Un­ter­wegs in die ver­dum­men­de Me­di­en­dik­ta­tur?

ProZukunft - - Vorderseite - al­f­red.au­er@jungk-bi­b­lio­thek.org

Die neu­en Me­di­en sind in al­ler Mun­de. Da­bei wird im­mer wie­der von ei­ner „Di­gi­ta­li­sie­rungs­of­fen­si­ve“ge­spro­chen. Da­mit aber ist meist nur der tech­ni­sche Aspekt der di­gi­ta­len Trans­for­ma­ti­on ge­meint, wird doch vor al­lem der Aus­bau des Breit­band­net­zes ge­for­dert. Erst an zwei­ter Stel­le geht es um die Ein­hal­tung da­ten­schutz­recht­li­cher Stan­dards und um den Schutz der Pri­vat­sphä­re. Noch weiß man frei­lich nicht, wel­che Ve­rän­de­run­gen die di­gi­ta­le Re­vo­lu­ti­on mit sich brin­gen wird. Mit den tech­no­lo­gi­schen In­no­va­tio­nen ge­hen – so viel ist klar – mas­si­ve ge­sell­schaft­li­che Um­brü­che, et­wa auf dem Ar­beits­markt ein­her, wie im Ka­pi­tel „Ar­beit im Wan­del“dar­ge­legt wird. Ha­rald Wel­zer hat in die­sem Zu­sam­men­hang gar von Ent­wick­lun­gen hin zu ei­ner „smar­ten Dik­ta­tur“durch die gro­ßen In­ter­net­kon­zer­ne ge­warnt.1)

Es stellt sich die Fra­ge, ob uns über­haupt noch Op­tio­nen für be­wuss­tes Zu­kunfts­han­deln blei­ben, oder ob wir der Über­wa­chung, dem Aus­spio­nie­ren, dem En­de der An­ony­mi­tät und der Ma­ni­pu­la­ti­on hilf­los aus­ge­setzt sind? Längst grei­fen Al­go­rith­men in un­ser Le­ben ein: Sie be- rech­nen un­se­re Kre­dit­wür­dig­keit oder be­stim­men un­se­re Eig­nung für ei­nen Job. Als Teil un­se­rer kom­mu­ni­ka­ti­ven Mi­se­re sind die­se Al­go­rith­men, die uns auf nicht ge­klär­te Wei­se auch den Br­ex­it, Do­nald Trump und Fa­ke-news ge­bracht ha­ben, ins Ge­re­de ge­kom­men. Die Ma­the­ma­ti­ke­rin, Hed­ge­fonds-ma­na­ge­rin und Ak­ti­vis­tin bei Oc­cu­py Wall Street, Ca­thy O’neil, be­dient in ih­rem ak­tu­el­len Best­sel­ler „An­griff der Al­go­rith­men“2), ge­nau die­ses Un­be­ha­gen mit ei­ner neu­en, von Re­chen­mo­del­len kon­trol­lier­ten Welt. „Ein Al­go­rith­mus ver­ar­bei­tet ei­nen Hau­fen Da­ten und er­rech­net dar­aus ei­ne Wahr­schein­lich­keit, dass ei­ne be­stimm­te Person ein schlech­ter Mit­ar­bei­ter, ein Kre­dit­ri­si­ko, ein Ter­ro­rist oder ei­ne mi­se­ra­ble Leh­re­rin sein könn­te. Aus die­ser Wahr­schein­lich­keit wird ein Sco­re de­stil­liert, der das Le­ben ei­nes Men­schen auf den Kopf stel­len kann“(S. 21), so die Au­to­rin. O’neil hat für die fins­te­re Sei­te von Big Da­ta den Be­griff „We­a­pons of Math De­struc­tion“(WMDS) ge­prägt und spricht sich nicht nur ent­schie­den ge­gen die­se WMDS aus, son­dern pran­gert auch die durch die­se ver­ur­sach­ten und auf­recht­er­hal­te­nen Schä­den und Un­ge­rech­tig­kei­ten an. Sie be­schreibt dras­ti­sche Bei­spie­le, et­wa das im­ma­te­ri­el­le Wett­rüs­ten mit­tels ma­the­ma­ti­scher Mo­del­le. Geht es Ca­thy O’neil um den Um­gang mit Da­ten, hat sich Ro­bert Mi­sik über die „Macht der Dumm­heit“Ge­dan­ken ge­macht. In sei­nem Es­say „Der Auf­stand der Dumm­heit und wie wir ihn stop­pen“3), schreibt er über Schwarm-dumm­heit, Do­nald

