Wirt­schaft neu denken

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Wenn es nach der An­zahl ein­schlä­gi­ger neu­er Pu­bli­ka­tio­nen gin­ge, müss­te der Wan­del hin zu ei­ner nach­hal­ti­gen Wirt­schaft kurz be­vor­ste­hen. Hans Holzin­ger ana­ly­siert, was Ti­tel wie „Wirt­schaft neu denken“, „Wirt­schaft neu er­fin­den“, „An­ders wach­sen“oder „Ra­di­ka­le Al­ter­na­ti­ven“ver­spre­chen.

Wenn es nach der An­zahl ein­schlä­gi­ger neu­er Pu­bli­ka­tio­nen gin­ge, müss­te der Wan­del hin zu ei­ner nach­hal­ti­gen Wirt­schaft kurz be­vor­ste­hen. „Wirt­schaft im Zu­kunfts­check“, „Wirt­schaft neu denken“, „Wirt­schaft neu er­fin­den“, „Wirt­schaft der Fül­le“, „An­ders wach­sen“oder „Ra­di­ka­le Al­ter­na­ti­ven“lau­ten die Ti­tel ei­ni­ger ak­tu­el­ler Bü­cher. Hans Holzin­ger ana­ly­siert, was sie ver­spre­chen.

Wirt­schaft im Zu­kunfts­check

Ralf Fücks war von 1996 – 2017 Vor­stand der Hein­rich-böll-stif­tung und als sol­cher ein ve­he­men­ter Ver­fech­ter ei­ner „Gre­en Eco­no­my“(s. PZ 2/2014) in Fort­füh­rung et­wa des An­sat­zes ei­ner öko­lo­gi­schen Mo­der­ni­sie­rung der In­dus­trie­ge­sell­schaft, wie ihn Mar­tin Ja­e­ni­cke pro­pa­gier­te. Der An­satz „grü­nen Wachs­tums“hat pro­mi­nen­te Kri­ti­ker wie Ni­ko Pa­ech (s. u.), war aber auch in der Hein­rich­böll-stif­tung nie un­um­strit­ten (s. PZ 1/2016). Im vor­lie­gen­den Band ver­sam­melt Fücks Ex­per­ten und Ex­per­tin­nen, die nach­hal­ti­ge Zu­kunfts­pfa­de in Be­rei­chen wie Mo­bi­li­tät, Woh­nen und Agrar­wirt­schaft, Che­mie­in­dus­trie und Ma­schi­nen­bau ent­wer­fen. „In ei­ner schrump­fen­den Öko­no­mie schrump­fen auch die In­ves­ti­tio­nen, die In­no­va­ti­ons­ra­te sinkt.“(S. 9) Da­mit ar­gu­men­tiert der Her­aus­ge­ber die Not­wen­dig­keit ei­ner „grü­nen in­dus­tri­el­len Re­vo­lu­ti­on“; die­se sei das „Ge­gen­teil ei­ner Post­wachs­tums-stra­te­gie“(ebd.) Die Bei­trä­ge des Ban­des zei­gen Zu­kunfts­we­ge auf, et­wa durch ei­ne an­de­re Land­wirt­schaft – Franz Theo Gott­wald plä­diert für die Ab­kehr von der Mas­sen­tier­hal­tung (Fücks Be­griff der „De-in­ten­si­vie­rung der Tier­pro­duk­ti­on“mag da­bei et­was ir­ri­tie­ren) – ei­ne „Fi­nanz­wen­de“(Ger­hard Schick) oder ei­ne an­de­re Mo­bi­li­tät. Weert Canz­ler und Andre­as Knie skiz­zie­ren ein­mal mehr den Über­gang zu ver­netz­ten Mo­bi­li­täts­sys­te­men mit E-fahr­zeu­gen als wich­ti­gen Be­stand­teil. Vie­le der Bei­trä­ge ver­wei­sen – an­ders als die eu­pho­ri­sche Ein­lei­tung von Fücks ver­mu­ten lässt – auf die Bar­rie­ren und Gren­zen nach­hal­ti­ger Trans­for­ma­ti­on, et­wa in der Che­mie­in­dus­trie. Bar­ba­ra Ze­sch­mar-lahl macht deut­lich, dass der Über­gang zur „or­ga­ni­schen Che­mie“bei den der­zei­ti­gen Erd­öl­prei­sen viel zu teu­er ist und letzt­lich auch auf Koh­len­stoff, al­so Bio­mas­se, an­ge­wie­sen sei. Von der Co2-neu­tra­len Pro­duk­ti­on von Stahl sind wir noch weit ent­fernt, führt Micha­el Welt­zin aus. Eben­so we­nig nach­hal­tig wä­re es, den heu­ti­gen Pkw-be­stand ein­fach auf Elek­tro­an­trieb um­zu­stel­len, al­lein we­gen des Li­thi­um­ver­brauchs der Ak­kus (auch wenn hier noch bes­se­re Tech­no­lo­gi­en ge­fun­den wer­den kön­nen). Dass Flug­zeu­ge künf­tig aus leich­te­ren Werk­stof­fen ge­baut und an­de­re An­trie­be er­hal­ten sol­len, löst eben­so we­nig die Pro­ble­me ei­ner räum­lich ent­grenz­ten Öko­no­mie.

Wirt­schaft: Nach­hal­tig­keit 73 Wirt­schaft im Zu­kunfts­check. So ge­lingt die grü­ne Trans­for­ma­ti­on. Hrsg. v. d. Hein­rich-böll­stif­tung. Mün­chen: oe­kom, 2017. 232 S., € 19,95 [D], 20,60 [A] ; ISBN 978-3-96006-008-6

An­ders wach­sen

Ralf Fücks setzt stark auf öko­lo­gi­sche In­no­va­tio­nen tech­no­lo­gi­scher Art. Ei­nen ganz an­de­ren Zu­gang wählt der Band „An­ders wach­sen“, der von Oi­kos Leip­zig in Ko­ope­ra­ti­on mit der Uni­ver­si­tät Leip­zig, der Hein­rich-böll-stif­tung Sach­sen und der Ro­sa Lu­xem­burg-stif­tung her­aus­ge­ge­ben wur­de.

