Die Wi­der­ge­win­nung des Wirk­li­chen

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„In ei­ner Kul­tur, in der es von Tech­no­lo­gi­en wim­melt, die da­zu die­nen, un­se­re Auf­merk­sam­keit zu fes­seln, wird un­ser geis­ti­ges Le­ben in ei­ne leicht zu­gäng­li­che Res­sour­ce ver­wan­delt, die von an­de­ren aus­ge­beu­tet wer­den kann“(S. 359), ist der pro­mo­vier­te Phi­lo­soph und ge­lern­te Mo­tor­rad­me­cha­ni­ker Mat­t­hew B. Cra­w­ford über­zeugt. Die An­de­ren, das sind Face­book, Goog­le oder wie die In­ter­net­kon­zer­ne al­le hei­ßen, die uns ma­ni­pu­lie­ren und an un­se­rer Auf­merk­sam­keit zer­ren. Der Au­tor möch­te aber, dass wir Auf­merk­sam­keit vor al­lem auf ei­ne Fer­tig­keit rich­ten. „Um der Frei­heit ei­ne Form der Selbst­bin­dung zu ge­ben, da­mit wir der Welt han­delnd be­geg­nen kön­nen. Ich hal­te das für den wirk­sams­ten Wi­der­stand ge­gen die neo­li­be­ra­le Auf­lö­sung al­ler Gren­zen. Heu­te sind wir Auf­klä­rer, wenn wir uns durch er­lern­te Fer­tig­kei­ten in der Welt ver­an­kern.“(Interview von Eli­sa­beth von Th­ad­den in www.zeit.de/zeit- wis­sen/2016/04/phi­lo­so­phie-sinn-des-le­bens­mat­t­hew-cra­w­ford). Das Hand­werk als Mög­lich­keit der Be­frei­ung war auch The­ma in sei­nem vor Jah­ren ge­schrie­be­nen Best­sel­ler „Ich schrau­be, al­so bin ich. Vom Glück, et­was mit den ei­ge­nen Hän­den zu schaf­fen“(Ull­stein, 2010). Auch in sei­nem neu­en Buch preist Cra­w­ford das Hand­werk in Kom­bi­na­ti­on mit der Phi­lo­so­phie als Kö­nigs­weg zur Wie­der­ge­win­nung des Wirk­li­chen.

Aber ist nicht das An­sin­nen, Macht über die Pro­duk­te un­se­res Han­delns im Zeit­al­ter di­gi­ta­li­sier­ter Tech­no­lo­gi­en zu­rück­ge­win­nen zu wol­len, ein from­mer, aber un­rea­lis­ti­scher Wunsch? Mehr den je sind wir in­ten­si­ven und dau­er­haf­ten Au­ßen­rei­zen aus­ge­setzt, de­nen wir uns nicht ent­zie­hen kön­nen. Wir eig­nen uns die Welt kaum noch ak­tiv an, statt­des­sen wird sie uns aus zwei­ter Hand auf­ge­drängt - über die Ver­mitt­lung der Me­di­en und nach den Vor­ga­ben der Wirt­schaft. Wir be­geg­nen „der Welt tat­säch­lich im­mer öf­ter durch Re­prä­sen­ta­tio­nen“(S. 10), so Cra­w­ford. Wie kön­nen wir un­ter sol­chen Be­din­gun­gen ei­ne au­to­no­me In­di­vi­dua­li­tät ent­wi­ckeln?

