In­no­va­ti­on durch Ei­gen­sinn

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„In­no­va­ti­on ist der be­rech­tig­te An­lass für die Hoff­nung, dass es bes­ser wird. Der Be­weis, dass die Zu­kunft exis­tiert. Dass es ei­nen Fort­schritt gibt, ei­ne Per­spek­ti­ve.“(Wolf Lot­ter in 27 , S. 19)

In­no­va­ti­on, In­no­va­ti­on, In­no­va­ti­on. Atem­lo­sig­keit prägt den Um­gang mit die­sem The­ma. Wei­ter, schnel­ler, vor­an, oh­ne nach­zu­den­ken. Nach­den­ken aber lohnt. „Wir le­ben in Zei­ten der In­no­va­ti­ons­in­fla­ti­on“, sagt Wolf Lot­ter, der groß­ar­ti­ge Er­klä­rer des Wan­dels von der In­dus­trie- zur Wis­sens­ge­sell­schaft. In sei­nem Buch “In­no­va­ti­on”, das sich, so der Un­ter­ti­tel, als Streit­schrift für bar­rie­re­frei­es Den­ken ver­steht, holt er das The­ma raus aus dem Ver­wer­tungs­ver­dikt, un­ter das es in wirt­schaft­li­chem In­ter­es­se zu ger­ne ge­stellt wird. Denn In­no­va­ti­on ist mehr. Und ist brei­ter zu den­ken. „In­no­va­ti­on heißt Dif­fe­renz, Un­ter­schei­dung“(S. 32), be­tont Lot­ter. „In­no­va­ti­on ist die Stö­rung der herr­schen­den Ver­hält­nis­se zu­guns­ten ei­ner neu­en Idee.“(ebd.) Wah­re In­no­va­ti­on be­gin­ne, „wo Men­schen wei­ter den­ken, als ih­nen zu­ge­stan­den wird“(S. 59).

Zi­ta­te wie die­se fin­den sich in die­sem Buch sehr häu­fig. Der Es­say­ist Lot­ter, beim Wirt­schafts­ma­ga­zin brand eins zu­stän­dig für die Ti­tel­ge­schich­ten, ver­steht es, Din­ge auf den Punkt zu brin­gen. Es­say­is­tisch ist auch sein neu­es Buch an­ge­legt. Es ist kei­ne wis­sen­schaft­lich in­spi­rier­te Ab­hand­lung, son­dern bie­tet Streif­zü­ge durch die The­men­fel­der In­no­va­ti­ons­kul­tur, In­no­va­to­ren, In­no­va­ti­ons­ge­sell­schaft und den zeit­li­chen Ho­ri­zont der Er­neue­rung. Das Buch macht deut­lich: In­no­va­ti­on ent­zieht sich der Ver­wer­tungs­lo­gik. So wie gu­te Ide­en kaum durch ver­bis­se­nes Nach­den­ken ent­ste­hen, braucht In­no­va­ti­on ei­ne of­fe­ne, freie Ge­sell­schaft. Das ei­ne ist oh­ne das an­de­re nicht zu ha­ben. Und sie ver­kör­pert Zu­ver­sicht, die Hoff­nung auf ei­ne bes­se­re Zu­kunft: „In­no­va­ti­on ist der be­rech­tig­te An­lass für die Hoff­nung, dass es bes­ser wird.“(S. 19)

Wolf Lot­ter schreibt ge­gen die Ver­kür­zun­gen und Irr­tü­mer an, die den ge­sell­schaft­li­chen Dis­kurs über In­no­va­ti­on oft­mals prä­gen. Die Be­to­nung tech­ni­scher In­no­va­ti­on zum Bei­spiel. Doch „die tech­ni­sche In­no­va­ti­on folgt der kul­tu­rel­len und so­zia­len In­no­va­ti­on“(S. 204). Oder die vom In­no­va­ti­ons­hype ge­trie­be­ne Er­war­tung, dass In­no­va­tio­nen stets über­ra­schend kä­men. Mit­nich­ten, sagt Lot­ter und ver­weist auf die „lan­gen Wel­len der Er­neue­rung“: „In­no­va­tio­nen er­wei­tern lang­fris­tig Ho­ri­zont und Mög­lich­kei­ten.“(S. 106) Oder den

Irr­glau­ben, dass sich In­no­va­tio­nen ma­na­gen lie­ßen, Stich­wort In­no­va­ti­ons­ma­nage­ment. Doch „In­no­va­ti­on setzt fast im­mer Schei­tern vor­aus, Schei­tern ist die Vor­aus­set­zung für al­le künf­ti­gen Er­fol­ge.“(S. 198) Oder auch die Feh­l­ein­schät­zung der Be­deu­tung von Schlüs­se­lin­no­va­tio­nen. Lot­ters schö­nes Bei­spiel, ge­fun­den bei dem Wirt­schafts­his­to­ri­ker Da­vid Lan­des: Dem­nach ist die zen­tra­le In­no­va­ti­on der Neu­zeit die Er­fin­dung der Bril­le. Die näm­lich mach­te es mög­lich, dass Hand­wer­ker und Ge­lehr­te ihr ge­sam­mel­tes Wis­sen auch in fort­ge­schrit­te­ne­rem Al­ter prak­tisch nut­zen konn­ten. Die Bril­le be­wirk­te so­mit ei­ne Ver­län­ge­rung der pro­duk­ti­ven Zeit der Men­schen. Sie konn­ten pro­duk­tiv tä­tig sein in ei­nem Al­ter, wo frü­her die schwin­den­de Seh­kraft ei­ne na­tür­li­che Al­ters­gren­ze ge­bil­det hat­te.

Die wach­sen­de Be­deu­tung von In­no­va­ti­on ord­net sich dann auch in ei­nen sol­chen lang­fris­ti­gen Wand­lungs­pro­zess ein: den Pa­ra­dig­men­wech­sel von der in­dus­tri­el­len in die wis­sens­ba­sier­te Kul­tur und Öko­no­mie. In­no­va­ti­on als „ei­ne so­zia­le Kraft, die aus Ge­gen­sät­zen et­was Kon­struk­ti­ves schafft“(S. 193) ist der zen­tra­le To­pos der Wis­sens­ge­sell­schaft, die auch lang­sa­mer kommt als vie­le glau­ben. Und die weit mehr auf Dif­fe­renz, Wi­der­stän­dig­keit und Ei­gen­sinn grün­det, als die tro­cke­ne Be­zeich­nung glau­ben ma­chen will. „Der Ei­gen­sinn ist die Grund­la­ge des Ge­mein­we­sens der Wis­sens­ge­sell­schaft“(S. 182), sagt Lot­ter. Der gro­ße Pa­ra­dig­men­wech­sel ist längst im Gan­ge, aber längst nicht ver­stan­den. Zu die­sem Ver­ste­hen tra­gen Bü­cher wie die­ses bei. W. K.

In­no­va­ti­ons­ma­nage­ment 27 Lot­ter, Wolf: In­no­va­ti­on. Streit­schrift für bar­rie­re­frei­es Den­ken. Hamburg: Edi­ti­on Kör­ber, 2018. 224 S., € 18,- [D], 18,50 [A]

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