Trans­for­ma­ti­ons­for­schung Kon­sum in der Leis­tungs­ge­sell­schaft

ProZukunft - - Inhalt -

Ei­ne kol­lek­ti­ve Über­for­de­rung in un­se­rer Leis­tungs­ge­sell­schaft so­wie der Zu­sam­men­hang von Nar­ziss­mus, Macht und Un­ter­wer­fung sind The­men in die­sem Ka­pi­tel. Au­ßer­dem geht es um die Trans­for­ma­ti­on von Kon­sum­ge­sell­schaf­ten und den Mut zur Faul­heit. Hans

Holzin­ger hat sich um­ge­se­hen und bie­tet Ein­bli­cke.

Ei­ne kol­lek­ti­ve Über­for­de­rung in un­se­rer Leis­tungs­ge­sell­schaft or­tet der Psy­cho­ana­ly­ti­ker Wolf­gang Schmid­bau­er. Den Zu­sam­men­hang von Nar­ziss­mus, Macht und Un­ter­wer­fung un­ter­sucht die be­kann­te Psy­cho­the­ra­peu­tin Bär­bel War­detz­ki. Das neue Jahr­buch Bil­dung für nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung for­dert auf zum Per­spek­ti­ven­wech­sel und skiz­ziert sys­te­mi­sche Fal­len. Die Chan­cen und Gren­zen der Trans­for­ma­ti­on von Kon­sum­ge­sell­schaf­ten sind schließ­lich The­ma des Nach­hal­tig­keits­öko­no­men Fred Luks, und das Phi­lo­so­phi­cum Lech plä­diert für den Mut zur Faul­heit. Hans Holzin­ger hat sich um­ge­se­hen und bie­tet Ein­bli­cke.

Raub­bau an der Seee­le

Was ist ge­nug, fragt Wolf­gang Schmid­bau­er in sei­nem neu­en Buch „Raub­bau an der See­le“. In den ar­chai­schen Kul­tu­ren des Hun­gers sei die­ser Zu­stand ein­fach zu fin­den ge­we­sen: „Wer satt ist, kann auf­hö­ren, nach Ess­ba­rem zu su­chen. In den Zi­vi­li­sa­tio­nen aber do­mi­niert der Wunsch nach Si­cher­heit und in ihm die Angst. Die­ses Be­dürf­nis ist un­er­sätt­lich.“(S. 23) Da­mit ver­weist der Psy­cho­ana­ly­ti­ker auf die Dy­na­mi­ken des Leis­ten-müs­sens und des­sen Kehr­sei­te, die Angst vor dem Ver­sa­gen in der mo­der­nen An­spruchs­und Op­ti­mie­rungs­ge­sell­schaft. Schon früh wür­den Kin­der da­zu an­ge­hal­ten, sich ge­nü­gend an­zu­stren­gen, wenn sie „et­was wer­den wol­len“. Dies set­ze sich fort im Er­wach­se­nen­al­ter, ge­for­dert sei­en „ehr­gei­zi­ge, tüch­ti­ge, all­sei­tig funk­tio­nie­ren­de In­di­vi­du­en“(S. 25). Doch die mensch­li­che Psy­che ma­che hier nur be­dingt mit, so ei­ne zen­tra­le The­se von Schmid­bau­er: „See­li­sche Res­sour­cen ge­hor­chen den Gren­zen der Öko­lo­gie: Sie re­ge­ne­rie­ren sich, wenn wir sie mä­ßig aus­beu­ten. Wenn aber die Gren­ze zum Raub­bau über­schrit­ten wird, kippt das Sys­tem, schon mi­ni­ma­le Be­las­tun­gen über­for­dern es.“(ebd.) Das Er­geb­nis ken­nen wir: Bur­nout.

Die Ana­lo­gie zur Über­for­de­rung un­se­rer Öko­sys­te­me, dem Über­schrei­ten der pla­ne­ta­ri­schen Gren­zen in der ka­pi­ta­lis­ti­schen Raub­bau­ge­sell­schaft, liegt na­he. Schmid­bau­er spricht da­her von der „Öko­lo­gie der De­pres­si­on“und ver­weist da­bei auf die Am­bi­va­lenz un­se­res Kon­sum­wohl­stands. Leis­tungs­er­war­tung wer­de kom­bi­niert mit Ver­wöh­nung, die Re­gle­men­tie­rung ge­kop­pelt mit dem schnel­len Ge­nuss in Form von Kon­sum­häpp­chen, was mitt­ler­wei­le auch auf den Me­di­en­kon­sum zu­tref­fe. Dies macht für den Psy­cho­ana­ly­ti­ker die öko­lo­gisch ge­for­der­te Be­gren­zung schwie­rig und er­klä­re auch die sim­pli­fi­zie­ren­den „Welt­er­lö­sungs­ver­spre­chen“(S. 228) der neu­en Rech­ten. An vie­len Bei­spie­len de­mons­triert Schmid­bau­er die Fal­len der mo­der­nen Leis­tungs­ge­sell­schaft so­wie ih­ren Op­ti­mie­rungs­wahn. Der stoi­schen Hal­tung, dass Pro­ble­me und Schei­tern eben zum Le­ben da­zu ge­hör­ten, sei die per­ma­nen­te Angst vor dem Ver­sa­gen ge­wi­chen. Die Schuld am Schei­tern wer­de da­bei nicht mehr in ge­sell­schaft­li­chen Um­stän­den ge­se­hen, son­dern al­lein dem schei­tern­den In­di­vi­du­um zu­ge­schrie­ben. Schmid­bau­er geht noch ei­nen Schritt wei­ter, in­dem er auf die der Kon­sum­ge­sell­schaft kor­re­spon­die­ren­de Ant­wort auf psy­chi­sche Pro­ble­me ver­weist, näm­lich die ra­sant stei­gen­de Ver­schrei­bung von Psy­cho­phar­ma­ka: „Man dringt nicht zur Wurzel des Übels vor und än­dert dort et­was, so­dass die Re­ge­ne­ra­ti­on wie­der ei­ne Chan­ce hat. Son­dern man ver­mark­tet mit ho­hem Auf­wand und kom­pli­zier­ter Rhe­to­rik ein Mit­tel ge­gen die Fol­gen.“(S. 25)

