Ka­pi­ta­lis­mus­kri­tik Ver­hal­ten im Kon­sum­ka­pi­ta­lis­mus

ProZukunft - - Inhalt -

Beim Ar­bei­ten wer­den wir im­mer ra­tio­na­ler, funk­tio­nie­ren bes­ser und er­fül­len un­se­re Auf­ga­ben schnel­ler. Nach der Ar­beit sind wir ge­fühl­vol­ler, ent­spann­ter und au­then­ti­scher. Selt­sam, dass das so gut klappt. Tut es das? Ste­fan Wal­ly hat Bü­cher über un­ser Ver­hal­ten im Kon­sum­ka­pi­ta­lis­mus ge­le­sen.

Beim Ar­bei­ten wer­den wir im­mer ra­tio­na­ler, funk­tio­nie­ren bes­ser und er­fül­len un­se­re Auf­ga­ben schnel­ler. Nach der Ar­beit sind wir ge­fühl­vol­ler, ent­spann­ter und au­then­ti­scher. Selt­sam, dass das so gut klappt. Tut es das? Ste­fan Wal­ly hat Bü­cher über un­ser Ver­hal­ten im Kon­sum­ka­pi­ta­lis­mus ge­le­sen.

„Wäh­rend die Sphä­re der ka­pi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­on Dis­zi­plin und Ver­zicht er­for­dert, stellt die des Kon­sums die Idea­le der Selbst­be­frei­ung, Au­then­ti­zi­tät und emo­tio­na­len Er­fül­lung in den Vor­der­grund.“

(El­la Ill­ouz in 136 , S. 25 )

Wa(h)re Ge­füh­le

Eva Ill­ouz hat sich die ver­gan­ge­nen 200 Jah­re der west­li­chen Welt an­ge­se­hen. Und sie steht vor ei­nem Phä­no­men: Wie kann es sein, dass das mensch­li­che Han­deln gleich­zei­tig zu­neh­mend ra­tio­na­li­siert und emo­tio­nal in­ten­si­viert wur­de? Die ver­gan­ge­nen Jahr­hun­der­te ha­ben un­se­ren wirt­schaft­li­chen Aus­tausch im­mer ef­fi­zi­en­ter und ra­tio­na­ler wer­den las­sen. Gleich­zei­tig er­leb­ten wir ab dem 19. Jahr­hun­dert ei­ne Hin­wen­dung zu Ge­füh­len, Stim­mun­gen und in­di­vi­du­el­len Be­find­lich­kei­ten in zu­vor un­ge­kann­tem Aus­maß.

Die Au­to­rin hat nach­ge­le­sen und stellt die bis­he­ri­gen Er­klä­rungs­mus­ter vor. Die The­se von den kul­tu­rel­len Wi­der­sprü­chen des Ka­pi­ta­lis­mus geht da­von aus, dass die­se wi­der­sprüch­li­chen Hand­lungs­for­men in ver­schie­de­nen Be­rei­chen der Ge­sell­schaft kul­tu­rell ge­spal­te­ne Per­sön­lich­kei­ten her­vor­brin­gen. „Wäh­rend die Sphä­re der ka­pi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­on Dis­zi­plin und Ver­zicht er­for­dert, stellt die des Kon­sums die Idea­le der Selbst­be­frei­ung, Au­then­ti­zi­tät und emo­tio­na­len Er­fül­lung in den Vor­der­grund.“(S. 25) Die­ser Wi­der­spruch sei ei­ne der Schwä­chen des Ka­pi­ta­lis­mus. Ill­ouz be­trach­tet die The­se von den kul­tu­rel­len Wi­der­sprü­chen skep­tisch, denn sie konn­te nicht er­klä­ren, war­um es bei der Zu­nah­me der Ar­beits­zeit gleich­zei­tig zu ei­ner Er­star­kung der Be­deu­tung des per­sön­li­chen Le­bens kam, wie sie für die letz­ten Jahr­zehn­te cha­rak­te­ris­tisch war. Auch in den all­täg­li­chen Er­fah­run­gen der Men­schen wer­den die­se wi­der­sprüch­li­chen Ver­hal­tens­for­men nicht als an der Per­son zer­ren­de ge­gen­sätz­li­che Kräf­te emp­fun­den. (vgl. ebd.)

Ei­ne zwei­te The­se geht da­von aus, dass die Zu­nah­me an Pri­vat­le­ben sich aus der öko­no­mi­schen Ef­fi­zi­enz­stei­ge­rung er­gab. Sie sei als Teil des Er­trags von Ar­beit­neh­me­rin­nen­sei­te ein­ge­for­dert und von den Ar­beit­ge­be­rin­nen auch un­ter dem Vor­zei­chen ge­währt wor­den, dass da­durch die Le­gi­ti­mi­tät und auch Sta­bi­li­tät des öko­no­mi­schen Sys­tems ge­währ­leis­tet bleibt. „Die Rück­sicht auf die Ge­füh­le der Ar­beit­neh­mer sei Teil ei­ner all­ge­mei­ne­ren Stra­te­gie des Ka­pi­ta­lis­mus zur Stei­ge­rung sei­ner Le­gi­ti­mi­tät.“(S. 26) Die So­zio­lo­gin kri­ti­siert an die­ser Er­klä­rung, dass hier vor­aus­ge­setzt wird, dass es die An­sprü­che der Ar­beit­neh­me­rin­nen be­reits gibt, „als hand­le es sich um na­tür­li­che For­de­run­gen mo­der­ner Ak­teu­re. Gera­de die Tat­sa­che aber, möch­te ich da­ge­gen be­haup­ten, dass das emo­tio­na­le und per­sön­li­che Le­ben zum Ge­gen­stand mo­ra­li­scher An­sprü­che ge­wor­den ist, be­darf der Er­klä­rung, und zwar ei­ner Er­klä­rung, die mit un­se­rem Gr­und­ver­ständ­nis der ka­pi­ta­lis­ti­schen Lo­gik in Ein­klang steht“(S. 27).

