Un­glei­che Ver­hält­nis­se

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Ant­ho­ny B. At­kin­son zeigt, was man ge­gen Un­gleich­heit tun kann. Wal­ter Schei­del hält die­se Be­mü­hun­gen für hoff­nungs­los und ein Sam­mel­band un­ter­sucht, wie sich die Un­gleich­heit ent­wi­ckelt. Ste­fan Wal­ly hat un­glei­che Bü­cher ge­le­sen.

Un­gleich­heit ist auf dem Vor­marsch. Ant­ho­ny B. At­kin­son zeigt, was man da­ge­gen tun kann. Wal­ter Schei­del hält die­se Be­mü­hun­gen für hoff­nungs­los. Und in ei­nem neu­en Sam­mel­band wird de­tail­liert un­ter­sucht, wie sich die Un­gleich­heit ent­wi­ckelt. Ste­fan Wal­ly hat un­glei­che Bü­cher ge­le­sen. Un­gleich­heit

Ant­ho­ny B. At­kin­son ist ei­ner der welt­weit füh­ren­den For­scher zur Un­gleich­heit. Tho­mas Pi­ket­ty be­zog sich auf ihn, als er sein viel­zi­tier­tes Buch „Das Ka­pi­tal im 21. Jahr­hun­dert“ver­fass­te. Jetzt liegt At­kin­sons Werk „Un­gleich­heit: Was wir da­ge­gen tun kön­nen“auf Deutsch vor. Wie der Ti­tel be­reits na­he­legt, kon­zen­triert sich der bri­ti­sche Öko­nom nicht nur auf ei­ne Be­schrei­bung von Un­gleich­hei­ten und ih­re Ent­wick­lung. Er legt dar­über hin­aus ein Pro­gramm vor, wie die­se Un­gleich­hei­ten re­du­ziert wer­den könn­ten. Er macht dies lo­cker, ra­tio­nal, Ta­bu­brü­che voll­zieht er non­cha­lant ne­ben­bei.

In der Li­te­ra­tur zur Un­gleich­heit wird all­ge­mein dar­auf ver­wie­sen, dass die­se vor al­lem seit den 80er-jah­ren wie­der zu­nimmt. Da­vor ha­be es ei­ne Pe­ri­ode ge­ge­ben, in der in den In­dus­trie­staa­ten Dis­pa­ri­tä­ten re­du­ziert wur­den. Ähn­li­ches wird auch für die Zei­ten des zwei­ten Welt­krie­ges und für ei­ni­ge Län­der im ers­ten kon­sta­tiert. Auch in Latein­ame­ri­ka re­du­zier­te sich in der letz­ten De­ka­de die Un­gleich­heit. Der Grund war je­weils „ei­ne Mi­schung aus ver­rin­ger­ter Un­gleich­heit der Markt­ein­kom­men und ef­fek­ti­ve­rer Um­ver­tei­lung“(S. 146)

At­kin­son ent­wi­ckelt in der Fol­ge Vor­schlä­ge, wie, ge­stützt auf die­se Er­fah­run­gen, Un­gleich­heit heu­te re­du­ziert wer­den könn­te. Er warnt da­vor, sich al­lein auf die Un­gleich­heit der Ar­beits­ein­kom­men zu kon­zen­trie­ren. Die Un­gleich­heit bei Ka­pi­tal­ein­kom­men müs­se eben­falls be­rück­sich­tigt wer­den, ge­nau­so wie die Ef­fek­te von Tech­no­lo­gi­en.

Er­ben als Grund­ka­pi­tal­aus­stat­tung

Ei­nen span­nen­den Be­reich stel­len sei­ne Über­le­gun­gen zu Erb­schaf­ten dar. Hier schlägt er vor, dass je­der er­ben soll­te. Mit dem Er­rei­chen ei­nes be­stimm­ten Al­ters soll­te je­de Bür­ge­rin und je­der Bür­ger ei­ne Sum­me er­ben, die nicht zur Ver­schwen­dung ein­lädt. Der Be­trag soll­te viel­mehr ei­ne Grund­ka­pi­tal­aus­stat­tung sein, die den Start für neue Pro­jek­te oder die Bil­dung von Grund­si­cher­hei­ten er­laubt. Na­tür­lich soll­te dies durch die Be­steue­rung von Erb­schaf­ten fi­nan­ziert wer­den. At­kin­son regt ei­ne Be­steue­rung al­ler Ver­mö­gens­zu­gän­ge an. Hier­bei sol­len Erb­schaf­ten und Schen­kun­gen ku­mu­liert die Be­mes­sungs­grund­la­ge bil­den und ein Steu­er­satz nach ei­nem steu­er­frei­en Gr­und­ni­veau grei­fen.