Da­rin fin­den sich An­sät­ze von Au­to­ren und Au­to­rin­nen in kom­pak­ter Form, die die­se an­ders­wo aus­führ­li­cher dar­ge­stellt ha­ben. Et­wa das Pa­ra­dig­ma der„ Ex­ter­na­li sie rungs­ge­sellsc haft“im mo­der­nen Wohl­stands ka­pi­ta­lis­mus von Stephan L es­sen ich(s.PZ 4/2017) so­wie je­nes der„ im­pe­ria­len Le­bens­wei­se“von Mar­kus Wis­sen und Ul­rich Brand (S. PZ 4/2017), der so­zio­lo­gi­sche An­satz der„ Re­so­nanz “, den Hart­mut Ro­sa der„ Reich­wei­ten ver­grö­ße­rung“ent­ge­gen­setzt, das Ge­mein­wohl-kon­zept der „Ecom­mo­ny“von Friedri­ke Ha­ber­mann oder die „Vier-in-ei­nem-per­spek­ti­ve“der fe­mi­nis­ti­schen So­zio­lo­gin Frig­ga Haugg, die au fei­ne ra­di­ka­le Ar­beits­zeit ver­kür­zung setzt. Der „Et­hi­sche Welt­han­del“(s. PZ 4/2017) von Chris­ti­an Fel­ber als Al­ter­na­ti­ve zu Frei­han­del und Pro­tek­tio­nis­mus fin­det eben­so Platz wie die Kri­tik von Fücks Kol­le­gin Bar­ba­ra Un­mü­ßig an der „Grü­nen Öko­no­mie“; eben­so ein Plä­doy­er der Links ab­ge­ord­ne­tenKat ja Kipp ing­fü rein„ Grund ein­kom­men als De­mo­kra­tie pau­scha­le “.

Nä­her ein­ge­gan­gen sei–die Aus­ein­an­der­set­zung mit den grü­nen Tech­no-hoff­nun­gen zu­spit­zend –

„Selbst­be­gren­zung und vor al­lem Sess­haf­tig­keit bil­den ei­ne Vor­aus­set­zung für ver­ant­wort­ba­re und ge­nuss­vol­le Le­bens­kunst, die ne­ben­bei der Öko­lo­gie zu Gu­te kommt.“(Ni­ko Pa­ech in 73 , S. 217)

auf Ni­ko Pa­echs Ana­ly­se un­se­rer „in­dus­tri­el­len Fremd­ver­sor­gungs­sys­te­me“. Pa­ech ver­weist auf sys­te­mi­sche Bar­rie­ren, die er in der Kluft zwi­schen der Reich­wei­te mensch­li­cher Hand­lun­gen in Zeit und Raum und dem Wis­sen über die mög­li­chen Hand­lungs­fol­gen aus­macht. Al­les Re­den über und Hof­fen auf Kli­ma­schutz und Nach­hal­tig­keit sei ver­ge­bens, wenn die­se struk­tu­rel­len In­kom­pa­ti­bi­li­tä­ten au­ßer Acht ge­las­sen wer­den: „Die­se bes­te al­ler Wel­ten – ei­ne mo­der­ne Wohl­stands­ma­schi­ne, de­ren Kom­ple­xi­tät sich gleich­zei­tig ver­ant­wort­bar ge­stal­ten lässt – ent­puppt sich als un­er­füll­ba­res Ver­spre­chen.“(S. 201) Die chro­ni­sche Un­kennt­nis un­be­ab­sich­tig­ter Ne­ben­fol­gen füh­re zur Auf­blä­hung und Ver­schach­te­lung von Ri­si­ken, zu ei­ner „Ver­ant­wor­tungs­lü­cke“bzw. ei­nem „ethi­schen Va­ku­um“(Hans Jo­nas). Die Re­duk­ti­on ex­ter­ner Ef­fek­te sei nur mög­lich um den Preis, „das ent­grenz­te Fremd­ver­sor­gungs­sys­tem in ei­nen klein­räu­mi­ge­ren Zu­stand zu­rück­zu­ver­set­zen“(S. 215). Es ge­he da­bei um „Do­sie­rung statt Op­ti­mie­rung“(S. 216) und das Er­ken­nen von „Small is be­au­ti­ful“. Pa­ech wür­digt An­sät­ze wie die Ge­mein­woh­löko­no­mie oder Un­ter­neh­mens­ver­ant­wor­tung; sie wür­den aber nur mit ei­ner ra­di­ka­len Re­gio­na­li­sie­rung des Wirt­schaf­tens re­üs­sie­ren.

Re­sü­mee: Der Band gibt ei­nen gu­ten Ein­blick in ak­tu­el­le öko­lo­gi­sche und so­zi­al-kul­tu­rel­le Trans­for­ma­ti­ons­sze­na­ri­en jen­seits des wachs­tums­ori­en­tier­ten Kon­sum­ka­pi­ta­lis­mus – ob grün oder nicht.