Wo lie­gen Aus­we­ge? Die Sehn­sucht nach vor­in­dus­tri­el­len Zei­ten sei welt­fremd, so der Psy­cho­lo­ge und The­ra­peut, doch ge­he es dar­um, den fal­schen Ver­spre­chen der Kon­sum­ge­sell­schaft zu ent­kom­men. Er sieht es als Auf­ga­be der Po­li­tik an, die „de­struk­ti­ve Ver­füh­rungs­kraft von Wa­ren zu re­gu­lie­ren, wel­che Kör­per und Psy­che der Men­schen schä­di­gen“(S. 229). Zu­dem müs­se mensch­li­che Ar­beit neu de­fi­niert wer­den: es brau­che wie­der mehr ma­nu­el­le, hap­ti­sche Tä­tig­kei­ten, den Über­gang in ei­ne Ge­sell­schaft, in der ne­ben dem Er­werbs­be­ruf auch die an­de­ren Ver­rich­tun­gen des All­tags wie­der ge­schätzt wür­den („ge­rech­te Ver­tei­lung von Be­rufs­und Fa­mi­li­en­ar­beit“, S. 237), au­ßer­dem schließ­lich die Ab­kehr vom per­ma­nen­ten Op­ti­mie­rungs­zwang bzw. die Fä­hig­keit, „sich von dem Le­bens­ent­wurf ei­nes ste­ten Auf­stiegs zu ver­ab­schie­den“(ebd.).

In sei­nem Buch „He­li­ko­pter­mo­ral“, das sich dem The­ma „öf­fent­li­che Er­re­gung“wid­met, plä­diert Schmid­bau­er eben­falls für Be­gren­zung, Ent­schleu­ni­gung und Ab­kehr von zu vie­len Pro­the­sen­gü­tern. Er pro­ble­ma­ti­siert dar­in u.a. die zu­neh­men­de Nei­gung in der Wohl­stands­ge­sell­schaft, sich über al­les Mög­li­che zu be­schwe­ren und For­de­run­gen an „Ver­ant­wort­li­che“zu stel­len. An­statt die Welt durch noch mehr mo­ra­li­sche Re­geln und Er­re­gun­gen kom­pli­zier­ter zu ma-

„Un­ser Ziel muss sein, nicht in Wut, Angst, Ver­wei­ge­rung und Re­si­gna­ti­on ste­cken zu blei­ben, son­dern Al­ter­na­ti­ven zu er­ar­bei­ten.“

(Bär­bel War­detz­ki in 144 , S. 159)

chen, müss­ten wir sie „wie­der über­sicht­li­cher, sta­bi­ler, durch­schau­ba­rer ge­stal­ten“(S. 144), so ei­ne der The­sen. Ge­sell­schafts­kri­tik

142 Schmid­bau­er, Wolf­gang: Raub­bau an der See­le. Psy­cho­gramm ei­ner über­for­der­ten Ge­sell­schaft. Mün­chen: oe­kom, 2017. 247 S., € 22,- [D], 22,70 [A] ISBN 978-3-96006-009-3

143 Schmid­bau­er, Wolf­gang: He­li­ko­pter­mo­ral. Ham­burg: Mur­mann, 2017. 207 S., € 20,- [D], 20,60 [A] ISBN 978-3-946514-56-5

Nar­ziss­mus, Ver­füh­rung, Macht

Die Fra­ge, war­um gera­de nar­ziss­ti­sche Per­sön­lich­kei­ten sehr häu­fig in Füh­rungs­po­si­tio­nen ge­lan­gen und war­um wir der Ver­füh­rungs­kraft sol­cher Men­schen häu­fig un­ter­lie­gen, be­ant­wor­tet Bär­bel War­detz­ki in ih­rem Es­say über „Nar­ziss­mus, Ver­füh­rung und Macht“. Die Psy­cho­the­ra­peu­tin denkt da­bei nicht nur an Po­li­ti­ker wie Trump, Pu­tin oder Er­do­gan, son­dern an die vie­len, die in Äm­tern, Un­ter­neh­men oder auch Fa­mi­li­en ih­re nar­ziss­ti­sche Po­si­ti­on aus­nut­zen. Und sie sieht ei­ne Wech­sel­wir­kung am Werk: „Nar­ziss­ti­sche Struk­tu­ren in un­se­rer Ge­sell­schaft un­ter­stüt­zen die Ent­wick­lung nar­ziss­ti­scher Aus­wüch­se, aber auch um­ge­kehrt: Je nar­ziss­ti­scher die Füh­rung in Po­li­tik und Wirtschaft, um­so hof­fä­hi­ger wird nar­ziss­ti­sches Ge­ba­ren.“(S. 14)