Ill­ouz nä­hert sich der Be­schrei­bung ih­res Er­klä­rungs­vor­schla­ges über die Ar­beit von Vi­via­na Ze­li­zer. Die­se ver­such­te zu zei­gen, dass öko­no­mi­sches Kal­kül und in­ti­me Be­zie­hun­gen mit­nich­ten ei­nen Ge­gen­satz bil­den, fi­nan­zi­el­le Trans­ak­tio­nen und In­tim­be­zie­hun­gen viel­mehr ge­mein­sam her­vor­ge­bracht wer­den und sich ge­gen­sei­tig stüt­zen. Die Au­to­rin will hier noch ei­nen Schritt wei­ter ge­hen. „Der vor­lie­gen­de Band bie­tet ei­ne his­to­risch ein­fa­che­re und so­zio­lo­gisch be­last­ba­re­re Hy­po­the­se an, um den frag­li­chen Pro­zess zu ana­ly­sie­ren und zu er­klä­ren. Sie wird so­wohl der his­to­ri­schen Dy­na­mik ei­ner sich aus­wei­ten­den ka­pi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­on als auch der Tat­sa­che ge­recht, dass das Ge­fühls­le­ben für mo­der­ne In­di­vi­du­en enorm an Be­deu­tung ge­won­nen hat: Der Kon­sum­ka­pi­ta­lis­mus hat Emo­tio­nen in zu­neh­men­den Maß zu Wa­ren ge­macht, und die­ser his­to­ri­sche Pro­zess er­klärt auch die In­ten­si­vie­rung des Ge­fühls­le­bens, wie sie in den ‚west­li­chen‘ ka­pi­ta­lis­ti­schen Ge­sell­schaf­ten seit dem En­de des 19. Jahr­hun­derts, be­son­ders deut­lich aber in der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts, zu be­ob­ach­ten ist.“(S. 28f.)

Die lei­ten­de Idee, dass Ge­füh­le zu Wa­ren ge­wor­den sind, prägt auch das vor­lie­gen­de Buch. Es fasst Er­geb­nis­se ei­ner Je­ru­sa­le­mer For­schungs­grup­pe zu­sam­men und ver­sucht sich an ei­ner Eth­no­gra­phie der Au­then­ti­zi­tät, das heißt je­ner kul­tu­rel­len Stra­te­gie, de­ren sich mo­der­ne In­di­vi­du­en be­die­nen, um ihr – in ei­ner On­to­lo­gie der Ge­füh­le ver­an­ker­tes – Selbst­ver­ständ­nis zu kon­stru­ie­ren und zu be­grün­den. Zum Ab­schluss des Bu­ches re­flek­tiert Ill­ouz über wei­te­re Kon­se­quen­zen ih­rer Theo­ri­en. Wenn Ge­füh­le zu Wa­ren wer­den, be­nö­ti­ge man ein phi­lo­so­phi­sches Vo­ka­bu­lar, um emo­tio­na­le Er­fah­run­gen zu kri­ti­sie­ren. Dies könn­te man, wenn man ein au­then­ti­sches Selbst mit ei­nem see­li­schen Kern jen­seits von ge­sell­schaft­li­chen und kul­tu­rel­len Kon­ven­tio­nen be­stimm­ten könn­te. Die­se Idee der Au­then­ti­zi­tät ent­wi­ckel­te sich im 19. Jahr­hun­dert und

wur­de im­mer mehr zu ei­ner Auf­for­de­rung, Nor­men und ge­sell­schaft­li­che Rol­len ab­zu­schüt­teln. Der Kampf ge­gen ein fal­sches Selbst, für ein au­then­ti­sches Le­ben trat in den Mit­tel­punkt. Und prompt wur­de die­ses Rin­gen um das Ich-sein zu ei­nem Markt. „Pro­duk­ti­on und Kon­sum von Au­then­ti­zi­tät sind zu ei­nem zen­tra­len struk­tu­rie­ren­den Vek­tor des emo­tio­na­len Kon­sums ge­wor­den“(S. 275), schreibt Ill­ouz. Sie ver­tritt die Auf­fas­sung, dass die Au­then­ti­zi­tät im Ver­lauf des Kon­su­mie­rens von Ge­fühls­wa­ren nicht „be­freit“, „frei­ge­legt“oder „ver­wirk­licht“, son­dern in dem Pro­zess erst ge­schaf­fen wird. Dies ge­schieht in drei Di­men­sio­nen. Ers­tens wird ver­sucht, Ver­gan­ge­nes zu re­kon­stru­ie­ren, was u.a. durch den psy­cho­ana­ly­ti­schen Markt be­dient wer­de. Zwei­tens er­lebt man sei­ne Au­then­ti­zi­tät als Ge­fühl bei be­stimm­ten Er­leb­nis­sen und in At­mo­sphä­ren, wie bei Ur­lau­ben, in Kon­zer­ten oder im Re­stau­rant. Drit­tens kann Au­then­ti­zi­tät auch ein zu­kunfts­ori­en­tier­tes Pro­jekt sein, wor­auf in Selbst­hil­fe­grup­pen und an­de­ren An­ge­bo­ten der Selbst­ent­de­ckung hin­ge­ar­bei­tet wird.