Wirt­schaft: Nach­hal­tig­keit 74 An­ders wach­sen! Von der Kri­se der ka­pi­ta­lis­ti­schen Wachs­tums­ge­sell­schaft und An­sät­zen ei­ner Trans­for­ma­ti­on. Hrsg. v. Ma­xi­mi­li­an Be­cker ... Mün­chen: oe­kom, 2018. 300 S., € 19,- [D], 19,60 [A] ISBN 978-3-96238-031-1

Blin­de Fle­cken der Lehr­buch-öko­no­mie

Die Aus­rich­tung der Wirt­schafts­po­li­tik hängt we­sent­lich da­von ab, wie über Wirt­schaft öf­fent­lich ge­spro­chen wird und wel­che Theo­ri­en an den Wirt­schafts­uni­ver­si­tä­ten ge­lehrt wer­den. Main­stream-lehr­mei­nun­gen zu hin­ter­fra­gen und neue Theo­rie­an­sät­ze zu ver­mit­teln, ist die Ab­sicht und das Ver­dienst ei­nes Ban­des „Wirt­schaft neu denken“mit 20 Bei­trä­gen von Leh­ren­den an un­ter­schied­li­chen Uni­ver­si­tä­ten und Hoch­schu­len aus Deutsch­land und Ös­ter­reich.

Im No­vem­ber 2011 ver­lie­ßen Dut­zen­de Stu­die­ren­de der Ha­vard Uni­ver­si­tät die Ein­füh­rungs­vor­le­sung von N. Gre­go­ry Man­kiw aus Pro­test ge­gen die aus ih­rer Sicht po­li­tisch ge­färb­te Darstel­lung öko­no­mi­scher Zu­sam­men­hän­ge. Mit die­ser Ge­schich­te be­gin­nen die Her­aus­ge­ber Till van Treeck, Pro­fes­sor für So­zi­al­öko­no­mie an der Uni­ver­si­tät Duisburg-es­sen, und Ja­ni­na Ur­ban, wis­sen­schaft­li­che Re­fe­ren­tin im The­men­be­reich Neu­es öko­no­mi­sches Denken am For­schungs­in­sti­tut für ge­sell­schaft­li­che Wei­ter­ent­wick­lung Düs­sel­dorf, die­se Pu­bli­ka­ti­on. In den Bei­trä­gen geht es um die De­kon­struk­ti­on herr­schen­der Lehr­mei­nun­gen in Stan­dard­wer­ken der Volks- und Be­triebs­wirt­schafts­leh­re. Grund­le­gen­de Fra­gen wie das „Men­schen­bild“oder das „Ord­nungs­ver­ständ­nis“in öko­no­mi­schen Theo­ri­en wer­den eben­so the­ma­ti­siert wie De­tail­as­pek­te, et­wa die Darstel­lung von Fi­nanz­kri­sen, das Ver­hält­nis von Ef­fi­zi­enz und Ge­rech­tig­keit, die Wir­kung von Min­dest­löh­nen oder die Rol­le von Kre­dit und Geld­schöp­fung. Mi­kro­öko­no­mi­sche Theo­ri­en wie das Gleich­ge­wichts­und Op­ti­mie­rungs­kon­zept sind eben­so The­ma wie ma­kro­öko­no­mi­sche Fra­ge­stel­lun­gen des Frei­han­dels oder der Wech­sel­kur­se. Kri­ti­siert wer­den nicht nur neo­li­be­ra­le Kon­zep­te, son­dern auch – wie es im Buch heißt – dok­tri­nä­re An­sät­ze ei­nes „Bas­tard-keyne­sia­nis­mus“. Ein Bei­trag des Ös­ter­rei­chers Jo­han­nes Jä­ger wid­met sich dem „weit­ge­hen­den Ver­schwin­den Marx´scher Öko­no­mie“aus den Stan­dard­lehr­bü­chern.

Das vor­lie­gen­de Buch soll­te Stu­die­ren­den kei­nes­wegs vor­ent­hal­ten wer­den und in die ein­schlä­gi­gen In­sti­tuts­bi­blio­the­ken auf­ge­nom­men wer­den. Al­le Bei­trä­ge sind üb­ri­gens un­ter Crea­tiv-com­mons-li­zenz im In­ter­net frei nutz­bar und kön­nen auch ge­teilt wer­den. Bar­rie­ren aka­de­mi­scher Zünf­te kön­nen auch so ab­ge­baut wer­den!

Wirt­schaft: Nach­hal­tig­keit 75 Wirt­schaft neu denken. Blin­de Fle­cken der Lehr­buchöko­no­mie. Hrsg. v. Till van Treeck ... Ber­lin: irights.me­dia, 2016, 274 S., € 19,90 [D], 20,50 [A] ISBN 978-3-944362-08-3

Do­nut-öko­no­mie

Auch die bri­ti­sche Öko­no­min Ka­te Ra­worth hat sich dar­an ge­macht, die My­then der klas­si­schen Wirt­schafts­leh­re zu de­chif­frie­ren. In ih­rem so­eben auf Deutsch er­schie­ne­nen Buch „Do­nut­öko­no­mie“hin­ter­fragt sie An­nah­men wie den „ho­mo oe­co­no­mi­cus“als aus­schließ­lich ei­gen­nüt­zig han­deln­des We­sen, das Funk­tio­nie­ren des „Markt­me­cha­nis­mus“als selbst­re­gu­lie­ren­de In­stanz oder das BIP als Wohl­stands­maß. Ihr „Do­nut“-dia­gramm sym­bo­li­siert das Exis­tenz­mi­ni­mum je­des Men­schen: die so­zia­le Un­ter­gren­ze (In­nen­kreis) und die be­grenz­ten Res­sour­cen (Au­ßen­kreis). Bei­des müs­se in Ein­klang ge­bracht wer­den, die glo­ba­le Wirt­schaft in die­sem „öko­so­zia­len Kor­ri­dor“an­ge­sie­delt wer­den. Der­zeit

„Ob­wohl vie­le Lehr­buch­au­to­rin­nen be­to­nen, dass die Öko­no­mik nur be­schrei­be und nor­ma­ti­ve Ur­tei­le von der Po­li­tik zu fäl­len sei­en, äu­ßern sie sich häu­fig po­li­tisch par­tei­isch, zum Bei­spiel wenn es um The­men wie Frei­han­del, Um­ver­tei­lung oder die Aus­rich­tung der Steu­er- und Fi­nanz­po­li­tik geht.“(van Treeck ... in 75 , S. 7)

leb­ten aber noch im­mer vie­le Men­schen un­ter dem Exis­tenz­mi­ni­mum, wäh­rend an­de­re in öko­lo­gi­scher Per­spek­ti­ve weit über ih­re Ver­hält­nis­se kon­su­mie­ren.

