Marx heu­te

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Karl Marx, des­sen 200. Ge­burts­tag am 5. Mai 2018 be­gan­gen wur­de, ist ak­tu­el­ler denn je. Da­von zeu­gen nicht nur vie­le Ver­an­stal­tun­gen son­dern auch vie­le Pu­bli­ka­tio­nen, die neue Per­spek­ti­ven auf sein Werk er­öff­nen. Do­mi­nik Gru­ber stellt fünf da­von vor.

Karl Marx, des­sen 200. Ge­burts­tag am 5. Mai 2018 be­gan­gen wur­de, ist ak­tu­el­ler denn je. Da­von zeu­gen vie­le Ver­an­stal­tun­gen, die sich in den letz­ten Jah­ren im­mer wie­der mit sei­nem ana­ly­ti­schen, phi­lo­so­phi­schen aber auch po­li­ti­schen Er­be be­schäf­tig­ten, aber auch zahl­rei­che Ver­öf­fent­li­chun­gen, die neue Per­spek­ti­ven auf sein Werk wer­fen oder gar ver­su­chen, die­ses wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Fünf Bü­cher, die sich ex­pli­zit auf Marx und sei­ne Theo­ri­en be­zie­hen, stellt Do­mi­nik Gru­ber vor: Micha­el Quan­te und Ter­ry Eagle­ton setz­ten sich v.a. mit phi­lo­so­phi­schen Aspek­ten sei­nes Wer­kes aus­ein­an­der. Der un­längst ver­stor­be­ne El­mar Alt­va­ter und Ti­mo Daum fo­kus­sie­ren vor­wie­gend auf die eher öko­no­misch ori­en­tier­ten Un­ter­su­chun­gen und ver­su­chen, die­se für die Ana­ly­se ge­gen­wär­ti­ger Ent­wick­lun­gen und Pro­ble­me nutz­bar zu ma­chen. Die Au­to­rin­nen in „RE. Das Ka­pi­tal“grei­fen zum Teil sehr un­ter­schied­li­che Ele­men­te des Marx­schen Wer­kes auf. Die Bei­trä­ge die­ses Sam­mel­ban­des rei­chen von aus­ge­spro­che­nen „text­ex­ege­ti­schen“Be­trach­tun­gen bis hin zu Ana­ly­sen, die die po­li­ti­schen Im­pli­ka­tio­nen sei­ner Über­le­gun­gen in den Vor­der­grund stel­len.

RE: Das Ka­pi­tal

Der Band „Re: Das Ka­pi­tal. Po­li­ti­sche Öko­no­mie im 21. Jahr­hun­dert“ver­sam­melt Bei­trä­ge be­kann­ter Per­sön­lich­kei­ten aus Wis­sen­schaft und Po­li­tik, die das Ziel ver­fol­gen, das Werk von Karl Marx auf ih­re Ak­tua­li­tät und ih­re Brauch­bar­keit hin zu prü­fen. Die­ses Vor­ha­ben lohnt sich, das ver­deut­licht Her­aus­ge­ber Ma­thi­as Gref­frath im ers­ten Auf­satz des Sam­mel­ban­des selbst. Er ver­tritt u. a. die The­se, die Marx­sche Theo­rie ver­mö­ge ih­re Le­se­rin­nen von jeg­li­chen „Flu­sen der Vul­gä­r­öko­no­mie“(S. 26) zu be­frei­en. Fünf wei­te­re Bei­trä­ge die­ses Bu­ches sol­len kurz vor­ge­stellt wer­den.

Für die meis­ten Kom­men­ta­to­rin­nen der Marx­schen Ana­ly­se ka­pi­ta­lis­ti­scher Ver­hält­nis­se bil­det die Wa­re und ihr „Dop­pel­cha­rak­ter“von Ge­brauchs- und Wert­ge­gen­stand den Aus­gangs­punkt. John Hol­lo­way stellt dem ent­ge­gen, dass im ers­ten Satz von „Das Ka­pi­tal“nicht nur von Wa­ren, son­dern auch vom Reich­tum die Re­de ist. Für Hol­lo­way ist es der Reich­tum und sein Span­nungs­ver­hält­nis zur Wa­re und ih­rer ka­pi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­on, die an den Be­ginn der Ana­ly­se ka­pi­ta­lis­ti­scher Ver­hält­nis­se ge­stellt wer­den soll­ten. Reich­tum – und das deu­tet Marx be­reits im ers­ten Band an – er­schöpft sich nicht in der Wa­ren­form. Zum mensch­li­chen Reich­tum zäh­len auch Din­ge wie Krea­ti­vi­tät, schöp­fe­ri­sches Po­ten­ti­al, So­li­da­ri­tät und Lie­be. Die­se las­sen sich nicht un­ter das Wert- und Wa­ren­prin­zip sub­su­mie­ren und bil­den – so Hol­lo­way – den Aus­gangs­punkt für ei­ne po­ten­ti­el­le Be­we­gung, die sich frü­her oder spä­ter ge­gen die to­ta­le ka­pi­ta­lis­ti­sche Ver­ein­nah­mung stel­len wird.

Hans-wer­ner Sinn be­trach­tet Marx u.a. als wich­ti­gen Theo­re­ti­ker der Ma­kro- und Kri­sen­theo­rie. Zum ei­nen leg­te Marx in sei­nem Werk ei­ni­ge Grund­la­gen der volks­wirt­schaft­li­chen Ge­samt­rech­nung und der Wachs­tums­theo­rie dar. Zum an­de­ren be­rei­te­te Marx durch sei­ne Über­le­gun­gen zur Un­ter­kon­sum­ti­on und da­mit ein­her­ge­hen­den Kri­sen die Theo­ri­en von John May­nard Keynes vor. Sinn bringt das Marx­sche „Ge­setz vom ten­den­zi­el­len Fall der Pro­fi­tra­te“mit der heu­te ak­tu­el­len Theo­rie der „se­kun­dä­ren Sta­gna­ti­on“in Ver­bin­dung. Bei­den ist die An­nah­me ge­mein­sam, dass die durch­schnitt­li­che Ren­ta­bi­li­tät ins­ge­samt ge­fal­len und die Wirt­schaft da­durch zu­neh­mend ins „Stot­tern“ge­ra­ten ist. Sinn macht für die­se Ent­wick­lung die Po­li­tik der Zen­tral­ban­ken ver­ant­wort­lich, die durch ih­re Ret­tungs- und Zins­po­li­tik die Er­neue­rungs­kraft des Ka­pi­ta­lis­mus zu­nich­te­ma­chen.