Das Pro­blem folgt auf dem Fuß. „Lässt sich Au­then­ti­zi­tät an­ge­sichts ih­res Ver­mö­gens, das Selbst in die­sen drei Zeit­di­men­sio­nen zu for­men, über­haupt noch kri­ti­sie­ren? Wenn Au­then­ti­zi­tät die haupt­säch­li­che und zen­tra­le be­deu­tungs­vol­le Pra­xis des Selbst­seins durch Kon­sum ist, wie sol­len wir sie dann kri­ti­sie­ren?“(S. 277) Die Sub­jek­ti­vi­tät ha­be „ei­ne Ebe­ne ra­di­ka­ler Im­ma­nenz er­reicht, auf der Sinn­haf­tig­keit nicht mehr durch kol­lek­ti­ve Be­deu­tun­gen, son­dern durch äs­the­ti­sche Ob­jek­te und Er­fah­run­gen ge­stif­tet wird, in de­nen die Sin­ne und Ge­füh­le selbst­re­fe­ren­ti­ell ge­wor­den sind und als trei­ben­de Kräf­te der Sub­jek­ti­vie­rung fun­gie­ren, als Aus­gangs­punk­te sub­jek­ti­ver emo­tio­na­ler Er­fah­run­gen.“(S. 285) Ill­ouz legt in dem Buch na­he, dass Ge­füh­le nicht in­ner­lich oder psy­cho­lo­gi­scher Na­tur sind. Viel­mehr sei­en Ge­füh­le Aus­druck so­zia­ler Be­zie­hun­gen, die durch Din­ge, Si­tua­tio­nen, Räu­me, At­mo­sphä­ren und sinn­li­che Rei­ze ver­mit­telt wer­den. „Wenn wir aber die Kau­sal­ket­te ei­nes Er­eig­nis­ses oder ei­ner Ei­gen­schaft der Sub­jek­ti­vi­tät auf ei­ne Ket­te von Ur­sa­chen zu­rück­füh­ren, so be­wirkt dies doch kri­ti­sche Ef­fek­te, wie ich es nen­nen möch­te, weil die zeit­ge­nös­si­sche Sub­jek­ti­vi­tät als ei­ne sui ge­ne­ris kon­zi­piert ist, als selbst­er­zeugt.“(S. 287) Ein Stan­dard­werk für die Dis­kus­si­on über un­se­re Ge­gen­wart. Kon­sum­ge­sell­schaft

136 Wa(h)re Ge­füh­le. Au­then­ti­zi­tät im Kon­sum­ka­pi­ta­lis­mus. Hrsg. v. Eva Ill­ouz, Ber­lin: Suhr­kamp, 2018. 332 S., € 22,- [D], 22,70 [A] ; ISBN 978-3-518-29808-4

Über un­se­re All­tags­kul­tur

Pa­trick Schrei­ner fragt, war­um Men­schen so­was mit­ma­chen. Da­bei meint er un­ser Ver­hal­ten im Neo­li­be­ra­lis­mus und re­det über Selbst­op­ti­mie­rung, Selbst­ein­schrän­kung und Leis­tungs­druck selbst im pri­va­ten Le­ben. „Um Er­folg und An­er­ken­nung zu er­lan­gen, sol­len sich die Men­schen als ak­tiv und selbst­dis­zi­pli­niert er­wei­sen und da­bei un­ter­neh­me­risch und ego­is­tisch denken und han­deln. Um ge­gen­über sei­nen Kon­kur­ren­tin­nen die Na­se vorn zu ha­ben, gilt es, wett­be­werbs­fä­hig und in­no­va­tiv zu sein oder zu wer­den.“(S. 15) Schrei­ner führt uns durch die Ge­dan­ken­welt von Au­to­rin­nen, in der es im­mer wie­der um die Fra­ge geht, war­um wir da­bei mit­ma­chen. Er be­ginnt bei Marx, zeigt uns die Er­klä­run­gen von Da­vid Har­vey, Karl Po­lanyi, Nor­bert Eli­as, Eva Ill­ouz und vie­len an­de­ren mehr.

Wir Men­schen wer­den markt­ge­recht zu­ge­rich­tet. Schrei­ner macht dies zum Bei­spiel an­hand der Re­de von der „Per­sön­lich­keit“fest. „An­ge­bo­te zur Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung las­sen sich als Fol­ge wie auch als Re­ak­ti­on auf das ver­ste­hen, was Marx ‚Ent­frem­dung‘ be­zeich­net hat.fol­ge sind sie in­so­fern, als vie­le Men­schen Ar­beit im neo­li­be­ra­len Ka­pi­ta­lis­mus of­fen­bar gera­de nicht als be­frie­di­gend er­le­ben, son­dern als äu­ßer­lich und be­las­tend. Dies wirkt sich nicht zu­letzt in Form ei­nes pro­ble­ma­ti­schen Ver­hält­nis­ses zu sich selbst aus – als Ent­frem­dung von sich und an­de­ren. Die Men­schen su­chen nach We­gen, da­mit um­zu­ge­hen, und schaf­fen so ei­ne Nach­fra­ge nach ent­spre­chen­den Pro­duk­ten. Re­ak­ti­on auf Ent­frem­dung sind An­ge­bo­te der Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung in­so­fern, als sie sol­che We­ge auf­zei­gen. Da­bei pre­di­gen sie stets Selbst­ver­än­de­rung und Ei­gen­ver­ant­wor­tung. Sie trei­ben die Selbst-in­stru­men­ta­li­sie­rung auf im­mer neue Stu­fen. Und be­stär­ken da­mit letzt­lich das gan­ze Elend.“(S. 29)