„Es ist mir egal, wer die Ge­set­ze ei­nes Lan­des schreibt, so­lan­ge ich die Lehr­bü­cher für Wirt­schafts­wis­sen­schaft schrei­ben kann.“Mit die­sen Wor­ten zi­tiert Ra­worth Paul Sa­mu­el­son, ei­nen Ver­tre­ter der Neo­klas­sik, des­sen Wer­ke in Mil­lio­nen­auf­la­ge ver­kauft wur­den und noch im­mer als Stan­dard gel­ten. Nicht nur Ar­ro­ganz, son­dern auch ein tref­fen­des Bild der der­zei­ti­gen Rea­li­tät spie­gelt die­ser Aus­spruch. Die Kon­tra­hen­tin, ei­ne lang­jäh­ri­ge Mit­ar­bei­te­rin der NGO Ox­fam, die nun an der Ox­ford-uni­ver­si­tät lehrt, tritt an, Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten neu zu schrei­ben. Den Dia­gram­men und Mo­del­len der her­kömm­li­chen Öko­no­mie setzt sie neue Bil­der ent­ge­gen, et­wa das Ein­ge­bet­tet­sein der Öko­no­mie in die Na­tur und Ge­sell­schaft oder die Er­gän­zung des Mark­tes durch die wirt­schaft­li­chen Sphä­ren des öf­fent­li­chen Sek­tors, der Haus- und Sor­ge­wirt­schaft so­wie der All­men­den. Als „De­sign­prin­zi­pi­en“für die neue Wirt­schaft sieht Ra­worth Ver­tei­lungs­ge­rech­tig­keit und Nach­hal­tig­keit, nicht Pro­fit und Kon­kur­renz. Der Markt sei wich­tig, aber nicht al­les. Ei­ne plu­ra­le Öko­no­mie er­for­de­re et­wa an­de­re Wohl­stands­in­di­ka­to­ren, Ge­mein­wohl­bi­lan­zen für Un­ter­neh­men so­wie ei­ne an­de­re Geld­po­li­tik mit Ne­ga­tiv­zin­sen und Kom­ple­men­tär­wäh­run­gen. Un­ter­neh­men müss­ten de­mo­kra­ti­siert, Struk­tu­ren ei­ner „Open Sour­ce Cir­cu­lar Eco­no­my“ent­wi­ckelt wer­den.

Wenn es stimmt, dass Häu­fig­keits­ver­dich­tun­gen neu­er An­sät­ze ir­gend­wann zu neu­en sys­te­mi­schen Lö­sun­gen füh­ren, dann leis­tet die­ses Buch ei­nen wich­ti­gen Bei­trag da­zu. Ka­te Ra­worth ver­steht es, ihr An­lie­gen me­di­en­wirk­sam zu ver­mit­teln, wie Youtube-vi­de­os im In­ter­net zei­gen. Der Han­ser­ver­lag kün­digt die Öko­no­min gleich als „Keynes des 21. Jahr­hun­derts“an, wel­che die Wirt­schaft re­vo­lu­tio­nie­ren wer­de.

Wirt­schaft: Nach­hal­tig­keit 76 Ra­worth, Ka­te: Die Do­nut-öko­no­mie. End­lich ein Wirt­schafts­mo­dell, das den Pla­ne­ten nicht zer­stört Mün­chen: Han­ser, 2018. 480 S., € 24,- [D], 24,70 [A] ISBN 978-3-446-25845-7

De­growth in Be­we­gung(en)

Die Viel­falt an An­sät­zen und In­itia­ti­ven ei­nes post ka­pi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaf­tensv er­mit­tel­te in vom Kon­zept werk Neue Öko­no­mie in Ko­ope­ra­ti­on mit de­mDfg-kol­le­gP ost wachs­tums ge­sell­schaf­ten der Uni­ver­si­tät Leip­zig her­aus­ge­ge­be­ner Band. „32 al­ter­na­ti­ve We­ge zur so­zi­al-öko­lo­gi­schen Trans­for­ma­ti­on“– so der Un­ter­ti­tel des Bu­ches – wer­den vor­ge­stellt: sie rei­chen von der „An­ti-koh­le-be­we­gung“und der NGO „at­tac“über ei­ne „Ca­re-re­vo­lu­ti­on“so­wie die „Com­mons-be­we­gung“bis hin zu „Tran­si­ti­on-in­itia­ti­ven“und „Ur­ban Gar­de­ning“. Neue Theo­rie­an­sät­ze wie „Plu­ra­le Öko­no­mie“oder „Bu­en vi­vir“ste­hen ne­ben prak­ti­schen Al­ter­na­ti­ven, et­wa dem An­satz von„ Er­näh­rungs sou­ve­rä­ni­tät “, der„ Ge­mein­wohl öko­no­mie“oder dem„ Recht auf Stadt “. Lokale In­itia­ti­ven wie „Öko­dör­fer“oder die Da­ten­samm­lung „Fu­tur zwei“fin­den eben­so Raum wie klas­si­sche Re­form an­sät­ze( et­wa in ei­nem Ka­pi­tel über Ge­werk­schaf­ten) oder ra­di­kal neue Per­spek­ti­ven( et­wa das Plä­doy­er für ein Grund ein­kom­men oder die von Ita­li­en aus­ge­hen­de De­mon et ari sie rungs be­we­gung ).

