Ein Samm­ler fin­det das Ver­lo­re­ne

Ein Arzt und Kunst­samm­ler macht sei­ne Fun­de aus der „ver­lo­re­nen Ge­ne­ra­ti­on“zu­gäng­lich.

Salzburger Nachrichten - - KULTUR - Heinz R. Böh­me, Samm­ler „Mu­se­um der ver­lo­re­nen Ge­ne­ra­ti­on“, Salz­burg, Sig­mund-Haff­ner-Gas­se 12, 1. Stock, ab 19. Ok­to­ber, don­ners­tags und frei­tags, 13 bis 17 Uhr, Ein­tritt frei.

SALZ­BURG. Der Ka­ta­log wä­re fast ver­lo­ren ge­we­sen. Denn der In­ter­nist Heinz R. Böh­me war da­bei, sein Re­gal vol­ler Auk­ti­ons- und Aus­stel­lungs­ka­ta­lo­ge, Kunst­zeit­schrif­ten und an­de­rer Pa­pie­re zu lee­ren. Er ha­be „al­les weg­wer­fen wol­len“, ge­steht der Arzt und Kunst­samm­ler. Da sei ihm doch noch ein rot glän­zen­des Buch ins Au­ge ge­sprun­gen – „ein Ka­ta­log, in den die Bil­der noch ein­ge­klebt wa­ren“.

Da ha­be er die­sen noch ein­mal zur Hand ge­nom­men. Heu­te sagt er zu die­sem Mo­ment: „Das war mein Start­si­gnal!“

Als Heinz R. Böh­me dies er­zählt, sitzt er in ei­nem Zim­mer sei­nes Mu­se­ums an der Sig­mund-Haff­nerGas­se in der Salz­bur­ger Altstadt. Hier ein Mu­se­um? Noch ein Mu­se­um in der Nach­bar­schaft des Ru­per­ti­nums? „Es ist pri­vat“, ver­si­chert der Samm­ler. So wie al­le hier ge­zeig­ten Bil­der sei auch der Mu­se­ums­be­trieb von ihm selbst, al­so pri­vat fi­nan­ziert. Er wol­le da­mit sei­ne seit dem „Start­si­gnal“auf­ge­bau­te Kunst­samm­lung öf­fent­lich zu­gäng­lich ma­chen. Nach ei­nem of­fi­zi­el­len Fest­akt am 6. Ok­to­ber wird die ers­te Aus­stel­lung in den ehe­ma­li­gen Räu­men der Ga­le­rie 5020 – im ers­ten Stock des Hau­ses Num­mer 12 – ab 19. Ok­to­ber don­ners­tags und frei­tags von 13 bis 17 Uhr zu­gäng­lich sein, und das bei frei­em Ein­tritt.

„Die Bil­der in die­sem Raum wa­ren die ers­ten“, er­zählt Heinz R. Böh­me. „Da­mit ha­be ich an­ge­fan­gen.“Sie sind al­le von je­nem Künst­ler, dem der ro­te Ka­ta­log ei­ner Ber­li­ner Ga­le­rie von 1984 ge­wid­met war: Lud­wig Jonas. Des­sen Le­bens­ge­schich­te ha­be ihn so be­rührt, dass er sich auf die Su­che nach des­sen Ge­mäl­den ge­macht ha­be. Lud­wig Jonas wur­de 1887 in Brom­berg in Ost­preu­ßen ge­bo­ren, stu­dier­te dann – wie Heinz R. Böh­me – Me­di­zin, wand­te sich aber der Kunst zu, war Schü­ler von Emil Or­lik und Lo­vis Corinth, leb­te in Pa­ris und Ber­lin, muss­te als Ver­folg­ter der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten 1933 emi­grie­ren, erst nach Frank­reich, dann nach Pa­läs­ti­na, wo er 1942 starb.

