Be­ob­ach­tun­gen über un­se­re Frei­heit

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Ist das west­li­che li­be­ra­le Ge­sell­schaft­mo­dell in Ge­fahr? Wer­den wir ei­nem um­fas­sen­den Be­griff von Frei­heit ge­recht? Kippt die Frei­heit von Zwang im­mer mehr in den Zwang ein­zig­ar­tig zu sein? Wie geht es ei­gent­lich der Lie­be in den Zei­ten der Frei­heit? Ste­fan Wal­ly fasst ver­schie­de­ne Be­ob­ach­tun­gen zu­sam­men.

Ist das west­li­che li­be­ra­le Ge­sell­schaft­mo­dell in Ge­fahr? Wer­den wir ei­nem um­fas­sen­den Be­griff von Frei­heit ge­recht? Kippt die Frei­heit von Zwang nicht im­mer mehr in den Zwang ein­zig­ar­tig zu sein? Wie geht es ei­gent­lich der Lie­be in den Zei­ten der Frei­heit? Ste­fan Wal­ly hat ver­schie­de­ne Be­ob­ach­tun­gen über un­se­re Frei­heit zu­sam­men­ge­stellt.

Aben­teu­er Frei­heit

Car­lo Stren­ger ist in der Schweiz ge­bo­ren, jetzt Pro­fes­sor für Psy­cho­lo­gie an der Uni­ver­si­tät in Tel Aviv. In „Aben­teu­er Frei­heit“for­dert er, dass die west­li­che Welt ih­re Wer­te selbst­be­wusst ver­tei­dig. Er hat ei­ne ho­he Mei­nung von der west­li­chen Mo­der­ne: „Die größ­te Leis­tung der west­li­chen Mo­der­ne be­steht da­rin, es den In­di­vi­du­en er­mög­licht zu ha­ben, ihr Le­ben frei nach bes­tem Wis­sen und Ge­wis­sen zu ge­stal­ten, und ih­nen ein brei­tes Spek­trum von Le­bens­for­men und -sti­len zur Ver­fü­gung zu stel­len.“(S. 8) Die­ser Zu­stand sei aber in Ge­fahr. Frei­heit sei kein Zu­stand, der sich von selbst er­hal­te, er müs­se im­mer wie­der er­ar­bei­tet wer­den. Stren­ger führt dies auf ein grund­le­gend fal­sches Frei­heits­ver­ständ­nis zu­rück, er be­schul­digt Jean­jac­ques Rous­seau da­für die Grund­la­ge ge­legt zu ha­ben. Rous­seau ha­be ar­gu­men­tiert, dass die Men­schen frei ge­bo­ren sei­en. Es müs­se den Men­schen nur der Raum ge­schaf­fen wer­den, ihr vol­les Po­ten­zi­al aus­zu­schöp­fen. Frei­heit sei der Na­tur­zu­stand. Stren­ger meint hin­ge­gen, Frei­heit sei bes­ten­falls ei­ne Er­run­gen­schaft, die nur durch har­te Ar­beit er­wor­ben wer­den kön­ne. „Die Dy­na­mik der Er­wach­sen­wer­dens be­steht da­rin, dass wir für uns selbst im­mer mehr Ver­ant­wor­tung über­neh­men müs­sen, und dass uns im­mer sel­te­ner, wenn über­haupt, vor­ge­schrie­ben wird, was wir zu tun ha­ben, so dass un­se­re Frei­heit zu­nimmt.“(S. 9)

