Di­gi­ta­le Er­schöp­fung

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Nicht nur in Wahl­kampf­zei­ten ist die Di­gi­ta­li­sie­rung al­ler Le­bens­be­rei­che ein ger­ne be­müh­tes The­ma. An­ge­fan­gen von Platt­for­men wie Face­book und Goog­le über Mög­lich­kei­ten de­zen­tra­ler, fle­xi­bler Zu­sam­men­ar­beit (Ar­beit 4.0) bis hin zur Fra­ge, was uns im Hin­blick auf die Di­gi­ta­li­sie­rung in Zu­kunft be­vor­steht, las­sen sich Ten­den­zen skiz­zie­ren. Bis­her be­scher­te uns die­se Ent­wick­lung u. a. die stän­di­ge Er­reich­bar­keit (auch im Ur­laub) und das Ar­bei­ten dann, wenn wir am Pro­duk­tivs­ten sind. Tat­säch­lich aber sind vie­le Men­schen durch die di­gi­ta­le Le­bens­ver­dich­tung stär­ker be­las­tet als je zu­vor. Die­se Er­schöp­fung, von der hier die Re­de ist, ist ei­ne dop­pel­te: „Ge­meint ist so­wohl die kon­kre­te, in­di­vi­du­el­le Er­schöp­fung, die das Al­way­son des Di­gi­ta­len in uns Men­schen aus­löst. Aber eben­so die abs­trak­te, be­griff­li­che ei­nes sich er­schöp­fen­den Heils­ver­spre­chens.“(S. 27)

Mar­kus Al­bers, Au­tor, Be­ra­ter und Un­ter­neh­mer in Ber­lin, stellt die Fra­ge, „ob wir mit der Art und Wei­se, wie wir mit un­se­rer ent­fes­sel­ten, di­gi­ta­li­sier­ten, ver­flüs­sig­ten und in je­de Rit­ze un­se­rer Exis­tenz ein­drin­gen­den Ar­beits­welt rich­tig um­ge­hen?“(S. 14) Er sieht sich da­bei sel­ber als Be­trof­fe­ner, ge­fan­gen in der di­gi­ta­len Fal­le und star­te­te wäh­rend der Ar­bei­ten an die­sem Buch den Ver­such, sich da­ge­gen zu weh­ren. Er ex­pe­ri­men­tier­te z. B. mit ein­fa­chen Din­gen wie „Nicht­er­reich­bar­keit“oder „Not-to-do-lis­ten“. Am En­de wer­den wir ei­nen Blick dar­auf wer­fen, wie es ihm er­gan­gen ist. Zu­nächst aber wid­men wir uns den Schat­ten­sei­ten der di­gi­ta­len Ar­beits­welt. Ei­ni­ge Zah­len mö­gen sie ver­deut­li­chen. Laut dem Di­gi­tal Work Re­port 2016 des Un­ter­neh­mens Wri­ke ist fast je­der zwei­te Deut­sche vom Mul­ti­tas­king über­for­dert (47 Pro­zent). 40 Pro­zent der Be­frag­ten kla­gen über zu vie­le Emails, 35 Pro­zent über zu vie­le in­ef­fi­zi­en­te Mee­tings. Auf die Fra­ge, ob die Ar­beits­be­las­tung im Ver­gleich zum Vor­jahr zu­ge­nom­men hät­te, ant­wor­te­te ein Vier­tel der Be­frag­ten, dass sie „si­gni­fi­kant zu­ge­nom­men ha­be, für 47 Pro­zent ist sie im­mer­hin leicht an­ge­stie­gen“(vgl. S. 24). Die Prä­si­den­tin des Bun­des­ar­beits­ge­richts sagt da­zu, dass die Ver­su­chung zur Selbst­aus­beu­tung rie­sig sei und es gä­be mensch­li­che Grund­be­dürf­nis­se, die bei al­ler Di­gi­ta­li­sie­rung mit be­ach­tet wer­den müss­ten (S. 25). Das Ge­fühl, nie ab­schal­ten zu kön­nen, nie im Jetzt zu sein, ha­ben in­zwi­schen vie­le Men­schen. Laut ei­ner Stu­die füh­len sich neun von zehn Bun­des­bür­gern im Job ge­stresst, 38 Pro­zent macht der stän­di­ge Ter­min­druck zu schaf­fen und 36 Pro­zent kla­gen über emo­tio­na­len Stress. „Mehr als zwei Drit­tel der Be­frag­ten kla­gen über Ver­span­nun­gen im Na­cken. 63 Pro­zent lei­den eben­falls un­ter Rü­cken­schmer­zen.“(S. 79) Kein Wun­der al­so, dass die Kran­ken­kas­sen Alarm schla­gen. „Über 50 Pro­zent al­ler von ih­nen Be­frag­ten ha­ben re­gel­mä­ßig Schlaf­pro­ble­me, 13 Pro­zent so­gar je­de Nacht. Die Zahl der Fäl­le von psy­chi­schen Er­kran­kun­gen, die wohl auf Stress zu­rück­zu­füh­ren sind, stieg seit 1994 um 120 Pro­zent. Durch psy­chi­sche Er­kran­kun­gen ver­ur­sach­te Fehl­zei­ten er­höh­ten sich in den letz­ten zehn Jah­ren um 40 Pro­zent.“(S. 29)

Wie aber schau­en nun kon­kre­te We­ge ge­gen die di­gi­ta­len Er­schöp­fung aus? Ein Blick auf das ein­gangs an­ge­spro­che­ne Ex­pe­ri­ment des Au­tors kann ers­te Hin­wei­se ge­ben. Ihm ist es letzt­lich mit viel Mü­he und Schritt für Schritt ge­lun­gen, sich aus dem di­gi­ta­len Wür­ge­griff zu be­frei­en. Das Han­dy blieb öf­ter in der Schub­la­de, der Lap­top zu­ge­klappt und der Au­tor ver­sucht da­mit auf­zu­hö­ren, meh­re­re Din­ge gleich­zei­tig zu tun. Sei­nen An­ga­ben zu­fol­ge wirk­te auch be­ru­hi­gend, Din­ge ein­fach lang­sa­mer an­zu­ge­hen und auch ein­mal Nein zu sa­gen. Al­bers Fa­zit: Wir kön­nen es trotz der un­um­kehr­ba­ren Di­gi­ta­li­sie­rung der Ar­beits­welt schaf­fen, In­seln der Au­to­no­mie, der In­tro­spek­ti­on und des un­ver­stell­ten mensch­li­chen Mit­ein­an­ders zu­rück­zu­er­obern. Wir, das ist je­der von uns (und auch die Ar­beit­ge­ber), müs­sen es ein­fach tun. Di­gi­ta­li­sie­rung: Ge­sund­heit

Al­bers, Mar­kus: Di­gi­ta­le Er­schöp­fung. Wie wir die Kon­trol­le über un­ser Le­ben wie­der­ge­win­nen. Mün­chen: Han­ser-verl., 2017. 256 S., € 22,- [D], 22,70 [A] ; ISBN 978-3-446-25662-0

„Die größ­te Am­bi­va­lenz der Di­gi­ta­len Er­schöp­fung liegt für mich in der Fra­ge, ob die Tech­no­lo­gie aus­schließ­lich Teil des Pro­blems ist oder auch Teil der Lö­sung sein kann.“(Mar­kus Al­bers in 41 , S. 258) „Das Neue Ar­bei­ten soll­te – egal, wie man es nun...

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