Die­wi­der­sprü­cheder­neu­en­rech­ten

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In die Ent­wick­lung des na­tio­na­len Den­kens führt Vol­ker Weiß in sei­nem Buch „Die Au­to­ri­tä­re Re­vol­te“ein. Ge­nau­er ge­sagt stellt er die Tra­di­ti­ons­li­ni­en der ge­gen­wär­ti­gen iden­ti­tä­ren Spiel­art des na­tio­na­lis­ti­schen Den­kens vor. Die­se geht vor al­lem auf die Zeit der Kon­ser­va­ti­ven Re­vo­lu­ti­on zu­rück, ei­ner Ver­si­on rech­ten Den­kens, die vor al­lem in der Zwi­schen­kriegs­zeit an­ti­de­mo­kra­ti­sche Kräf­te zu­sam­men­fass­te. Be­son­ders wich­tig ist hier Ar­min Moh­ler. Weiß zi­tiert Moh­ler: „Wir wer­den al­les nur Men­schen­mög­li­che tun, um nie zwi­schen Ost und West, zwi­schen Li­be­ra­lis­mus und Kom­mu­nis­mus wäh­len zu müs­sen. (…) Je­de Dik­ta­tur ist ver­ächt­lich, aber ver­ächt­li­cher noch ist je­de De­ka­denz. Ei­ne Dik­ta­tur kann uns mor­gen als In­di­vi­du­en ver­nich­ten. De­ka­denz je­doch ver­nich­tet un­se­re Über­le­bens­chan­cen als Volk.“(S. 41) Weiß zeich­net die Zu­sam­men­hän­ge mit dem ak­tu­el­len Den­ken der ra­di­ka­len Rech­ten nach.

Heu­te be­geg­net uns die­ses Den­ken oft im Ge­wand des Eth­nop­lu­ra­lis­mus, bei dem der Tren­nung der Men­schen nach Eth­ni­en das Wort ge­re­det wird. Die­se sol­len dem­nach ho­mo­gen sein und ih­re ver­meint­li­chen Ei­gen­ar­ten ge­gen ex­ter­ne Ein­flüs­se oder de­ren Ver­fall (De­ka­denz) ver­tei­di­gen. Uni­ver­sa­lis­mus ist so­mit nicht gut an­ge­schrie­ben.

Weiß be­lässt es aber nicht bei der Darstel­lung der Ide­en­ge­schich­te der Neu­en Rech­ten, wie die Adep­ten die­ses Den­kens oft ge­nannt wer­den, er ar­bei­tet zu­dem vie­le Wi­der­sprü­che die­ser Denk-ge­mein­schaft her­aus.

Ein Bei­spiel ist die In­kon­sis­tenz bei der Ver­wen­dung des Be­grif­fes des „Abend­lan­des“, der ger­ne be­müht wird – ein My­thos, des­sen Les­ar­ten mit­ein­an­der nicht kom­pa­ti­bel sind: „Bei al­ler Wech­sel­haf­tig­keit des Abend­land-dis­kur­ses von der „la­tei­ni­schen Be­ru­fung auf Ver­gil, der ka­tho­lisch ge­präg­ten Ro­man­tik bei No­va­lis, über die jung­kon­ser­va­ti­ven Ver­su­che ei­ner Wie­der­be­le­bung der Reich­s­idee, den An­ti­kom­mu­nis­mus, in dem das Schis­ma mit­schwang, bis hin zur heu­ti­gen Rhe­to­rik, die Pu­tin zum Ret­ter er­ko­ren hat – sein Zu­gang zur Ge­schich­te bleibt dem My-

thos ver­haf­tet.“(S. 180) Auch die Be­zü­ge zu „Ost“und „West“ver­än­dern sich im­mer wie­der, ste­hen oft sich wi­der­spre­chend ne­ben­ein­an­der. War lan­ge Zeit der bar­ba­ri­sche Os­ten der Feind, so ist er heu­te auf­grund der ver­meint­li­chen eth­ni­schen Ho­mo­ge­ni­tät Hoff­nungs­ge­biet der Rech­ten. Russ­land er­freut sich be­son­de­rer Be­liebt­heit, die To­le­ranz des Wes­tens, in dem Welt­of­fen­heit die vor­herr­schen­de öko­no­mi­sche und ge­sell­schaft­li­che Le­bens­wei­se ist, wird hin­ge­gen ab­ge­lehnt.

