Ge­mein­we­sen­ar­beit und Mi­gra­ti­on

ProZukunft - - Gesellschaft | Navigator -

Ge­mein­we­sen­ar­beit (GWA) hat ei­ne lan­ge Tra­di­ti­on und be­deu­tet für Ak­teu­re und Ak­teu­rin­nen ge­sell­schaft­li­che Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men, das Le­bens­um­feld mit­zu­ge­stal­ten und zu par­ti­zi­pie­ren. Das An­stei­gen der Mi­gra­ti­on der letz­ten Jah­re hat die GWA ver­än­dert, vor al­lem po­si­tiv, denn es ent­stan­den vie­le neue Kon­zep­te und vor al­lem krea­ti­ve Ant­wor­ten. Wie Mi­gra­ti­on die GWA in Zu­kunft wei­ter­hin ver­än­dern wird, wo die Her­aus­for­de­run­gen, Mög­lich­kei­ten und Gren­zen in der Ar­beit in Stadt­tei­len und Wohn­quar­tie­ren lie­gen und wie kon­zep­tu­ell und me­tho­disch dar­auf ge­ant­wor­tet wer­den kann, wa­ren die The­men ei­nes Tref­fens von Ak­teu­rin­nen der Ge­mein­we­sen­ar­beit aus Pra­xis und Leh­re im Ju­ni 2016. In Fol­ge ist die­se Pu­bli­ka­ti­on ent­stan­den, die der Tra­di­ti­on der „Jahr­bü­cher Ge­mein­we­sen­ar­beit“folgt. Die Her­aus­ge­be­rin­nen möch­ten die­se Tra­di­ti­on wei­ter­füh­ren und die Dis­kus­si­on rund um das The­ma Ge­mein­we­sen­ar­beit för­dern. Die­ses Buch, her­aus­ge­ge­ben von der So­zi­al- und Wirt­schafts­wis­sen­schaft­le­rin und Ex­per­tin für par­ti­zi­pa­ti­ve Pro­zes­se Mi­le­na Rie­de und dem So­zi­al­wis­sen­schaft­ler und Quar­tiers­ma­na­ger Micha­el Noack, hält was es ver­spricht: zum ei­nen bie­tet es theo­re­tisch-kon­zep­tio­nel­le Grund­la­gen für ei­ne kri­ti­sche Re­fle­xi­on von Ge­mein­we­sen­ar­beit im Zu­sam­men­hang mit Mi­gra­ti­on, zum an­de­ren wer­den Bei­spie­le aus dem All­tag der Ge­mein­we­sen­ar­beit mit Ge­flüch­te­ten dar­ge­stellt.

Wie kann ei­ne ge­lun­ge­ne Will­kom­mens­kul­tur ge­lebt wer­den und wie kön­nen ge­flüch­te­te Men­schen in das Ge­mein­de­le­ben in­te­griert wer­den? Wo fin­den wir neue Mög­lich­kei­ten der In­klu­si­on und wo lie­gen die Gren­zen? Das Buch be­schreibt das Ge­lin­gen, aber eben­so auch das Schei­tern in der GWA, man er­fährt wie Ge­mein­we­sen­ar­bei­te­rin­nen die Zu­kunft in ei­ner Zu­kunfts­werk­statt pla­nen, und es bie­tet ar­gu­men­ta­ti­ve An­re­gun­gen im Um­gang mit ex­tre­mis­ti­schen Po­si­tio­nen und Res­sen­ti­ments.

Vor al­lem wer­den sehr an­spre­chen­de Bei­spie­le ge­lun­ge­ner In­te­gra­ti­on ge­schil­dert: von in­ter­na­tio­na­len „Nor­dic Tal­king“-run­den in Düs­tern­ort bis hin zum

Neu­bau ei­ner ge­mein­sa­men Fahr­rad­werk­statt für Ge­flüch­te­te, die un­frei­wil­lig über sehr viel Frei­zeit ver­fü­gen und die­se sinn­voll nüt­zen möch­ten. Ju­gend­par­ti­zi­pa­ti­on und Mi­gra­ti­ons­ar­beit ver­ein­te das Pro­jekt „Graf­fi­ti Krey­en­brück – Bunt statt Grau“, bei dem der Stadt­teil­treff ge­mein­sam mit Schü­lern und Schü­le­rin­nen den Stadt­teil ver­schö­nert ha­ben. Al­le Pra­xis­bei­spie­le sind gut be­schrie­ben und Kon­takt­da­ten der Pro­jekt­lei­ter eben­so zu fin­den.