Mit Isaiah Ber­lin geht auch er von zwei Frei­heits­be­grif­fen aus. „Ne­ga­ti­ve Frei­heit“be­deu­tet, vom Staat und der Ge­sell­schaft ein­ge­schränkt zu wer­den. Mit ne­ga­ti­ver Frei­heit sei durch­aus ver­ein­bar, dass wir zu Skla­ven un­se­rer Lei­den­schaf­ten, Be­gier­den oder auch äu­ße­rer Ma­ni­pu­la­ti­on wer­den. „Po­si­ti­ve Frei­heit“be­deu­tet, dass Men­schen wirk­lich au­to­nom sei­en, auch von ih­rem – mit Sart­re for­mu­lier­ten – fal­schen Be­wusst­sein, wir hät­ten ei­gent­lich kei­ne Wahl, da ‚man‘ ge­wis­se Din­ge nicht tut, an­de­re aber sehr wohl tun muss. „Wir iden­ti­fi­zie­ren uns mit un­se­rer so­zia­len Rol­le, da­mit wir uns der er­drü­cken­den Last der Frei­heit nicht stel­len müs­sen.“(S. 91)

Stren­ger sieht in der Li­te­ra­tur Zei­chen für die Er­schöp­fung der Mo­der­ne; an­hand von Au­to­ren wie Mi­chel Hou­el­l­e­becq, Ben­ja­min Bar­ber und John Gray wird ei­ne zu­neh­men­de Aver­si­on ge­gen den

mo­der­nen Wes­ten do­ku­men­tiert. Ein Ka­pi­tel spricht vom „Ekel am Wes­ten“. „Der My­thos, wir sei­en frei ge­bo­ren, führt da­zu, dass im­mer mehr Be­woh­ner der west­li­chen Welt nicht be­grei­fen, dass wir uns in ei­nem lan­gen Pro­zess, der die frei­heit­li­che Ord­nung mög­lich ge­macht hat, aus­ein­an­der­set­zen müs­sen, wenn wir die Frei­heit wirk­lich schät­zen und be­wah­ren wol­len.“(S. 13) Stren­ger spricht ab­schät­zig von der Kon­sum­men­ta­li­tät der Ge­gen­wart. Man müs­se die nach­fol­gen­de Ge­ne­ra­ti­on er­zie­hen, für li­be­ra­le Grund­wer­te zu kämp­fen. S. W. Kon­sum­ge­sell­schaft

61 Stren­ger, Car­lo: Aben­teu­er Frei­heit. Ein Weg­wei­ser für un­si­che­re Zei­ten. Ber­lin: Suhr­kamp, 2017.

123 S., € 14,- [D], 14,40 [A]

Die Frei­heit, frei zu sein

Der Es­say „Die Frei­heit, frei zu sein“wur­de erst jetzt erst­mals ver­öf­fent­lich, ob­wohl die Au­to­rin Han­nah Arendt be­reits 1975 ver­stor­ben ist. Sie hat­te ihn in Zu­sam­men­hang mit ih­rem 1963 er­schie­ne­nen Buch „On Re­vo­lu­ti­on“ver­fasst. Er wid­met sich der his­to­ri­schen Ent­wick­lung des Frei­heits­be­grif­fes, vor al­lem in sei­ner Ver­bin­dung mit den Re­vo­lu­tio­nen in der Mensch­heits­ge­schich­te. Ne­ben der Frei­heit von Zwang, der ne­ga­ti­ven Frei­heit, skiz­ziert Arendt mit Hil­fe des Phi­lo­so­phen John Adams ei­nen wei­te­ren Be­griff der Frei­heit. Men­schen sei­en von dem Wunsch be­stimmt, von an­de­ren Men­schen ge­hört, an­ge­spro­chen, an­er­kannt und re­spek­tiert zu wer­den. Da­hin­ter ste­he die Lei­den­schaft der Pro­fi­lie­rung. Das sei ab­zu­gren­zen vom Wunsch, Macht zu ha­ben. In ei­nem Wett­be­werb der oder die Bes­te zu sein, set­ze Gleich­heit un­ter den Be­tei­lig­ten vor­aus. In­sti­tu­tio­nell ist die­se Art von Frei­heit „al­lein in der Re­pu­blik mög­lich, die kei­ne Un­ter­ta­nen und, streng ge­nom­men, auch kei­ne Herr­scher kennt.“(S. 22) Für die­sen zwei­ten Schritt der Frei­heit gab es his­to­ri­sches Be­wusst­sein, schreibt Arendt: „Die Män­ner der ers­ten Re­vo­lu­tio­nen wuss­ten zwar sehr wohl, dass Be­frei­ung mehr be­deu­tet als po­li­ti­sche Be­frei­ung von ab­so­lu­ter und des­po­ti­scher Macht; dass die Frei­heit, frei zu sein, zu­al­ler­erst be­deu­te­te, nicht nur von Furcht, son­dern auch von Not frei zu sein.“(S. 24) Die Ra­di­ka­li­tät ih­res Frei­heits­be-