Der Bei­trag von Sah­ra Wa­genk­necht zeich­net ei­ni­ge Ten­den­zen ka­pi­ta­lis­ti­scher Ent­wick­lung nach und ver­sucht die­se in die Zu­kunft zu „ex­tra­po­lie­ren“. Ein Bei­spiel hier­für ist Marx’ An­nah­me, dass sich das Ka­pi­tal zu­neh­mend kon­zen­triert. D.h., durch die zu­neh­men­de Ra­tio­na­li­sie­rung und den zu­neh­men­den Ein­satz von Ka­pi­tal durch In­ves­ti­tio­nen in Tech­no­lo­gie ent­ste­hen im­mer grö­ße­re Un­ter­neh­men, ge­gen die an­de­re nicht mehr kon­kur­renz­fä­hig sind. Tat­säch­lich ist Wa­genk­necht der Über­zeu­gung, dass sich die­se Ent­wick­lung mehr und mehr be­wahr­hei­tet. In vie­len Bran­chen ent­ste­hen im­mer grö­ße­re und ka­pi­tal­in­ten­si­ve­re Kon­zer­ne, die gro­ße Markt­an­tei­le an sich bin­den. Dar­aus fol­gert Wa­genk­necht, dass die Wirt­schaft im­mer mehr sta­gniert, die Kon­zer­ne wür­den auf­grund man­geln­der Kon­kur­renz we­ni­ger in­no­va­tiv und da­mit „trä­ge“. Da­vid Har­vey stellt her­aus, dass der Ka­pi­ta­lis­mus nicht nur in sei­nem kon­sti­tu­ie­ren­den Pro­zess der Ka­pi­ta­lak­ku­mu­la­ti­on, d.h. der An­häu­fung von Wert, son­dern auch in den vie­len Er­schei­nun­gen der Wert­ver­nich­tung be­trach­tet wer­den muss. Er nennt die stän­dig dro­hen­de Ver­nich­tung von Wert „An­ti­wert“. Für ihn ist Ka­pi­ta­lis­mus als Wech­sel­spiel von Wert und „An­ti-wert“zu be­grei­fen; so­bald der Pro­zess, in dem aus Geld mehr Geld ge­macht wird, ins „Stot­tern“ge­rät oder gar zum Still­stand kommt wird Ka­pi­tal ver­nich­tet. Letz­te­res ist je­doch wie­de-

„Man läuft nach Marx-lek­tü­ren gleich­sam mit ei­nem ge­wa­sche­nen Ge­hirn her­um, die Flu­sen der Vul­gä­r­öko­no­mie sind weg­ge­wa­schen.“(Ma­thi­as Gref­frath in 87 , S. 26)

rum not­wen­dig um neue Wachs­tums­schü­be zu in­iti­ie­ren. Die Re­le­vanz des „An­ti-werts“zeigt sich für Har­vey auch im Phä­no­men der Schul­den, die u.a. für die Mög­lich­keit zur In­ves­ti­ti­on und da­mit für den Ak­ku­mu­la­ti­ons­pro­zess un­ent­behr­lich sind, je­doch stets auch auf die Ge­fahr ei­ner Kri­se ver­wei­sen. Ei­ne ka­pi­ta­lis­mus­kri­ti­sche Aus­rich­tung soll­te ei­ne „di­rek­te Po­li­tik des An­ti-werts“sein. Da­mit meint Har­vey die ak­ti­ve und be­wuss­te „Ne­ga­ti­on des ka­pi­ta­lis­ti­schen Wert­ge­set­zes“(S. 203). Noch be­ste­hen­de und teil­wei­se neu ent­ste­hen­de nicht- ka­pi­ta­lis­ti­sche „In­seln“, wie z.b. die in wei­ten Tei­len nach wie vor ge­mein­schaft­lich or­ga­ni­sier­te Haus­ar­beit eben­so wie Pro­jek­te so­li­da­ri­scher Öko­no­mie, könn­ten als Aus­gangs­punk­te ei­ner sol­chen Po­li­tik fun­gie­ren.

Den Ab­schluss des Sam­mel­ban­des bil­det ein Auf­satz von Éti­en­ne Ba­li­bar. Er stellt fest, ein zen­tra­ler Aspekt des po­li­ti­schen Werks von Marx, und zwar die Idee der re­vo­lu­tio­nä­ren Um­wäl­zung der ge­sell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se, sei nicht der Schluss­punkt des ers­ten Ban­des sei­nes Haupt­werks „Das Ka­pi­tal“. Statt­des­sen „ver­ste­cke“Marx die po­li­ti­schen Kon­se­quen­zen sei­ner Über­le­gun­gen im „In­ne­ren“sei­nes Wer­kes. Die­se kä­men et­wa im vor­letz­ten Ka­pi­tel des ers­ten Ban­des weit bes­ser zur Gel­tung. Ba­li­bar in­ter­pre­tiert die­ses De­tail als ein In­diz da­für, dass Marx selbst sein Werk als „un­ab­ge­schlos­sen“be­trach­te­te und aus ihm vie­ler­lei Kon­se­quen­zen ge­zo­gen wer­den kön­nen. Dar­um setz­te er – meint Ba­li­bar – das Po­li­ti­sche ab­sichts­voll nicht an das En­de des ers­ten Ban­des. Als Bei­spiel zieht er die The­se der „Ex­pro­pria­ti­on der Ex­pro­pria­teu­re“her­an, die – je nach Text­frag­ment – un­ter­schied­lich, ein­mal „re­vo­lu­tio­när“und ein an­de­res Mal „re­for­mis­tisch“, ge­le­sen wer­den kann. Das be­deu­te: Auch wenn Marx als Re­vo­lu­tio­när be­stimm­te po­li­ti­sche Stra­te­gi­en vor­schlug, so las­se sein ge­schrie­be­nes Werk den­noch meh­re­re po­li­ti­sche We­ge of­fen. Ka­pi­ta­lis­mus­kri­tik: Marx

87 RE: Das Ka­pi­tal. Po­li­ti­sche Öko­no­mie im 21. Jahr­hun­dert. Hrsg. v. Ma­thi­as Gref­frath. Mün­chen: Kunst­mann, 2017. 240 S., € 22,- [D], 22,70 [A] ISBN 978-3-95614-172-0