Mit Da­vid Har­vey zeigt Schrei­ner, wie die Ve­rän­de­rung des Ka­pi­ta­lis­mus auch ei­ne Ve­rän­de­rung der An­pas­sung er­for­dert. Mit dem Ka­pi­ta­lis­mus, ins­be­son­de­re aber seit den 1970er-jah­ren, sei es zu ei­ner all­ge­mei­nen Be­schleu­ni­gung ge­kom­men. Pro­dukt­zy­klen wür­den im­mer kür­zer, Mo­den im­mer wech­sel­haf­ter, Ka­pi­tal und In­for­ma­tio­nen be­weg­ten sich im­mer schnel­ler, Wis­sen wer­de im­mer ra­scher ent­wer­tet. Dies füh­re da­zu, dass das post­mo­der­ne Denken Aspek­te wie Un­be­stän­dig­keit und Flüch­tig­keit, aber auch Viel­fäl­tig­keit und Mehr­deu­tig­keit be­son­ders be­to­ne. (vgl. S. 37) Dies er­for­dert im­mer schnel­le­re Wech­sel in den Er­schei­nungs­for­men der Pro­duk­te, auch in der Pro­duk­ti­on von Images. In der

„Um Er­folg und An­er­ken­nung zu er­lan­gen, sol­len sich die Men­schen als ak­tiv und selbst­dis­zi­pli­niert er­wei­sen und da­bei un­ter­neh­me­risch und ego­is­tisch denken und han­deln. Um ge­gen­über sei­nen Kon­kur­ren­tin­nen die Na­se vorn zu ha­ben, gilt es, wett­be­werbs­fä­hig und in­no­va­tiv zu sein oder zu wer­den.”

(Pa­trick Schrei­ner in 137 , S. 15)

Post­mo­der­ne ist die Be­lie­big­keit ei­ne Re­flek­ti­on auf die Or­ga­ni­sa­ti­on der Öko­no­mie.

Schrei­ner hat auch Koch­shows be­ob­ach­tet. „Sie­ge­rin ist, wer die an­de­ren mit dem krea­tivs­ten, ein­zig­ar­tigs­ten, ge­schmack­volls­ten und au­ßer­ge­wöhn­lichs­ten Ge­richt über­trumpft. Da­mit sind die Koch­sen­dun­gen von heu­te auch Spie­gel der Ge­sell­schaft. In vie­len da­von sind Ich-be­zo­ge­ne Ver­hal­tens­we­sen zu be­ob­ach­ten, die nicht zu­fäl­lig an das Ver­hal­ten von Markt-teil­neh­me­rin­nen er­in­nern.“(S. 52) Die­ses Über­grei­fen von Markt­ver­hal­ten und Markt­re­geln auf so Ba­na­les wie Koch­sen­dun­gen er­in­nert Schrei­ner an das Werk von Karl Po­lanyi, der die Ge­schich­te des 19. Und 20. Jahr­hun­dert als Ge­schich­te der Durch­set­zung und Ent­gren­zung von Märk­ten be­schreibt.

Die ent­grenz­ten Märk­te sto­ßen da­bei auf we­ni­ger Wi­der­stand durch die Ein­zel­nen, als man ver­mu­ten wür­de. Mit der Me­di­en­wis­sen­schaft­le­rin The­re­sa Sau­ter zeigt Schrei­ner, dass die Selbst­dar­stel­lung von Men­schen mit ih­rer Selbst­for­ma­ti­on zu­sam­men­fal­len wür­de. Die Nut­ze­rin­nen von per­sön­li­chen We­bauf­trit­ten bei­spiel­wei­se ha­ben nicht im Vor­hin­ein ein fes­te, kla­re, fer­ti­ge Iden­ti­tät und Per­sön­lich­keit, viel­mehr ent­wi­ckeln und ver­än­dern sie die­se stän­dig – auch im Schrei­ben und Nach­den­ken über das, was sie im In­ter­net über sich of­fen­le­gen. Wir wer­den, was wir sein sol­len. Fou­cault hat dies auch als das In­ein­an­der­flie­ßen von Selbst­füh­rung und Fremd­füh­rung ge­se­hen. Die­se Selbst­for­mung nach den Kri­te­ri­en der Ge­sell­schaft hat kein En­de: Man ist „nie mit et­was fer­tig“(Gil­les De­leu­ze). Es tre­ten Ide­en wie „le­bens­lan­ges Ler­nen“, „Li­felog­ging“, „Self Tracking“und „di­gi­ta­li­sier­ter Leis­tungs­sport“auf. Die Selbst­kon­trol­le wer­de vom Staat an den Ein­zel­nen über­tra­gen, wie es schon Nor­bert Eli­as be­schrie­ben hat­te.