grif­fes ist Arendt klar. Frei­heit war für die Vor­kämp­fe­rin­nen das Schaf­fen von et­was Neu­em. Die Er­fah­rung frei zu sein, fiel mit dem Be­ginn von et­was Neu­em zu­sam­men. „Man hat­te das Ge­fühl: Frei zu sein und et­was Neu­es zu be­gin­nen, war das Glei­che.“Et­was spe­ku­la­tiv schreibt sie nach­fol­gend: „Und die­se ge­heim­nis­vol­le mensch­li­che Ga­be, die Fä­hig­keit, et­was Neu­es an­zu­fan­gen, hat of­fen­kun­dig et­was da­mit zu tun, das je­der von uns durch die Ge­burt als Neu­an­kömm­ling in die Welt trat. Mit an­de­ren Wor­ten: Wir kön­nen et­was be­gin­nen, weil wir An­fän­ge und da­mit An­fän­ger sind.“(S. 37) S. W. Po­li­ti­sche Phi­lo­so­phie

62 Arendt, Han­nah: Die Frei­heit, frei zu sein. Mün­chen: dtv, 2018. 60 S., € 8,- [D], 8,30 [A]

Lob des Ri­si­kos

An­ne Du­four­man­tel­le er­trank am 21. Ju­li 2017, als sie zwei Kin­dern, die an ei­nem fran­zö­si­schen Ba­de­strand in Ge­fahr ge­rie­ten, zu Hil­fe kom­men woll­te. Die Kin­der über­leb­ten. Da­vor hat­te sie das Buch „Lob des Ri­si­kos: Ein Plä­doy­er für das Un­ge­wis­se“fer­tig­ge­stellt. Du­four­man­tel­le war Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin und Phi­lo­so­phin und setz­te sich vor al­lem mit dem fran­zö­si­schen Post­struk­tu­ra­lis­mus aus­ein­an­der, oh­ne die­sem zu­ge­ord­net zu wer­den. Das Buch er­scheint wie ein Le­bens­rat­ge­ber, ist aber eher ei­ne phi­lo­so­phi­sche Me­di­ta­ti­on. Ih­re Über­le­gun­gen krei­sen um ein ge­mein­sa­mes The­ma, bau­en aber kein kon­ven­tio­nell struk­tu­rier­tes Ar­gu­men­ta­ti­ons­ge­bäu­de auf. Man kann die Ka­pi­tel ein­zeln le­sen, man kann sich vom Ge­dan­ken­fluss der Au­to­rin mit­neh­men las­sen.

