Blick über die Gren­zen

Was dis­ku­tiert Frank­reich

ProZukunft - - Inhalt -

Wäh­rend Frank­reich ak­tu­ell von den Pro­tes­ten der Gelb­wes­ten [franz.: gi­lets jau­nes] er­schüt­tert wird, sind zwei Pu­bli­ka­tio­nen er­schie­nen, wel­che die Wur­zeln des Pro­blems zu er­fas­sen su­chen, je­doch zu sehr ver­schie­de­nen Schlüs­sen kom­men:

Sa­lo­mé Ber­lioux und Erk­ki Mail­lard be­schäf­ti­gen sich in „Die Un­sicht­ba­ren der Re­pu­blik“[franz.: „Les In­vi­si­bles de la Ré­pu­bli­que“] mit der ab­ge­häng­ten Jun­gend Frank­reichs – je­nen, die in der Pro­vinz iso­liert von den gro­ßen Zen­tren le­ben. Die­se jun­gen Men­schen lei­den an der „ter­ri­to­ria­len Un­gleich­heit“, sei es durch den feh­len­den Zu­gang zu kul­tu­rel­len, sport­li­chen oder uni­ver­si­tä­ren Ein­rich­tun­gen, dem man­geln­den Zu­griff auf Netz­wer­ke, oder dem Aus­schluss von In­for­ma­ti­ons­flüs­sen. Häu­fig schei­tert es an fi­nan­zi­el­len Mög­lich­kei­ten und lo­gis­ti­schen Pro­ble­men, vor al­lem was Mo­bi­li­tät an­be­langt. Das führt zur Si­tua­ti­on, dass jun­ge Men­schen nicht die für sie pas­sen­de Bil­dungs- und Be­rufs­wahl tref­fen, son­dern sich den Mög­lich­kei­ten und Ge­ge­ben­hei­ten vor Ort an­pas­sen. Die Au­to­rin­nen plä­die­ren da­her für ei­nen re­pu­blik­wei­ten Plan, der für die Pe­ri­phe­ri­en Chan­cen­ge­rech­tig­keit her­stellt und, in­ten­si­ve Men­to­ring-pro­gram­men, die Ju­gend­li­che da­bei un­ter­stützt, den Sprung in die Welt zu wa­gen. Das Buch wird in den fran­zö­si­schen Me­di­en sehr po­si­tiv auf­ge­nom­men: Le Mon­de hebt die nüch­ter­ne Por­trai­tie­rung ei­ner ab­ge­häng­ten Ju­gend am Land und in der Kle­in­stadt her­vor, die längst kei­ne glei­chen Chan­cen mehr hat. Als „Kin­der der Gelb­wes­ten“be­zeich­net Le Pa­ri­si­en die länd­li­che Ju­gend und zieht Par­al­le­len zu Trumps Ame­ri­ka und den Br­ex­i­teers; L’ex­press lobt die „rüh­ren­den Zeug­nis­se“, wel­che die Au­to­rin­nen ge­sam­melt ha­ben.

Mit der fran­zö­si­schen Pe­ri­phe­rie hat sich auch der So­zio­lo­ge Eric Charmes in sei­nem Buch „Die Ra­che der Dör­fer“[„La Re­van­che des Vil­la­ges“] aus­ein­an­der­ge­setzt: Zwar ge­be es ab­ge­le­ge­ne Re­gio­nen, die stark be­nach­tei­ligt sind. Je­doch sei­en die meis­ten Dör­fer und Klein­städ­te rund um gro­ße ur­ba­ne Zen­tren an­ge­sie­delt („pé­ri-ur­bai­ne“– ur­ba­ne Pe­ri­phe­rie) und funk­tio­nie­ren auch in ei­ner „Stadt­lo­gik“. Die meis­ten Be­woh­ner pen­deln in die Groß­städ­te zur Ar­beit, ge­nie­ßen aber ih­re Frei­zeit in ei­nem in­tak­ten Dorf, des­sen Le­bens­qua­li­tät als bes­ser emp­fun­den wird als je­ne in der Stadt. Doch es ist ge­ra­de die­se „ur­ba­ne Pe­ri­phe­rie“(und nicht die ab­ge­häng­ten Re­gio­nen), in der so­wohl der Front Na­tio­nal als auch die Gelb­wes­ten das größ­te Re­kru­tie­rungs­po­ten­zi­al ha­ben. Stadt­na­he Dör­fer hän­gen ganz be­son­ders von den gro­ßen Städ­ten und der Mo­bi­li­tät dort­hin ab. Für ein­fa­che Men­schen kann ei­ne Er­hö­hung der Mo­bi­li­täts­kos­ten ei­ne wirt­schaft­li­che Kri­se be­deu­ten, wie sich ak­tu­ell an den Gelb­wes­ten stu­die­ren lässt, so der Au­tor. Auch die­ses Werk fand brei­ten Wie­der­hall in den Me­di­en: Les In­rock­up­ti­bles, Li­bé­ra­ti­on und Le Mon­de set­zen sich mit dem Werk in In­ter­views und Re­zen­sio­nen aus­ein­an­der und schät­zen die in­for­ma­ti­ve Art des Bu­ches – vor al­lem wenn es um ein Kon­textua­li­sie­ren der ak­tu­el­len Gelb­wes­ten-re­vol­te geht. B. B.-K.

39 Ber­lioux, Sa­lo­mé; Mail­lard, Erk­ki: Les In­vi­si­bles des la Ré­pu­bli­que. Com­ment on sa­cri­fie la jeu­nesse de la Fran­ce pé­ri­phé­ri­que. Pa­ris: Ro­bert Laf­font, 2019. 224 S., € 20,- [F]

40 Charmes, Eric: La Re­van­che des Vil­la­ges. Es­sai sur la Fran­ce pé­ri­ur­bai­ne. Pa­ris: Seuil, 2018. 112 S., € 11,80 [F]

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