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„Die Fra­ge, in­wie­weit Me­di­en und so­zia­le Netz­wer­ke im In­ter­net zum Auf­stieg der Po­pu­lis­ten bei­tra­gen, bleibt un­be­ant­wor­tet.“Das „Rät­sel, war­um im Sü­den Eu­ro­pas Link­s­po­pu­lis­ten von der Un­zu­frie­den­heit der Wäh­ler pro­fi­tie­ren, im Nor­den, Os­ten und Wes­ten hin­ge­gen die Rechts­po­pu­lis­ten“(S. 208) löst Micha­el Lac­zyn­ski, bis März 2017 Eu-kor­re­spon­dent der Ta­ges­zei­tung „Die Pres­se“nach ei­ge­nen Wor­ten eben­so we­nig. In­ter­es­san­te Par­al­le­len (und Un­ter­schie­de) im „Ge­schäfts­mo­dell“der Po­pu­lis­ten prä­sen­tiert er al­le­mal: „Mo­men­tan scheint es in Eu­ro­pa so zu sein, dass dort, wo das öko­no­mi­sche Wohl­be­fin­den ei­ni­ger­ma­ßen sta­bil ist und die Zu­kunfts­ängs­te zu­neh­men, ten­den­zi­ell eher die Rechts­po­pu­lis­ten Er­fol­ge fei­ern. Und dass dort, wo sich die­se Ängs­te be­reits be­wahr­hei­tet ha­ben, die Link­s­po­pu­lis­ten im Auf­wind sind“(S. 83).

Die ver­schie­de­nen Rol­len, die ein er­folg­rei­cher Po­pu­list be­herr­schen muss, be­schreibt Lac­zyn­ski so: er ist „Re­bell ge­gen die be­ste­hen­de Ord­nung und das Esta­blish­ment“– „Quint­es­senz des po­pu-

„Es wer­den kei­ne un­ter­schied­li­chen po­li­ti­schen Kon­zep­te mehr dis­ku­tiert, es geht le­dig­lich um die In­ter­pre­ta­ti­on von Markt­me­cha­nis­men.“(Deutsch/knoll in , S. 11)

„Fa­tal dar­an ist nur, dass die Po­pu­lis­ten im Re­gel­fall kei­ne wirk­sa­men Re­zep­te ge­gen tat­säch­lich vor­han­de­ne Pro­ble­me ha­ben, son­dern le­dig­lich mit Auf-putsch­mit­teln dea­len. Sie sind die fal­sche Ant­wort auf die rich­ti­ge Fra­ge.” (Micha­el Lac­zyn­ski in , S. 197f.)

lis­ti­schen Re­bel­len-ethos“ist für ihn Jörg Hai­ders Wahl­kampf­slo­gan von 1994: „Sie sind ge­gen IHN, weil ER für EUCH ist“. Wä­re der Po­pu­list nicht gleich­zei­tig „ta­len­tier­ter Il­lu­si­ons­künst­ler (…) könn­te er nicht glaub­haft je­ne ma­gi­schen, be­ste­chend sim­plen Lö­sun­gen für hoch­kom­ple­xe wirt­schaft­li­che und ge­sell­schaft­li­che Pro­ble­me an­prei­sen“. Als „Angst­ma­cher“muss er zu­dem sei­nen Wäh­lern stän­dig neue, grö­ße­re Ge­fah­ren vor­gau­keln. (S. 24).

Ob Wi­en mit der „Hai­de­ri­sie­rung Eu­ro­pas“(so Ruth Wo­dak, S. 13) – (mit Karl Kraus) wie­der ein­mal – als „Ver­suchs­sta­ti­on für den Welt­un­ter­gang“fun­giert? Dem Au­tor er­scheint der Auf­stieg der FPÖ seit „Hai­ders In­thro­ni­sa­ti­on an der Par­tei­spit­ze“1986 bis zur Re­gie­rungs­be­tei­li­gung im Jahr 2000 als „Blau­pau­se für die Ent­wick­lun­gen in an­de­ren eu­ro­päi­schen Län­dern seit der Jahr­tau­send­wen­de“. Ähn­li­che Wah­l­er­fol­ge der Rechts­au­ßen-par­tei­en UKIP, PIS, FN, AFD, Dansk Fol­ke­par­ti und FPÖ – zu­letzt zwi­schen 21,1 % in Dä­ne­mark und 37,5 % in Po­len – führt Lac­zyn­ski auf grund­le­gen­de Ge­mein­sam­kei­ten zwi­schen de­ren Wäh­lern zu­rück. Das Br­ex­it-vo­tum, die Us-prä­si­den­ten­wahl und die knap­pe Nie­der­la­ge Nor­bert Ho­fers bei der Stich­wahl zum Bun­des­prä­si­den­ten mach­ten deut­lich, „dass der po­pu­lis­ti­sche 30-Pro­zent-pla­fond un­ter güns­ti­gen Aus­gangs­be­din­gun­gen klar durch­sto­ßen wer­den kann“(S. 64).