Früh im Buch macht Du­four­man­tel­le klar, wor­um es ihr geht. „Sein Le­ben zu ris­kie­ren be­deu­tet wo­mög­lich in ers­ter Li­nie, sich dem Ster­ben zu ver­wei­gern. Ei­nem Ster­ben zu Leb­zei­ten, durch ver­schie­de­ne For­men des Ver­zichts, schlei­chen­de De­pres­sio­nen und Auf­op­fe­rung.“(S. 28) Was sie da­mit meint: Noch nie ha­ben wir ge­schütz­ter ge­lebt als heu­te in der west­li­chen Welt. Und trotz­dem gibt es im­mer mehr Stress, Zu­kunfts­angst und die Nei­gung zu Pa­nik, wie auch Jo­seph Hani­mann im Vor­wort schreibt. Ist nicht die Be­reit­schaft Ri­si­ko ein­zu­ge­hen, vom vor­ge­se­he­nen si­che­ren Weg ab­zu­wei­chen, Frei­heit zu le­ben? Und die Idee, oh­ne Ri­si­ko zu le­ben, ist oh­ne­dies ein Irr­tum: „Man muss der Ge­fahr ins Au­ge se­hen, zu­min­dest die­sen Mut soll­ten wir uns be­wah­ren. Wir kön­nen uns von Schmerz, Ka­ta­stro­phen und Trau­er er­ho­len, und doch wird im­mer ein Platz für das Bö­se blei­ben. Wir wer­den nicht im Vor­aus er­löst.“(S. 80) Du­four­man­tel­le sieht die Be­reit­schaft Ri­si­ko ein­zu­ge­hen eben­falls als Be­din­gung des Wi­der­stan­des und da­mit als Ge­gen­stück zur frei­wil­li­gen Knecht­schaft. Eng ver­knüpft sie auch Ri­si­ko und Lei­den­schaft: „Man will In­ten­si­tät oh­ne Ri­si­ko – un­mög­lich. Die In­ten­si­tät setzt den Sprung ins Lee­re vor­aus, das Neue, das was noch nicht ge­schrie­ben wor­den ist und ge­nau dar­auf in uns war­tet.“(S. 57) Die Au­to­rin geht auch dort­hin, wo es weh tut: Sie spricht über das Ri­si­ko, die Fa­mi­lie zu ver­las­sen, über „un­heil­ba­re (Un)treue“. Im­mer wie­der kehrt sie zum Mo­tiv der Frei­heit zu­rück, Frei­heit mei­ne das Sich-frei-ma­chen, kei­nen sta­bi­len Zu­stand. Sie set­ze vor­aus, dass wir uns un­se­rer Fes­seln be­wusst sind und dass wir die­se Fes­seln oft mit un­se­rer Zu­stim­mung tra­gen. „Die Psy­cho­ana­ly­se ver­tritt da­zu ei­ne ein­deu­ti­ge Mei­nung. Fast im­mer sei die Frei­heit il­lu­so­risch, sie stüt­ze sich auf die viel­fäl­ti­gen Kon­di­tio­nie­run­gen un­se­res Be­geh­rens, un­se­rer Er­zie­hung, un­se­rer Kul­tur und Welt. Sie wur­ze­le in ei­ner Ideo­lo­gie, die dem Sub­jekt nur ei­ne kur­ze Flucht ge­stat­tet – in ei­nem äu­ßerst be­schränk­ten Raum. Der Raum ei­nes zwangs­ver­wal­te­ten Ichs, das noch sei­ner ei­ge­nen Über­wa­chung giert.“(S. 102) Und wei­ter: „Das Ri­si­ko der Frei­heit ein­zu­ge­hen heißt, die Pas­cal’sche Wet­te an­zu­neh­men, der zu­fol­ge wir die­se Frei­heit in der Ent­de­ckung des Un­be­kann­ten fin­den.“(S. 103) S. W. Ri­si­ko­ver­hal­ten

63 Du­four­man­tel­le, An­ne: Lob des Ri­si­kos. Ein Plä­doy­er für das Un­ge­wis­se. Ber­lin: Auf­bau Verl., 2018. 315 S., € 20,- [D], 20,60 [A]