Was ist al­so pro­ble­ma­tisch am Nar­ziss­mus? Als We­sens­merk­mal nar­ziss­ti­scher Men­schen macht War­detz­ki de­ren Un­fä­hig­keit zur Em­pa­thie und de­ren Ab­ge­schnit­ten­sein von der ei­ge­nen Iden­ti­tät aus. Das (Über-)le­ben nar­ziss­ti­scher Men­schen hän­ge an de­ren „gran­dio­ser Fas­sa­de“(S. 15). Da­bei un­ter­schei­det sie „po­si­ti­ven“Nar­ziss­mus im Sin­ne ei­nes ge­sun­den Selbst­wert­ge­fühls von „ne­ga­ti­vem“bzw. ma­li­gnem Nar­ziss­mus. Nar­ziss­ti­sche Füh­rung ha­be gera­de in Kri­sen­zei­ten Hoch­kon­junk­tur und dar­in lie­ge ih­re Ge­fahr: „Sie punk­tet durch ein­fa­che Lö­sun­gen und lässt uns glau­ben, dass es al­lein an der ei­ge­nen Per­son lä­ge, die Din­ge wie­der zu­recht­zu­rü­cken.“(S. 22) Per­so­nen­kult und gran­dio­se Ret­tungs­vor­stel­lun­gen en­de­ten aber häu­fig in Groß­macht­phan­ta­si­en. Schwin­det der Rück­halt in der Be­völ­ke­rung, kön­ne es zu Auf­stän­den kom­men: „Die letz­te Ret­tung ist dann das dik­ta­to­ri­sche Ver­hal­ten.“(S. 23)

Wir leb­ten in ei­ner Welt des „Al­les-mach­ba­ren und des Bes­ser-seins“(S. 27) – da schließt War­detz­ki an Schmid­bau­er an –, und dies för­de­re das Aus­ein­an­der­fal­len von Sein und Schein. Es ent­ste­he ei­ne „Ent­lee­rung, die wir mit im­mer mehr Gü­tern aus­zu­fül­len su­chen“(S. 28). Die An­häu­fung von Macht oder Geld zer­stö­re da­bei den Ge­mein­sinn. Wi­der­stand da­ge­gen wer­de ge­lähmt, so­lan­ge sich die Aus­ge­schlos­se­nen mit den Mäch­ti­gen iden­ti­fi­zie­ren: „Die Nar­ziss­ten wer­den zur Pro­jek­ti­ons­flä­che für all die un­er­füll­ten Sehn­süch­te der Fei­gen, Ängst­li­chen, Ver­ges­se­nen, Ab­ge­häng­ten.“(S. 38) Die Zu­ge­hö­rig­keit zu Grup­pen wie Pe­gi­da wie­der­um ha­be ei­ne selbst­ver­stär­ken­de Wir­kung. Mit­hil­fe der Grup­pe und ih­rer Ideo­lo­gie wer­de das in­di­vi­du­el­le Selbst­bild kon­stru­iert, so War­detz­ki: „Steht man auf der un­ters­ten Stu­fe in der Ge­sell­schaft oder fühlt man sich zu­min­dest so, muss man ei­ne an­de­re Grup­pe fin­den, die noch wei­ter un­ten ist als man selbst. Da­zu eig­nen sich Flücht­lin­ge und Zu­wan­de­rer aus an­de­ren Na­tio­nen.“(S. 120) Da­bei kreuz­ten sich die Ängs­te der Frem­den­has­ser mit de­nen der Mi­gran­ten. Denn auch Flücht­lin­ge oder Asy­lan­ten fühl­ten sich ent­wer­tet, am Ran­de der Ge­sell­schaft und als Op­fer der Ver­hält­nis­se, was den ge­gen­sei­ti­gen Hass schü­re und der Ra­di­ka­li­sie­rung auch un­ter die­sen Grup­pen Vor­schub leis­te. Auch der „Is­la­mi­sche Staat“ver­lei­he jun­gen Men­schen Om­ni­po­tenz­ge­füh­le und glei­che den Min­der­wer­tig­keits­sta­tus aus.

Was wä­ren Ant­wor­ten? War­detz­ki plä­diert für sys­te­mi­sche An­sät­ze. Nicht Ver­ur­tei­lung und (wei­te­re) De­mü­ti­gung, son­dern „Ak­zep­tanz, Ver­ste­hen und Ver­ständ­nis“(S. 125) sei­en ge­fragt. Sich aus­ge­schlos­sen und ab­ge­wer­tet füh­len­de Men­schen müss­ten dar­in un­ter­stützt wer­den, Span­nun­gen aus­zu­hal­ten. Spal­tungs­me­cha­nis­men, wie sie der­zeit ver­stärkt auch in vor­mals of­fe­nen Ge­sell­schaf­ten Platz grei­fen, ber­gen nach War­detz­ki ein ge­fähr­li­ches „de­struk­ti­ves Ge­walt­po­ten­zi­al“(S. 130). Es gä­be aber auch po­si­ti­ve Ef­fek­te der Po­la­ri­sie­rung: „In­ner­halb der un­ter­schied­li­chen La­ger rü­cken die Men­schen, Par­tei­en oder Staa­ten nä­her zu­sam­men.“(S. 131) Zu­dem gä­be es auch „för­der­li­che Macht“, die nicht auf Un­ter­wer­fung aus sei, son­dern das „Wohl und die In­ter­es­sen der Ge­mein­schaft“(S. 144) för­dern wol­le. Merk­ma­le die­ser po­si­ti­ven Macht: „Das gro­ße Gan­ze im Au­ge ha­ben“, „De­mut im Sin­ne von Sich-nicht-so-wich­tig-neh­men“, „Dia­log- und Kom­pro­miss­be­reit­schaft“, „ein Selbst­wert­ge­fühl, das auch oh­ne An­häu­fung von Macht, Be­wun­de­rung und Ram­pen­licht Sta­bi­li­tät be­sitzt“(S. 145f.).