Das Ka­pi­tal sind wir

Ti­mo Daum, der­au­tor die­ser Nau­ti­lus-flug­schrift, de­ren Ti­tel an je­nen des Marx­schen Haupt­wer­kes er­in­nert, er­teilt al­len Pro­gno­sen ei­ne Ab­sa­ge, die den Ka­pi­ta­lis­mus auf sein En­de zu­steu­ern se­hen. Viel­mehr nimmt Daum an, dass sich der Ka­pi­ta­lis­mus zum wie­der­hol­ten Ma­le trans­for­miert und sich da­bei in­ten­si­viert. Durch neue, in­ter­net­ba­sier­te Tech­no­lo­gi­en ge­lingt es die­sem, uns im­mer wei­ter in den Sog der Ka­pi­ta­lak­ku­mu­la­ti­on hin­ein­zu­zie­hen. Heu­te le­ben wir – so Daum – im Zeit­al­ter der di­gi­ta­len Wa­ren und da­mit im „di­gi­ta­len Ka­pi­ta­lis­mus“. Es sind v.a. die in­for­ma­ti­ons­ver­ar­bei­ten­den Tech­no­lo­gi­en und Al­go­rith­men, die das Fort­be­ste­hen ka­pi­ta­lis­ti­scher Ver­hält­nis­se si­chern. Durch die ra­sant fort­schrei­ten­de Tech­no­lo­gie-ent­wick­lung kommt es je­doch in im­mer kür­ze­ren Ab­stän­den zu wirt­schaft­li­chen Dis­rup­tio­nen. Das be­deu­tet, auch gro­ße Un­ter­neh­men und Kon­zer­ne sind ei­nem ho­hen In­no­va­ti­ons­druck aus­ge­setzt und ver­schwin­den dem­ent­spre­chend auch so schnell, wie sie auf­ge­taucht sind.

Es sind nicht nur die In­no­va­tio­nen in der Pro­duk­ti­ons­wei­se, son­dern auch die di­gi­ta­len Wa­ren selbst, die durch ih­re Ei­gen­schaf­ten den Ka­pi­ta­lis­mus trans­for­mie­ren. Di­gi­ta­le Wa­ren – Mu­sik, Fil­me, Apps, Pro­gram­me, Be­richt­er­stat­tung etc. – sind na­he­zu zum Null­ta­rif ver­viel­fäl­tig­bar. Ih­re Grenz­kos­ten ten­die­ren ge­gen Null. In­for­ma­ti­on und Wis­sen brin­gen je­doch nur dann ho­he Ge­win­ne, wenn sie auf ver­schie­de­ne Wei­se „ein­ge­zäunt“und mo­no­po­li­siert wer­den. Do­mi­nan­te „In­ter­net-rie­sen“wie Goog­le zeu­gen von die­sem Me­cha­nis­mus. Sie ver­su­chen im­mer mehr di­gi­ta­le An­ge­bo­te an sich zu rei­ßen. As­pek­te der an­ge­spro­che­nen Trans­for­ma­ti­on las­sen sich auch an­hand der Sha­ring-öko­no­mie nach­zeich­nen. Die­se setzt tra­di­tio­nel­le An­ge­bo­te eben­falls ver­mehrt un­ter Druck. Daum geht da­von aus, dass in na­her Zu­kunft die „Strom­rie­sen“ins Hin­ter­tref­fen ge­ra­ten wer­den; und zwar durch die Er­zeu­gung von Strom in sog. „Pro­sumer-platt­for­men“, bei der ei­ne Viel­zahl von Pri­vat­per­so­nen selbst er­zeug­te und er­neu­er­ba­re Ener­gie in ein „Peer-to-peer-netz­werk“ein­spei­sen. Je­des Pro­jekt im Be­reich der Sha­ring-öko­no­mie ist je­doch selbst ge­fähr­det ka­pi­ta­lis­tisch „ein­ge­hegt“zu wer­den. Platt­for­men wie Uber oder Airb­nb über­for­men den Sha­ring-ge­dan­ken. Sie nut­zen pri­va­tes Ei­gen­tum, wie den pri­va­ten PKW oder die ei­ge­ne Woh­nung zur Ak­ku­mu­la­ti­on von Ka­pi­tal. In der Re­gel auf Kos­ten an­de­rer, wie der pri­va­ten „Ta­xi­fah­rer“bei Uber, die sich selbst um ei­nen Spott­preis ver­kau­fen.

Die Di­gi­ta­li­sie­rung trägt noch an­de­re „Früch­te“. Hin­ter vie­len Tech­no­lo­gi­en lie­gen im­mer kom­ple­xe­re und da­mit un­durch­sich­ti­ge­re Al­go­rith­men. Wir sind auf im­mer mehr di­gi­ta­le Pro­zes­se an­ge­wie­sen, die wir nicht (mehr) durch­schau­en. Die Ver­or­tung und Zu­schrei­bung von Ver­ant­wor­tung wird da­durch im­mer schwie­ri­ger. Aber nicht nur das: Auf der Grund­la­ge von Al­go­rith­men wer­den wir selbst und un­se­re Iden­ti­tä­ten zu­dem im­mer mehr zu Wa­ren. Un­ter­neh­men wie Goog­le und Facebook sam­meln au­to­ma­ti­siert ei­ne rie­si­ge Men­ge von Da­ten, die sie in ka­pi­ta­lis­ti­scher Ma­nier – u.a. durch in­di­vi­du­ell zu­ge­schnit­te­ne Wer­bung – ver­wer­ten. Die da­für not­wen­di­gen In­hal­te und In­for­ma­tio­nen er-

„Die Zie­le und Kal­kü­le von Al­go­rith­men müs­sen dis­ku­tiert wer­den, es soll­te mög­lich sein, je­den Co­de und sei­nen Kon­text aus Da­ten, Re­geln, In- und Out­puts zum Ge­gen­stand ge­sell­schaft­li­cher De­bat­te zu ma­chen: Wir brau­chen ei­ne al­go­rith­mi­sche Al­pha­be­ti­sie­rung.“(Ti­mo Daum in 88 ,S. 240)