Das Kon­zept der Ge­mein­we­sen­ar­beit ha­be vor al­lem die Ver­bes­se­rung von Le­bens­be­din­gun­gen und die Stär­kung der Ei­gen­ver­ant­wor­tung Be­trof­fe­ner in so­zia­len Räu­men zum Ziel, so die Her­aus­ge­be­rin­nen. Um das Ge­lin­gen si­cher­zu­stel­len soll­ten die Zie­le lang­fris­tig an­ge­legt sein, da es sich meist um kom­ple­xe Sys­te­me han­delt, die ver­än­dert und ge­stal­tet wer­den wol­len. Ge­mein­we­sen­ar­beit sei mehr als rei­nes zi­vil­ge­sell­schaft­li­ches und eh­ren­amt­li­ches En­ga­ge­ment, sie ist vor al­lem pro­fes­sio­nel­le So­zi­al­ar­beit.

Der Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen Pro­fes­sio­nis­ten, Be­trof­fe­nen und eh­ren­amt­lich Tä­ti­gen und ziel­grup­pen­ori­en­tier­ter Be­darfs­ana­ly­se sei be­son­de­res Au­gen­merk zu schen­ken um die lang­fris­ti­ge Per­spek­ti­ve nicht aus den Au­gen zu ver­lie­ren. Die Ge­mein­we­sen­ar­beit un­ter­liegt na­tür­lich auch ge­wis­sen Qua­li­täts­stan­dards, die re­gel­mä­ßig über­prüft und ak­tua­li­siert wer­den müs­sen. Mar­kus Kiss­ling, Re­fe­rent für So­zia­le Stadt­ent­wick­lung und Ge­mein­we­sen­ar­beit in Nie­der­sach­sen, hat für die­se Pu­bli­ka­ti­on ei­ne Ar­beits­hil­fe für Ge­mein­we­sen­ar­bei­te­rin­nen vor­ge­legt und stellt ei­ne Art Check­lis­te für Ge­mein­we­sen­ar­beit dar. Fol­gen­de Qua­li­täts­kri­te­ri­en ge­lin­gen­der Ge­mein­we­sen­ar­beit wer­den hier ge­nannt: (1) Be­woh­ne­rin­nen ste­hen im Zen­trum, (2) Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on ist mög­lich (3) Stär­ken vor Ort nüt­zen (4) Ziel­grup­pen­über­grei­fen­des Den­ken und Han­deln (5) Res­sort­über­grei­fen­des Den­ken und Han­deln (6) Star­ke Netz­wer­ke und Ko­ope­ra­tio­nen (7) Zu­sam­men­le­ben ge­stal­ten – Nach­bar­schaft för­dern (8) In­fra­struk­tur för­dern (9) Ge­samt­kom­mu­na­les Den­ken und Han­deln.

Ein sehr emp­feh­lens­wer­tes Buch für En­ga­gier­te, In­ter­es­sier­te und pro­fes­sio­nel­le Pro­zess­be­glei­te­rin­nen und So­zi­al­ar­bei­te­rin­nen. D. B. Ge­mein­we­sen­ar­beit

66 Ge­mein­we­sen­ar­beit und Mi­gra­ti­on. Ak­tu­el­le Her­aus­for­de­run­gen in Nach­bar­schaft und Quar­tier. Hrsg. v. Mi­le­na Rie­de und Micha­el Noack. Bonn: Stif­tung Mit­ar­beit, 2017. 105. S. (mit­ar­bei­ten.skript 11), € 8,- [D/A] ; ISBN 978-3-941143-33-3 www.par­ti­zi­pa­ti­on.at

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.