Schreib­tisch ge­sucht

Die neue Welt des Ar­bei­tens. In im­mer mehr Bü­ros herrscht mor­gens freie Platz­wahl. Wäh­rend man­che dar­über flu­chen, zah­len an­de­re für den Schreib­tisch auf Zeit.

Salzburger Nachrichten - - WIRTSCHAFT - IRIS BURTSCHER

Il­se Fe­tik Be­triebs­rä­tin Ers­te Bank

Die „Rei­se nach Je­ru­sa­lem“be­ginnt am Mor­gen: Statt fi­xen Schreib­ti­schen gibt es in im­mer mehr Bü­ros we­ni­ger Ar­beits­plät­ze als An­ge­stell­te. In der Früh schnappt sich der Mit­ar­bei­ter al­so sei­nen Roll­con­tai­ner und macht sich auf die Su­che nach ei­nem frei­en Platz. „Desk Sha­ring“nennt sich das Prin­zip. Weil nie al­le Mit­ar­bei­ter gleich­zei­tig an­we­send sind, bleibt – im Ge­gen­satz zu dem Kin­der­spiel – am Schluss al­ler­dings kei­ner oh­ne Bü­ro­stuhl. Auch bei der Ers­te Group in Wi­en ist der ei­ge­ne Schreib­tisch Ge­schich­te. Seit 2016 ar­bei­ten die mehr als 5000 Mit­ar­bei­ter in der neu­en, mo­der­nen Zen­tra­le, dem Ers­te Cam­pus. Zehn Per­so­nen tei­len sich dort acht Ar­beits­plät­ze. Es gibt zu­ge­teil­te Stock­wer­ke. Dort kann je­der Mit­ar­bei­ter selbst ent­schei­den, wo er ar­bei­ten möch­te. „Auch auf der Ter­ras­se oder im Ca­fé“, er­zählt Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de Il­se Fe­tik. Die Er­fah­run­gen mit die­ser neu­en Frei­heit sind un­ter­schied­lich, „es gibt vie­le Mit­ar­bei­ter, die das sehr schät­zen und oh­ne­hin stän­dig un­ter­wegs sind. De­nen ist der ei­ge­ne Schreib­tisch völ­lig wurscht. Es gibt aber auch Kol­le­gen, die da­mit Pro­ble­me ha­ben. Die kom­men ex­tra frü­her ins Bü­ro, da­mit sie si­cher auf ih­rem ge­wünsch­ten Platz sit­zen kön­nen.“Bei der Bank gilt die Re­gel: Wer län­ger als drei Stun­den weg ist oder am Abend heim­geht, muss den Schreib­tisch sau­ber ver­las­sen. „Cle­an Desk Po­li­cy“heißt das in der Fach­spra­che. Nur der Bild­schirm bleibt ste­hen. Der ei­ge­ne Lap­top, Tas­ta­tur, Maus oder auch die Fa­mi­li­en­fo­tos ver­schwin­den erst­mal in ei­ner Filz­ta­sche und die­se dann an­schlie­ßend im per­sön­li­chen Spind. „Wie man da­mit um­geht, hängt sehr vom Men­schen ab. Vie­le ha­ben kein Pro­blem da­mit. Aber es gibt schon Mit­ar­bei­ter, die sa­gen: Ich ha­be das Ge­fühl, ich ra­die­re mich aus. Ich wer­de un­sicht­bar“, sagt Fe­tik. Das The­ma Lärm bleibt zu­dem ein Zank­ap­fel. „Wir ha­ben am Cam­pus vie­le schall­schlu­cken­de Ele­men­te in den Groß­raum­bü­ros. Trotz­dem nimmt je­der den Um­ge­bungs­lärm un­ter­schied­lich wahr. Man­che kön­nen es gut aus­blen­den, an­de­re kön­nen das nicht.“Ar­chi­tek­tur­psy­cho­lo­gin Chris­ti­na Kelz setzt sich be­ruf­lich mit dem Phä­no­men des ge­teil­ten Schreib­tischs aus­ein­an­der. „Ver­än­de­rung ist im­mer mit Un­si­cher­heit be­haf­tet. Di­ver­se Stu­di­en be­le­gen, dass Mit­ar­bei­tern ein ei­ge­ner Schreib­tisch wich­tig ist“, sagt sie. „Man hat die Mög­lich­keit, ei­nen Platz an sei­ne Be­dürf­nis­se an­zu­pas­sen. Das er­mög­licht ei­ne lang­fris­ti­ge Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem Ort und dar­über hin­aus auch mit der Fir­ma.“Gleich­zei­tig müs­se man sich an­se­hen, ob das in ei­nem Un­ter­neh­men mit im­mer fle­xi­ble­ren Ar­beits­auf­ga­ben noch zeit­ge­mäß sei. Das Be­dürf­nis, sich ein­zu­rich­ten, sei in der äl­te­ren Ge­ne­ra­ti­on stär­ker vor­han­den. „Ge­ra­de jün­ge­re Ar­beit­neh­mer ge­hen da­von aus, in ih­rem Le­ben öf­ter den Ar­beits­platz zu wech­seln. Da­mit be­kommt der ei­ge­ne, fi­xe Platz im Bü­ro auch we­ni­ger Wert“, sagt Kelz. Funk­tio­nie­ren kön­ne das Sys­tem, wenn es nicht nur als Mo­dell zum Ein­spa­ren ver­stan­den wer­de, ist sie über­zeugt. „Wenn das Bü­ro den Tä­tig­kei­ten der Per­so­nen bes­ser ent­spricht und die Mit­ar­bei­ter ins­ge­samt mehr Frei­hei­ten – et­wa Ar­bei­ten von zu Hau­se aus – be­kom­men, kön­nen sie sol­che Maß­nah­men leich­ter ak­zep­tie­ren. Wenn die Füh­rungs­eta­ge im obers­ten Stock­werk in Ein­zel­bü­ros sitzt und der Rest im Groß­raum­bü­ro kei­nen fi­xen Schreib­tisch mehr hat, führt das na­tür­lich nicht zur Stei­ge­rung der Mit­ar­bei­ter­zu­frie­den­heit. Das ist kon­tra­pro­duk­tiv“, sagt die Ar­chi­tek­tur­psy­cho­lo­gin.