War­detz­ki schließt ih­ren Es­say in die­sem Sin­ne mit „drei Plä­doy­ers“für ein star­kes Selbst­be­wusst­sein, für die De­mo­kra­tie und ein ei­ni­ges Eu­ro­pa so­wie für die Ge­mein­schaft. Mit letz­te­rer meint sie das ge­mein­sa­me Re­den über Ängs­te eben­so wie das ge­mein­sa­me Su­chen nach Lö­sun­gen; bei­des ha­be ei­ne „be­ru­hi­gen­de Wir­kung“(S. 163).

Der am En­de der Aus­füh­run­gen zi­tier­te Satz von Ji­mi Hen­d­rix „Wenn die Macht der Lie­be über die Lie­be zur Macht siegt, wird die Welt Frie­den fin­den“, ist noch nicht die Lö­sung, aber er könn­te die Rich­tung an­deu­ten. Macht­miss­brauch

144 War­detz­ki, Bär­bel: Nar­ziss­mus, Ver­füh­rung und Macht in Po­li­tik und Ge­sell­schaft. Ber­lin u.a.: Eu­ro­pa­verl., 2017. 174 S., € 12,90 [D], 13,20 [A] ISBN 978-3-95890-234-6

Sys­te­mi­sche Fal­len

„Für Na­tio­na­lis­tin­nen ist Hei­mat das, was für Kos­mo­po­litin­nen das Kli­ma ist: et­was Schüt­zens­wer­tes.“(S. 119) Da­mit be­ginnt der Kli­ma­geo­graf Ma­this Ham­pel sei­nen Bei­trag für das ak­tu­el­le „Jahr­buch BNE“des Fo­rum Um­welt­bil­dung. Er spricht dar­in von der „glo­ba­len Co2­fal­le“. Weil das Kli­ma der Ver­or­tung ent­zo­gen und nur mehr als abs­trak­tes, in Com­pu­ter­mo­del­len be­rech­ne­tes Sys­tem be­han­delt und dis­ku­tiert wird, fal­le es schwer, so die zen­tra­le The­se des Au­tors, po­li­tisch mit Kli­ma­schutz zu punk­ten. „Der Kli­ma­wan­del, ei­ne im Kern ethi­sche, öko­no­mi­sche und vor al­lem de­mo­kra­tie­po­li­ti­sche Her­aus­for­de­rung, wur­de als ad­mi­nis­tra­tiv-buch­hal­te­ri­sches Co2-pro­blem ge­deu­tet: Wie kön­nen Emis­sio­nen bei gleich­zei­ti­ger Ma­xi­mie­rung des Brut­to­glo­bal­pro­dukts (BGP) am ef­fi­zi­en­tes­ten re­du­ziert wer­den, um ein op­ti­ma­les Ver­hält­nis zwi­schen BGP und Kli­ma­schä­den zu er­rei­chen?“(S. 121) Für die Men­schen sei „Kli­ma“aber im­mer noch „das Wet­ter in un­se­rer Er­in­ne­rung“(S. 124), das abs­trak­te 2-Grad­ziel schaf­fe es da­her nicht, Mehr­hei­ten für ei­ne Kli­ma­schutz­po­li­tik zu mo­bi­li­sie­ren. Und noch mehr: Rech­te Po­pu­lis­ten punk­ten nun mit der Leug­nung des Kli­ma­wan­dels: „Sie sind den Kli­maak­ti­vis­tin­nen ei­nen ent­schei­den­den Schritt vor­aus, denn sie ah­nen, dass CO2 nie ein aus­schlag­ge­ben­des Wahl­mo­tiv sein wird.“(S. 125) An­ders for­mu­liert: We­gen der stei­gen­den Co2kon­zen­tra­ti­on in der At­mo­sphä­re ge­hen wohl we­ni­ge auf die Stra­ße, ge­gen wei­te­re Flücht­lin­ge wä­ren es der­zeit wahr­schein­lich vie­le.

Hier setzt der Phi­lo­soph Tho­mas Mohrs mit sei­nem Bei­trag über die „Nah­be­reichs­fal­le“an. Wir sei­en ein­ge­klemmt, so sei­ne The­se, „in der Fal­le zwi­schen der Erb­last un­se­rer Nah­be­reichs­prä­gung ei­ner­seits und der glo­ba­li­sier­ten Le­bens­welt, die wir uns selbst ge­schaf­fen ha­ben, an­de­rer­seits“(S. 112). Auch wenn uns ei­ne „lang­fris­tig kal­ku­lie­ren­de Klug­heits­ethik“(ebd.) na­he­le­gen wür­de, un­se­ren Wirt­schafts- und Le­bens­stil zu än­dern, tref­fen wir un­se­re Ent­schei­dun­gen nach an­de­ren Kri­te­ri­en: „Wir re­den über Nach­hal­tig­keit und al­le da­mit zu­sam­men­hän­gen­den Pro­ble­me, sind uns der Dra­ma­tik der Si­tua­ti­on durch­aus be­wusst, freu­en uns aber, wenn un­se­re Kin­der mit den En­keln an Weih­nach­ten von ih­ren lei­der so schreck­lich fer­nen Wohn­or­ten nach Österreich flie­gen oder mit dem Au­to fah­ren, um uns zu be­su­chen.“(ebd.) Mit dem Psy­cho­lo­gen Kohl­berg for­mu­liert: Ko­gni­tiv sei­en wir auf der höchs­ten (sechs­ten) Moral­stu­fe an­ge­langt, prak­tisch han­del­ten wir aber nach un­se­ren Emo­tio­nen, Wün­schen und Be­gier­den (Stu­fe drei). Da­zu kom­me das so­ge­nann­te „Yo­lo-ar­gu­ment“, die „You live on­ce on­ly“-hal­tung: „Wenn so­wie­so al­les zu spät ist und die Ti­ta­nic un­wei­ger­lich auf den Eis­berg kra­chen wird, wie­so dann nicht an der Bar und beim üp­pi­gen Buf­fet blei­ben, so­lan­ge es nur ir­gend­wie mög­lich ist?“(S. 115) Mohrs Schluss­fol­ge­rung: Wir sind of­fen­sicht­lich „un­fit für Nach­hal­tig­keit“von un­se­rer evo­lu­tio­nä­ren Prä­gung her, die Chan­ce be­stün­de da­her al­lein dar­in, in An­be­tracht die­ses Be­fun­des die rich­ti­gen Fra­gen zu stel­len, was die ge­nui­ne Auf­ga­be von Phi­lo­so­phie sei.