Ne­ga­ti­ve Mo­der­ne

„Ich bin nichts wert.“„Ich ha­be noch nichts er­reicht.“„Ich bin Nie­mand.“Wer­den sol­che Sät­ze häu­fi­ger? Was ha­ben sie ge­mein­sam? Hier setzt Sven Hil­len­kamp an. Er ver­sucht zu ver­ste­hen, war­um aus sei­ner Sicht im­mer mehr Men­schen Sät­ze über ihr Le­ben for­mu­lie­ren, in de­nen es um das „Aus­blei­ben, Ver­schwun­den­sein, Un­mög­lich­sein, Feh­len von et­was“geht. Es geht um Ne­ga­ti­vi­tät, die sich im Den­ken und Han­deln von Men­schen ver­rät. „Al­le die­se Re­dens­ar­ten zei­gen de­fi­zi­en­te Mo­di der Ver­wick­lung an, de­fi­zi­ent bis zu ei­nem Grad, dass bloß noch vom Wunsch, vom Nach­den­ken über (…) die Re­de ist, gar nicht mehr von der Ver­wirk­li­chung.“(S. 17)

Hil­len­kamp spricht von der „Ne­ga­ti­ven Mo­der­ne“und er nennt sie das zwei­te Ge­sicht un­se­rer Welt, ne­ben der Po­si­ti­ven Mo­der­ne, in der al­les be­schleu­nigt, ver­bes­sert, über­er­füllt und ge­stei­gert wird. In der Ne­ga­ti­ven Mo­dern herrscht Lee­re, wo Fül­le war. Wo­her kommt die­ses zwei­te Ge­sicht der

Mo­der­ne, das nach der Po­si­ti­ven Mo­der­ne er­schien und nun par­al­lel un­se­re Rea­li­tät aus­macht. Hil­len­kamp meint, dass die klas­si­schen Er­klä­run­gen für Ent­wick­lun­gen der Mo­der­ne hier nicht grei­fen. Die Ne­ga­ti­ve Mo­der­ne kön­ne nicht aus­rei­chend mit öko­no­mi­schen Theo­ri­en, dis­kur­si­ven/in­sti­tu­tio­nel­len und tech­ni­schen/me­dia­len Struk­tu­ren er­klärt wer­den.

Al­les was die Ne­ga­ti­ve Mo­der­ne aus­macht, kommt laut Hil­len­kamp in ei­ner Si­tua­ti­on zu­sam­men, die er den „Sturz ins Nichts“nennt. Men­schen, die sich in ei­ner Si­tua­ti­on be­fin­den, wo sie die Ach­tung vor ih­rer ei­ge­nen Ar­beit und sich selbst ver­lie­ren, wo sich Tag und Nacht nicht mehr un­ter­schei­den, nicht Werk- noch Fei­er­ta­ge dem Le­ben Kon­tu­ren ge­ben; die Me­ta­pher des Breis wird be­müht. Das Le­ben wird ent­struk­tu­riert. Man hält nichts Ver­gan­ge­nes für er­wäh­nens­wert, nicht Ge­wünsch­tes für mög­lich und man sieht für sich kei­ne Zu­kunft. „Die ei­gent­li­che Ka­ta­stro­phe der Frei­heit be­steht in den weit­rei­chen­den Kon­se­quen­zen die­ser Si­tua­ti­on. Die­se Kon­se­quen­zen zei­gen sich in der – je­der Sub­jek­ti­vi­tät vor­ge­la­ger­ten – Pas­si­vi­tät. Es sind, wie be­schrie­ben, der Sturz in die Wert­lo­sig­keit und die ent­struk­tu­rier­te Zeit, die Kop­pe­lung von Den­ken und Han­deln ans – meist ne­ga­ti­ve – In­nen­le­ben – und da­mit die Un­mög­lich­keit, der ge­wünsch­ten Ak­ti­vi­tät –, die Unend­lich­keit des Mög­li­chen als Nichts des Wirk­li­chen so­wie das Nichts des An­de­ren, der Ob­jek­te und Ele­men­te, die so­zia­le und kör­per­li­che De­pri­va­ti­on.“(S. 370) S. W. Wert­kri­se