„Der ‚Sieg im Kal­ten Krieg' hat den ka­pi­ta­lis­ti­schen Kräf­ten […] freie Bahn ge­schaf­fen. […] Doch die Eu­pho­rie des En­des der Ge­schich­te währ­te nicht lan­ge. Denn die Ent­wick­lung führ­te ‚al­ter­na­tiv­los' im­mer sicht­ba­rer in die Sack­gas­se der Kri­se des ge­sell­schaft­li­chen Na­tur­ver­hält­nis­ses, in die Ener­gie-, Kli­ma-, Er­näh­rungs­kri­se und in die schwers­te Fi­nanz- und Wirt­schafts­kri­se in der Ge­schich­te des Ka­pi­ta­lis­mus. Ei­ne ‚Gro­ße Trans­for­ma­ti­on' steht tat­säch­lich an." (El­mar Alt­va­ter in 89 , S. 134f.)

zeu­gen wir selbst und zwar kos­ten­los. Das be­deu­tet: Wir sind in die­sen Ver­wer­tungs­pro­zess so stark ver­strickt wie nie zu­vor. Daum be­haup­tet da­her wohl zu Recht: „Der Ka­pi­ta­lis­mus ist kei­ne frem­de, uns knech­ten­de Macht: Wir selbst sind der Ka­pi­ta­lis­mus.“(S. 123) Das zeigt sich auch in un­se­rem Ar­beits­le­ben. Ar­beit „ent­grenzt“sich zu­neh­mend. Und das zeigt sich da­rin, dass wir in der Frei­zeit im­mer mehr auf die Ver­wer­tung un­se­rer ei­ge­nen Per­son „schie­len“; al­les kann heu­te zum po­ten­ti­el­len Wett­be­werbs­vor­teil wer­den. Selbst­op­ti­mie­rung steht auf der Ta­ges­ord­nung, fast rund um die Uhr. Je­des In­di­vi­du­um wird zum „Un­ter­neh­mer sei­ner selbst“und lässt sich – so­wohl als Pro­du­zent als auch als Kon­su­ment von In­for­ma­ti­on – in den „di­gi­ta­len Ka­pi­ta­lis­mus“per­fekt ein­pas­sen. Im „Eil­tem­po“be­schreibt Daum ei­ne Viel­zahl ak­tu­el­ler ge­sell­schaft­li­cher Ent­wick­lun­gen. Gleich­zei­tig be­nennt er ih­re tief­sit­zen­den Pro­ble­me, die der Grund­struk­tur des Ka­pi­ta­lis­mus, aber auch der neu ent­ste­hen­den di­gi­ta­len Öko­no­mie ge­schul­det sind. Ein Mo­dell, das zu­min­dest ei­ni­ge Aus­wüch­se des Ka­pi­ta­lis­mus ein­däm­men könn­te und mitt­ler­wei­le auch von Ver­tre­te­rin­nen der Wirt­schaft an­ge­prie­sen wird, ist das be­din­gungs­lo­se Grund­ein­kom­men (BGE). Für Daum bricht das BGE je­doch nicht mit der ka­pi­ta­lis­ti­schen Lo­gik. Der Groß­teil un­se­res Da­seins, sei­en es un­se­re so­zia­len Kon­tak­te oder un­se­re Grund­be­dürf­nis­se, bleibt auch un­ter dem BGE geld- und wert­ver­mit­telt. Ein be­dürf­nis­ori­en­tier­tes Wirt­schaf­ten sei auch mit ei­nem Grund­ein­kom­men nicht zu ha­ben. Dar­um plä­diert der­au­tor für na­he­zu klas­sisch so­zia­lis­ti­sche For­de­run­gen, wie et­wa für ei­ne all­ge­mei­ne und kos­ten­lo­se Gr­und­ver­sor­gung. Was die Sphä­re der In­for­ma­ti­on be­trifft, spricht sich Daum für mehr Trans­pa­renz aus. Die Ent­schei­dung darüber, wie und wo­für di­gi­ta­le Da­ten ein­ge­setzt und ver­wen­det wer­den, soll nicht pri­va­ten Un­ter­neh­men über­las­sen, son­dern viel­mehr de­mo­kra­ti­schen Pro­zes­sen un­ter­wor­fen wer­den.

Ka­pi­ta­lis­mus­kri­tik: Di­gi­ta­li­sie­rung Daum, Ti­mo. Das Ka­pi­tal sind wir. Zur Kri­tik der di­gi­ta­len Öko­no­mie. Ham­burg: Ed. Nau­ti­lus, 2017. 272 S. (Nau­ti­lus Flug­schrift), € 18,- [D], 18,50 [A]

ISBN 978-3-96054-058-8

Marx neu ent­de­cken

Das Buch „Marx neu ent­de­cken“von El­mar Alt­va­ter bie­tet ei­ne dich­te und kennt­nis­rei­che Ein­füh­rung in die Theo­rie und Phi­lo­so­phie von Karl Marx (und von Fried­rich En­gels). Im Zen­trum steht – we­nig über­ra­schend – die „Kri­tik der po­li­ti­schen Öko­no­mie“, die Marx v. a. in sei­nem Haupt­werk „Das Ka­pi­tal“aus­for­mu­lier­te. Alt­va­ter skiz­ziert ei­ne Viel­zahl von Be­grif­fen der Marx­schen Theo­rie, wie z.b. Wa­re, Ar­beit, Geld und Fe­tisch, oh­ne je­doch in zu abs­trak­te sprach­li­che „Sphä­ren“ab­zu­glei­ten. Die­ses Buch bie­tet – trotz sei­ner Kür­ze – aber auch noch mehr: Der Au­tor ver­sucht zahl­rei­che Ge­dan­ken der Marx­schen Theo­rie für ak­tu­el­le ge­sell­schaft­li­che Fra­ge­stel­lun­gen und Pro­ble­me frucht­bar zu ma­chen.