Ei­ne wei­te­re Bar­rie­re für den Wan­del the­ma­ti­siert der Er­zie­hungs­wis­sen­schaft­ler Hans Karl Pe­ter­li­ni, wenn er da­nach fragt, was Um­welt- und Frie­dens­er­zie­hung aus­rich­ten sol­len „in ei­ner Welt, die von ih­ren öko­no­mi­schen und po­li­ti­schen Struk­tu­ren auf Kon­kur­renz, Kon­sum, Krieg aus­ge­rich­tet ist“(S. 94). Pe­ter­li­ni ver­weist da­bei auf die nur „zö­ger­lich um­ge­setz­ten oder boy­kot­tier­ten Maß­nah­men zum Kli­ma­schutz“eben­so wie auf die „zy­ni­sche Käl­te der eu­ro­päi­schen Asyl­po­li­tik“oder die „un­ge­nier­te Pro­fit­be­tei­li­gung am in­ter­na­tio­na­len Waf­fen­ge­schäft“(S. 95). Bei­trä­ge der Päd­ago­gik zur Ve­rän­de­rung sieht der Au­tor le­dig­lich in der „Er­zie­hung zur Mün­dig­keit“nach Ador­no. Not­wen­dig sei hier­für ei­ne „Ak­zent­ver­schie­bung vom Leh­ren des gu­ten Le­bens auf ein Um­ler­nen im Ge­brauch der Werk­zeu­ge“(S. 97) nach dem Mot­to „De­mo­cra­cy can­not be taught, it on­ly can be lear­ned“, d.h. De­mo­kra­tie kön­ne nur in kon­kre­ter Pra­xis er­fah­ren wer­den.

Das Jahr­buch bie­tet zahl­rei­che span­nen­de Bei­trä­ge zur „Kli­ma­kom­mu­ni­ka­ti­on“, auch sol­che, die wei­ter­hin auf Auf­klä­rung set­zen, wie et­wa das Bil­dungspor­tal www.kli­ma­fol­ge­n­on­line-bil­dung.de, vor­ge­stellt von Ines Blu­men­thal vom Pots­dam-in­sti­tut. Den Schluss­punkt setzt je­doch er­neut ein er­nüch­tern­des In­ter­view des Jahr­buch-re­dak­teurs Micha­el Schöppl mit dem Club of Ro­me-mit­grün­der Den­nis Mea­dows, der für die Zu­kunft viel grö-

„Wir sind ein­ge­klemmt in der Fal­le zwi­schen der Erb­last un­se­rer Nah­be­reichs­prä­gung ei­ner­seits und der glo­ba­li­sier­ten Le­bens­welt, die wir uns selbst ge­schaf­fen ha­ben, an­de­rer­seits. Was über den Nah­be­reich hin­aus­geht, ist uns – so­wohl in räum­li­cher als auch in zeit­li­cher und erst recht in so­zia­ler Hin­sicht – in al­ler Re­gel egal, es geht uns nichts an.“

(Tho­mas Mohrs in 145 , S. 112)

ße­re Schocks pro­gnos­ti­ziert als wir sie heu­te ken­nen. Sei­ne Empfehlung lau­tet da­her An­pas­sung an die neu­en Ver­hält­nis­se im Sin­ne von Resi­li­enz, ein Pa­ra­dig­men­wech­sel, der in der Kli­ma­de­bat­te oh­ne­hin be­reits von­stat­ten ge­he. Trans­for­ma­ti­on

145 Per­spek­ti­ve wech­seln. Jahr­buch Bil­dung für nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung. Micha­el Schöppl (Red.). Wien: Fo­rum Um­welt­bil­dung, 2018. 156 S., € 10,- [A, D] ; ISBN 978-3-900717-92-6