Trump, un­wis­sen­de Mei­nungs­bil­dung und in­tel­lek­tu­el­le Ar­ro­ganz, über der Dumm­heit ge­schul­de­te An­fäl­lig­kei­ten, me­dia­le Blöd­ma­schi­nen und wirk­lich­keits­schaf­fen­de Be­richt­er­stat­tung. Er gibt zu be­den­ken, dass „im­mer mehr Men­schen be­reit sind, je­den Un­sinn zu glau­ben“(S. 10), denn „un­se­re zeit­ge­nös­si­sche Form der Öf­fent­lich­keit ist, um das Min­des­te zu sa­gen, für die Ver­brei­tung him­mel­schrei­en­der Dumm­hei­ten nicht un­güns­tig“(S. 14). Die Hoff­nung, dass der un­be­grenz­te Zu­gang zu In­for­ma­ti­on (In­ter­net, so­zia­le Me­di­en) die Dis­kus­si­ons­kul­tur för­dern und zu mehr De­mo­kra­tie füh­ren wür­den, ha­be sich nicht be­wahr­hei­tet. „Die vor­mals ge­prie­se­ne Be­tei­li­gung der Le­ser­schaft be­steht zu ei­nem gro­ßen und im­mer grö­ßer wer­den­den Teil aus Bes­ser­wis­se­rei, Be­lei­di­gun­gen und Be­dro­hun­gen, aus Mei­nungs­mo­rast, des­sen ein­zi­ge Blü­ten die Stil­blü­ten sind.“(S. 15) Ge­för­dert wür­de, so Mi­sik, ein­zig und al­lein die Laut­stär­ke der Dum­men, die al­les über­tönt. Auch die Wahl von Do­nald Trump zum Us-prä­si­den­ten ist in die­sem Kon­text re­le­vant. Ge­org Seeß­len hat in sei­nem Bei­trag zu Trump (sie­he Re­zen­si­on Nr. 50 ) ge­meint, was wir Eu­ro­pä­er nicht ver­stün­den, sei, dass die­ser seit Jah­ren ein Selbst­bild der Sim­pli­zi­tät kre­iert und sich so zu ei­ner po­pu­lä­ren Fi­gur ge­macht ha­be. So­mit äh­nelt er ei­ner der klas­si­schen Hol­ly­wood-fi­gu­ren des sim­plen Man­nes, der nach Wa­shing­ton geht, um mit den kor­rup­ten Eli­ten auf­zu­räu­men, oder auch der Co­mic-kult­fi­gur Do­nald Duck, der et­was be­schränk­ten, tol­pat­schi­gen En­te. „Ge­ra­de das, was uns als schrei­end dumm er­scheint, macht wo­mög­lich die At­trak­ti­vi­tät von Trump aus. Kurz und über­spitzt ge­sagt: Sie ha­ben ihn al­so nicht ge­wählt, ob­wohl er dumm ist, – son­dern weil er ‚dumm‘ ist.“(zit. nach Mi­sik S. 56f.) Um das Feld nicht nur der Dumm­heit zu über­las­sen, emp­fiehlt Mi­sik schließ­lich zehn Punk­te zu be­ach­ten, die ei­nen „Auf­stand der Ver­nunft“ein­lei­ten könn­ten. Im­mer­hin: Ei­ne Use­rin­nen-be­we­gung zur Neu­ge­stal­tung des di­gi­ta­len Raums hat kürz­lich Gre­en­peace mit der Initia­ti­ve „Net­peace“4) ge­star­tet. Net­peace will für Frie­den und De­mo­kra­tie im In­ter­net wer­ben. Da gibt es viel zu tun.

Ne­ben den an­ge­spro­che­nen The­men geht es in die­ser Aus­ga­be um wei­te­re Dia­gno­sen zur Ge­gen­wart, u. a. zur Fe­mi­nis­mus-de­bat­te. Die Ent­wick­lung der Un­gleich­heit und was man da­ge­gen tun kann fin­det eben­so Platz wie ein Bei­trag zur De­mo­kra­ti­e­theo­rie der Re­vol­te und ei­ne Kri­tik an au­to­ri­tä­ren Ten­den­zen. Ein Blick auf die Rol­le der Zu­kunfts­for­schung im All­ge­mei­nen und in Finn­land im Be­son­de­ren run­det die­se Aus­ga­be ab.

Ei­ne er­kennt­nis­rei­che und kurz­wei­li­ge Lek­tü­re wünscht wie im­mer, auch im Na­men des Jbz-teams,

Ihr

1) sie­he PZ 4/2016 100

2) aus­führ­li­che Be­spre­chung sie­he Nr. 40

3) 39 Mi­sik, Ro­bert: Der Auf­stand der Dumm­heit und wie wir ihn stop­pen. Wi­en: edi­ti­on a, 2017. 111 S., € 16,95 [D/A] ; ISBN978-3-99001-219-2

4) https://www.net­peace.eu

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