Die Her­aus­ge­be­rin­nen Co­rin­na Burk­hart, Mat­thi­as Schmel­zer und Ni­na Treu be­to­nen, ge­ra­de in der Viel­falt an An­sät­zen lie­ge die Stär­ke der Be­we­gung. Ne­ben al­ter­na­ti­ven Ge­sell schafts-und Wirt schafts mo­del­len sei­en auch ganz­prak ti­sche„ Re­al la­bo­re“(S.13)e in es­ko ope­ra­ti­ven Wirt­schaf­tens nö­tig. Wich­tig bei al­len Un­ter­schie­den seid er ge­sell­schafts­ve rän­dern­de An­spruch. So­zia­le Be­we­gun­gen wer­den in die­sem Sin­ne cha­rak­te­ri­siert als „ge­mein­sam han­deln­de Ak­teu­rin­nen“mit ei­ner „kol­lek­ti­ven Iden­ti­tät “, die„ in ho­hem Ma­ße in­for­mell ver­netzt“sind und sich„ in kon­flikt haf­ten Be­zie­hun­gen mit klar iden­ti­fi­zier­ba­ren Geg­nern“be­fin­den( S .13).

Der Band bie­tet ei­ne Be­stands­auf­nah­me über die in Ni­schen wach­sen­den Neu­an­sät­ze ei­nes Wirt­schaf­tens und Le­bens jen­seits des Kon­kur­renz prin­zips und Kon­sum pa­ra­dig­mas. Ob dar­aus ge­sell schafts wirk­sa­me Be­we­gun­gen ent­ste­hen kön­nen– wie et­wa in­der Stu­den­ten be­we­gung der 1968- Jah­re und den die­ser fol­gen­den An­ti-atom,F rau­en -, Frie­dens und Um­welt­be­we­gun­gen der 1980er – ist nicht aus­ge­macht. Noch über­wiegt das Ni­schen­da­sein. Kol­lek­ti­ve Mo­bi­li­sie­rung fin­det der­zeit viel­mehr bei den Rech­ten statt. Neue Bünd­nis­se ei­ner kol­lek­ti­ven Lin­ken sind frei­lich über­fäl­lig. Je­den­falls blüht ei­ne bun­te Sze­ne von In­itia­ti­ven, die dem Kon­sum-und Kon­kur­renz ka­pi­ta­lis­mus ei­ne Ab­sa­ge er­tei­len – vi­el­leicht ähn­lich je­ner der 1970er-jah­re, die Ro­bert Jungk da­mals in sei­nem „Jahr­tau­send mensch“be­schrie­ben hat­te.

Wirt­schaft: Nach­hal­tig­keit 77 De­growth in Be­we­gung(en). 32 al­ter­na­ti­ve We­ge zur so­zi­al-öko­lo­gi­schen Trans­for­ma­ti­on. Hrsg. vom Kon­zept­werk Neue Öko­no­mie & Dfg-kol­leg Post wachs­tums ge­sell­schaf­ten. Mün­chen:oe­kom, 2017.414 S .,€22,95[ D ],23,60[ A]

ISBN 978-3-86581-852-2

„Der Weg der Mensch­heit durch das 21. Jahr­hun­dert wird von po­li­ti­schen Ent­schei­dungs­trä­gern, den Leh­rern, Jour­na­lis­ten, Ge­mein schafts or­ga­ni­sa­to­ren, Ak­ti­vis­ten und Wäh­lern be­stimmt wer­den, die heu­te ih­re Aus­bil­dung er­hal­ten. Doch die­se Bür­ger des Jah­res 2050 wer­den in ei­ner Geis­tes­hal­tung er­zo­gen, die aus den Lehr­bü­chern aus den 1950er-jah­ren stammt, die auf den Theo­ri­en von 1850 be­ru­hen.“(Ka­te Ra­worth in 76, S .17)

Ra­di­ka­le Al­ter­na­ti­ven?

Zwei Kri­tik­an­sät­ze, die Ka­pi­ta­lis­mus und Ent­wick­lung nach dem west­li­chen Kon­sum­mo­dell in Fra­ge stel­len, ver­ein­te in Band, der„ Ra­di­ka­le Al­ter­na­ti­ven“ver­spricht. Der ecua­do­ria­ni­sche Volks­wirt Al­ber­to Cos­ta be­schreibt da­rin das Wirt schafts mo­dell des„ Ex­trak­ti­vis­mus “. Der setzt dar­auf an,Ent wick­lung in den L än­dern­des Sü­dens durch die Aus­beu­tung der ei­ge­nen Roh­stoff vor­kom­men in Gang zu set­zen. Be­kannt ist die un­heil­vol­le Al­li­anz kor­rup­ter Re­gime mit in­ter­na­tio­na­len Kon­zer­nen, die sich an Bo­den­schät­zen be­rei­chern, oh­ne die ei­ge­ne Be­völ­ke­rung an de­ren Ver­ar­bei­tung zu be­tei­li­gen. Acos­ta kri­ti­siert aber, dass sich in Latein­ame­ri­ka auch lin­ke Re­gie­run­gen der Roh­stoff­aus­beu­te ver­schrie­ben hät­ten in der Hoff­nung, da­mit das ei­ge­ne Land vor­an­zu­brin­gen: In durch­aus heh­rer Ab­sicht, aber mit den­sel­ben ne­ga­ti­ven Fol­gen für die Um­welt und ih­re Be­woh­ner, die In­di­genas, die seit vie­len Jahr­hun­der­ten mit und von der Na­tur leb­ten. Der Öko­nom spricht da­bei von „Neo-ex­trak­ti­vis­mus“.