Aus­nah­me­zu­stand

„Die La­ge ist – für sich ge­nom­men und zu­ge­spitzt in räum­li­chen und zeit­li­chen Zu­sam­men­bal­lun­gen und Ver­bin­dun­gen – kom­pli­ziert. Sie wird von vie­len Men­schen of­fen­sicht­lich als sehr be­droh­lich emp­fun­den.“(S. 12) Da­mit be­schreibt Fred Luks den „Aus­nah­me­zu­stand“, so der Ti­tel sei­nes Buchs, in dem wir uns be­fän­den – so­zi­al, öko­lo­gisch und po­li­tisch. Po­pu­lis­mus, Mi­gra­ti­on, Kli­ma­po­li­tik, Di­gi­ta­li­sie­rung oder Ver­tei­lungs­fra­gen nennt er als Stich­wor­te. Die Pa­ra­do­xie der Her­aus­for­de­rung be­ste­he nun dar­in, „un­se­re (west­li­che) Art zu le­ben gleich­zei­tig zu ver­tei­di­gen und ra­di­kal zu än­dern“(ebd.). Der Aus­nah­me­zu­stand sei ge­kenn­zeich­net durch Zu­spit­zung, ho­he Er­eig­nis­dich­te und das Ge­fühl, „dass es so nicht wei­ter­ge­hen kön­ne“(S. 16), der Er­folg des Po­pu­lis­mus zu­min­dest in Tei­len als Ant­wort auf die­se kom­pli­zier­te La­ge be­schreib­bar: „Er ist so­zu­sa­gen Pro­ble­m­aus­lö­ser und Pro­blem­re­ak­ti­on.“(S. 13) Luks be­zieht sich da­bei auf Au­to­ren wie Da­vid Good­hart, der von ei­nem „po­pu­lis­ti­schen Auf­stand“spricht, oder Ivan Kras­t­ev, der in der Mi­gra­ti­ons­fra­ge die zen­tra­le Her­aus­for­de­rung für den eu­ro­päi­schen Li­be­ra­lis­mus sieht. Da­zu kä­men die öko­lo­gi­schen Be­dro­hun­gen, die bis­lang frei­lich kei­ne „sub­stan­zi­el­len po­li­ti­schen Re­ak­tio­nen“(S. 21) ge­zei­tigt hät­ten, und das sto­cken­de Wirt­schafts­wachs­tum, wie­wohl die­ses wei­ter­hin als „zen­tra­les Er­folgs­kri­te­ri­um je­der Wirt­schafts­po­li­tik“(ebd.) an­ge­se­hen wer­de.

Luks plä­diert da­für, Denk­ver­bo­te – auch un­ter den Lin­ken – auf­zu­bre­chen, et­wa durch of­fe­ne De­bat­ten über Mi­gra­ti­on und Ver­säum­nis­se ei­nes eli­tä­ren Kos­mo­po­li­tis­mus. Di­dier Eri­bons „Rück­kehr nach Reims“nennt er da­bei u.a. als Kron­zeu­gen. Auch gibt Luks zu be­den­ken, dass die Er­war­tun­gen an die po­li­ti­sche Steu­er­bar­keit von Ge­sell­schaf­ten häu­fig über­zo­gen wür­den. Hier be­ruft er sich auf den So­zio­lo­gen Ar­min Nas­sehi, oh­ne frei­lich all des­sen Schlüs­se zu tei­len. Mit ei­nem an­de­ren So­zio­lo­gen, Ha­rald Wel­zer, teilt Luks die Wert­schät­zung von Pio­nier­pro­jek­ten und po­si­ti­ven Zu­kunfts­bil­dern: „Klei­ne Er­folgs­ge­schich­ten und gro­ße Zu­kunfts­vi­sio­nen sind zen­tra­le Fak­to­ren für die Mög­lich­eit(en) der Zu­kunft.“(S. 294) Ei­ne ent­spre­chen­de „Er­war­tungs­po­li­tik“, die auch den Ka­pi­ta­lis­mus groß ge­macht ha­be, kön­ne da­her ein „He­bel für die Über­win­dung der ak­tu­el­len Kri­sen sein“(ebd.).

Das Span­nungs­ver­hält­nis von (wirt­schafts)li­be­ra­len Ge­sell­schaf­ten und den er­for­der­li­chen öko­lo­gi­schen Be­gren­zun­gen sieht Luks als zen­tra­le Her­aus­for­de­rung. Wie in sei­nen frü­he­ren Bü­chern nä­hert sich der Au­tor da­bei dem The­ma as­so­zia­tiv, in­dem er die Ka­pi­tel mit Über­schrif­ten nach dem Al­pha­bet reiht – von „Ano­ma­lie“bis „Zu­kunfts­bil­der“. Das hat ei­nen ge­wis­sen Charme, ver­führt aber auch da­zu, zu mög­lichst vie­len Aspek­ten et­was sa­gen zu wol­len. Den ein­ge­for­der­ten An­spruch an ei­nen se­riö­sen Dis­kurs löst Luks lei­der dort nicht ein, wo er of­fen­sicht­lich sei­ne „Feind­bil­der“aus­macht, et­wa in der „Ge­mein­woh­löko­no­mie“von Chris­ti­an Fel­ber, der er „Eso­te­rik, Kom­man­do­wirt­schaft und Ple­bis­zit­po­pu­lis­mus“(S. 37) vor­wirft, oder den Frei­han­dels­kri­ti­kern, de­nen er Ver­schwö­rungs­theo­ri­en nach­sagt. Auch Ab­wer­tun­gen wie „Weltret­tungs­trup­pen“(S. 300) oder „Er­lö­sung von den Er­lö­sern“(S. 299) im Zu­sam­men­hang mit öko­so­zia­len Ba­sis­be­we­gun­gen tun der Sa­che kei­nen gu­ten Di­enst. Luks ist be­le­sen, das zeigt sein Buch. Un­klar bleibt am En­de aber, was er selbst zur Auf­lö­sung der Pa­ra­do­xie zwi­schen Li­be­ra­li­tät und not­wen­di­gen Be­gren­zun­gen vor­schlägt. Po­pu­lis­mus

146 Luks, Fred: Aus­nah­me­zu­stand. Un­se­re Ge­gen­wart von A bis Z. Marburg: Me­tro­po­lis, 2018. 379 S., € 28,- [D], 28,80 [A] ; ISBN 978-3-7316-1302-2

