Bun­des­heer-Oberst soll Rus­sen auch NA­TO-In­fos ge­lie­fert ha­ben

Wie schaff­te es ein Salz­bur­ger Be­rufs­sol­dat, fast 30 Jah­re hin­durch un­er­kannt für Russ­land spio­nie­ren zu kön­nen? Das Aus­maß des Ver­rats ist aber noch un­klar, er ist auf frei­em Fuß.

Salzburger Nachrichten - - THEMA SPIONAGE - Alf, gs, pef, wid

Seit An­fang der 1990er-Jah­re soll ein in­zwi­schen pen­sio­nier­ter Oberst des Bun­des­heers das ei­ge­ne Haus aus­spio­niert und sei­ne In­for­ma­tio­nen an rus­si­sche Ge­heim­diens­te wei­ter­ge­ge­ben ha­ben. Für sei­ne Di­ens­te er­hielt der heu­te 70-jäh­ri­ge Stadt-Salz­bur­ger rund 300.000 Eu­ro, al­so um­ge­rech­net je­des Mo­nat fast 1000 Eu­ro zu­sätz­lich zu sei­nem Ge­halt.

Die of­fi­zi­el­len In­for­ma­tio­nen blie­ben am Frei­tag sehr spär­lich. Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Ma­rio Ku­na­sek (FPÖ) er­klär­te, ein be­freun­de­ter Nach­rich­ten­dienst ha­be das Bun­des­heer vor ei­ni­gen Wo­chen dar­auf hin­ge­wie­sen, „dass es ei­nen In­for­ma­ti­ons­ab­fluss gibt“. Das Ab­wehr­amt (das ist der In­lands­ge­heim­dienst des Bun­des­heers) ha­be dann die Iden­ti­tät des Be­trof­fe­nen her­aus­ge­fun­den und auch Ge­sprä­che mit ihm ge­führt. Der pen­sio­nier­te Of­fi­zier ha­be auch Ge­rä­te wie sei­nen Lap­top über­ge­ben, de­ren Aus­wer­tung sei der­zeit am Lau­fen.

Wie schwer­wie­gend der Fall wirk­lich ist, wird sich wohl erst rich­tig her­aus­stel­len. Ei­ner­seits be­to­nen ehe­ma­li­ge Be­rufs­kol­le­gen des Of­fi­ziers, in dem Fall ge­be es kla­re Be­wei­se. Der Spre­cher des Bun­des­heers, Micha­el Bau­er, sag­te: „Ich ha­be so­was in den ver­gan­ge­nen 20 Jah­ren nicht er­lebt – nicht in die­ser Qua­li­tät und Quan­ti­tät.“

An­de­rer­seits wur­de der Mann bis Frei­tag­nach­mit­tag nicht in Un­ter­su­chungs­haft ge­nom­men. Das deu­tet eher dar­auf hin, dass es sich um we­ni­ger gra­vie­ren­de Vor­wür­fe han­delt. Al­ler­dings be­ton­te die Staats­an­walt­schaft Salz­burg, die das Ver­fah­ren ge­gen den pen­sio­nier­ten Of­fi­zier seit Frei­tag führt, sie prü­fe auch den Ver­rat von Staats­ge­heim­nis­sen – dar­auf dro­hen bis zu zehn Jah­re Haft.

Wie die SN in Er­fah­rung brin­gen konn­ten, soll der Ver­däch­ti­ge, der sich grund­sätz­lich ge­stän­dig zei­gen soll, vor al­lem wei­che In­for­ma­tio­nen ge­lie­fert ha­ben. Da­zu ge­hört, wer wel­che Schwä­chen hat, wel­che Vor­lie­ben bei Trin­ken und Es­sen so­wie Stim­mungs­bil­der in­ner­halb der Ab­tei­lun­gen beim Heer. Als Bei­spiel wur­de auch ge­nannt, der Salz­bur­ger ha­be Kon­takt­da­ten aus dem In­tra­net des Heers wei­ter­ge­ge­ben. Für Nach­rich­ten­diens­te sei­en dem­nach vie­le Mo­sa­ik­stei­ne von Be­deu­tung, nicht so sehr tech­ni­sche De­tails. Es heißt so­gar, der Mann ha­be auch zu Mi­gra­ti­ons­the­men Spio­na­ge be­trie­ben, doch wäh­rend der Flücht­lings­kri­se in Eu­ro­pa 2015/16 war er längst in Pen­si­on.

Der Ex-Of­fi­zier ha­be im Rah­men sei­ner be­ruf­li­chen Tä­tig­keit aber auch an NA­TO-Se­mi­na­ren und -Kur­sen teil­ge­nom­men und soll de­ren In­hal­te eben­falls an die Rus­sen wei­ter­ge­ben ha­ben. Das ist für das Heer ei­nes neu­tra­len Lan­des, das nur Ko­ope­ra­ti­ons­part­ner des west­li­chen Ver­tei­di­gungs­bünd­nis­ses ist, be­son­ders un­an­ge­nehm.

Be­gon­nen hat der Be­rufs­sol­dat sei­ne Kar­rie­re bei den Jagd­pan­zern, spä­ter war er bei der Luf­t­raum­über­wa­chung und die letz­ten Jah­re vor der Pen­sio­nie­rung ar­bei­te­te er in der so­ge­nann­ten Struk­tur­pla­nung im Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um. Dort be­schäf­ti­gen sich hoch­ran­gi­ge Of­fi- zie­re zum Bei­spiel da­mit, wel­che Aus­stat­tung und Trup­pen­stär­ke das Bun­des­heer braucht.

Per­sön­lich soll der Of­fi­zier, der je­den­falls nicht dem Ge­ne­ral­stab an­ge­hör­te, schon im­mer sehr spar­sam ge­we­sen sein. Er sei ein ru­hi­ger und un­auf­fäl­li­ger Typ, sag­te ein Ge­sprächs­part­ner, der gleich­zei­tig ein ideo­lo­gi­sches Mo­tiv aus­schloss. Viel­mehr sei es wohl ein­fach um Geld ge­gan­gen. Für ei­nen eh­ren­haf­ten Of­fi­zier sei es un­trag­bar, für frem­de Di­ens­te zu agie­ren.

Ge­gen den 70-jäh­ri­gen Sol­da­ten im Ru­he­stand wur­de bis­her auch kein Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet. Ei­ner­seits sei das der­zeit gar nicht nö­tig, denn die straf­recht­li­chen Er­mitt­lun­gen ha­ben oh­ne­hin Vor­rang. Bei Be­am­ten ist das aber auch nach der Pen­sio­nie­rung noch mög­lich. Soll­te der mut­maß­li­che Spi­on rechts­kräf­tig zu mehr als sechs Mo­na­ten un­be­ding­ter Haft und ei­nem Jahr be­dingt ver­ur­teilt wer­den, ver­lö­re er sei­ne Rech­te als Be­am­ter und er­hiel­te nur noch ei­ne viel nied­ri­ge­re ASVGPen­si­on.

„Die­se Qua­li­tät ha­be ich noch nie er­lebt.“

BILD: SN/MONSITJ STOCK.ADO­BE.COM

Das Bun­des­heer wird von ei­nem Spio­na­ge­fall er­schüt­tert, die Aus­ma­ße der Af­fä­re sind noch un­klar.

Micha­el Bau­er, Bun­des­heer-Spre­cher

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