Der Kai­ser geht, die Re­pu­blik kommt

Am 11. No­vem­ber 1918 en­det die mehr als 600-jäh­ri­ge Herr­schaft der Habs­bur­ger. Tags dar­auf wird die Re­pu­blik aus­ge­ru­fen. Es gibt To­te.

Salzburger Nachrichten - - 100 JAHRE REPUBLIK - ALEX­AN­DER PURGER

WI­EN. An­fang 1918, zu Be­ginn des letz­ten Kriegs­jah­res im Ers­ten Welt­krieg, hat­te Ös­ter­reich-Un­garn ei­gent­lich al­le sei­ne Kriegs­zie­le er­reicht. Ser­bi­en war be­siegt, der An­griff Ita­li­ens ab­ge­wehrt, und ge­mein­sam mit den deut­schen Ver­bün­de­ten stand man im Os­ten in der Ukrai­ne und auf der Krim.

Doch dann kam der Zu­sam­men­bruch. Wäh­rend die Al­li­ier­ten seit dem Kriegs­ein­tritt der USA aus un­er­schöpf­li­chen Quel­len an Men­schen und Ma­te­ri­al schöp­fen konn­ten, war Ös­ter­reich-Un­garn ab Mit­te 1918 in je­der Be­zie­hung am En­de. Die Kampf­kraft er­lahm­te und auch der po­li­ti­sche Zer­fall der Habs­bur­ger-Mon­ar­chie be­gann.

Er­mu­tigt durch das von US-Prä­si­dent Woo­drow Wil­son pro­kla­mier­te Selbst­be­stim­mungs­recht der Völ­ker ver­lie­ßen die Tsche­chen und Slo­wa­ken noch vor Kriegs­en­de den ös­ter­rei­chisch-un­ga­ri­schen Staats­ver­band und grün­de­ten ei­nen ei­ge­nen Staat. Kai­ser Karl ver­such­te den Zer­fall des Reichs noch zu stop­pen, in­dem er am 16. Ok­to­ber 1918 in ei­nem Völ­ker­ma­ni­fest den Um­bau der Mon­ar­chie in ei­nen Bun­des­staat vor­schlug. Die Un­ab­hän­gig­keits­be­stre­bun­gen der Völ­ker der Do­nau­mon­ar­chie konn­te das aber nicht mehr auf­hal­ten.

Die deutsch­spra­chi­gen Ös­ter­rei­cher sa­hen sich da­mit ei­ner Si­tua­ti­on ge­gen­über, in der sie üb­rig zu blei­ben droh­ten. Be­reits am 21. Ok­to­ber 1918 kon­sti­tu­ier­ten sich die deutsch­spra­chi­gen Mit­glie­der des al­ten Ab­ge­ord­ne­ten­hau­ses da­her als „Pro­vi­so­ri­sche Na­tio­nal­ver­samm­lung für Deutsch­ös­ter­reich“.

Am 30. Ok­to­ber bil­de­te sich die ers­te deutsch­ös­ter­rei­chi­sche Re­gie­rung un­ter dem So­zi­al­de­mo­kra­ten Karl Ren­ner. Da­ne­ben am­tier­te wei­ter die kai­ser­li­che Re­gie­rung. An den Fron­ten wur­de noch ge­kämpft.

Am 3. bzw. 4. No­vem­ber 1918 en­de­te für Ös­ter­reich-Un­garn mit dem Waf­fen­still­stand in der Vil­la Gi­us­ti bei Pa­dua der Ers­te Welt­krieg. Das ge­schla­ge­ne Mil­lio­nen­heer ström­te un­ge­ord­net in die Hei­mat zu­rück. Zu­sätz­lich tob­te in Eu­ro­pa die Spa­ni­sche Grip­pe – ei­ne Pan­de­mie, die mehr To­des­op­fer for­dern soll­te als der Krieg.

In die­sem Cha­os fan­den in Wi­en hek­ti­sche Ver­hand­lun­gen zwi- schen der neu­en deutsch­ös­ter­rei­chi­schen Re­gie­rung und Kai­ser Karl statt. Fe­der­füh­rend da­bei wa­ren die So­zi­al­de­mo­kra­ten, die sich be­reits auf die re­pu­bli­ka­ni­sche Staats­form fest­ge­legt hat­ten.

Am 11. No­vem­ber war Karl schließ­lich be­reit, zwar nicht ab­zu­dan­ken, aber auf je­den An­teil an den Staats­ge­schäf­ten zu ver­zich­ten, sei­ne Re­gie­rung des Am­tes zu ent­he­ben und Wi­en zu ver­las­sen.

Tags dar­auf rief der deutsch­na­tio­na­le Prä­si­dent der pro­vi­so­ri­schen Na­tio­nal­ver­samm­lung, Franz Ding­ho­fer, von der Par­la­ments­ram­pe die Re­pu­blik Deutsch­ös­ter­reich aus. Da­vor hat­te die Ver­samm­lung das von Staats­kanz­ler Karl Ren­ner for­mu­lier­te Ge­setz da­zu be­schlos­sen. Deutsch­ös­ter­reich wur­de in Ar­ti­kel 1 zu ei­ner de­mo­kra­ti­schen Re­pu­blik, in Ar­ti­kel 2 zum Be­stand­teil der Deut­schen Re­pu­blik er­klärt. Die­ser An­schluss wur­de von den Sie­ger­mäch­ten spä­ter un­ter­sagt.

Bei der Aus­ru­fung der Re­pu­blik kam es vor dem Par­la­ment zu Un­ru­hen, aus­ge­löst durch ei­nen Putsch­ver­such der kom­mu­nis­ti­schen Ro­ten Gar­den. Es gab zwei To­te und meh­re­re Dut­zend Ver­letz­te.

BILD: SN/AUS­TRI­AN AR­CHI­VES/ IMAGNO/PICTUREDESK.COM

Die Aus­ru­fung der Re­pu­blik Deutsch­ös­ter­reich am 12. No­vem­ber 1918 auf ei­ner zeit­ge­nös­si­schen Zeich­nung von Wil­helm Gau­se.

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