Die Öko­no­mi­sie­rung er­fasst auch die Po­li­tik. Sie prägt zum ei­nen po­li­ti­sche In­hal­te, In­sti­tu­tio­nen und Pro­zes­se. Zum an­de­ren ver­än­dert sie das Selbst­ver­ständ­nis, das Ge­sell­schafts­bild und das Ver­hal­ten der Men­schen. Die Kom­mer­zia­li­sie­rung der Bil­dung ist ein Bei­spiel da­für, wie po­li­ti­sche Gestal­tung nach Markt­kri­te­ri­en or­ga­ni­siert wird. Wenn Po­li­tik in der Lo­gik des Mark­tes ge­macht wird, greift – we­nig über­ra­schend – die Über­zeu­gung der Al­ter­na­tiv­lo­sig­keit um sich. Dass die Lo­gik des Mark­tes selbst vor der Lie­be nicht halt macht, wird von Schrei­ner an­hand der Ar­beit von Eva Ill­ouz er­klärt. Lie­be wer­de zwar als Zufluchts­ort von Markt und Pro­duk­ti­on ge­se­hen, doch der Zu­gang da­zu ist stark ab­hän­gig von der öko­no­mi­schen Po­si­ti­on der Be­tei­lig­ten. Auch die Her­stel­lung von Ro­man­tik sei öko­no­mi­siert, selbst das Lie­bes­ver­hal­ten, und wird durch den Kon­sum ro­man­ti­scher Wa­ren und Di­enst­leis­tun­gen ent­schei­dend ge­prägt: vom Ur­laub, der Klei­dung, dem Re­stau­rant usw. Schrei­ners Buch ist ei­ne kom­pak­te Ein­füh­rung in die heu­te wich­tigs­ten Theo­ri­en, um die Kul­tur des Ka­pi­ta­lis­mus zu ver­ste­hen. Im­mer wie­der wird man sti­mu­liert, in die ei­ne oder an­de­re Rich­tung wei­ter­zu­le­sen. Emp­feh­lens­wert. Neo­li­be­ra­lis­mus

137 Schrei­ner, Pa­trick: War­um Men­schen so­was mit­ma­chen. Acht­zehn Sicht­wei­sen auf das Le­ben im Neo­li­be­ra­lis­mus. Köln: Pa­py-ros­sa Ver­lag, 2017. 165 S., € 13,90 [D],14,30 [A] ISBN 978-3-89438-632-0

War­um Cof­fee to go?

Der Ka­pi­ta­lis­mus als „ei­ne per­fi­de Ma­schi­ne, die un­se­re Kri­tik am ent­frem­de­ten Le­ben in der in­dus­tria­li­sier­ten Mo­der­ne auf­nahm und uns mit ei­nem Ju­do-griff wie­der auf die Mat­te ka­pi­ta­lis­ti­schen Ver­ge­sell­schaf­tung warf: Die An­sprü­che der Künst­ler­kri­tik (…) nach Au­then­ti­zi­tät, Fle­xi­bi­li­tät, Selbst­ver­wirk­li­chung, Ganz­heit­lich­keit wur­den zu ei­ner Res­sour­ce der Er­neue­rung des Ka­pi­ta­lis­mus.“(S. 11) Das steht in Oli­ver Nacht­w­eys Ein­lei­tung für das Büch­lein „Le­xi­kon der Leis­tungs­ge­sell­schaft“. Was dann folgt, sind Selbst­be­ob­ach­tun­gen über un­ser Ver­hal­ten im mo­der­nen Ka­pi­ta­lis­mus, die Se­bas­ti­an Fried­rich, Re­dak­teur der Zeit­schrift „ana­ly­se und kri­tik“, über „Do­ping“, „Kar­rie­re“, „Ma­ra­thon“, „On­li­ne Da­ting“und vie­le an­de­re Be­grif­fe zu­sam­men­ge­tra­gen hat.

Ein Bei­spiel, „Cof­fee to go“: „Wo man frü­her in al­ler Ru­he in ex­tra da­für vor­ge­se­hen Räu­men auf schwe­ren Pols­ter­ses­seln Platz nahm, muss man heu­te ei­nen Papp­be­cher in der Hand hal­ten, um nicht den Ein­druck vor sich selbst und an­de­ren zu er­we­cken, still zu ste­hen. Der Cof­fee to go in der Hand sym­bo­li­siert Dy­na­mik, Be­we­gung, Mo­bi­li­tät, Schnel­lig­keit und Leis­tungs­wil­lig­keit. In ihm ver­dich­ten sich die An­sprü­che und Ver­spre­chen der Leis­tungs­ge­sell­schaft.“(S. 23) Leis­tungs­ge­sell­schaft

138 Fried­rich, Se­bas­ti­an: Le­xi­kon der Leis­tungs­ge­sell­schaft. Wie der Neo­li­be­ra­lis­mus un­se­ren All­tag prägt. Müns­ter: ed. as­sem­bla­ge, 2016. 90 S., € 7,80 [D], 8,- [A] ; ISBN 978-3-96044-001-9

Angst ver­drängt Phan­ta­sie

Jörg Schind­ler, So­zio­lo­gie und Jour­na­list des „Spie­gel“mit dem Schwer­punkt auf die The­men Ter­ro­ris­mus und In­ne­re Si­cher­heit, steht

vor ei­nem Wi­der­spruch. Wir sind die ge­sün­des­ten, reichs­ten und am längs­ten le­ben­den Men­schen der Ge­schich­te. Aber wir wer­den im­mer ängst­li­cher.

Ärz­te re­gis­trie­ren seit Jah­ren ei­ne deut­li­che Zu­nah­me an Angs­ter­kran­kun­gen. Schind­ler geht in sei­nem Buch der Fra­ge nach, war­um das so ist. Er sieht drei Wur­zeln der Angst. Zum ers­ten die wirt­schaft­li­chen Sor­gen. Der Glau­be an das Wohl­stands­ver­spre­chen bröck­le und er­fül­le vie­le Men­schen mit Sor­ge. Zum zwei­ten spricht er von ei­nem Kult des In­di­vi­dua­lis­mus. Die­ser trei­be die Men­schen aus­ein­an­der und un­ter­lau­fe so­mit das Si­cher­heits­emp­fin­den. Er las­se im­mer we­ni­ger Raum, um ge­mein­sam das wach­sen­de Un­be­ha­gen an­zu­ge­hen. Schließ­lich füh­re das gras­sie­ren­de Miss­trau­en in der Ge­sell­schaft da­zu, dass Ver­schwö­rungs­theo­ri­en wie­der auf frucht­ba­ren Bo­den fal­len.

