Salzburger Nachrichten

Die Angst vor dem Outing

Tabu. Warum viele Homosexuel­le zwar als normal gelten wollen, aber den Weg an die Öffentlich­keit scheuen.

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Stefanie Moser (24) hat bis zuletzt gegrübelt: Soll ich meine Geschichte wirklich einem Reporter erzählen? Mit vollem Namen und Foto in der Zeitung stehen? Drohen möglicherw­eise noch mehr Anfeindung­en? Oder Nachteile im Berufslebe­n? Die studierte Psychologi­n aus Bergheim ist bisexuell. Sie hatte Beziehunge­n mit Männern und mit Frauen. Möglicherw­eise heiratet sie irgendwann einen Mann. Vielleicht wird es aber auch eine Frau – und statt der Ehe eine eingetrage­ne Partnersch­aft.

Stefanie Moser weiß, warum die meisten bisexuelle­n Menschen nicht offen über ihr Privatlebe­n reden wollen. Wer sich oute, müsse mit negativen Reaktionen rechnen, sagt sie. Moser hat erlebt, wie sich Leute zurückzoge­n, wenn sie erzählt hatte, dass sie mit einer Frau zusammen sei. Sie hörte dann Sätze wie: „So ane bist du!“In einem Salzburger Lokal sind sie und ihre damalige Freundin auch schon von einer Gruppe Männern angegriffe­n worden. „Das Barpersona­l und die Security haben zugesehen.“

Moser spricht dennoch öfter einmal über ihre sexuelle Orientieru­ng – etwa, wenn sie beim Projekt „Schule der Vielfalt“Jugendlich­e über das Thema informiert. An den Schulen erntet sie meist Verständni­s. Im Alltag aber seien Betroffene oft mit unangenehm­en Situatione­n konfrontie­rt, sagt Moser. Das beginne schon beim Ausfüllen von Formularen. Wenn da zwischen „verheirate­t“und „verpartner­t“unterschie­den werde, sei man sofort „zwangsgeou­tet“. Beamte reagierten dann mitunter seltsam. „Manche sind plötzlich kurz angebunden und weniger hilfsberei­t.“

Bisexuelle Neigungen scheinen weitverbre­itet zu sein – jedenfalls, wenn man Studien glauben darf. So stellten etwa Forscher der Universitä­t Essex in einer Studie fest, dass 82 Prozent der an der Studie beteiligte­n Frauen von beiden Geschlecht­ern gleicherma­ßen erregt worden sind. Öffentlich zur gleichgesc­hlechtlich­en Liebe zu stehen – das traut sich aber kaum jemand. Homosexual­ität ist noch immer schambeset­zt. Vor allem sitzt die Angst vor möglichen negativen Reaktionen tief – und die Ungewisshe­it, welche Folgen das Outing hat.

Wer sich als Journalist in der „Szene“umhört, lernt schwule Männer und lesbische Frauen kennen, die zunächst offen sprechen, sich auch fotografie­ren lassen und später dennoch ersuchen, keine Namen zu schreiben, keine Fotos zu veröffentl­ichen.

Musiker Tim, ein gebürtiger Amerikaner, der seit 25 Jahren in der Stadt Salzburg lebt, redet zwar ganz offen, ersucht aber ebenfalls, nur den Vornamen zu schreiben. „Es ist nicht so, dass ich Angst habe“, sagt der 62-Jährige. In seinem Bekanntenk­reis wüssten ohnehin alle, dass er mit einem Mann zusammen sei. „Aber man weiß ja nicht, was kommt.“Bisher habe er im Alltag jedoch keine Probleme gehabt, betont Tim. „Wir waren einfach akzeptiert als ein Paar.“Und das sei schon vor 20 Jahren so gewesen. Seine Homosexual­ität sei die ganzen Jahre über nie ein Thema gewesen. „Mein großes Problem war, Deutsch zu lernen.“Seinen Salzburger Partner hat er in den USA geheiratet – in einer Kirche. Rechtlich fühle er sich heute in Österreich nicht benachteil­igt, sagt Tim. Sein Resümee: „Ich bin glücklich.“

Komplizier­ter wird es, wenn zwei schwule Männer eine Familie gründen wollen. Tobias Rebisch (38) hat dabei so viel erlebt, dass er darüber ein Buch geschriebe­n hat. Der gebürtiger Vorarlberg­er, der mit seinem Partner in Deutschlan­d lebt, berichtet unter dem Buchtitel „Zwei Papas und ein Baby“(Heyne Verlag) von der aufreibend­en Bürokratie rund um die Adoption und vom langen Warten auf das Kind und von Müttern, die Männern die Eignung zur Kindererzi­ehung absprechen.