„Po­li­ti­sche Ent­schei­dungs­trä­ger soll­ten sich be­son­ders der Rich­tung des tech­ni­schen Wan­dels wid­men, in­dem sie In­no­va­ti­on för­dern, die den Zu­gang zum Ar­beits­markt er­leich­tern und der mensch­li­chen Di­men­si­on der Di­enst­leis­tungs­er­brin­gung Vor­rang ein­räu­men.“So lau­tet ein wei­te­rer Vor­schlag. Hier kommt die For­de­rung At­kin­sons zum Aus­druck, Fra­gen der Tech­nik in der Dis­kus­si­on der Un­gleich­heit stär­ker zu be­rück­sich­ti­gen. War­um in­ves­tie­ren wir so viel Geld in die Ent­wick­lung von Tech­no­lo­gi­en, die den Men­schen durch Ma­schi­nen er­set­zen? Der Grund ist die Re­du­zie­rung der nö­ti­gen Ar­beits­kraft, die auf Ka­pi­tal­sei­te mit bes­se­ren Er­trä­gen zu Bu­che schlägt. Wä­re es nicht klug, Geld auch in die Ent­wick­lung von Hu­man­dienst­leis­tun­gen zu in­ves­tie­ren, durch die mensch­li­che Tä­tig­kei­ten nicht er­setzt, son­dern ver­bes­sert wer­den? (S. 151f.)

At­kin­son be­strei­tet, wie die Mehr­zahl der Au­to­rin­nen zu dem The­ma, dass es ei­nen Zu­sam­men­hang zwi­schen Un­gleich­heit und Wirt­schafts­wachs­tum gibt. „Die kur­ze Zu­sam­men­fas­sung lau­tet, dass ein­deu­ti­ge Be­wei­se feh­len. … Die prin­zi­pi­el­le Er­war­tung, es ge­be ei­nen un­ver­meid­li­chen Kon­flikt zwi­schen Gleich­heit und Ef­fi­zi­enz, be­ruht nicht auf ei­ner sorg­fäl­ti­gen Prü­fung der zu­grun­de­lie­gen­den An­nah­men.” (S. 36) Sind aber nicht al­le Maß­nah­men für mehr Gleich­heit be­droht durch die Stand­ort­ent­schei­dun­gen zu­guns­ten von Bil­lig­lohn- und Bil­lig­steu­er­län­dern? At­kin­son sieht sich als Op­ti­mist. Stand­ort­ent­schei­dun­gen sei­en kom­ple­xer, ein funk­tio­nie­ren­des Ge­sund­heits­sys­tem wer­de ge­nau­so in Über­le­gun­gen ein­be­zo­gen wie Steu­er­be­las­tun­gen. Ant­ho­ny B. At­kin­sons Buch ist so le­sens­wert, weil es kon­kret wird. Und sei­ne Vor­schlä­ge sind ra­di­kal, ob­wohl man weiß, dass der Au­tor sie nüch­tern wie ein Buch­hal­ter durch­ge­rech­net und ih­re Ef­fek­te ab­ge­wo­gen hat. Un­gleich­heit

60 At­kin­son, Ant­ho­ny B.: Un­gleich­heit: Was wir da­ge­gen tun kön­nen. Stutt­gart: Klett-cot­ta, 2016. 474 S., € 26,95 [D], 27,85 [A] ; ISBN 978-3-608-94905

„In der Ver­gan­gen­heit gab es Pe­ri­oden, in de­nen sich die Un­gleich­heit sub­stan­zi­ell ver­rin­gert hat. Da­zu ge­hör­ten nicht nur so au­ßer­ge­wöhn­li­che Ab­schnit­te wie Kriegs­zei­ten, son­dern auch die Nach­kriegs­jahr­zehn­te in Eu­ro­pa und die letz­te De­ka­de in Latein­ame­ri­ka. (...) Die Er­fah­rung lässt dar­auf schlie­ßen, dass die­ser Rück­gang der Un­gleich­heit je­weils durch ei­ne Mi­schung aus ver­rin­ger­ter Un­gleich­heit der Markt­ein­kom­men und ef­fek­ti­ve­rer Um­ver­tei­lung zu­stan­de kam ...” (Ant­ho­ny B. At­kin­son in , S. 146)

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