Die Ängs­te sei­en mitt­ler­wei­le zur Grund­la­ge ei­ner ge­wal­ti­gen In­dus­trie ge­wor­den. „Wo sich Angst breit­macht, bleibt je­doch kein Platz für Phan­ta­sie, für Ide­en, für neue Le­bens­ent­wür­fe“, warnt Schind­ler. Angst

139 Schind­ler, Jörg: Pa­nik­ma­che. Wie wir vor lau­ter Angst un­ser Le­ben ver­pas­sen. Frank­furt/m.: Fi­scher, 2016. 287 S., € 14,99 [D], 19,50 [A] ISBN 978-3-596-03416-1

Das Im­mo­ra­li­sche

In ei­nem sehr er­fri­schend zu le­sen­den Buch, her­aus­ge­ge­ben von Micha­el Man­fé, geht es um „das Im­mo­ra­li­sche“. Die Au­to­rin­nen des Ban­des fla­nie­ren und hal­ten Aus­schau nach Er­schei­nungs­for­men des Im­mo­ra­li­schen. „Sie er­zäh­len und über­set­zen. In­so­fern sind die vor­lie­gen­den Aus­ein­an­der­set­zun­gen Rei­se­be­rich­te.“(S. 29)

Der Her­aus­ge­ber setz­te sich bei­spiels­wei­se mit dem Be­griff der Au­then­ti­zi­tät aus­ein­an­der. „Ge­gen­wär­tig herrscht ein Im­pe­ra­tiv der Au­then­ti­zi­tät und die­ser ent­fal­tet ei­nen Zwang sich selbst ge­gen­über. Er er­zeugt ei­nen Zwang sich per­ma­nent selbst zu be­fra­gen, zu be­lau­schen, zu be­la­gern. Er ver­schärft da­durch den nar­ziss­ti­schen Selbst­be­zug. Das Fa­ta­le am Au­then­ti­zi­täts­zwang ist, dass die­ser das Ich da­zu zwingt, sich selbst zu pro­du­zie­ren. So­mit ist Au­then­ti­zi­tät be­zie­hungs­wei­se der Zwang da­zu letz­ten En­des die neo­li­be­ra­le Pro­duk­ti­ons­form des Selbst. Au­then­ti­zi­tät macht Men­schen zu Pro­du­zen­ten ih­rer selbst.“(S. 59) War­um nicht ein Le­ben ab­seits der neo­li­be­ra­len Lo­gik, fragt Man­fé, war­um nicht ei­ne un­pro­duk­ti­ve Form der Ver­aus­ga­bung? „Wir ha­ben in der Tat zu­ge­las­sen, dass uns die Ge­walt der so­zia­len Welt über­wäl­tig­te, wie sie auch un­se­re Vä­ter, Müt­ter, Groß­vä­ter und Groß­müt­ter über­wäl­tig­te, und vie­le an­de­re mehr über­wäl­tig­te. Es ist an der Zeit, dem Im­mo­ra­li­schen das La­chen aus­zu­trei­ben und der Wahr­heit ins Ge­sicht zu bli­cken. Die Wahr­heit er­grün­den, so wie es Au­gus­te Ro­din bei sei­nen Skulp­tu­ren ver­such­te.“(S. 66)

An an­de­rer Stel­le be­klagt Cla­ra Buch­horn, dass wir nicht mehr von Im­mo­ral spre­chen. Da­bei brau­che es ne­ben dem Denken des Mo­ra­li­schen auch ein Denken des Im­mo­ra­li­schen. „Trei­ben wir in der Welt aber al­lein dem Gu­ten zu, ver­lie­ren wir nicht nur das Be­wusst­sein für Bö­ses, son­dern auch für das Gu­te und un­se­re Frei­heit. Oft­mals ist das Le­ben al­les an­de­re als klar – aber wird es kla­rer, wenn wir uns in ei­nem Ein­heits­brei aus au­gen­schein­lich Gu­tem be­we­gen und ori­en­tie­rungs­los dar­in ver­sin­ken, weil wir den Ho­ri­zont aus den Au­gen ver­lie­ren?“(S. 201) Ein sti­mu­lie­ren­des Buch, das gera­de auf­grund sei­ner Viel­falt zur Re­fle­xi­on an­stößt. Moral

140 Das Im­mo­ra­li­sche. Hrsg. v. Micha­el Man­fé. Ham­burg: Avi­nus, 2017. 293 S., € 22,- [D], 22,60 [A] ISBN 978-3-869380919

Das Hei­li­ge

Hans Jo­as geht es in sei­nem neu­en Buch „Die Macht des Hei­li­gen“um die Ab­wehr te­leo­lo­gi­scher Ge­schichts­kon­struk­tio­nen. Kon­kret zielt er auf die Idee der „Ge­schich­te als Ent­zau­be­rung“ab, die ei­ne Ent­wick­lung der Welt von ma­gi­schen, re­li­giö­sen zu wis­sen­schaft­li­chen Hand­lungs­be­grün­dun­gen be­schreibt. Er sieht in die­ser gera­den Li­nie der Er­zäh­lung die Ge­fahr, dass der Blick für die em­pi­ri­sche Viel­falt der Phä­no­me­ne ver­lo­ren ge­he.