„Je nied­ri­ger der Bil­dungs­grad und je pre­kä­rer die Be­schäf­ti­gungs­si­tua­ti­on, des­to hö­her die Be­reit­schaft, für ei­ne An­ti-sys­tem-par­tei zu stim­men“(S. 74). Ne­ben Ge­schlecht (männ­lich – Aus­nah­me: Frank­reich), Al­ter (eher hö­her – Aus­nah­me: die Prä­si­den­ten­wahl in Ös­ter­reich) und Wohn­ort (meist am Land) ist es vor al­lem ei­ne ähn­li­che Wel­t­an­schau­ung, die Wäh­ler den Po­pu­lis­ten zu­treibt. „Sie bli­cken sor­gen­voll in die Zu­kunft, ha­ben Angst vor dem Wan­del und wol­len da­ge­gen de­mons­trie­ren“(S. 74). Da­zu ge­hör­ten nicht nur die deut­schen „Ar­bei­ter und Ar­beits­lo­sen, [wel­che] zur AFD über­ge­lau­fen sind“, son­dern – wie in Ba­den-würt­tem­berg – vor al­lem je­ne, „die zwar nicht ent­kop­pelt sind, aber dem Auf­stiegs­ver­spre­chen mo­der­ner Ge­sell­schaf­ten of­fen­bar kei­nen Glau­ben mehr schen­ken und sich durch Ve­rän­de­run­gen in ers­ter Li­nie ge­fähr­det se­hen“, zi­tiert der Au­tor aus ei­ner Analyse in „Zeit on­li­ne“vom 14.3.2016 (S. 75). Für Ma­ri­ne Le Pen vo­tier­ten ne­ben den „Ab­ge­häng­ten“aus struk­tur­schwa­chen Ge­bie­ten auch die um ih­re Zu­kunft be­sorg­ten Klein­bür­ger von der Co­te d’azur oder in der Cham­pa­gne (S. 76).

Be­mer­kens­wert: Sü­d­eu­ro­pä­er ha­ben – trotz exis­ten­zi­el­ler Not – „den Men­schen im Nor­den der EU ei­nes vor­aus: sie füh­len sich kul­tu­rell deut­lich we­ni­ger be­droht“(S. 84). Rechts­po­pu­lis­mus schließt aus („Wir – und nur wir – sind das Volk“), Link­s­po­pu­lis­mus schließt ein (die „99%“der Oc­cu­py Wall Street Be­we­gung). Bei­de An­schau­un­gen ziel­ten, so Lac­zyn­ski, auf „die Ab­schaf­fung der Po­li­tik“. „Denn al­le po­li­ti­schen Pro­zes­se ge­hen von der Gr­und­an­nah­me aus, dass es un­ter­schied­li­che le­gi­ti­me In­ter­es­sen gibt, die es zu mo­de­rie­ren und mit­ein­an­der kom­pa­ti­bel zu ma­chen gilt. In ei­ner Welt, in der ein ima­gi­nier­tes ‚Volk‘ im­mer recht hat, gibt es kei­nen Be­darf an Aus­ein­an­der­set­zung mit an­de­ren Po­si­tio­nen“. (S. 23). Wenn aber so­gar In­vest­ment­ban­ker von Mor­gan St­an­ley ih­re Kun­den war­nen, dass „an­hal­tend ho­he Un­gleich­heit … die po­li­ti­schen Ent­schei­dungs­pro­zes­se de­sta­bi­li­sie­re“und „da­mit ih­re Ge­schäfts­mo­del­le ge­fähr­de” und die OECD be­rech­net, dass die Volks­wirt­schaf­ten von 1990 bis 2010 um ins­ge­samt 4,7% stär­ker ge­wach­sen wä­ren, hät­te sich das Ver­hält­nis zwi­schen Reich und Arm in die­sem Zei­t­raum nicht zu Un­guns­ten der Ar­men ver­scho­ben (S. 135), dann er­scheint dem Re­zen­sen­ten die Gleich­set­zung (der For­de­run­gen) von Links- mit Rechts­po­pu­lis­mus frag­wür­dig.

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