Me­tho­den und Tech­no­lo­gi­en

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Ver­schie­de­ne Ebe­nen der Zu­kunfts­for­schung spie­geln die Re­zen­sio­nen die­ses Ka­pi­tels wie­der. Gast­re­zen­sent Ed­gar Göll be­schäf­tigt sich mit der Zu­kunfts­for­schung in Finn­land. Ste­fan Wal­ly wid­met sich dem Rin­gen um gu­te Me­tho­dik und dem Zu­sam­men­spiel mit wich­ti­gen The­men­be­rei­chen.

Lau­rie Pen­ny hat wie­der zu­ge­schla­gen – die eng­li­sche Au­to­rin gilt als Aus­hän­ge­schild des jun­gen Fe­mi­nis­mus, de­ren Pro­vo­ka­tio­nen wort­ge­wal­tig da­her­kom­men, denn: „Bit­ches get stuff do­ne“(S. 16). Mit „Bitch Dok­trin“legt Pen­ny ei­ne lo­se Samm­lung von Es­says vor, die ein Kon­vo­lut an The­men an­spre­chen, ei­nem zen­tra­len Ar­gu­ment fol­gend: Das Pa­tri­ar­chat nimmt Frau­en, Peop­le of Co­lour und Per­so­nen mit ab­wei­chen­der se­xu­el­ler Iden­ti­tät Hand­lungs­spiel­räu­me. Folg­lich muss der Sta­tus quo ge­än­dert wer­den, um ei­ne ge­rech­te­re Welt zu schaf­fen – dies im­pli­ziert, dass pri­vi­le­gier­te wei­ße Män­ner Macht ver­lie­ren (S. 50).

Ein be­son­de­res Hin­der­nis für Gleich­stel­lung stellt die Mehr­fach­be­las­tung von Frau­en dar, die zwi­schen Be­ruf und un­be­zahl­ter Sor­ge­ar­beit auf­ge­rie­ben wer­den – wäh­rend sich das Ver­ein­bar­keits­the­ma den Män­nern gar nicht stellt (S. 68). Da­mit ein­her­ge­hend ent­wi­ckelt Pen­ny ei­nen kri­ti­schen Ar­beits­be­griff – sie lehnt das ka­pi­ta­lis­ti­sche Nar­ra­tiv, dass Ar­beit be­frei­end oder er­mäch­ti­gend sei, ab. Na­tür­lich ha­ben Men­schen nicht die freie Wahl, ob sie ar­bei­ten oder nicht; gleich­zei­tig wird Ar­beit ein zu­neh­mend ra­res Gut; oft pre­ka­ri­siert und aus­beu­te­risch. Ein grund­le­gen­des Über­den­ken des Kon­zepts „Ar­beit“ist ein Ziel für die ge­sam­te Ge­sell­schaft.

Lau­rie Pen­ny un­ter­stützt in ih­ren Es­says ei­ne Rei­he von un­po­pu­lä­ren Maß­nah­men. So ist sie ei­ne Be­für­wor­te­rin von Quo­ten. Dem Ar­gu­ment, dass Quo­ten er­folg­rei­che Frau­en her­ab­set­zen wür­den, kann sie nichts ab­ge­win­nen – tat­säch­lich scheint es eher so, dass es oft reicht, ein Mann zu sein, um sich für ei­nen Pos­ten zu qua­li­fi­zie­ren: „In ei­ner idea­len Welt wä­ren Quo­ten über­flüs­sig. In ei­ner idea­len Welt, ei­ner ech­ten Leis­tungs­ge­sell­schaft, wür­den die fä­higs­ten Men­schen auf­stei­gen, und das bräch­te au­to­ma­tisch Viel­falt mit sich“(S. 105). Auch den ge­sell­schaft­li­chen Druck auf Mäd­chen, hübsch und an­ge­passt zu sein, pran­gert Pen­ny an. Be­son­ders scharf wer­den ak­tu­el­le Ten­den­zen kri­ti­siert, die re­pro­duk­ti­ve Selbst­be­stim­mung von Frau­en ein­zu­schrän­ken: „Wir le­ben in ei­ner Ge­sell­schaft, die ‘Ent­schei­dungs­frei­heit‘ zum Fe­tisch er­hebt und gleich­zei­tig der Hälf­te der Be­völ­ke­rung die grund­le­gends­te Frei­heit über­haupt ver­sagt: die Ent­schei­dung über die Au­to­no­mie des ei­ge­nen Kör­pers“(S. 194). Über­haupt Au­to­no­mie: Für Pen­ny ist männ­li­ches An­spruchs­den­ken auf den weib­li­chen Kör­per die Wur­zel jed­we­der Ge­walt. Es gibt kein Recht dar­auf, Sex zu ha­ben, auch wenn Zu­rück­wei­sun­gen durch mög­li­che Se­xu­al­part­ne­rin­nen ver­let­zend sein kön­nen. Zum An­spruchs­den­ken ge­hört auch der

neue „Be­schüt­zer­ins­tikt“rech­ter Po­li­ti­ke­rin­nen, der hei­mi­sche Frau­en vor Mi­gran­ten schüt­zen will. Klar be­nennt die Au­to­rin die zu­tiefst rück­schritt­li­che Frau­en­po­li­tik die­ser Par­tei­en, die Fe­mi­nis­mus dann vor­schüt­zen, wenn es um Aus­gren­zung Frem­der geht (S. 220f.).

Lau­rie Pen­ny dia­gnos­ti­ziert vie­le Rück­schlä­ge für den Fe­mi­nis­mus, aber nicht nur: Dass Frau­en erst­mals sys­te­ma­tisch an die Öf­fent­lich­keit ge­hen und über er­leb­te se­xu­el­le Ge­walt spre­chen, dass Dis­kri­mi­nie­rungs­er­fah­run­gen über­haupt Ge­sprächs­stoff sind, sind un­ge­heu­re Fort­schrit­te. Gleich­zei­tig kann man der Au­to­rin den Vor­wurf ma­chen, nur ei­ner Sei­te zu­zu­hö­ren: Dass auch Män­ner un­ter Zwang und Druck ste­hen, Rol­len­er­war­tun­gen aus­zu­fül­len, lässt Pen­ny mit Hin­weis auf männ­li­che Pri­vi­le­gi­en nicht gel­ten. Hier gibt es noch Dis­kus­si­ons­be­darf. B. B.-K. Ge­gen­wart: Dia­gno­se

64 Pen­ny, Lau­rie: Bitch Dok­trin. Ham­burg: Ed. Nau­ti­lus, 2017. 318 S., € 18 [D], 18,50 [A] ISBN 978-3-96054-056-4

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