Der Ge­schich­te der fort­schrei­ten­den Ent­zau­be­rung hält er die Idee der kol­lek­ti­ven Selbst­sa­kra­li­sie­rung ent­ge­gen. Zu­erst skiz­ziert Jo­as ein Bild, das Re­li­gi­on auf his­to­risch-mensch­li­che Er­fah­run­gen von et­was, das als hei­lig emp­fun­den wird, zu­rück­zu­führt. Wich­tig ist ihm da­bei, dass die­se Er­fah­run­gen nicht in­di­vi­dua­lis­tisch ver­engt, son­dern als in Prak­ti­ken ver­an­kert ge­se­hen wer­den. Die­se Ge­schich­te ist eng ver­bun­den mit Ele­men­ten der Macht. Was aber ist Selbst­sa­kra­li­sie­rung?

Die Theo­rie der Sa­kra­li­sie­rung geht von ei­ner Theo­rie des Han­delns aus, die der phi­lo­so­phi­schen Schu­le des Prag­ma­tis­mus ver­bun­den ist. Die Be­zie­hun­gen des Men­schen als Or­ga­nis­mus zu sei­ner Um­welt sei­en zu­tiefst ge­prägt von sei-

„Wir ha­ben in der Tat zu­ge­las­sen, dass uns die Ge­walt der so­zia­len Welt über­wäl­tig­te, wie sie auch un­se­re Vä­ter, Müt­ter, Groß­vä­ter und Groß­müt­ter über­wäl­tig­te, und vie­le an­de­re mehr über­wäl­tig­te. Es ist an der Zeit, dem Im­mo­ra­li­schen das La­chen aus­zu­trei­ben und der Wahr­heit ins Ge­sicht zu bli­cken. Die Wahr­heit er­grün­den, so wie es Au­gus­te Ro­din bei sei­nen Skulp­tu­ren ver­such­te.“

(Micha­el Man­fé in 140 , S. 66 )

nen Ak­ti­vi­tä­ten. „Grund­le­gend ist näm­lich die Idee, daß der Or­ga­nis­mus Mensch in sei­nem Be­zug zur Um­welt Pro­blem­span­nun­gen er­lebt, die be­wäl­tigt wer­den müs­sen, und daß dies der je­wei­li­ge Aus­gangs­punkt für neue Hand­lungs­va­ri­an­ten wird, die dann er­neut ins rou­ti­nier­te Hand­lungs­re­per­toire Ein­gang fin­den.“(S. 426) Wich­tig ist da­bei, dass durch die­ses Ver­ständ­nis Wahr­neh­mung und Er­kennt­nis als Pha­sen des Han­delns auf­ge­fasst wer­den. Das Set­zen von Zwe­cken ge­schieht nicht in geis­ti­gen Ak­ten au­ßer­halb von Hand­lungs­si­tua­tio­nen, son­dern ist Re­sul­tat ei­ner si­tua­ti­ven Re­fle­xi­on, auf die in un­se­rem Han­deln im­mer schon wirk­sa­men, vor­re­fle­xi­ven Stre­bun­gen und Ge­richtet­hei­ten. Mensch­li­ches Han­deln wer­de da­durch von ei­nem Zweck-mit­tel-sche­ma in kom­ple­xe­re Vor­gän­ge um­ge­deu­tet, was Raum gibt für ei­nen Um­gang mit Pro­ble­men, der spie­le­ri­schen Cha­rak­ter ha­ben kann. Hand­lungs­bah­nen kön­nen zu­min­dest ima­gi­när ver­las­sen, neue Brü­cken­schlä­ge zwi­schen den ei­ge­nen Hand­lungs­ten­den­zen und den ob­jek­ti­ven Ge­ge­ben­hei­ten der Welt kön­nen spie­le­risch oder ex­pe­ri­men­tell un­ter­nom­men wer­den. (vgl. S. 427) Aus die­ser Art des (krea­ti­ven) Han­delns kon­sti­tu­ie­re sich ein „Selbst“. Da dies in ei­nem Pro­zess ge­sche­he, ist nicht an ei­nen bio­gra­phi­schen End­punkt zu denken. Men­schen ver­su­chen das Selbst, das hier ent­steht, zu sta­bi­li­sie­ren.

Dann ver­weist Jo­as auf Si­tua­tio­nen, in de­nen es zu Er­schüt­te­run­gen der sym­bo­li­schen Grenz­zie­hun­gen, die das Selbst aus­ma­chen, kommt. „Für die­se Er­schüt­te­run­gen – im po­si­ti­ven wie im ne­ga­ti­ven Fall – ver­wen­de ich den Be­griff Selbst­tran­szen­denz.“(S. 431) Es geht da­bei um Er­fah­run­gen, die ei­ne fun­da­men­tal pas­si­ve Di­men­si­on auf­wei­sen – um Er­fah­run­gen nicht des Er­grei­fens von Hand­lungs­mög­lich­kei­ten, son­dern des Er­grif­fen­wer­dens et­wa durch Per­so­nen oder Idea­le. In die­se Ka­te­go­rie sor­tiert Jo­as Er­fah­run­gen des Ver­lie­bens und der Lie­be, der Öff­nung des Selbst im ge­lin­gen­den Dia­log oder im er­schüt­tern­den Mit­leid so­wie eu­pho­ri­scher Ent­gren­zungs­er­fah­run­gen in der Na­tur, ne­ben den Er­fah­run­gen kol­lek­ti­ver Ek­s­ta­se. „Auch re­li­giö­se Er­fah­run­gen, die nicht ein­fach ei­ne re­li­giö­se In­ter­pre­ta­ti­on all­ge­mein zu­gäng­li­cher Er­fah­run­gen sind, son­dern Glau­ben vor­aus­set­zen – ich nen­ne sol­che Er­fah­run­gen ‚sa­kra­men­ta­le Er­fah­run­gen‘ – ha­ben hier ih­ren Platz.“(S. 432f.) Die­se pas­si­ve Di­men­si­on des Er­grif­fen­wer­dens in den Er­fah­run­gen der Selbst­tran­szen­denz sei not­wen­dig die Er­fah­rung von er­grei­fen­den Kräf­ten. Das „Hei­li­ge“ist bei Jo­as nun ei­ne Qua­li­tät, die den er­grei­fen­den Kräf­ten zu­kommt (und nicht mit dem Gu­ten iden­tisch ist). Nur wenn die­se Er­fah­rung ethi­siert wird, der idea­le Ge­halt sich in ar­ti­ku­lier­ter Form von der vor­re­fle­xi­ven Ein­stel­lung ab­stra­hie­ren lässt, spricht Jo­as von Ide­al­bil­dung.

