Der Weg zur Pro­spe­ri­tät

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„Was ist los mit Eu­ro­pa? 20 Mil­lio­nen Men­schen sind ar­beits­los, 100 Mil­lio­nen müs­sen sich mit ‚aty­pi­schen‘ Jobs zu­frie­den­ge­ben, die Staats­ver­schul­dung steigt seit vier­zig Jah­ren, ‚wir‘ kön­nen uns den So­zi­al­staat nicht mehr leis­ten.“Da­mit be­ginnt Ste­phan Schul­meis­ter sein Buch mit dem schlich­ten Ti­tel „Der Weg zur Pro­spe­ri­tät“(S. 9). Der Au­tor ist ei­ner der re­nom­mier­tes­ten Öko­no­men Ös­ter­reichs, war lang­jäh­ri­ger Mit­ar­bei­ter des Ös­ter­rei­chi­schen Wirt­schafts­for­schungs­in­sti­tuts und hat sich mit sei­nen Un­ter­su­chun­gen zu den Fi­nanz­märk­ten ei­nen Na­men ge­macht. Schul­meis­ter scheut auch nicht die Ein­mi­schung in po­li­ti­sche und ge­sell­schaft­li­che De­bat­ten. So auch in die­ser Pu­bli­ka­ti­on, das auf den ers­ten 200 Sei­ten ei­ne Aus­ein­an­der­set­zung bzw. Abrech­nung mit der neo­li­be­ra­len Theo­rie frei­er Fi­nanz­märk­te gibt, um dann Er­klä­run­gen für die Wirt­schafts- und Po­li­tik­kri­se Eu­ro­pas, vor al­lem aber auch The­ra­pie­vor­schlä­ge zu lie­fern.

Schul­meis­ter sieht sich ei­ner rea­lis­ti­schen Schu­le der Öko­no­mie ver­pflich­tet, die von em­pi­ri­schen Be­fun­den aus­geht, an­ders als die Denk­schu­le des Neo­li­be­ra­lis­mus, die er klar als idea­lis­tisch, da al­lein von abs­trak­ten Mo­del­len aus­ge­hend, be­zeich­net. Der Au­tor spricht in dem Zu­sam­men­hang von „Theo­rie­pro­duk­ti­on als so­zia­lem Pro­zess“und meint da­mit, dass Wis­sen­schaft im­mer in ge­sell­schaft­li­che Ver­hält­nis­se ein­ge­bet­tet und nie wert­frei sei, was er an ei­ner kur­zen Ge­schich­te der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten vom „miss­brauch­ten Adam Smith“(S. 48) über die Leh­ren aus der Welt­wirt­schafts­kri­se und dem Ent­ste­hen des Keyne­sia­nis­mus bis hin zur Durch­set­zung des Neo­li­be­ra­lis­mus ab den 1970-Jah­ren dar­legt.

Mit sei­ner Theo­rie der „Bull- und Be­ar-märk­te“macht Schul­meis­ter deut­lich, dass an den Bör­sen psy­cho­lo­gi­sche Fak­to­ren, ins­be­son­de­re Her­den­ver­hal­ten so­wie ei­ne „ma­nisch-de­pres­si­ve“(S. 25) Grund­stim­mung ei­ne viel grö­ße­re Rol­le spie­len als neo­li­be­ra­le Öko­no­men wahr­ha­ben wol­len – mit be­denk­li­chen Fol­gen für die Re­al­wirt­schaft. Dies führt zu ei­ner zwei­ten zen­tra­len – auch un­ter Lin­ken um­strit­te­nen – The­se von Schul­meis­ter, näm­lich der Ab­spal­tung der Fi­nanz­märk­te von der Re­al­wirt­schaft. Der Öko­nom kri­ti­siert nicht den Ka­pi­ta­lis­mus an sich, son­dern die Be­hin­de­rung ei­ner pro­spe­rie­ren­den Markt­wirt­schaft durch in­sta­bi­le und Ei­gen­in­ter­es­sen ver­fol­gen­de Fi­nanz­märk­te. Ka­pi­tal sei vom „Mit­tel zum Zweck“zum „Mit­tel zum Selbst­zweck“mu­tiert (S. 126).

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