Auf der Grund­la­ge der Marx­schen The­se, nur im und durch den Pro­duk­ti­ons­pro­zess – d. h. durch Ar­beit und Aus­beu­tung – wer­de Wert und Mehr­wert ge­schaf­fen, ana­ly­siert Alt­va­ter den ge­gen­wär­ti­gen „fi­nanz­ge­trie­be­nen Ka­pi­ta­lis­mus“. Die (spe­ku­la­ti­ven) Ge­win­ne, die auf den Fi­nanz­märk­ten ge­ne­riert wer­den, kön­nen durch den Wert, der im Pro­duk­ti­ons­pro­zess ent­steht, nicht „ein­ge­holt“wer­den. Es ent­steht ei­ne im­mer brei­ter klaf­fen­de Lü­cke zwi­schen pro­du­zier­tem Wert und den Mas­sen an „fik­ti­vem Ka­pi­tal“auf den Fi­nanz­märk­ten. Die mo­ne­tä­re Sphä­re ver­liert ver­mehrt an „Bo­den­haf­tung“. Dies führt – frü­her oder spä­ter – zum wirt­schaft­li­chen Crash. Die­ser fi­nanz­ge­trie­be­ne Me­cha­nis­mus ist nicht die ein­zi­ge „Quelle“öko­no­mi­scher Kri­sen. Ei­ne klas­si­sche Kri­sen­ur­sa­che ist je­ne des „ten­den­zi­el­len Falls der Pro­fi­tra­te“. Durch Ra­tio­na­li­sie­rungs­pro­zes­se wird der An­teil der mensch­li­chen Ar­beit im Ver­gleich zum kon­stan­ten Ka­pi­tal im­mer klei­ner. Wenn je­doch Ar­beit – die laut Marx je­nes Ele­ment ist, das den Wert erst her­vor­bringt – in ih­rer Be­deu­tung schwin­det, ge­rät auch die Ver­wer­tung des Ka­pi­tals zu­neh­mend ins „Sto­cken“. Letzt­end­lich kommt Alt­va­ter – in klas­sisch mar­xis­ti­scher Ma­nier – zum Schluss, Kri­sen ge­hör­ten zum Funk­tio­nie­ren des Ka­pi­ta­lis­mus. Erst da­durch kön­nen die „Un­gleich­ge­wich­te“, die durch sei­ne in­ne­ren Wi­der­sprü­che fort­lau­fend er­zeugt wer­den, zu­min­dest für kur­ze Zeit „be­rei­nigt“wer­den; – zu­min­dest bis zur nächs­ten Kri­se.

Auch wenn Marx selbst (na­he­zu) kein Wort über die „Übe­r­aus­beu­tung“von Frau­en in ka­pi­ta­lis­ti­schen Sys­te­men ver­lo­ren hat, ana­ly­siert der Au­tor ge­mein­sam mit Dag­mar Vinz die be­ste­hen­den Ge­schlech­ter­ver­hält­nis­se. Durch und mit Marx lässt sich er­ken­nen, dass der zir­ku­lä­re Pro­zess der Ka­pi­tal­ver­wer­tung, in dem aus Geld mehr Geld ge­macht wird, ei­ne Vor­aus­set­zung hat: und zwar die Re­pro­duk­ti­on der Ar­beits­kraft. Um die Öko­no­mie am Lau­fen zu hal­ten, müs­sen sich zum ei­nen Ar­bei­te­rin­nen re­ge­ne­rie­ren, z.b. durch Es­sen, Schlaf, Hy­gie­ne etc.; zum an­de­ren müs­sen sie neue Ar­beits­kräf­te schaf­fen, und zwar durch Fort­pflan­zung und Er­zie­hung. Die­se re­pro­duk­ti­ven Tä­tig­kei­ten wer­den auch heu­te noch vor­wie­gend Frau­en über­ant­wor­tet und zu­ge­schrie­ben; je­doch nicht als Ar­beit er- und an­er­kannt. Sie wer­den viel­mehr ins Pri­va­te ab­ge­scho­ben und da­durch „unsicht­bar“ge­macht. Mit Be­zug­nah­me auf Nan­cy Fra­ser und Frig­ga Haug plä­die­ren Alt­va­ter und Vinz da­her für ei­ne Neu- und Hö­her­be­wer­tung re­pro­duk­ti­ver Ar­beit. Die­se Neu­be­wer­tung kann wohl nur ein

Schritt un­ter vie­len für mehr Ge­schlech­ter­ge­rech­tig­keit sein.

We­nig über­ra­schend streicht Alt­va­ter die Be­deu­tung der öko­lo­gi­schen Fra­ge an vie­len Stel­len des Buchs her­aus. Grund­sätz­lich wird der mensch­li­che Re­pro­duk­ti­ons­pro­zess durch Ar­beit und da­mit durch die „Be­ar­bei­tung“von Na­tur be­werk­stel­ligt. Ar­beit und die Ge­ne­rie­rung von Mehr­wert ha­ben ei­ne Vor­aus­set­zung: die Aus­beu­tung der na­tür­li­chen Res­sour­cen. Un­ter den be­ste­hen­den Ver­hält­nis­sen wer­den im­mer mehr Res­sour­cen in im­mer ex­zes­si­ve­rer Wei­se in den ka­pi­ta­lis­ti­schen Ver­wer­tungs­pro­zess hin­ein­ge­zo­gen. Letzt­end­lich führt dies zu ei­ner Be­dro­hung mensch­li­cher Exis­tenz­grund­la­gen. Vie­le Öko­no­min­nen und Öko­lo­gin­nen ver­su­chen Um­welt­pro­ble­me durch ein Mehr an Ra­tio­na­li­sie­rung und durch die Stei­ge­rung von Ef­fi­zi­enz in den Griff zu be­kom­men. Die­se Stra­te­gie ent­larvt Alt­va­ter als we­nig hilf­rei­ches Un­ter­fan­gen. Denn sie un­ter­schlägt, dass Ef­fi­zi­enz­stei­ge­run­gen fast aus­schließ­lich durch den Er­satz von le­ben­di­ger Ar­beit durch Ma­schi­ne­rie be­werk­stel­ligt wer­den kön­nen. Die­ser Vor­gang, d.h. die Pro­duk­ti­on und das Be­trei­ben von Ma­schi­nen, be­nö­tigt in vie­len Fäl­len nicht we­ni­ger, son­dern mehr Ener­gie. Über­dies wird oft­mals der so­ge­nann­te „re­bound ef­fect“un­ter­schätzt: Ef­fi­zi­en­ter und durch we­ni­ger Ener­gie­ver­brauch her­ge­stellt Pro­duk­te füh­ren auf­grund ih­res ge­rin­gen Ver­kaufs­prei­ses in der Re­gel zu ei­ner Kon­s­um­stei­ge­rung. Po­ten­ti­el­le Ener­gie­er­spar­nis­se, die durch den Ein­satz von um­welt­freund­li­che­ren Ver­fah­ren an­ge­strebt wer­den, wer­den da­durch wie­der zu­nich­te­ge­macht. Alt­va­ter rich­tet sich da­her ge­gen die Idee ei­ner „gre­en eco­no­my“, die sich ge­nau in die­se Irr­tü­mer ver­strickt. Viel­mehr spricht er sich für ei­nen „grü­nen So­zia­lis­mus“aus, der u.a. für den Ein­satz nicht-fos­si­ler Ener­gie­quel­len und für ei­ne „Ent­schleu­ni­gung“der Wirt­schaft im All­ge­mei­nen steht.