Das Pen­dant auf der Sei­te der west­li­chen Kon­sum ge­sell­schaf­ten be­schreibt de rand er Uni­ver­si­tät Wi­en leh­ren­de Po­li­tik wis­sen­schaft­ler Ul­rich Brand ein­mal mehr mit der „im­pe­ria­len Le­bens­wei­se“(s. PZ 4/2017). Er zeigt die Ver­stri­ckun­gen un­se­res res­sour­cen in­ten­si­ven Kon­su­mie­ren s in die Aus­beu­tungs ver­hält­nis sein den L än­dern­des Sü­dens auch als „ka­pi­ta­lis­ti­sche Land­nah­me“auf.

Die Ana­ly­sen bei­der Au­to­ren sind zu­tref­fend, dün­ner fal­len frei­lich die im Ti­tel ver­spro­che­nen „ra­di­ka­len Al­ter­na­ti­ven“aus. Acos­ta in­sis­tiert auf der Be­we­gung des „Bu­en Vi­vir“, die ein ein­fa­ches Le­ben in Har­mo­nie mit der Na­tur pro­pa­giert (er hat als Prä­si­d­entd er ver­fas­sungs ge­ben­den Ver­samm­lung Ecua­dors maß­geb­lich da­zu bei­ge­tra­gen, dass die Rech­te der Na­tur in die Ver­fas­sung des An­den­staa­tes auf­ge­nom­men wur­den, (s. PZ 3/2015). Der Au­tor muss je­doch ein­ge­ste­hen, dass auch in Latein­ame­ri­ka das kon­su­mis­ti­sche Le­bens­mo­dell of­fen­sicht­lich hö­he­re At­trak­ti­vi­tät ge­nießt. Ul­rich Brand for­dert–wie an­de­re–den Über­gang in Post wachs­tums ge­sell­schaf­ten und schließ­lich die „Über­win­dung des Ka­pi­ta­lis­mus“. Pfa­de, wie die öko­no­mi­sche Trans­for­ma­ti­on ge­lin­gen könn­te, blei­ben frei­lich va­ge. Of­fen bleibt, wie die Kon­sum­ge­sell­schaft über­wun­den und der Ka­pi­ta­lis­mus ab­ge­schafft wer­den sol­len, wie ein ra­di­kal an­de­res Wirt­schaf­ten aus­se­hen soll. Das Plä­doy­er für Er­näh­rungs­und Ener­gie sou­ve­rä­ni­tät legt ei­ne Öko­no­mie der Ba­sis be­dürf­nis­se in stark de­zen­tra­li­sier­ten Struk­tu­ren na­he.

Ähn­lich liegt das Pro­blem bei ei­nem neu­en Band des So­zio­lo­gen Mein­hard Creydt, der auf ei­ne „nach­ka­pi­ta­lis­ti­sche Zu­kunft“setzt. Nach den durch­aus prä­zi­sen Ana­ly­sen über die De­fi­zi­te des Ka­pi­ta­lis­mus (so­zia­ler und kul­tu­rel­ler Art) lässt er nur va­ge Vor­stel­lun­gen fol­gen, wie der nach­ka­pi­ta­lis­ti­sche Zu­stand er­reicht wer­den soll­te. In Ab­set­zung von Ul­rich Brand, des­sen „im­pe­ria­le Le­bens­wei­se“er als sub­jek­ti­vis­tisch ab­tut (S. 183), hofft Creydt auf die Ver­wirk­li­chung des Men­schen in der Ar­beit in ver­ge­sell­schaf­te­ten Be­neben

trie­ben. Die­se „so­li­da­ri­sche Öko­no­mie“exis­tiert frei­lich der­zeit nur in Ni­schen.

Wirt­schaft: Nach­hal­tig­keit 81 Acos­ta, Al­ber­to; Brand, Ul­rich: Ra­di­ka­le Al­ter­na­ti­ven. War­um man den Ka­pi­ta­lis­mus nur mit ver­ein­ten Kräf­ten über­win­den kann. Mün­chen: oe­kom, 2017. 191 S., € 16,- [D], € 16,50 [A] ISBN 978-3-96238-014-4

82 Creydt, Mein­hard: Die Ar­mut des ka­pi­ta­lis­ti­schen Reich­tums und das gu­te Le­ben. Öko­no­mie, Le­bens­wei­se u. Nach­hal­tig­keit. Mün­chen: oe­kom, 2017. 209 S., € 19,- [D], 19,60 [A] ; ISBN 978-3-96238-004-5

Welt neu denken

„Wol­len wir die gro­ßen Pro­ble­me der glo­ba­len Ar­mut und Un­gleich­heit, der Hun­gers­nö­te und kol­la­bie­ren­den Öko­sys­te­me lö­sen, dann muss die Welt der Zu­kunft ganz an­ders aus­se­hen als die Welt, die wir sie heu­te ken­nen.“(S. 13) Ei­ne gro­ße An­sa­ge des an der London School of Eco­no­mics leh­ren­den An­thro­po­lo­gen Ja­son Hi­ckel, des­sen Buch „Di­vi­de“un­ter dem Ti­tel „Die Ty­ran­nei des Wachs­tums“so­eben auf Deutsch er­schie­nen ist.