In der Ar­ti­ku­la­ti­on und der Deu­tung der Er­fah­rung kommt es in Kol­lek­ti­ven zu un­ter­schied­li­chen In­ter­pre­ta­tio­nen. „Wir be­we­gen uns zwi­schen den un­ab­hän­gig von uns be­ste­hen­den Ge­ge­ben­hei­ten ei­ner Si­tua­ti­on, un­se­rer ganz­heit­li­chen Er­fah­rung die­ser Si­tua­ti­on, un­se­rer ei­ge­nen ge­gen­wär­ti­gen Deu­tung un­se­rer Er­fah­rung so­wie öf­fent­lich eta­blier­ten Deu­tun­gen im­mer wie­der hin und her.“(S. 436) Die Er­fah­run­gen be­dür­fen frei­lich der Ar­ti­ku­la­ti­on mit Spra­che oder eher Sym­bo­len, meint Jo­as. Lo­gi­scher­wei­se führt dies zu Aus­ein­an­der­set­zun­gen über die­se Sym­bo­le und Be­grif­fe. Jo­as be­haup­tet in sei­nem Buch „die an­thro­po­lo­gi­sche Uni­ver­sa­li­tät der Er­fah­run­gen der ‚Selbst­tran­szen­denz‘ und der sich dar­aus er­ge­ben­den Zu­schrei­bun­gen von ‚Hei­lig­keit‘“(S. 440).

Nach­dem Jo­as die­se Pro­zes­se der Sa­kra­li­sie­rung in den Mit­tel­punkt sei­ner Über­le­gun­gen stellt, kom­bi­niert er sie mit der Ge­schich­te der Macht. Die Macht des Hei­li­gen zei­ge sich bei der Recht­fer­ti­gung wie bei der In­fra­ge­stel­lung po­li­ti­scher und so­zia­ler Macht, weil die Bin­dung der Men­schen an das von ih­nen er­fah­ren­de Hei­li­ge ei­ne ih­rer stärks­ten Mo­ti­va­ti­ons­quel­len dar­stel­le. (S. 20) Die Al­ter­na­ti­ve zur Ge­schich­te der Ent­zau­be­rung müs­se das Wech­sel­spiel von den viel­fäl­ti­gen Pro­zes­sen der Sa­kra­li­sie­rung mit viel­fäl­ti­gen Pro­zes­sen der Macht­bil­dung sein, und nicht et­wa die Ge­schich­te der Wis­sen­schaft oder des Er­kennt­nis­fort­schritts der Mensch­heit. (vgl. S. 445)

„Die Kon­tin­genz die­ses Wech­sel­spiels ver­bie­tet es, an­ge­sichts der Mög­lich­keit im­mer neu­er Pro­zes­se der Sa­kra­li­sie­rung und Ide­al­bil­dung auf ei­nen ge­schichts­über­grei­fen­den Pro­zeß der Ent­wer­tung al­ler Sa­kra­li­tä­ten und Idea­le oder ei­ne Er­sti­ckung der Mög­lich­keit zur Neu­ent­ste­hung von Idea­len zu schlie­ßen. Der Be­griff der Sa­kra­li­sie­rung be­zeich­net eben nicht ei­nen ein­heit­li­chen welt­his­to­ri­schen Pro­zeß, son­dern ei­ne un­über­schau­ba­re und un­pro­gnos­ti­zier­ba­re Viel­falt sol­cher Pro­zes­se.“(ebd.)

Das Denken des ka­tho­li­schen So­zio­lo­gen Jo­as ist ein wich­ti­ger und vor al­lem krea­ti­ver Be­zugs­punkt der ge­gen­wär­ti­gen Dis­kus­si­on über den Cha­rak­ter ge­sell­schaft­li­cher Ent­wick­lun­gen. Sä­ku­la­ri­sie­rung

141 Jo­as, Hans: Die Macht des Hei­li­gen. Ei­ne Al­ter­na­ti­ve zur Ge­schich­te der Ent­zau­be­rung. Ber­lin: Suhr­kamp, 2017. 543 S., € 35,- [D], 36,- [A] ISBN 978-3-518-58703-4

„Leit­fa­den für die Ent­wick­lung ei­ner Al­ter­na­ti­ve zur Ge­schich­te von der Ent­zau­be­rung muß des­halb das Wech­sel­spiel von viel­fäl­ti­gen Pro­zes­sen der Sa­kra­li­sie­rung mit viel­fäl­ti­gen Pro­zes­sen der Macht­bil­dung sein und nicht et­wa die Ge­schich­te der Wis­sen­schaft oder des Er­kennt­nis­fort­schritts der Mensch­heit.“

(Hans Jo­as in 141 , S. 445)

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