Mar­xis­mus: Theo­rie Alt­va­ter, El­mar. Marx neu ent­de­cken. Das hell­blaue Bänd­chen zur Ein­füh­rung in die Kri­tik der Po­li­ti­schen Öko­no­mie. Ham­burg: VSA, 2012. 144 S.,

€ 9,- [D], 9,30 [A] ; ISBN 978-3-89965-499-8

Die Welt er­fas­sen und ver­än­dern

Der Mar­xist und Li­te­ra­tur­theo­re­ti­ker Ter­ry Eagle­ton legt in die­sem, kürz­lich auf Deutsch er­schie­nen Buch sei­ne ma­te­ria­lis­ti­sche Grund­po­si­ti­on dar. Gleich­zei­tig grenzt sich der Au­tor vom Ma­te­ria­li­täts­und Kör­per­ver­ständ­nis post­mo­der­ner und post­struk­tu­ra­lis­ti­scher Theo­ri­en ab, die heu­te im links-aka­de­mi­schen Spek­trum als „Main­stream“gel­ten. Die­se zäh­len zum Theo­ri­ein­ven­tar ei­ner „kul­tu­rel­len Lin­ken“– wie sie Eagle­ton po­le­misch nennt –, die be­reits in den 1980er Jah­ren „be­tre­ten über den Ge­gen­stand des Ka­pi­ta­lis­mus schwieg“(S. 9) und die heu­te na­he­zu in­fla­tio­när von „Kör­per­lich­keit“spricht.

Im ers­ten Ka­pi­tel stellt Eagle­ton klar, dass es nicht den Ma­te­ria­lis­mus gibt. Vom „küh­len“Ma­te­ria­lis­mus, der al­les Le­ben­de und al­les Geis­ti­ge auf Mecha­nis­ti­sches re­du­zie­ren will, bis hin zum Vi­ta­lis­mus, der auch in Ge­gen­stän­de Le­ben und Geist hin­ein­pro­ji­ziert, scheint al­les mög­lich zu sein. Der Au­tor plä­diert für ei­nen kla­ren und mar­xis­tisch in­spi­rier­ten Stand­punkt, der den Men­schen als na­tur­haf­tes We­sen be­trach­tet, je­doch – un­gleich post­mo­der­ner Spiel­ar­ten des Ma­te­ria­lis­mus – Dif­fe­ren­zen zwi­schen Men­schen und leb­lo­sen Ge­gen­stän­den so­wie Tie­ren nicht ein­eb­net. Men­schen sind Teil der Na­tur und da­mit ab­hän­gi­ge We­sen, aber gleich­zei­tig zu Au­to­no­mie fä­hig. Au­to­no­mie ist ein „Um­ge­hen“mit Ab­hän­gig­keit, d.h. durch Ab­hän­gig­kei­ten be­dingt; an­sons­ten kä­me au­to­no­mes Han­deln zu­fäl­li­gem Ver­hal­ten gleich. Ab­hän­gig­kei­ten ma­chen uns als ma­te­ri­el­le We­sen ver­letz­lich, aber nur in der Aus­ein­an­der­set­zung mit ih­nen kann et­was Neu­es und Pro­duk­ti­ves ent­ste­hen. „Weil wir Fleisch­klum­pen ei­ner spe­zi­el­len Sor­te sind, sind wir auch da­zu fä­hig, als Trä­ger der Ge­schich­te auf­zu­tre­ten.“(S. 31) Ge­nau die­ser „Fleisch­klum­pen“ist für Eagle­ton von be­son­de­rem In­ter­es­se. Der Au­tor stellt sich jeg­li­chem Dua­lis­mus, wie z.b. je­nem zwi­schen Geist bzw. Le­ben und Ma­te­rie, ent­ge­gen. Le­ben ist für ihn stets ma­te­ri­ell rea­li­siert. Auch den Dua­lis­mus zwi­schen „Sub­jek­ti­vem“und „Ob­jek­ti­vem“un­ter­zieht er ei­ner kri­ti­schen Re­fle­xi­on. Mit Witt­gen­stein kommt er et­wa zum Schluss, dass der le­ben­de Kör­per gleich der See­le ist und um­ge­kehrt. In je­der Be­we­gung und in je­dem Ge­fühls­aus­druck wird das See­li­sche des Kör­per­li­chen of­fen­bart. Blickt man in ein vor Angst ver­zerr­tes Ge­sicht, er­lebt man den Geist so­zu­sa­gen in vi­vo. Auch Be­deu­tung ist mit dem Ma­te­ri­el­len en­ger ver­knüpft als wir – ge­prägt vom car­te­sia­ni­schen Dua­lis­mus – land­läu­fig an­neh­men. Die Be­deu­tun­gen von Ges­ten er­ge­ben sich aus der Pra­xis, aus dem Tun. Die ma­te­ri­el­le Le­bens­form und un­se­re Kör­per­lich­keit ver­an­las­sen und prä­gen un­ser Denken. Auch die Ver­nunft ist nichts Abs­trak­tes und vom Him­mel Ge­fal­le­nes. Sie grün­det sich in un­se­rem Stre­ben nach Glück und Wohl­be­fin­den, wel­ches nur durch kon­kre­tes Han­deln ver­wirk­licht wer­den kann. „Ei­ne Ra­tio­na­li­tät, die nicht in ei­ner prak­ti­schen, sinn­li­chen Exis­tenz ge­er­det ist, ist nicht ein­fach man­gel­haft: Sie ist ganz und gar nicht ra­tio­nal.“(S. 68)

Mit Marx führt Eagle­ton aus, dass zwi­schen dem Pos­tu­lat der Ge­schicht­lich­keit so­wie Ve­rän­der­bar­keit des Men­schen und dem Glau­ben an Ei­gen-

„Der Ma­te­ria­lis­mus ist in ver­schie­de­nen Ge­schmacks­sor­ten er­hält­lich. Es gibt hart­ge­sot­te­ne Va­ri­an­ten und weich­ge­koch­te. […] Mir geht es […] um Ar­ten von Ma­te­ria­lis­mus, die im wei­te­ren Sin­ne ge­sell­schaft­lich oder po­li­tisch sind – und von de­nen die Neu­ro­wis­sen­schaf­ten nichts Span­nen­des zu be­rich­ten wis­sen.“

(Ter­ry Eagle­ton in , S. 11)