Die Ur­sa­chen für die sich im­mer wei­ter auf­tu­en­de Sche­re zwi­schen Arm und Reich rei­chen für Hi­ckel zu­rück zu den fal­schen Ent­wick­lungs­ver­spre­chen des Ko­lo­nia­lis­mus. Sie fan­den ih­re Fort­set­zung in der Zer­stö­rung ei­nes ei­gen­stän­di­gen Drit­ten We­ges, der mit den De­ko­lo­nia­li­sie­rungs­be­stre­bun­gen nach dem Zwei­ten Welt­krieg in vie­len Län­dern des Sü­dens mit gro­ßen Hoff­nun­gen ver­knüpft war. Ne­ben di­rek­ter po­li­tisch-mi­li­tä­ri­scher Ge­walt, die zur Ab­set­zung zahl­rei­cher pro­gres­si­ver lin­ker Re­gie­run­gen ge­führt hat, ver­weist der Au­tor hier auf zwei in­di­rek­te Stra­te­gi­en, die er als „neu­en Ko­lo­nia­lis­mus“be­zeich­net: zum ei­nen die Ver­schul­dung der Ent­wick­lungs­län­der als „Öko­no­mie ei­ner ge­plan­ten Ve­r­elen­dung“(S. 191f.), zum an­de­ren die Pro­pa­gie­rung des welt­wei­ten Frei­han­dels, der den rei­chen Staa­ten mehr nüt­ze als den Ar­men. Die Eta­b­lie­rung ein­schlä­gi­ger Or­ga­ni­sa­tio­nen, ins­be­son­de­re der Welt­han­dels­or­ga­ni­sa­ti­on, be­schreibt Hi­ckel als „Auf­stieg des vir­tu­el­len Se­nats“(240ff.). Staats­strei­che, Struk­tur­an­pas­sung, Frei­han­del und in­ter­na­tio­na­le Schieds­ge­rich­te sei­en je­ne In­stru­men­te, die von den rei­chen Län­dern und mäch­ti­gen Kon­zer­nen heu­te noch ein­ge­setzt wür­den, „um ih­re öko­no­mi­schen In­ter­es­sen auf der Welt­büh­ne zu si­chern“(S. 286) und die „Plün­de­rung im 21. Jahr­hun­dert“(ebd.) fort­set­zen zu kön­nen. So­weit be­kannt. Doch was schlägt der Au­tor als Ge­gen­stra­te­gie vor?

Als ers­tes for­dert Hi­ckel die Ab­kehr vom „Wohl­tä­tig­keits­pa­ra­dig­ma“(S. 333), mit dem Rei­che sich ein gu­tes Ge­wis­sen er­kauf­ten. Ne­ben ein­schlä­gi­gen Stif­tun­gen zählt er auch die ge­sam­te Ent­wick­lungs­hil­fe zu die­sen Ablen­kungs­ma­nö­vern der Wohl­stands län­der von struk­tu­rel­len Ve­rän­de­run­gen. Selbst die Be­we­gung des fai­ren Han­dels be­kommt ihr Fett ab, wenn sie­derGe wis­sens be­ru­hi­gung dient. Wir müss­ten ler­nen, „auf die Sys­te­me und nicht auf die Sym­pto­me zu ach­ten“(S. 330). Not­wen­dig sei­en in die­sem Sin­ne ei­ne Be­en­di­gung der Struk­tur an­pas­sungs­pro­gram­me de­s­IWF, die Wei­ge­rung wei­ter Schul­den zu be­zah­len, ins­be­son­de­re wenn es sich da­bei um„ Dik­ta­to­ren schul­den“han­delt( S .337), und ei­ne De­mo­kra­ti­sie­rung der in­ter­na­tio­na­len Or­ga­ni­sa­tio­nen. Glo­ba­le Min­dest­löh­ne, die Re­form des Pat­ent­we­sens vor al­lem bei Me­di­ka­men­ten und Saat­gut so­wie die Be­en­di­gung der Sub­ven­tio­nie­rung der Agrar­ex­por­te der rei­chen Län­der nennt der Au­tor als wei­te­re struk­tu­rel­le Schrit­te, um mehr Fair­ness und Ge­rech­tig­keit in die Welt zu brin­gen. In­itia­ti­ven wie das Cli­ma­te Fair­s­ha­re-pro­jekt, das Län­der des Sü­dens die durch die Kli­ma­ver­än­de­rung ver­ur­sach­ten Schä­den fi­nan­zi­ell ab­gel­ten wür­de (Vor­schlag des Stock­holm En­vi­ron­ment In­sti­tu­te) oder die Stri­ke-dept-be­we­gung müss­ten ge­stärkt wer­den, und nicht die Ent­wick­lungs­hil­fe pro­gram­me.

Für die rei­chen Län­der schließt sich der Au­tor je­nen For­de­run­gen an, die aus der Post wachs­tums be­we­gung be­kannt sind: Ab­kehr vom B IP als Wohl­stands maß so­wie dem Kon­sum als Glücks ver­spre­chen( der Au­tor ge­steht, dass letz­te­res schwie­rig sein kön­ne, zi­tiert aber Um­fra­gen, die es nicht als un­mög­lich er­schei­nen las­sen, S. 375); schließ­lich Prio­ri­tät des öf­fent­li­chen Sek­tors vor pri­va­ten Ge­winn­in­ter­es­sen. Der Über­gang zu Voll­geld könn­te die Sou­ve­rä­ni­tät der Staa­ten ge­gen­über dem der­zei­ti­gen schul­den ba­sier­ten Wäh­rungs­sys­tem wie­der­her­stel­len, so ein wei­te­rer Vor­schlag. Das Ziel, näm­lich den Ge­samt­kon­sum deut­lich zu re­du­zie­ren, wä­re mit Maß­nah­men wie Wer­be­ver­bo­ten im öf­fent­li­chen Raum, der Be­gren­zung von Kre­dit­kar­ten li­mits,d er Ver­kür­zung der Wo­chen ar­beits­zei­ten so­wie Job­sha­ring- mo­del­len zu be­geg­nen. Schließ­lich for­der­tHi­ckel auch ein be­din­gungs­lo­ses Grund ein­kom­men als So­zi­al mi­ni­mum für al­le, dasn eben­der Ab­kehr vom Schuld sys­tem von den zen­tra­len Wachs­tums trei­bern be­frei­en wür­de :„ Wenn Wachs­tum ein Er­satz für Gleich­heit ist, dann ist Gleich­heit auch ein Er­satz für Wachs­tum.“(S. 385)

Die Vor­schlä­ge sind teil­wei­se kühn und im De­tail durch zu buch­sta­bie­ren. Doch der Au­tor macht klar, dass wir grö­ße­re Schrit­te wa­gen müs­sen und die Po­li­tik ge­for­dert ist, die ent­spre­chen­den Wei­chen zu stel­len.

