Zu­gang zu Ar­beit muss sich än­dern

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Meh­re­re Bei­trä­ge tan­gie­ren – was na­he­liegt – auch den Be­reich ei­ner zu­künf­ti­gen Ar­beits­welt. Im tech­ni­schen Fort­schritt mit sei­ner Kos­ten­dy­na­mik (Ka­pi­tal­in­ten­si­tät, Ar­beits­kos­ten) so­wie „tech­no­lo­gi­scher Ar­beits­lo­sig­keit“ver­or­ten Oliver Rich­ter und Andre­as Sie­mo­n­eit die Haupt­ur­sa­che für das „grow or die“des Ka­pi­ta­lis­mus so­wie für staat­li­che Wachs­tums­po­li­tik. In der „De­cke­lung von Res­sour­cen­ver­brauch und von Ver­mö­gen“(S. 169) se­hen die bei­den die zen­tra­len, in ih­ren Au­gen völ­lig markt­wirt­schafts­kon­for­men Po­li­tik­maß­nah­men, um de­struk­ti­ven Zwän­gen ent­ge­gen­zu­wir­ken. Stef­fen Lie­big und Kol­le­gen un­ter­schei­den in ih­rem Bei­trag zwei De­bat­ten­strän­ge der Post­wachs­tums­be­we­gung: je­ne die an der „mo­der­nen Ver­fasst­heit von Ar­beit als Lohn­ar­beit“(S. 83) fest­hal­ten und de­ren Re-re­gu­lie­rung for­dern, so­wie je­ne die ei­ne Ak­zent­ver­schie­bung hin zu Tä­tig­kei­ten jen­seits der Er­werbs­ar­beit vor­schla­gen – in den Au­gen der Au­to­ren mit der Ge­fahr ei­ner „Re-tra­di­tio­na­li­sie­rung“der Ar­beit (S. 183ff.). Da neun Zehn­tel der Er­werbs­tä­ti­gen in den Län­dern des Nor­dens von Er­werbs­ar­beit ab­hän­gen, bei Um­welt­pro­ble­men auf­grund un­ter­schied­li­cher Be­trof­fen­hei­ten kein „Wir“ge­ge­ben sei und al­ter­na­ti­ve Vor­stel­lun­gen von „Mi­kro-pro­duk­ti­ons­wei­sen“wie So­li­da­ri­sche Land­wirt­schaft oder Re­pair­ca­fes ein „Ska­lie­rungs­pro­blem“(S. 187) auf­wei­sen, al­so auf Ni­schen be­schränkt blei­ben wür­den, se­hen die Au­to­ren nur in struk­tu­rel­len Maß­nah­men Chan­cen auf Ve­rän­de­rung in Rich­tung Post­wachs­tum. Da­bei nen­nen sie v. a. all­ge­mei­ne Ar­beits­zeit­ver­kür­zun­gen, wie sie et­wa die Initia­ti­ve „Ar­beit fair­tei­len“for­dert (im Bei­trag bei vol­lem

Lohn­aus­gleich nur für die un­te­ren und mitt­le­ren Ein­kom­men), Kon­zep­te des „Le­bens­pha­sen­an­sat­zes“tem­po­rä­rer Ar­beits­zeit­ver­kür­zun­gen et­wa in der Fa­mi­li­en­pha­se (S. 189), ei­ne „Po­li­tik der Ent­p­re­ka­ri­sie­rung“so­wie Maß­nah­men für den „ge­ziel­ten sek­to­ra­len Wan­del“hin zu Di­enst­leis­tun­gen (S. 190).

Eva Lang und The­re­sia Win­ter­gerst wie­der­um ge­hen vom An­satz ei­ner „Kom­ple­men­tä­r­öko­no­mie“(S. 269) aus, be­ste­hend aus Haus­halts­wirt­schaft, ge­winn­ori­en­tier­ter Markt­wirt­schaft, Staats­wirt­schaft, So­zi­al­wirt­schaft und schließ­lich „Zi­vil­ge­sell­schafts­wirt­schaft“(um­fasst Eh­ren­amt, Tausch­krei­se u. ä.). Die Sek­to­ren wür­den ein­an­der er­gän­zen und teil­wei­se über­lap­pen, doch nur die pro­fit­ori­en­tier­te „Markt­wirt­schaft“sei wachs­tums­ge­trie­ben, die üb­ri­gen ba­sier­ten auf „be­darfs­ge­rech­ter Auf­ga­ben­er­fül­lung“(ebd.). Sor­ge­ar­beit wer­de zu­künf­tig stär­ker mo­ne­ta­ri­siert, er­for­de­re aber an­de­re Hand­lungs­lo­gi­ken, et­wa ein „mul­ti­ples Zeit­ver­ständ­nis“(S. 272), das sich al­lei­ni­gen Ef­fi­zi­enz­kri­te­ri­en ent­zie­he. Zugleich plä­die­ren die Au­to­rin­nen aber da­für, in­for­mel­le Sor­ge­tä­tig­kei­ten, Selbst­hil­fe­grup­pen oder neue For­men wie „Kran­ken- und Al­ten­pfle­ge auf Ge­gen­sei­tig­keit“zu för­dern, ge­sell­schaft­lich auf­zu­wer­ten und auch in die volks­wirt­schaft­li­chen Ge­samt­rech­nun­gen auf­zu­neh­men.

Ei­nen wei­te­ren der­zeit an Öf­fent­lich­keit ge­win­nen­den An­satz bringt schließ­lich Mit­her­aus­ge­ber Ul­rich Schacht­schnei­der ein: das be­din­gungs­lo­se Grund­ein­kom­men. Un­ter Be­zug­nah­me auf Erich Fromm plä­diert der So­zi­al­wis­sen­schaft­ler für ei­ne Über­win­dung von „Pro­duk­ti­vis­mus“und „Kon­su­mis­mus“, die in der der­zei­ti­gen Form Sack­gas­sen sei­en. Ein Grund­ein­kom­men könn­te dem ab­hel­fen und soll­te schritt­wei­se ein­ge­führt wer­den, fi­nan­ziert aus Öko­steu­ern. Schacht­schnei­der spricht da­her von ei­nem „Öko­lo­gi­schen Grund­ein­kom­men“(S. 202).

Re­sü­mee: Ein wert­vol­ler Band, der vie­le Aspek­te ei­nes Über­gangs zu Post­wachs­tums­ge­sell­schaf­ten skiz­ziert. Post­wachs­tum: Ar­beit

47 Post­wachs­tums­po­li­ti­ken. We­ge zur wachs­tums­un­ab­hän­gi­gen Ge­sell­schaft. Hrsg. v. Frank Ad­ler ... Mün­chen: oe­kom, 2017. 324 S., € 24,95 [D], 25,70 [A] ISBN 978-3-86581-823-2

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