64 Hil­len­kamp, Sven: Ne­ga­ti­ve Mo­der­ne. Struk­tu­ren der Frei­heit und der Sturz ins Nichts. Stutt­gart: Klett­cot­ta, 2016. 384 S., € 25,95 [D], 25,70 [A]

Ge­sell­schaft der Sin­gu­la­ri­tä­ten

„Was im­mer mehr er­war­tet wird, ist nicht das All­ge­mei­ne, son­dern das Be­son­de­re. Nicht an das Stan­dar­di­sier­te und Re­gu­lier­te hef­ten sich die Hoff­nun­gen, das In­ter­es­se und die An­stren­gun­gen von In­sti­tu­tio­nen und In­di­vi­du­en, son­dern an das Ein­zig­ar­ti­ge, das Sin­gu­lä­re.“(S. 7) Was einst vor­bild­li­che Le­bens­ent­wür­fe ge­we­sen sei­en, noch bis in die 1970er-jah­re, ist heu­te nach Andre­as Reck­witz nicht mehr er­stre­bens­wert, „der Durch­schnitts­an­ge­stell­te mit Durch­schnitts­fa­mi­lie in der Vor­stadt, ist in den west­li­chen Ge­sell­schaf­ten zur kon­for­mis­tisch er­schei­nen­den Ne­ga­tiv­fo­lie ge­wor­den, von der sich das spät­mo­der­ne Sub­jekt ab­he­ben will“. (S. 9) Was heu­te ge­schieht ge­he über die In­di­vi­dua­li­sie­rung hin­aus, die Ul­rich Beck be­schrie­ben hat. „Sin­gu­la­ri­sie­rung meint aber mehr als Selb­stän­dig­keit und Selbst­op­ti­mie­rung. Zen­tral ist ihr das kom­pli­zier­te­re Stre­ben nach Ein­zig­ar­tig­keit und Au­ßer­ge­wöhn­lich­keit, die zu er­rei­chen frei­lich nicht nur sub­jek­ti­ver Wunsch, son­dern pa­ra­do­xe ge­sell­schaft­li­che Er­war­tung ge­wor­den ist.“(ebd.)

Im Mo­dus der Sin­gu­la­ri­tät wer­de das Le­ben nicht ein­fach ge­lebt, son­dern ku­ra­tiert. Man „per­for­med“sein Selbst vor den An­de­ren, nicht zu­letzt in den so­zia­len Me­di­en. Es wird um Sicht­bar­keit, At­trak­ti­vi­tät und Auf­merk­sam­keit ge­kämpft. Tra­di­tio­nel­le In­sti­tu­tio­nen bie­ten hier we­ni­ge Res­sour­cen, um zu punk­ten. Par­ti­ku­lä­re und tem­po­rä­re For­men wer­den wich­ti­ger, wie es Sze­nen, Sub­kul­tu­ren, Frei­zeit- und Kon­sum-com­mu­nities sein kön­nen. Die­se Grup­pen­bil­dun­gen kor­re­spon­die­ren mit dem Auf­stieg und der Aus­dif­fe­ren­zie­rung der Iden­ti­täts-po­li­ti­ken, aber et­wa auch mit der Aus­dif­fe­ren­zie­rung des re­li­giö­sen Le­bens. Reck­witz er­in­nert dar­an, dass ge­nau­so wie das All­ge­mei­ne, so auch das Be­son­de­re so­zi­al kon­stru­iert ist. Wir ent­schei­den, was un­ter ei­ner „gu­ten Staats­bür­ge­rin“zu ver­ste­hen ist, ge­nau­so wie wir ent­schei­den, was wir mit ei­nem „ve­ga­nen, quee­ren Hips­ter“mei­nen wür­den.