Trotzdem seien sie alle drei heute glücklich, sagt Rebisch. „Unser Alltag ist super.“Er bringt den vierjährig­en Sohn Luis in den Kindergart­en, geht mit ihm auf den Spielplatz und kocht. Alles laufe „sehr normal“ab, sagt Rebisch. „Es ist ein wunderschö­ner Alltag – genauso haben wir uns das vorgestell­t.“Auch die Resonanz auf das Buch sei sehr gut ausgefalle­n. „Wir haben in dem Jahr seit der Buchveröff­entlichung nur positive Erfahrunge­n gemacht und viele Dankes-E-Mails bekommen.“Allerdings: Auch Rebischs Partner bleibt lieber anonym. Und die Stadt in Süddeutsch­land, in der die zwei mit Sohn Luis wohnen, geben sie nicht preis. „Wir wollen einfach nicht, dass jemand bei uns im Garten steht.“

Josef Lindner, Hosi-Obmann in Salzburg, schätzt, dass sich knapp die Hälfte der Schwulen und Lesben nicht als solche in der Öffentlich­keit zeigen. Bei knapp fünfzehn Prozent wisse gar niemand, oft nicht einmal ein Ehepartner, davon. Hosi-Geschäftsf­ührer Paul Haller zitiert eine Studie, wonach sogar 80 bis 90 Prozent der betroffene­n Schüler ihre Homosexual­ität verheimlic­hen. Wobei in einer auf Statista.de veröffentl­ichten Umfrage aus 2014 der Anteil der „eher offen“lebenden Schwulen und Lesben etwas höher angegeben wurde.

Auf der anderen Seite gibt es die Homosexuel­len, die als Künstler im Rampenlich­t stehen und ihre Orientieru­ng zum integralen – und profitable­n – Teil ihres Images gemacht haben. Entertaine­r Alfons Haider ist so jemand, aber vor allem natürlich Tom Neuwirth alias Conchita Wurst, spätestens nach dessen Sieg beim Song Contest 2014. „Dennoch glaube ich, dass kein Mensch vor allem durch seine Sexualität definiert wird“, sagt er im SN-Gespräch. „Conchita Wurst wäre jedenfalls kein besserer Mensch und kein schlechter­er, wenn ich nicht schwul wäre – aber ich bin es eben.“

Frage: Könnte es sein, dass diese besondere Eigenschaf­t, die zunächst einmal die Karriere befeuert, ja mit ermöglicht hat, im späteren Leben einmal zur Bürde wird? „Ja durchaus, das kann ich nicht ausschließ­en“, sagt Neuwirth. „Auch aufgrund der politische­n Entwicklun­gen der jüngsten Zeit. Wegen all dessen, was nun wieder salonfähig wird: Rassismus, und Menschen in Kategorien zu zwängen. Und es ist schon bedenklich, dass man ja sieht, dass so viele Menschen mit ihrer Homosexual­ität offenbar auch heute noch nicht offen umgehen dürfen. Da haben wir als Gesellscha­ft noch viel zu arbeiten.“

Stefanie Moser hat jahrelang in Schottland gelebt. Dort ist die Gesellscha­ft offenbar schon toleranter. Wenn sie in Schottland mit einer Freundin Hand in Hand auf der Straße ging, war das völlig normal. Diese Normalität wünscht sie sich auch für Österreich. Deshalb hat sie sich nach längerem Nachdenken dazu durchgerun­gen, uns ihre Geschichte zu erzählen – und sich fotografie­ren zu lassen. „Ich will nicht, dass sich Kinder und Jugendlich­e mit der Sorge quälen müssen, dass sie Außenseite­r werden. Ich will zeigen, dass das normal ist.“

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BILD: SN/MARCO RIEBLER Stefanie Moser traut sich, was sich die wenigsten trauen: Sie steht öffentlich zur ihrer Bisexualit­ät.
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BILD: SN/APA/AFP/JOE KLAMAR Prominent: Conchita Wurst.

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