„Wir mö­gen von der Na­tur ab­hän­gen, aber die Na­tur hängt nicht von uns ab. In ei­ner Ge­sell­schaft zu le­ben, heißt nicht, nicht mehr län­ger in der Na­tur zu le­ben, son­dern die Na­tur in ei­ner spe­zi­el­len Art zu ‚le­ben‘ – durch Ar­beit bei­spiels­wei­se, die der Na­tur mensch­li­che Be­deu­tung ver­leiht.“

(Ter­ry Eagle­ton in , S. 85)

schaf­ten, die dem Men­schen über­dau­ernd an­haf­ten, al­so „na­tür­lich“sind, kein zwin­gen­der Wi­der­spruch be­steht. Der Mensch ist so­wohl Kul­tur- als auch Na­tur­we­sen, wo­bei „[i]n den Au­gen von Marx [… ] die Na­tur grund­le­gen­der als die Ge­schich­te“(S. 84) ist. Ei­ne über­dau­ern­de Ei­gen­schaft des Men­schen ist et­wa die, dass er für sei­ne Re­pro­duk­ti­on die Na­tur ver­än­dern, sprich ar­bei­ten muss. Die­se Tat­sa­che schließt je­doch nicht aus, dass Men­schen „his­to­ri­sche Ge­schöp­fe sind“(S. 81). Im vier­ten Ka­pi­tel be­zieht sich Eagle­ton v.a. auf Nietz­sche und kon­tras­tiert die­sen mit Marx. Ob­wohl bei­de sehr un­ter­schied­li­che Vor­stel­lun­gen über ei­ne „idea­le“Ge­sell­schaft ha­ben, ge­hen sie da­von aus, dass Zi­vi­li­sa­ti­on – bei Marx die kom­mu­nis­ti­sche Ge­sell­schaft – nur über die In­k­auf­nah­me von Leid, z.b. durch Aus­beu­tung, zu rea­li­sie­ren ist. Wäh­rend die­se Er­kennt­nis für Marx je­doch „tra­gi­sche Wahr­heit“ist, dient sie für Nietz­sche für die „Recht­fer­ti­gung des Bö­sen“(S. 126). Im letz­ten Ka­pi­tel geht der Au­tor u.a. dar­auf ein, dass un­ser Denken, un­se­re Spra­che und un­ser Wis­sen in un­se­ren Kör­pern und in un­se­ren Le­bens­for­men wur­zeln. So ist in un­se­rer Kör­per­lich­keit Wis­sen ver­an­kert, das blind ab­ge­ru­fen und „aus­a­giert“wer­den kann. Wir kön­nen uns mit an­de­ren ver­stän­di­gen, weil wir die­sel­be kör­per­li­che Kon­sti­tu­ti­on und ei­ne ähn­lich aus­ge­stat­te­te In­nen­welt auf­wei­sen.

Ins­ge­samt ge­lingt es Eagle­ton ei­ne ma­te­ria­lis­ti­sche Po­si­ti­on zu for­mu­lie­ren, die den Kör­per als­aus­gangs­punkt für theo­re­ti­sches so­wie po­li­ti­sches Denken aus­weist. Ei­ne Theo­rie die­ser Form kann die Viel­schich­tig­keit mensch­li­cher Le­bens­äu­ße­run­gen in­te­grie­ren, oh­ne da­bei ei­nem Dua­lis­mus zu ver­fal­len.

Mar­xis­mus: Theo­rie

Eagle­ton, Ter­ry. Ma­te­ria­lis­mus. Die Welt er­fas­sen und ver­än­dern. Wi­en: Pro­me­dia, 2018. 192 S., € 17,90 [D], 18,40 [A] ; ISBN 978-3-85371-433-1

Der un­ver­söhn­te Marx

Die Welt ist in Auf­ruhr: Wirt­schafts- und Fi­nanz­kri­sen, Re­li­gi­ons­krie­ge, Hun­gers­nö­te, Na­tur­ka­ta­stro­phen. Kein Wun­der, dass im­mer mehr Men­schen auf das kri­ti­sche Po­ten­ti­al Marx­scher Über­le­gun­gen zu­rück­grei­fen. Aber was ist das Cha­rak­te­ris­ti­sche an sei­nen Theo­ri­en? Vie­le ver­or­ten die „Spreng­kraft“im ana­ly­ti­schen Po­ten­ti­al sei­ner Ide­en, das es er­mög­licht, die ge­sell­schaft­li­che Tie­fen­struk­tur ge­dank­lich zu durch­drin­gen und in wei­te­rer Fol­ge zu kri­ti­sie­ren. In die­sen Fäl­len wird Marx vor­wie­gend als Öko­nom oder So­zio­lo­ge be­trach­tet. Für Micha­el Quan­te, dem Au­tor von „Der un­ver­söhn­te Marx“, ist je­ner durch und durch Phi­lo­soph. „Na­tür­lich“, wür­den vie­le Ken­ne­rin­nen ant­wor­ten, „war Marx auch Phi­lo­soph! Im­mer­hin schrieb er in sei­nem Früh­werk über Re­li­gi­on, kri­ti­sier­te He­gel so­wie des­sen bür­ger­li­ches Denken und grenz­te sich spä­ter so­gar von den Links­he­ge­lia­nern ab.“Für Quan­te kä­me die­se An­sicht je­doch ei­ner „Hal­bie­rung“von Marx gleich. Der Au­tor ist viel­mehr An­hän­ger der so­ge­nann­ten „Kon­ti­nui­täts­the­se“. Die­se be­strei­tet, dass es ei­nen Bruch im Werk von Marx gibt, nach dem sich – ver­ein­facht ge­sagt – Marx von ei­nem Phi­lo­so­phen zu ei­nem Wis­sen­schaf­ter wan­del­te. Marx hielt – so Quan­te – bis tief in sein Spät­werk hin­ein, an vie­len phi­lo­so­phi­schen The­sen­fest, die er be­reits in jun­gen Jah­ren ver­tre­ten hat­te. Quan­te re­kon­stru­iert die Phi­lo­so­phie Marx‘an­hand ein­zel­ner Früh­schrif­ten und auch an­hand der „Kri­tik der po­li­ti­schen Öko­no­mie“. Da­bei geht er auf den Ent­frem­dungs- und den An­er­ken­nungs­be­griff so­wie auf ge­schichts­phi­lo­so­phi­sche Über­le­gun­gen ein. Ein Kern der Marx­schen Ethik ist der Ge­dan­ke, Men­schen soll­ten sich ge­gen­sei­tig in ih­ren Be­dürf­nis­sen an­er­ken­nen. Ziel ei­ner je­den In­ter­ak­ti­on bzw. ei­ner Ge­mein­schaft wä­re es dem­nach, die In­di­vi­dua­li­tät der Ein­zel­nen zu rea­li­sie­ren, in­dem ih­re Be­dürf­nis­se als sol­che an­er­kannt und letzt­end­lich ge­mein­schaft­lich be­frie­digt wer­den. Nur so kann laut Marx dem mensch­li­chen Gat­tungs­we­sen ent­spro­chen wer­den. Be­reits der geld­ver­mit­tel­te Tausch wirkt ent­frem­dend. Un­ter ka­pi­ta­lis­ti­schen Ver­hält­nis­sen – und nicht nur un­ter die­sen – tritt man nicht um das Be­dürf­nis des an­de­ren Wil­lens in In­ter­ak­ti­on, son­dern um die ei­ge­nen, zum Teil ego­is­ti­schen An­lie­gen zu be­die­nen. Marx kri­ti­siert, dass sich die In­di­vi­du­en ge­gen­sei­tig in­stru­men­ta­li­sie­ren; dass das Ge­gen­über in der Re­gel als Mit­tel und nicht als Zweck be­trach­tet wird. Hier setzt Quan­tes Kri­tik ein. Der Au­tor be­män­gelt, die Marx­sche Kon­zep­ti­on set­ze ei­nen zu ho­hen nor­ma­ti­ven Maß­stab. Denn laut Quan­te führt „die Uto­pie der Aus­schließ­lich­keit un­mit­tel­ba­rer, al­tru­is­tisch mo­ti­vier­ter In­ter­ak­ti­on“, die Marx in letz­ter Kon­se­quenz for­dert, zu „über­for­dern­den Ef­fek­te[n] für die Le­bens­form des Men­schen ins­ge­samt“(S. 49).