Wirt­schaft: Nach­hal­tig­keit

83 Hi­ckel, Ja­son: Die Ty­ran­nei des Wachs­tums.

Wie glo­ba­le Un­gleich­heit die Welt spal­tet und was da­ge­gen zu tun ist. Mün­chen: dtv, 2018. 430 S.,

€ 22,- [D], 22,70 [A] ; ISBN 978-3-423-28163-8

Wirt­schaft der Le­bens­fül­le

Kon­kre­te Vor­schlä­ge vor al­lem für ei­ne re­gio­na­le Ein­bet­tung des Wirt­schaf­tens, macht der Geo­graph Wolfgang Hö­sche­le in sei­ner „Grund­le­gung für ei­ne Öko­no­mie der Le­bens­fül­le“. Die­se zielt auf die Be­frie­di­gung der ele­men­ta­ren Le­bens­be­dürf­nis­se in ei­ner in die Ge­sell­schaft ein­ge­bet­te­ten Öko­no­mie. Als Be­stand­tei­le hier­für be­schreibt der Au­tor Ge­nos­sen­schaf­ten, die Rück­kehr zu Com­mons, al­so von mensch­li­chen Ge­mein­schaf­ten ge­heg­te ge­mein­sa­me Gü­ter, und – wie Hi­ckel – den Aus­bau des öf­fent­li­chen Sek­tors. Hö­sche­le plä­diert für ei­nen neu­en Ei­gen­tums­be­griff; so sol­len Miet­woh­nun­gen nach ei­ner be­stimm­ten Zeit in den Be­sitz der Mie­ten­den über­ge­hen (Anm.: Das Kon­zept „Miet-kauf“geht in die­se Rich­tung). Ähn­li­ches schwebt ihm für Un­ter­neh­mens­an­tei­le vor: Ge­win­ne soll­ten zeit­lich be­grenzt, Un­ter­neh­men nicht ver­erbt wer­den. Ge­mein­gü­ter wie ei­ne in­tak­te Um­welt sol­len – hier zi­tiert der Au­tor Pe­ter Bar­nes – durch Kol­lek­tiv­re­ge­lun­gen ge­schützt wer­den: Un­ter­neh­men und Ver­brau­cher zah­len Ab­ga­ben nach dem Ver­ur­sa­cher­prin­zip, der Er­lös wird an al­le Bür­ger und Bür­ge­rin­nen rück­erstat­tet, weil sie ja Ei­gen­tü­mer der Ge­mein­gü­ter sei­en. Vor­stell­bar ist für Hö­sche­le auch ein selbst­be­stimm­ter Ge­mein­wohl­dienst (SGD), den er ei­nem be­din­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­men vor­zieht: Je­der le­gal im Land le­ben­de Mensch könn­te ei­ne ge­mein­wohlori­en­tier­te Ar­beit leis­ten, „nach Be­wil­li­gung des An­trags wür­de er von ei­ner staat­li­chen oder ge­mein­nüt­zi­gen Ein­rich­tung für die­se Ar­beit be­zahlt“(S. 211).

Nicht zu­letzt macht der Au­tor Vor­schlä­ge für ei­ne Re­form des Fi­nanz­we­sens. Er plä­diert für den Über­gang zum vom Staat ge­schöpf­ten Voll­geld (Anm.: wor­über in der Schweiz dem­nächst ei­ne Volks­ab­stim­mung statt­fin­det).

Hö­sche­le ist sich be­wusst, dass sei­ne Vor­schlä­ge man­chen Lin­ken zu we­nig ra­di­kal sei­en, de­nen ei­ne so­li­da­ri­sche, Markt und Ei­gen­tum ab­schaf­fen­de Wirt­schaft vor­schwebt, Kon­ser­va­ti­ven aber viel zu weit ge­hen. Wi­der­stand ist hin­ge­gen in der Tat eher von Zwei­te­ren zu er­war­ten. Der Au­tor setzt da­bei auf sys­te­mi­sche Rück­kop­pe­lun­gen. Ve­rän­de­run­gen füh­ren dem­nach zu sich selbst ver­stär­ken­den Ef­fek­ten. Hö­sche­le er­klärt dies am Bei­spiel des Ener­gie­mark­tes. Durch die mitt­ler­wei­le zahl­rei­chen de­zen­tra­len Ge­nos­sen­schaf­ten im Be­reich Er­neu­er­ba­rer Ener­gi­en wür­den Macht und Ein­fluss der gro­ßen Ener­gie­kon­zer­ne suk­zes­si­ve schwin­den, was die Ener­gie­wen­de be­schleu­nigt.

Wirt­schaft: Nach­hal­tig­keit 86 Hö­sche­le, Wolfgang: Wirt­schaft neu er­fin­den. Grund­le­gung für ei­ne Öko­no­mie der Le­bens­fül­le. Mün­chen: oe­kom, 2017. 254 S., € 29,95 [D], 30,80 [A] ISBN 978-3-96006-174-8 Re­sü­mee: Die hier vor­ge­stell­ten Pu­bli­ka­tio­nen könn­ten In­di­zi­en für den an Brei­te ge­win­nen­den Wan­del dar­stel­len. Er­gänzt um ent­spre­chen­den öf­fent­li­chen Druck von NGOS, et­wa ge­gen Frei­heit und Sou­ve­rä­ni­tät be­schrän­ken­de Frei­han­dels­ab­kom­men oder ge­gen wei­te­re Um­welt­zer­stö­rung (wie das kürz­lich be­schlos­se­ne Ver­bot von „Bie­nen­gif­ten“durch das Eu­par­la­ment), könn­te sich zum Schnee­ball-sys­tem ei­ner sich be­schleu­ni­gen­den Trans­for­ma­ti­on ver­dich­ten.

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