Mut zur Faul­heit

Wir ha­ben das Ka­pi­tel be­gon­nen mit der Dia­gno­se der er­schöpf­ten Ge­sell­schaft. Schlie­ßen wol­len wir mit ei­nem Band des ak­tu­el­len Phi­lo­so­phi­cum Lech, das dies­mal dem „Mut zur Faul­heit“ge­wid­met war. „Wie wä­re es, die so­zia­le An­er­ken­nung nicht den Mü­ßig­gän­gern und Fau­len zu ver­wei­gern, son­dern den Hek­ti­kern, Be­schleu­ni­gern und Rund-um-dieuhr-er­reich­ba­ren?“(S. 17f.), fragt Her­aus­ge­ber Kon­rad Paul Liess­man pro­vo­kant in der Ein­lei­tung zum Band. „Zu faul, um mit­zu­ma­chen. Auch das könn­te ei­ne zeit­ge­mä­ße Ma­xi­me sein“(S. 19), for­dert er im Hin­blick auf Trends wie den Kon­su­mis­mus, die „über­bor­den­de In­for­ma­ti­ons­flut“oder die so­zia­len Me­di­en.

Ge­dan­ken wie die­se kön­ne sich nur ein Phi­lo­soph leis­ten, könn­te man ein­wen­den. In der Tat: die Bei-

„Wir müs­sen, wenn wir auch in Zu­kunft in Frei­heit, Wohl­stand und Frie­den le­ben wol­len, un­se­re Le­bens­wei­se mit al­len Mit­teln ver­tei­di­gen – und gleich­zei­tig eben die­se Le­bens­wei­se ra­di­kal ver­än­dern, wenn sie so­zi­al, öko­lo­gisch und ethisch ver­tret­bar und zu­kunfts­fä­hig sein soll.“

(Fred Luks in 146 , S. 11)

trä­ge des Ban­des be­we­gen sich auf ei­nem Ni­veau, das dem ge­gen­wär­ti­gen Wirt­schafts­le­ben dia­me­tral ent­ge­gen­steht. Und doch fin­det man wert­vol­le An­re­gun­gen. Ul­rich Kört­ner et­wa zeigt die Her­lei­tung des mo­der­nen Be­rufs- und Ar­beits­ethos aus dem Cal­vi­nis­mus und aus Max We­bers Denken auf. Er kommt da­bei zum Schluss, dass Ar­beit und Mu­ße seit Be­ginn an zu­sam­men­ge­dacht wur­den, heu­te je­doch zwi­schen Be­ruf und „Job“un­ter­schie­den und Frei­zeit im­mer mehr als Ak­tiv­sein wahr­ge­nom­men wer­de. Aus öko­no­mi­scher Per­spek­ti­ve ba­sie­re der So­zi­al­staat auf Er­werbs­ar­beit, aus theo­lo­gi­scher Sicht sei dies nicht so ein­deu­tig: „Die Wür­de des Men­schen und das Recht auf Le­ben be­ste­hen un­ab­hän­gig von al­len Leis­tun­gen. Ar­beit ist bes­ten­falls das hal­be Le­ben.“(S. 47)

Nas­si­ma Sahraoui plä­diert an­ge­sichts der Hy­per­pro­duk­ti­vi­tät und per­ma­nen­ten Be­schleu­ni­gung im mo­der­nen Ka­pi­ta­lis­mus für ei­ne „Phi­lo­so­phie der Faul­heit“(S. 69). Aus­ge­hend von Marx‘ Dik­tum „Reich­tum ist ver­füg­ba­re Zeit und sonst nichts – wealth is dis­po­sa­ble ti­me and not­hing mo­re“for­dert sie die „Ver­füg­bar­ma­chung von Zeit“als Wohl­stands­ziel. Da­bei ge­he es nicht um pas­si­ve Träg­heit, son­dern um ei­ne not­wen­di­ge Be­din­gung für die Ent­wick­lung in­ne­rer Po­ten­zia­le. Das Sich-zu­rück­neh­men aus öko­no­mi­schen Zwän­gen kön­ne so als „Mo­ment der Tä­tig­keit in Un­tä­tig­keit, als ak­ti­ves Mo­ment im In­ak­ti­ven ge­le­sen wer­den.“(S. 88) Der So­zio­lo­ge Ste­phan Les­se­nich fo­kus­siert in sei­nem Bei­trag auf den von Da­ni­el Bell in den 1960er­jah­ren dia­gnos­ti­zier­ten und auch be­fürch­te­ten Pa­ra­dig­men­wech­sel von der „in­dus­tri­el­len Leis­tungs­zur post­in­dus­tri­el­len Spaß­ge­sell­schaft“(S. 170), in der nicht mehr ehr­li­che Leis­tung, son­dern „an­stren­gungs­lo­ser“Er­folg zäh­le. Dem setzt Les­se­nich den „neo­so­zia­len Geist des Ka­pi­ta­lis­mus“(S. 173) im Kon­text des „ak­ti­vie­ren­den So­zi­al­staats“ab den 1980er-jah­ren ent­ge­gen. Selbst-ver­wirk­li­chung sei in die­ser Les­art um­ge­deu­tet wor­den zur Selbst-ak­ti­vie­rung: Das So­zia­le wer­de so­mit pri­va­ti­siert bzw. sub­jek­ti­viert, „zum Ge­gen­stand selbst­dis­zi­pli­nie­ren­der Selbst­ver­wirk­li­chung des Ak­tiv­bür­gers er­klärt“(S. 176). In die­sem Sin­ne müs­se nicht nur vom neu­en Geist des Ka­pi­ta­lis­mus, son­dern kön­ne auch von ei­nem neu­en „Geist des La­bo­ra­lis­mus“(S. 178) ge­spro­chen wer­den.

