„Der Mai­dan war nicht die letz­te Re­vo­lu­ti­on in der Ukrai­ne“

Zwei Jah­re nach dem Sturz des Re­gimes Ja­nu­ko­witsch in Kiew ist die Kor­rup­ti­on nicht merk­lich ge­sun­ken.

Salzburger Nachrichten - - WELTPOLITIK -

Vor al­lem em­pör­te ihn, wie dreist die Staats­macht das Volk an­ge­lo­gen hat. „Jah­re­lang ha­ben sie uns an der Na­se her­um­ge­führt, be­haup­tet, sie woll­ten die Ukrai­ne nach Eu­ro­pa füh­ren“, sagt Oleg Son­tow. „Aber dann er­klärt die Re­gie­rung plötz­lich: Wir ha­ben al­les durch­ge­rech­net und ge­merkt, dass sich Eu­ro­pa für uns nicht lohnt.“

Son­tow lä­chelt dünn. Der 48-jäh­ri­ge Dok­tor der Psy­cho­lo­gie wird in der Ukrai­ne als An­ti­kor­rup­tio­när ge­fei­ert oder als Don Qui­jo­te ver­höhnt. Er war Her­aus­ge­ber ei­ner Lo­kal­zei­tung in der Don­bass-Stadt Sla­wjansk und Ab­ge­ord­ne­ter im Stadt­rat, be­vor er mit ein paar Freun­den nach Kiew fuhr, um sich dort an den Mas­sen­pro­tes­ten ge­gen den über­ra­schen­den Stopp der EUIn­te­gra­ti­on durch Staats­chef Vik­tor Ja­nu­ko­witsch zu be­tei­li­gen. Die Pro­tes­te ge­rie­ten zum blu­ti­gen Auf­stand ge­gen das erz­kor­rup­te Re­gime Ja­nu­ko­witschs. Über 100 Men­schen star­ben, be­vor Ja­nu­ko­witsch am 22. Fe­bru­ar ge­stürzt wur­de.

Son­tow und die 120.000-See­lenS­tadt Sla­wjansk hat­ten das Schlimms­te noch vor sich. Am 12. April be­setz­ten rus­si­sche Be­rufs­krie­ger die Sla­wjans­ker Po­li­zei­wa­che, Son­tow woll­te pro­tes­tie­ren, ent­kam nur knapp der Ge­fan­gen­nah­me. Sein Mai­dan-Ka­me­rad Wla­di­mir Ry­bak, der ver­sucht hat­te, ei­ne ukrai­ni­sche Flag­ge zu his­sen, wur­de we­nig spä­ter in ei­nem Ge­wäs­ser bei Sla­wjansk ge­fun­den, zu To­de ge­fol­tert. Son­tow konn­te flie­hen, mel­de­te sich zur ukrai­ni­schen Ar­mee, und kehr­te nach Sla­wjansk zu­rück, das nach mo­na­te­lan­gen Kämp­fen wie­der in ukrai­ni­scher Hand war. Und der Stadt­rat, der zwi­schen­zeit­lich mit den Re­bel­len pak­tiert hat­te, wähl­te Son­tow zum Bür­ger­meis­ter.

Sei­ne Amts­füh­rung ver­schlug Sla­wjansk die Spra­che. Son­tow ver­sam­mel­te die Un­ter­neh­mer, die für die Stadt ar­bei­te­ten, for­der­te sie auf, ab so­fort al­le Schmier­geld­for­de­run­gen der Be­am­ten ab­zu­leh­nen. Er be­gann, ver­däch­ti­ge Be­am­ten zu ent­las­sen. Sei­ne Ak­ti­vis­ten zo­gen durch die 800 il­le­ga­len Ke­ra­mik­werk­stät­ten der Stadt, über­re­de­ten ih­re Be­trei­ber, Li­zen­zen zu be­an­tra­gen, um nicht mehr von der Will­kür der Po­li­zei­strei­fen ab­hän­gig zu sein.

Als ein Kie­wer Par­la­men­ta­ri­er ihm 330.000 Euro für ein Um­welt­pro­gramm an­bot, die Hälf­te da­von aber als Bak­schisch tei­len woll­te, mach­te Son­tow das öf­fent­lich. Die Re­gio­nal­be­hör­den ver­zö­ger­ten Zah­lun­gen in den Stadt­haus­halt, die Prä­si­den­ten­par­tei So­li­dar­nost strich ihn als Kan­di­da­ten bei der Bür­ger­meis­ter­wahl im Herbst 2015. Son­tow trat als Un­ab­hän­gi­ger an, hol­te in der tra­di­tio­nell an­ti­west­li­chen Stadt 20% der Stim­men, es sieg­te ein pro­rus­si­scher Op­po­si­tio­nel­ler. „Wir ha­ben das Sys­tem nicht bre­chen kön­nen“, sagt Son­tow. „Die Mas­se un­se­rer Be­am­ten und Po­li­ti­ker be­trach­tet ih­ren Staats­dienst nach wie vor als Bu­si­ness­pro­jekt.“Auch sein op­po­si­tio­nel­ler Nach­fol­ger setzt auf die al­ten Sit­ten, macht da­bei ge­mein­sa­me Sa­che mit dem Re­gie­rungs­par­la­men­ta­ri­er, der Son­tow den Dieb­stahl der Um­welt­gel­der vor­ge­schla­gen hat­te. „Wenn die Staats­macht so wei­ter­macht, wird es wie­der Mas­sen­pro­tes­te ge­ben“, sagt er. Der Mai­dan 2014 sei nicht die letz­te Re­vo­lu­ti­on in der Ukrai­ne. „Das Volk hat da­mals ge­merkt, dass es et­was än­dern kann.“

Oleg Son­tow, Ex-Bür­ger­meis­ter

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