Der Au­tor for­dert, dass wir uns wie­der fo­kus­sie­ren. Es ge­he dar­um, ein Bild un­se­rer Be­geg­nung mit den Din­gen und mit an­de­ren Men­schen zu ent­wer­fen, das der Wirk­lich­keit eher ge­recht wird. An­hand

von Bei­spie­len will der Au­tor un­se­re Auf­merk­sam­keit wie­der schu­len. „Ei­ne Ethik der Auf­merk­sam­keit müss­te da­mit be­gin­nen, die Qua­li­tät un­se­rer per­sön­li­chen Er­fah­rung in der ko­gni­ti­ven Um­welt der Ge­gen­wart ernst­zu­neh­men und zu ver­ste­hen zu ver­su­chen …“(S. 20)

Cra­w­ford ent­wi­ckelt sei­ne Sicht­wei­se in drei Ab­schnit­ten: zu­nächst geht es um die Din­ge, dann um die Men­schen und schließ­lich um das „Er­be“. Im ers­ten Schritt sind die Prot­ago­nis­ten ein Koch und ein Eis­ho­ckey­spie­ler. Der Koch ord­net Din­ge, um sich von ih­nen lei­ten zu las­sen, der Eis­ho­ckey­spie­ler emp­fin­det sei­nen Schlä­ger wie ei­nen Kör­per­teil. In bei­den er­wächst das ICH durch die „auf­merk­sa­me Aus­ein­an­der­set­zung mit wirk­li­chen Ob­jek­ten und an­de­ren Men­schen“(S. 10). Da­mit ist auch be­reits der zwei­te Schritt an­ge­spro­chen. Es geht nicht oh­ne den/die An­de­ren. Mo­dell­haft führt uns der Au­tor die Lehr-kul­tur in ei­ner Glas­blä­ser­werk­statt vor, und das Mit­ein­an­der von Mu­si­kern. In An­leh­nung an He­gel stellt Cra­w­ford die The­se auf, „dass wir durch die Be­geg­nung mit an­de­ren Men­schen in Kon­flikt und Ko­ope­ra­ti­on ein schär­fe­res Bild von der Welt und von uns selbst ge­win­nen und be­gin­nen kön­nen, ei­ne un­ab­hän­gi­ge Ur­teils­kraft zu er­wer­ben“(S. 363). Im drit­ten Schritt geht es um das Er­be, al­so um Tra­di­ti­on. In die­sem Ab­schnitt schil­dert der Au­tor mi­nu­ti­ös die Ar­beits- und Denk­wei­se ei­ner Or­gel­bau­er­werk­statt in Vir­gi­nia. Er zeigt sich über­zeugt, dass „das Ge­spräch mit der Tra­di­ti­on ei­ne Art von Ra­tio­na­li­tät, ei­ne Denk­wei­se (ist), die uns da­bei hilft, der Wahr­heit der Din­ge auf den Grund zu ge­hen.“(S. 352) Je­den­falls müs­sen wir uns durch kon­kre­te Tä­tig­kei­ten ei­nen di­rek­ten Zu­gang zur Wirk­lich­keit er­schlie­ßen, ist Cra­w­ford über­zeugt. Nur so wür­de es uns ge­lin­gen, zu ei­nem au­then­ti­schen In­di­vi­du­um zu wer­den, das sich nicht nur durch äu­ße­re Ein­flüs­se de­fi­niert, son­dern sich durch ei­ge­nes Tun in der Welt be­haup­tet. In­di­vi­dua­li­tät 44 Cra­w­ford, Mat­t­hew B.: Die Wie­der­ge­win­nung des Wirk­li­chen. Ei­ne Phi­lo­so­phie des Ichs im Zeit­al­ter der Zer­streu­ung. Ber­lin: Ull­stein-bu­cher­verl., 2016. 429 S., € 24,- [D], 24,70 [A] ;

ISBN 978-3-550-08119-4 „Wir be­ob­ach­ten die­se Welt nicht bloß, son­dern wir han­deln in ihr. Und das be­deu­tet, dass wir, wenn wir neue Fä­hig­kei­ten er­wer­ben, ein neu­es Ver­ständ­nis der Welt ent­wi­ckeln.“(Mat­t­hew B. Cra­w­ford in 44 , S. 362)

„Ge­konn­te, weil über lan­ge Zeit hin­weg ge­üb­te Prak­ti­ken hel­fen dem Men­schen, sich in der Welt au­ßer­halb sei­nes Kop­fes zu ver­an­kern.“ (Mat­t­hew B. Cra­w­ford in 44 , S. 11)

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