Nicht nur Men­schen ver­su­chen sin­gu­lä­re Iden­ti­tä­ten zu bas­teln, auch Din­ge, Kol­lek­ti­ve, Rä­um­lich­kei­ten und Zei­ten müs­sen „be­son­ders“und mög­lichst ein­zig­ar­tig sein. Wem es ge­lingt, als sin­gu­lär, be­son­ders, ein­zig­ar­tig wahr­ge­nom­men zu wer­den, hat hand­fes­te Vor­tei­le. Sei es durch At­trak­ti­vi­tät im Pri­vat­le­ben, durch Ver­kaufs­zah­len bei Pro­duk­ten, durch Be­su­che­rin­nen­zah­len im Ca­fé oder durch häu­fi­ge Bu­chung des an­ge­bo­te­nen Er­leb­nis­ur­laubs. Das be­deu­tet auch, dass die­je­ni­gen Vor­tei­le ha­ben, die in der La­ge sind, Be­son­de­res zu pro­du­zie­ren, und die­je­ni­gen, die ent­schei­den, ob die­ses oder je­nes be­son­ders ist. Sin­gu­la­ri­tät kennt ein Oben und Un­ten. In der Öko­no­mie spielt das Be­son­de­re ei­ne im­mer wich­ti­ge­re Rol­le, ge­rin­ge Auf­la­gen von Turn­schu­hen, Per­so­na­li­sie­rung von Au­to­mo­bi­len, Per­so­nal­re­kru­tie­rung „be­son­de­rer Mit­ar­bei­ter, die an­ders den­ken“, Tech­no­lo­gi­en wie 3D-dru­cker, die in­di­vi­du­el­le Plä­ne um­set­zen, sind da­für Bei­spie­le. Wenn die Kon­struk­ti­on des mög­li­cher­wei­se Be­son­de­ren und die noch nö­ti­ge An­er­ken­nung als Be­son­de­res in den Mit­tel­punkt rü­cken, ver­la­gern sich vie­le öko­no­mi­sche Kämp­fe in die kul­tu­rel­le Sphä­re. Schon jetzt spielt in et­li­chen Bran­chen das De­sign und noch mehr die le­bens­welt­li­che Auf­la­dung von Mar­ken ei­ne wich­ti­ge­re Rol­le als die Tech­no­lo­gie. Lo­gisch auch, dass wir per­sön­li­che Da­ten von Per­so­nen be­nö­ti­gen, um ih­nen in­di­vi­du­el­le, sin­gu­lä­re An­ge­bo­te ma­chen zu kön­nen.

„Wir iden­ti­fi­zie­ren uns mit un­se­rer so­zia­len Rol­le, da­mit wir uns der er­drü­cken­den Last der Frei­heit nicht stel­len müs­sen.“(Car­lo Stren­ger in 61 , S. 91)

„Man will In­ten­si­tät oh­ne Ri­si­ko – un­mög­lich. Die In­ten­si­tät setzt den Sprung ins Lee­re vor­aus, das Neue, das was noch nicht ge­schrie­ben wor­den ist und ge­nau dar­auf in uns war­tet.“(A. Du­four­man­tel­le in 63 , S. 57)

„Die ei­gent­li­che Ka­ta­stro­phe der Frei­heit be­steht in den weit­rei­chen­den Kon­se­quen­zen die­ser Si­tua­ti­on. (...) Es sind, wie be­schrie­ben, der Sturz in die Wert­lo­sig­keit und die ent­struk­tu­rier­te Zeit, die Kop­pe­lung von Den­ken und Han­deln ans – meist ne­ga­ti­ve – In­nen­le­ben – und da­mit die Un­mög­lich­keit, der ge­wünsch­ten Ak­ti­vi­tät –, die Unend­lich­keit des Mög­li­chen als Nichts des Wirk­li­chen so­wie das Nichts des An­de­ren, der Ob­jek­te und Ele­men­te, die so­zia­le und kör­per­li­che De­pri­va­ti­on.“(Sven Hil­len­kamp in 64 , S. 370)

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