Die­ser bio­gra­fi­sche Bruch im Al­ter von 46 Jah­ren hat­te für Lud­wig Jonas ei­nen für sei­ne Ge­ne­ra­ti­on ty­pi­schen Ef­fekt, der für das Schaf­fen von Ma­lern eben­so fa­tal wer­den soll­te wie für Schrift­stel­ler, Mu­si­ker oder Thea­ter­leu­te: Die vom na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Re­gime Ver­fem­ten, Ver­haf­te­ten oder Ver­jag­ten wur­den nach dem Krieg nicht mehr re­ha­bi­li­tiert. Auch je­nen, die nicht im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger oder sonst wie um­ge­kom­men wa­ren, blieb die Kar­rie­re ver­gällt – sei es, weil sie zwar emi­griert, doch zwi­schen al­ter und neu­er Hei­mat zer­ris­sen wa­ren oder weil die Ver­leum­dung der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten so gründ­lich war, dass ih­nen in ih­rer al­ten Hei­mat auch nach 1945 ein un­aus­ge­spro­che­ner Ma­kel blieb.

Heinz R. Böh­me ist sol­chen – im NS-Jar­gon „ent­ar­te­ten“– Künst­lern auf der Spur, de­ren Ge­ne­ra­ti­on oder Schaf­fen als ver­lo­ren, ver­schol­len oder ver­ges­sen be­zeich­net wird. Da­her nennt er das, was er als sei­nen „Le­benstraum“be­zeich­net, das „Mu­se­um der ver­lo­re­nen Ge­ne­ra­ti­on“. In die­sem wol­le er nicht, wie heu­te üb­lich ge­wor­den, „nack­ten Be­ton“, sagt der Samm­ler. Son­dern: „Es soll ge­müt­lich sein, ein bis­serl pri­vat, mit Gar­di­nen – wo ha­ben Sie Gar­di­nen im Mu­se­um?“

Das Wort „Gar­di­nen“ver­rät von sei­ner Her­kunft: „Ich bin der Sohn ei­ner Wie­ne­rin und ei­nes säch­si­schen Va­ters“, auf­ge­wach­sen in Leip­zig, wo er auch Me­di­zin stu­diert hat. Lan­ge lei­te­te der auf Ge­fäß­er­kran­kun­gen spe­zia­li­sier­te In­ter­nist in Mün­chen ein Kran­ken­haus. Seit et­wa zehn Jah­ren woh­ne er in Anif bei Salz­burg. Er hät­te das Mu­se­um auch in Wi­en ma­chen kön­nen, wo er Ver­wand­te ha­be, oder in Mün­chen, wo sein Bru­der woh­ne. „Aber ich le­be hier, und Salz­burg ist an­ge­nehm.“Sein Wunsch: Die nun als Ver­ein or­ga­ni­sier­te pri­va­te Trä­ger­schaft soll so sta­bi­li­siert wer­den, dass das „Mu­se­um der ver­lo­re­nen Ge­ne­ra­ti­on“weit über sein Le­ben hin­aus be­ste­hen bleibt.

Zwar hat er auch Bil­der von Künst­lern aus Salz­burg und Ös­ter­reich, wie von Edu­ard Bäu­mer, der 1933 nach Salz­burg ge­kom­men war, oder von den aus Wi­en stam­men­den Franz Lerch und Wil­ly Ei­sen­schitz. Doch die meis­ten ha­ben deut­sche Be­zü­ge – Ber­lin, Frankfurt, Aa­chen, Schle­si­en oder Düs­sel­dorf. Jetzt hän­gen im neu­en Mu­se­um rund acht­zig Bil­der von fünf­zig Künst­lern; das ist et­wa ein Vier­tel sei­ner Samm­lung, die er im­mer wie­der in an­de­ren Kom­bi­na­tio­nen prä­sen­tie­ren möch­te. Er ver­si­chert: „Für The­men hab ich ei­ne gan­ze Lis­te!“ Aus­stel­lung:

BILD: SN/WWW.NEUMAYR.CC/LEO

Vor der Er­öff­nung: Der Samm­ler Heinz R. Böh­me in sei­nem „Mu­se­um der ver­lo­re­nen Ge­ne­ra­ti­on“in je­nem Zim­mer, das den Ge­mäl­den von Lud­wig Jonas ge­wid­met ist.

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