Mit fle­xi­blen Bü­ro­mo­del­len lässt sich je­den­falls Geld spa­ren. Denn wer we­ni­ger Schreib­ti­sche auf­stellt, braucht we­ni­ger Platz. „Un­ter­neh­men kön­nen durch fle­xi­ble­re Bü­ro­struk­tu­ren 30 Pro­zent der In­fra­struk­tur­kos­ten ein­spa­ren. Am teu­ers­ten ist das Per­so­nal, der zweit­höchs­te Kos­ten­fak­tor ist meist schon die In­fra­struk­tur. Das sind Kos­ten, die weh­tun. Wenn man Bü­ro­kos­ten re­du­ziert, schafft man Spiel­raum für an­de­res“, sagt Micha­el Bartz, Pro­fes­sor an der IMC FH Krems. Er rät Un­ter­neh­men, vor ei­ner Ver­än­de­rung der Bü­ros die Ar­beits­sti­le der Mit­ar­bei­ter ge­nau un­ter die Lu­pe zu neh­men: „Wel­che Funk­ti­on er­for­dert wel­che Ar­beits­wei­se? Al­len das glei­che Kon­zept über­zu­stül­pen geht schief.“Das las­se sich auch an der Zeit fest­ma­chen, die am Schreib­tisch ver­bracht wer­de. „Ein Buch­hal­ter ver­bringt 90 Pro­zent sei­ner Zeit am Schreib­tisch. Dem soll­te man sei­nen ei­ge­nen, fi­xen Ar­beits­platz ge­ben. Der legt Wert auf die Yuc­ca-Pal­me ne­ben und die Kin­der­fo­tos auf dem Schreib­tisch. Ei­ne Pro­dukt­ma­na­ge­rin ist 80 Pro­zent ih­rer Zeit un­ter­wegs. Die kann mit ,Desk Sha­ring‘ si­cher le­ben. In der Zeit, in der sie da ist, braucht sie da­für ei­nen ru­hi­gen Ar­beits­platz.“

