer­stö­rung“for­dert und die­se in ei­ner öko­no­mi­schen For­mel fest­macht, die glo­ba­le Min­dest­ein­kom­men ins Ver­hält­nis zum glo­bal ver­träg­li­chen Na­tur­ver­brauch setzt. Sechs Emp­feh­lun­gen gibt der Au­tor hier­für: not­wen­dig sei die De­fi­ni­ti­on von Min­dest­ein­kom­men und Na­tur­nut­zungs­gren­zen, die Ope­ra­ti­on mit ei­nem öko­lo­gisch be­grenz­ten So­zi­al­pro­dukt, wel­che die Len­kung und Um­ver­tei­lung von Ein­kom­mens­strö­men er­for­de­re – Niessen plä­diert für ein Welt­grund­ein­kom­men. Wei­ters, das scheint mir ent­schei­dend, die qua­li­ta­ti­ve Gestal­tung des So­zi­al­pro­dukts („Ei­ne Welt mit we­ni­ger Wer­bung, we­ni­ger Waf­fen, oh­ne Mar­smis­si­on und oh­ne Stra­to­sphä­ren­sprün­ge wä­re ge­wiss kein schlech­te­rer Ort“, S. 107) – und schließ­lich die Ent­ta­bui­sie­rung der Be­völ­ke­rungs­kon­trol­le.

Sei­ne Über­le­gun­gen un­ter­mau­ert Niessen im letz­ten Ka­pi­tel mit Ar­gu­men­ten der Wirt­schafts­ethik, wo­bei er dem ne­ga­ti­ven ei­nen po­si­ti­ven Frei­heits­be­griff ent­ge­gen­setzt, wel­cher auf die Er­mög­li­chung ei­nes ad­äqua­ten Le­bens für al­le Er­den­bür­ge­rin­nen ba­siert. Dies und der My­thos vom hart ver­dien­ten Geld recht­fer­ti­gen für den Au­tor ei­ne star­ke Um­ver­tei­lung (die von Niessen zi­tier­ten Ge­halts­bei­spie­le et­wa von Spit­zen­ma­na­gern oder Spit­zen­sport­lern le­gen die­se Um­ver­tei­lung al­lein vom ge­sun­den Haus­ver­stand her na­he). Niessen ist nicht im Main­stream der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten ver­an­kert

und be­klei­det dem­nach auch kei­nen Lehr­stuhl, son­dern un­ter­rich­tet Öko­no­mie an ei­ner bel­gi­schen Schu­le (was wohl da­zu bei­trägt, dass sei­ne Aus­füh­run­gen auch für Lai­en gut ver­ständ­lich sind). Der Au­tor zeigt aber – wie der Ös­ter­rei­cher Chris­ti­an Fel­ber, des­sen Be­rück­sich­ti­gung in ei­nem ös­ter­rei­chi­schen Schul­buch kürz­lich gro­ße Em­pö­rung bei der Öko­no­men-zunft aus­ge­löst hat­te –, dass neue Denk­an­sät­ze in den Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten über­fäl­lig sind. Der Ti­tel „Ent­mach­tet die Öko­no­men“ist da­mit et­was ir­re­füh­rend, viel­mehr geht es Niessen um die Be­rück­sich­ti­gung an­de­rer öko­no­mi­scher Schu­len. Dass das Vor­wort zum Buch von dem re­nom­mier­ten Wirt­schafts­ethi­ker Pe­ter Ul­rich stammt, mag An­zei­chen ei­nes be­gin­nen­den Pa­ra­dig­men­wech­sels sein.

Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten: an­de­re 57 Niessen, Frank: Ent­mach­tet die Öko­no­men. War­um die Politik neue Be­ra­ter braucht. Mar­burg: Tec­tum, 2016. 166 S. € 17,95 [D], 18,50 [A]

ISBN 978-3-8288-3623-5

Neue Wirt­schaft mit neu­em Geld

Ei­ne „ra­di­kal neue Ge­schich­te des Gel­des“ver­spricht Ste­phan Me­kif­fer, Jahr­gang 1988, der mit Stu­di­en der Wirt­schaft, Politik- und Kul­tur­wis­sen­schaf­ten so­wie Phi­lo­so­phie als Cross­over-den­ker zu be­zeich­nen ist. Sei­ne Kri­tik an den ma­the­ma­ti schen Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten setzt bei der Glei­chung von Geld = Wohl­stand bzw. Glück, ver­kör­pert im BIP, an. Auch Me­kif­fer sieht im Schuld­geld ei­ne zen­tra­le Ur­sa­che des Wachs­tums­zwangs: „Wenn Geld durch ver­zins­te Kre­di­te ent­steht, neue Kre­di­te ver­ge­ben wer­den, um die ver­zins­ten al­ten Schul­den zu re­fi­nan­zie­ren, und die neu­en Kre­di­te an die­je­ni­gen ver­ge­ben wer­den, die Pro­fi­te ver­spre­chen, dann sind al­le Be­tei­lig­ten fi­nan­zi­ell vom Wachs­tum ab­hän­gig.“(S. 103) Nur ge­gen das Ver­spre­chen von Pro­fit und Wachs­tum wür­den neue Kre­di­te ver­ge­ben, die das ge­gen­wär­ti­ge Geld re­fi­nan­zie­ren, das durch Zin­sen an­ge­wach­sen ist. Dies be­din­ge den „sys­te­ma­ti­schen Zwang, die Wirt­schaft zum Wach­sen zu brin­gen“(ebd.). Fol­ge sei die „ma­xi­ma­le Pro­duk­ti­on an käuf­li­chen Gü­tern“mit dem Ziel, Kre­di­te zu re­fi­nan­zie­ren (S. 121) Da­bei wür­den vie­le un­nüt­ze Din­ge pro­du­ziert, wäh­rend sinn­vol­le, an­ge­neh­me, aber un­be­zahl­te Auf­ga­ben un-

„Nicht im Wachs­tum auf brei­ter Front, son­dern in der Be­gren­zung und in der Ver­tei­lung lie­gen die not­we­ni­gen wirt­schafts­und ent­wick­lungs­po­li­ti­schen Ori­en­tie­rungs­punk­te für mul­ti­la­te­ra­le Ko­ope­ra­tio­nen im 21. Jahr­hun­dert.“(Frank Niessen in 57 , S. 110)

er­le­digt blie­ben, „weil sie kein Geld brin­gen und da­her kei­ne Zeit für sie da ist“(S. 124). Über­dies zer­stö­re Geld Be­zie­hun­gen: „Wer Geld hat, braucht Freun­de und Ge­mein­schaft öko­no­misch gar nicht. Wir pfle­gen sie nur noch zum Zeit­ver­treib.“(S. 130) Und wenn Gläu­bi­ger die Rück­zah­lung ver­lan­gen, oh­ne neue Kre­di­te zu ver­ge­ben, müs­se der Staat zu­se­hen, wo er neu­es Geld auf­treibt, in­dem er Steu­ern er­höht, Ex­por­te för­dert, Ver­mö­gen ver­kauft, Aus­ga­ben kürzt.