Be­kannt­lich hat die Wa­re für Marx so­wohl Ge­brauch­sals auch (abs­trak­ten) Tau­sch­wert. Letz­te­rer ist ge­sell­schaft­li­cher Na­tur und kon­sti­tu­ie­ren­des Mo­ment wa­ren­pro­du­zie­ren­der Ge­sell­schaf­ten. Der Wert wird durch Ar­beit ge­schaf­fen und am Markt rea­li­siert. Der Mehr­wert, der da­durch ent­steht, dass Ar­bei­te­rin­nen mehr Wert schaf­fen als sie letzt­end­lich zum Le­ben be­nö­ti­gen, wird von den Ka­pi­ta­lis­tin­nen ein­be­hal­ten und im Zir­kel ei­nes end­lo­sen Pro­duk­ti­ons­pro­zes­ses ak­ku­mu­liert. Laut Quan­te be­tont Marx selbst in sei­nen spä­te­ren, öko­no­misch aus­ge­rich­te­ten Ana­ly­sen das Mo­ment der Ent­frem­dung. Auch dort wird deut­lich, dass es der Ge­brauchs­wert ist, der ei-

„Ich glau­be, dass Marx heu­te sehr ak­tu­ell ist und es auch im­mer war. […] Die Ak­tua­li­tät sei­nes Den­kens liegt nach mei­nem Ver­ständ­nis vor al­lem da­rin, kon­se­quent von ei­nem phi­lo­so­phi­sch­an­thro­po­lo­gi­schen Mo­dell aus­zu­ge­hen und ei­ne ethisch im­prä­gnier­te Deu­tung der Ge­sell­schaft des Men­schen in Form ei­ner kri­ti­schen So­zi­al­phi­lo­so­phie zu ent­fal­ten.“(Micha­el Quan­te in , S. 101f.)

gent­lich im Mit­tel­punkt ge­sell­schaft­li­cher Pro­duk­ti­on ste­hen soll­te; im­mer­hin ist dies je­ner Aspekt, der zur Be­frie­di­gung von Be­dürf­nis­sen führt. Un­ter ka­pi­ta­lis­ti­schen Ver­hält­nis­sen ist es je­doch ge­nau um­ge­kehrt: „Tau­sch­wert wird zum Ziel, Ge­brauchs­wert zum Mit­tel.“(S. 55) Der Mensch muss sich – will er über­le­ben und am ge­sell­schaft­li­chen Le­ben teil­ha­ben – die­ser Zweck-mit­tel-ver­keh­rung, die sich un­ter ka­pi­ta­lis­ti­schen Be­din­gun­gen so­zu­sa­gen ver­selb­stän­digt ha­ben, un­ter­wer­fen. Der Mensch ar­bei­tet und pro­du­ziert für die Schaf­fung von Tau­sch­wer­ten und nicht für die Be­dürf­nis­se der Men­schen. Da­durch ent­äu­ßert er sich sei­nes „Gat­tungs­we­sens [… ] als ei­nes sich selbst pro­du­zie­ren­den, sich selbst frei be­stim­men­den und sich selbst zum Zwe­cke ha­ben­den ge­sell­schaft­li­chen We­sens.“(ebd.) Folgt man Quan­te, bleibt Marx so­mit auch noch im hö­he­ren Al­ter sei­ner Idee vom Men­schen als Gat­tungs­we­sen treu, der auf ei­ne ge­mein­schaft­li­che Le­bens­füh­rung aus­ge­rich­tet ist. Es ist je­doch nicht der Tausch al­lei­ne, son­dern das ge­sam­te wa­ren­pro­du­zie­ren­de Sys­tem, das die Men­schen von ih­ren Er­zeug­nis­sen, von ih­rer Ar­beit, von ih­ren Mit­men­schen und letzt­lich von ih­rem We­sen ent­frem­det. An­ge­sichts der zu­neh­men­den Zahl an Kon­flik­ten so­wie der vie­len öko­lo­gi­schen und wirt­schaft­li­chen Kri­sen stün­de Marx den ge­gen­wär­ti­gen Ver­hält­nis­sen – wohl mehr denn je – „un­ver­söhn­lich“ge­gen­über.

Mar­xis­mus: Phi­lo­so­phie

Quan­te, Micha­el. Der un­ver­söhn­te Marx.

Die Welt in Auf­ruhr. Müns­ter: Men­tis, 2018. 115 S., € 12,90 [D], € 13,30 [A] ; ISBN 978-3-95743-120-2

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