So­phie Lo­idolt er­in­nert an Han­nah Arendts „Vi­ta ac­tiva“und de­ren Drei­tei­lung in „Ar­beit“– ver­stan­den als Ver­rich­ten der all­täg­li­chen Er­le­di­gun­gen im Haus –, „Her­stel­len“von Din­gen in der Welt der Pro­duk­ti­on so­wie „Tä­tig-sein“als po­li­ti­sches Han­deln. Die Lo­gik von „Pro­du­zie­ren“, „Kon­su­mie­ren/ver­nich­ten“und „Mehr­wert“(S. 134) sei nun zum be­stim­men­den Maß­stab des Ka­pi­ta­lis­mus mit all sei­nen öko­lo­gi­schen Fol­gen ge­wor­den und ha­be mit dem Her­stel­len der zum Le­ben nö­ti­gen Gü­ter nur mehr be­dingt zu tun, so Lo­idolt. Und Po­li­tik wer­de nicht mehr ver­stan­den als „Sor­ge um die Welt“in ei­nem „exis­ten­zi­el­len Gr­und­ver­hält­nis des ak­ti­ven Selbst­seins mit an­de­ren“(S. 135), wie Arendt ge­meint ha­be, son­dern als prag­ma­ti­sche „Haus­halts­or­ga­ni­sa­ti­on“, „Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gie“, „Selbst­ver­mark­tung“der po­li­ti­schen Ak­teu­re – und vor al­lem als „Auf­ga­be von de­nen da oben“. Frei­heit be­deu­te in die­sem Sin­ne „eher Frei­heit von Po­li­tik als zu Po­li­tik“. Sinn su­che das „ani­mal la­bo­rans“der Kon­sum­ge­sell­schaft in der Zer­streu­ung, wäh­rend es Arendt bei sinn­vol­lem Tä­tig­sein „um die Welt“ge­gan­gen sei (S. 137). Wei­te­re Bei­trä­ge wid­men sich dem The­ma „Kon­sum als Ar­beit“, be­kannt auch als Ikea-prin­zip (Wolf­gang Ull­rich), so­wie ei­ner eben­falls aus Skan­di­na­vi­en stam­men­den neu­en Le­bens­form na­mens „Hyg­ge“, die – so der Lei­ter des Goe­the-in­sti­tuts War­schau Chris­toph Bart­mann – auf ei­ner prag­ma­ti­schen Ein­stel­lung ba­sie­re: „Be­schrän­kung oh­ne Ver­zicht, Ein­fach­heit oh­ne As­ke­se, Kom­fort oh­ne Auf­wand“(S. 221), was eben­so dem pro­pa­gier­ten Li­fe­style von IKEA zu­ge­schrie­ben wer­de.

Ei­nen po­li­tisch prag­ma­ti­schen Kon­tra­punkt zu den phi­lo­so­phi­schen und so­zi­al­wis­sen­schaft­li­chen Aus­füh­run­gen setzt schließ­lich der ös­ter­rei­chi­sche Ar­beits­recht­ler und Be­ra­ter ver­schie­de­ner ös­ter­rei­chi­scher Re­gie­run­gen, Wolf­gang Ma­zal. An­ders als man­che pro­gnos­ti­zie­ren, wür­de auch trotz Di­gi­ta­li­sie­rung die Ar­beit nicht aus­ge­hen, so sei­ne Mei­nung. Der de­mo­gra­fi­sche Wan­del er­for­de­re das Fül­len der de­mo­gra­fi­schen Lü­cke am Ar­beits­markt, die al­tern­de Ge­sell­schaft wer­de zu­dem zu be­deu­tend grö­ße­rem Be­treu­ungs­auf­wand füh­ren. Ma­zal plä­diert für ei­nen er­wei­ter­ten Ar­beits­be­griff, der Sor­ge­tä­tig­kei­ten auf­wer­tet, und – als So­fort­maß­nah­me ge­gen Ar­beits­lo­sig­keit – für den Ab­bau von Über­stun­den. Al­lein für Österreich be­zif­fert der Au­tor jähr­lich gut 200 Mil­lio­nen ge­leis­te­te Über­stun­den, die et­wa 200.000 Vol­l­ar­beits­plät­zen ent­sprä­chen. (vgl. S. 201)

Die ge­gen­wär­ti­ge Kon­sum­ge­sell­schaft ist kei­nes­wegs der End­punkt kul­tu­rel­ler Ent­wick­lung, das Leis­tungs­ethos in sei­ner Am­bi­va­lenz al­les an­de­re als über­wun­den – so lie­ße sich der Band zu­sam­men­fas­sen. Leis­tungs­ethos

147 Mut zur Faul­heit. Die Ar­beit und ihr Schick­sal. Phi­lo­so­phi­cum Lech. Hrsg. v. Kon­rad P. Liess­mann. Wien: Zsol­nay, 2018. 270 S., € 22,- [D], 22,60 [A] ISBN 978-3-552-05889-7

„In dem Ma­ße, in dem die Ar­beit ver­schwin­det oder zu­min­dest ih­ren Cha­rak­ter ver­än­dert, müs­sen die Fra­gen des gu­ten Le­bens und die Or­ga­ni­sa­ti­on des Zu­sam­men­le­bens neu ge­stellt wer­den.“

(Paul Liess­man in 147 , S. 15)

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