An­griff der An­ti­de­mo­kra­ten

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Dem Auf­stieg der Neu­en Rech­ten in Deutsch­land wid­met sich der Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler Sa­mu­el Salz­born. Salz­born ist klar in der Kri­ti­schen Theo­rie zu ver­or­ten. Das Buch be­zieht da­mit deut­lich Po­si­ti­on, ar­bei­tet mit der De­kon­struk­ti­on rech­ter Dis­kur­se und be­inhal­tet den Auf­ruf, sich den An­ti­de­mo­kra­tin­nen ent­schie­den ent­ge­gen zu stel­len. Die Wur­zeln der Neu­en Rech­ten lie­gen in der „Kon­ser­va­ti­ven Re­vo­lu­ti­on“der Wei­ma­rer Re­pu­blik, die als geis­ti­ge Weg­be­rei­te­rin des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus gel­ten kann. De­ren zen­tra­ler Den­ker, der auch heu­te bei der Neu­en Rech­ten wie­der hoch im Kurs steht, ist der „Kron­ju­rist des Drit­ten Rei­ches“Carl Schmitt (vgl. S. 63): Die­ser pos­tu­lier­te die Exis­tenz ei­nes eth­nisch ho­mo­ge­nen Vol­kes mit ei­nem ein­heit­li­chen Wil­len, der über dem po­si­ti­ven Recht ste­he.

Ir­re­le­vant in den Nach­kriegs­jah­ren, ge­lang es der Neu­en Rech­ten in den letz­ten Jah­ren, sich im öf­fent­li­chen Be­wusst­sein zu ver­an­kern: mit der Grün­dung von Zeit­schrif­ten, in den so­zia­lem Me­di­en als Re­kru­tie­rungs­raum vor al­lem für Ju­gend­li­che, und po­li­tisch mit der Grün­dung der Al­ter­na­ti­ve für Deutsch­land (AFD). De­ren Ver­tre­te­rin­nen zeich­nen sich durch ei­ne Rei­he pro­ble­ma­ti­scher Hal­tun­gen aus, et­wa un­ver­hoh­le­nem An­ti­se­mi-

tis­mus. So wird von ei­ner jü­di­schen Uni­ver­sal­macht phan­ta­siert, die deut­sche Er­in­ne­rungs­kul­tur als Selbst­gei­ße­lung ver­brämt, die Deut­schen wer­den als ei­gent­li­che Op­fer Hit­lers sti­li­siert: „Die an­ti­se­mi­ti­schen Fäl­le in der AFD sind so um­fang­reich, dass die meist üb­li­che rech­te Stra­te­gie, die­se als Ein­zel­fäl­le zu ver­nied­li­chen, sub­stanz­los ge­wor­den ist.“(S. 112) Der Neu­en Rech­ten ei­gen ist auch die Nei­gung zu Ver­schwö­rungs­theo­ri­en, die dar­auf ab­zie­len, Af­fek­te zu mo­bi­li­sie­ren – ge­gen die Ra­tio­na­li­tät der Auf­klä­rung: „Es sind die Phan­ta­si­en von ei­ner re­gre­dier­ten Welt, der Traum von ei­nem har­mo­ni­schen und wi­der­spruchs­frei­en (völ­ki­schen) Selbst, in dem al­les nur ei­ner Lo­gik ge­horcht, näm­lich der ei­ge­nen – kei­ne Wi­der­sprü­che, kei­ne Am­bi­va­len­zen, nur (ge­mein­schaft­li­che) Iden­ti­tät. Das ist das Ziel der af­fek­ti­ven Mo­bi­li­sie­rungs­stra­te­gi­en: den Ver­stand zu sus­pen­die­ren.“(S. 120) So­zia­le Me­di­en spie­len hier ei­ne be­son­ders wich­ti­ge Rol­le – sie ver­net­zen Gleich­ge­sinn­te, sie ver­mei­den da­mit Kon­tro­ver­sen und schaf­fen be­que­me Fil­ter­bla­sen. Wer sind nun die­se Neu­en Rech­ten? Die „be­sorg­ten Bür­ger“sind meist männ­lich, durch­aus ge­bil­det und so­zi­al in der Mit­tel­schicht zu ver­or­ten. Was die­se Per­so­nen vor al­lem kenn­zeich­net, ist ei­ne tie­fe Angst vor dem so­zia­len Ab­stieg und ein An­spruchs­den­ken, das nicht wei­ter re­flek­tiert ist: Man glaubt stän­dig, im Ge­gen­satz zu an­de­ren kä­me man zu kurz: „(...) den ei­ge­nen, im­mer als zu klein emp­fun­de­nen Wohl­stand, um je­den Preis ge­gen die­je­ni­gen ver­tei­di­gen zu wol­len, die ihn sym­bo­lisch über­haupt erst er­mög­licht ha­ben – und die im rechts­ex­tre­men Welt­bild dann zum ho­mo­ge­nen Kol­lek­tiv der ‚Aus­län­der‘ fu­sio­nie­ren“(S. 136). Die­ses Welt­bild war wohl vor­her schon vor­han­den, wird jetzt aber von der AFD ge­konnt ka­na­li­siert. Salz­born sieht nach wie vor ei­ne gro­ße Mehr­heit in Deutsch­land ge­gen die „völ­ki­sche Re­bel­li­on“– aber die­se sei nicht laut ge­nug. Ein ers­ter Schritt wä­re, die De­mo­kra­tie durch die Aus­gren­zung rech­ter Pa­ro­len zu schüt­zen. Dies sei kei­ne Ein­schrän­kung der Mei­nungs­frei­heit, son­dern ein Akt der Selbst­ver­tei­di­gung: „Man darf un­ei­nig sein – aber eben nicht auf ei­ner be­lie­bi­gen Grund­la­ge, da De­mo­kra­tie ei­ne Herr­schafts­form ist, die dar­über ent­schei­den muss, wer ih­re Grund­re­geln ver­letzt“(S. 191). Zu­dem ruft der Au­tor auf, die „al­ter­na­ti­ven Fak­ten“als das zu de­mas­kie­ren, was sie sind: Lü­gen. Da­zu braucht es ei­ne Re­po­li­ti­sie­rung der eta­blier­ten Par­tei­en, al­so mehr po­li­ti­schen Wett­be­werb an­stel­le ei­ner kon­tur­lo­sen po­li­ti­schen Mit­te – und ei­ne Re­ha­bi­li­ta­ti­on des zu­neh­mend als schwer­fäl­lig kri­ti­sier­ten In­ter­es­sens­aus­gleichs.

An­greif­bar macht sich der Au­tor durch ein­deu­tig wer­ten­de Kom­men­ta­re, et­wa wenn er von „männ­lich-go­ckeln­der Ei­tel­keit“rech­ter Ver­tre­ter spricht, ih­nen „nar­ziss­ti­sche Selbst­in­sze­nie­rung“und „klein­bür­ger­li­che Spieß­bür­ger­lich­keit“un­ter­stellt. Das Buch hät­te auch oh­ne sol­che Aus­las­sun­gen ei­nen wich­ti­gen Bei­trag zur De­bat­te um die Kri­se der De­mo­kra­tie ge­leis­tet. B. B.-K.

De­mo­kra­tie: Neue Rech­te

Salz­born, Sa­mu­el: An­griff der An­ti­de­mo­kra­ten.

Die völ­ki­sche Re­bel­li­on der Neu­en Rech­ten. Wein­heim: Beltz Ju­ven­ta, 2017. 223 S., € 14,95 [D], 15,40 [A]

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