Me­kif­fer spricht von „ne­ga­ti­ver Öko­no­mik“und setzt die­ser ei­ne „or­ga­ni­sche Wirt­schaft“so­wie ei­ne „Met­a­mor­pho­se des Gel­des“ge­gen­über. Der Au­tor plä­diert für Frei- bzw. Schwund­geld, al­so vom Staat aus­ge­ge­be­nes Geld mit Ne­ga­tiv­zins, wel­ches als Grund­ein­kom­men al­len Bür­ge­rin­nen zur Ver­fü­gung ge­stellt wür­de, mit dem aber auch Staats­schul­den ge­tilgt wer­den könn­ten. Da das Geld an Wert ver­liert, wür­de die­ses nicht ge­hor­tet und er­mög­li­che In­ves­ti­tio­nen oh­ne Wachs­tums­zwang und re­ge die Wirt­schafts­tä­tig­keit an. Banken wür­den zu Di­ensteis­tern, Schuld­geld mit stei­gen­den Zins­an­sprü­chen wür­de an Be­deu­tung ver­lie­ren. Zu­dem schlägt der Au­tor die De­ckung der Wäh­rung mit Na­tur­res­sour­cen (Nut­zungs­kon­tin­gen­te) vor, ein Vor­schlag der auf Charles Ei­sen­stein und sei­ne „Öko­no­mie der Ver­bun­den­heit“zu­rück­geht und vor Res­sour­cen­über­nut­zung schüt­ze. Als „or­ga­ni­sche Wirt­schaft“be­zeich­net Me­kif­fer den Über­gang vom schnel­len Wachs­tum mit schnel­lem Res­sour­cen­ver­brauch zu Kreis­lauf­wirt­schaf­ten mit lang­le­bi­gen Gü­tern. Die Res­sour­cen­gren­zen, die auch die Pro­fi­tra­ten fal­len las­sen, wür­den über den Markt die­se Met­a­mor­pho­se von selbst be­wir­ken, ist der Au­tor über­zeugt. Im Mit­tel­punkt zu­künf­ti­gen Wirt­schaf­tens müs­se die Sor­ge um das Na­tur­ka­pi­tal ste­hen, da die­ses die Ba­sis je­der Gr­und­ver­sor­gung dar­stel­le. Zu­dem sei­en De­fen­siv­kos­ten zu ver­mei­den. Als Bei­spiel nennt Me­kif­fer die Zur-ver­fü­gung-stel­lung von Häu­sern an Ob­dach­lo­se in vie­len Städ­ten der USA, was bil­li­ger kommt als Not­auf­nah­men, Not­un­ter­künf­te usw. Hilf­reich wä­ren auch Lo­kal­wäh­run­gen, der Auf­kauf von Grund­stü­cken für Ge­mein­schafts­gär­ten (an statt die­ses in Ak­ti­en zu in­ves­tie­ren), Mo­del­le des Crowd­fi­nan­cing oder der Peer to Peer-in­ves­ti­tio­nen. Ein ra­di­ka­les, für vie­le viel­leicht uto­pisch an­mu­ten­des Buch, das je­doch, da ist Ni­ko Pa­echs Kom­men­tar zu den Aus­füh­run­gen zu­zu­stim­men, „si­cher­lich hef­ti­ge Dis­kus­sio­nen aus­lö­sen wird“und – so sei hin­zu­ge­fügt – aus­lö­sen soll.

58 Me­kif­fer, Ste­fan:war­um ei­gent­lich ge­nug Geld für al­le da ist. Mün­chen: Han­ser, 2016. 304 S., € 18,90 [D], 19,50 [A] ; ISBN 978-3-446-44703-5

Ge­mein­woh­löko­no­mie

Ei­ne Ge­mein­wohl­bank ist ei­nes der Zie­le der auf Chris­ti­an Fel­ber zu­rück­ge­hen­den Ge­mein­woh­löko­no­mie. Die ethi­sche Fun­die­rung sei­ner Über­le­gun­gen hat Fel­ber nun in dem sehr per­sön­li­chen Buch „Die in­ne­re Stim­me“zu­sam­men­ge­fasst. Dass da­bei das Po­li­ti­sche nicht zu kurz kommt, zeigt der Au­tor im zwei­ten Teil des Ban­des.

Ge­mein­woh­löko­no­mie

59 Fel­ber, Chris­ti­an: Die in­ne­re Stim­me. Wie Spi­ri­tua­li­tät, Frei­heit und Ge­mein­wohl zu­sam­men­hän­gen. Ober­ur­sel: Pu­blik-fo­rum, 2015. 110 S., 11,90 [D/A]

ISBN 978-3-88095-283-6

„Ich glau­be, dass wir auf die Kri­se zu­ge­hen soll­ten. Viel­leicht bräuch­ten wir gar kei­ne Angst zu ha­ben, wenn wir uns ihr nicht wi­der­setz­ten, denn das Leid, das die Kri­se bringt, kommt von un­se­rer Ab­hän­gig­keit von Öl, Banken, glo­ba­len Kon­zer­nen du an­de­ren kol­la­bie­ren­den Sys­te­men.“(Ste­fan Me­kif­fer in , S. 219)

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