Im Kern führt aber das Den­ken des Eth­nop­lu­ra­lis­mus zu Ähn­lich­kei­ten der „Neu­en Rech­ten“mit an­de­ren po­li­ti­schen Be­we­gun­gen, von de­nen sich die­se Grup­pen ger­ne dis­tan­zie­ren. Na­tür­lich ist da­mit der po­li­ti­sche Is­la­mis­mus ge­meint. Auch die­ser pos­tu­liert die Un­ver­än­der­bar­keit der er­erb­ten ge­mein­schaft­li­chen Wert­hal­tun­gen; Of­fen­heit für Ve­rän­de­rung wird we­der ei­nen Na­tio­na­lis­ten noch ei­nen Is­la­mis­ten aus­zeich­nen. Im Ver­gleich zu den uni­ver­sa­lis­ti­schen Wert­hal­tun­gen ha­be der Is­lam ei­ne Iden­ti­tät, wenn auch ei­ne an­de­re. Die Neue Rech­te hat des­we­gen vor ihm mehr Re­spekt als vor den Ide­en des Li­be­ra­lis­mus und des­sen Prin­zip der uni­ver­sel­len Men­schen­rech­te. (S. 225) Die­se Nä­he wird auch klar, wenn die Neue Rech­te dis­ku­tiert, wer denn ihr Feind sei. Von Carl Sch­mitt wird die Un­ter­schei­dung zwi­schen dem „wirk­li­chen“und dem „ab­so­lu­ten“Feind über­nom­men. Der „wirk­li­che Feind“ist sicht­bar, es ist das Frem­de, er ist er­kenn­bar durch ei­ge­ne Iden­ti­fi­ka­ti­ons­merk­ma­le. Der Is­lam ist dem­nach ein wirk­li­cher Feind der deut­schen Rech­ten. Der „ab­so­lu­te Feind“hin­ge­gen sind die Kräf­te im ei­ge­nen Be­reich, die sich nicht zu den Iden­ti­täts­kri­te­ri­en der Ge­mein­schaft be­ken­nen. Das ist in der Re­gel der west­li­che Uni­ver­sa­lis­mus, der in un­se­ren Ge­sell­schaf­ten wirkt. Er un­ter­läuft die na­tio­na­le Iden­ti­fi­ka­ti­on und ist da­her mit al­ler Kraft zu be­kämp­fen.

Weiß‘ Buch ist her­vor­ra­gend, weil es nicht nur den zur­zeit be­deu­ten­den rech­ten Ka­non ver­steht, son­dern gleich­zei­tig sei­ne In­kon­sis­ten­zen be­nennt und sei­ne gern ver­hüll­te Ab­leh­nung un­se­rer Le­bens­wei­se trans­pa­rent macht. Die Neue Rech­te ver­tei­digt nicht, wie wir le­ben, sie will uns ei­ne an­de­re, ein­heit­li­che, iden­te Form des Le­bens vor­schrei­ben. Neue Rech­te

13 Weiß, Vol­ker: Die Au­to­ri­tä­re Re­vol­te. Die Neue Rech­te und der Un­ter­gang des Abend­lan­des. Stutt­gart: Klett-cot­ta, 2017. 303 S., € 20,- [D], 20,60 [A] ; ISBN 978-3-608-94907

„Von die­sem Aus­flug (...) zu­rück­ge­kehrt, stellt man fest, dass sich bei Pe­gi­da die Kon­no­ta­ti­on des Wor­tes er­neut ge­än­dert hat. Es steht nun im Kon­text weit­ge­hen­der Eu­ro­pa-ab­leh­nung, meist ei­ner pro­rus­si­schen Ori­en­tie­rung und ist von der christ­li­chen Be­deu­tung voll­stän­dig ge­löst, die es über Jahr­hun­der­te be­stimm­te.” (Vol­ker Weiß in 13 , S. 181)

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