Heinz Fuch­sig, Ar­beits­me­di­zi­ner bei der AUVA, sieht den Trend zum ge­teil­ten Schreib­tisch kri­tisch: „Das führt über wei­te Be­rei­che zu ei­ner De­si­den­ti­fi­ka­ti­on mit dem Ar­beits­platz.“Auch er er­zählt von Ar­beit­neh­mern, die statt des mor­gend­li­chen Früh­stücks mit der Fa­mi­lie jetzt schon um 6 Uhr früh ins Bü­ro fah­ren, um dort noch ei­nen gu­ten Ar­beits­platz zu fin­den. Wenn ein Un­ter­neh­men Wech­sel­ar­beits­plät­ze ein­rich­te, brau­che es je­den­falls die rich­ti­ge Aus­stat­tung: Roll­con­tai­ner bis in Steh­hö­he – am bes­ten 1,10 Me­ter – und hö­hen­ver­stell­ba­re Schreib­ti­sche, „da­mit man nicht nur auf­ste­hen, son­dern auch die Sitz­hö­he auf Knopf­druck an­pas­sen kann“.

Im­mer mehr Ös­ter­rei­cher su­chen ihn aber ge­zielt: den Schreib­tisch auf Zeit. Die Zahl der Selbst­stän­di­gen steigt mas­siv an und das för­dert den Boom der „Co­wor­king Spaces“. In die­sen Ge­mein­schafts­bü­ros kann man sich fle­xi­bel ein­mie­ten – für ein paar Stun­den, ei­nen Mo­nat oder auch dau­er­haft. In Wi­en wird das An­ge­bot an Ge­mein­schafts­bü­ros je­den­falls grö­ßer. Viel grö­ßer. Seit dem heu­ri­gen Früh­jahr ver­mie­tet der nie­der­län­di­sche Co­wor­king-An­bie­ter Spaces auf rund 4000 Qua­drat­me­tern im drit­ten Be­zirk ins­ge­samt 521 Ar­beits­plät­ze auf Zeit. Su­per­schnel­les In­ter­net, De­si­gner­mö­bel und Kon­takt mit an­de­ren Krea­ti­ven und Grün­dern in­klu­si­ve. Be­reits An­fang 2019 soll ein zwei­ter Stand­ort am Haupt­bahn­hof er­öff­net wer­den und wei­te­re fol­gen.

Noch vor Weih­nach­ten sperrt der ita­lie­ni­sche Co­wor­king-An­bie­ter Ta­lent Gar­den auf 5000 Qua­drat­me­tern im neun­ten Wie­ner Ge­mein­de­be­zirk auf. „Es wer­den noch mehr An­bie­ter nach Wi­en kom­men. Da tut sich viel und die Nach­fra­ge ist da“, sagt Mit­grün­der Mar­tin Giess­wein. 180 Eu­ro im Mo­nat wird ein fle­xi­bler Ar­beits­platz bei Ta­lent Gar­den kos­ten. Wer nur ei­nen Tag lang ei­nen Schreib­tisch braucht, ist schon für 25 Eu­ro da­bei. Co­wor­king sei aber nicht nur für Ein­per­so­nen­un­ter­neh­men in­ter­es­sant, sagt Giess­wein. „Jetzt schi­cken auch grö­ße­re Fir­men ih­re Leu­te in ,Co­wor­king Spaces‘. Frü­her hat man In­no­va­ti­ons­ab­tei­lun­gen in den ei­ge­nen vier Wän­den an­ge­sie­delt. Jetzt geht man da­mit nach au­ßen und hofft, von den Netz­wer­ken dort zu pro­fi­tie­ren.“

Man­che Mit­ar­bei­ter ha­ben am Abend das Ge­fühl: Ich ra­die­re mich aus und wer­de un­sicht­bar.

BILD: SN/FSG

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