BR­EX­IT

Es sieht nach Ei­ni­gung zwi­schen Lon­don und Brüs­sel aus. Druck kommt von neu­er Sei­te.

Salzburger Nachrichten - - 100 JAHRE REPUBLIK - MO­NI­KA GRAF

Es ver­dich­ten sich die Zei­chen, dass in den nächs­ten Ta­gen die Ei­ni­gung auf ein Br­ex­it-Ab­kom­men ge­lin­gen könn­te.

Dies­mal könn­te es ge­lin­gen. In Brüs­sel und Lon­don ver­dich­ten sich die Zei­chen, dass in den nächs­ten Ta­gen die Ei­ni­gung zwi­schen Brüs­sel und Lon­don auf ein Br­ex­it-Ab­kom­men ge­lin­gen könn­te. Die Wahr­schein­lich­keit sei viel hö­her als Mit­te Ok­to­ber, ver­lau­tet aus EUK­rei­sen. Da­mals wa­ren sich zwar die Ver­hand­ler über den Schei­dungs­ver­trag ei­nig, doch die EUHaupt­städ­te und die bri­ti­sche Sei­te zuck­ten zu­rück.

„Jetzt mer­ken auch die Bri­ten, dass ih­nen die Zeit da­von­läuft“, so be­schreibt ein EU-Ver­tre­ter die Stim­mung. Nicht nur brau­che das bri­ti­sche Par­la­ment den EU-Aus­tritts­ver­trag zeit­ge­recht vor Weih­nach­ten, um ihn im or­dent­li­chen Ver­fah­ren zu ra­ti­fi­zie­ren. Auch stei­ge der Druck aus der Wirt­schaft, weil vie­le Un­ter­neh­men An­fang De­zem­ber ih­re „No-De­al-Sze­na­ri­en“star­ten wol­len, al­so die Vor­be­rei­tun­gen für ei­nen un­ge­ord­ne­ten Aus­tritt. Der 1. De­zem­ber wer­de im­mer mehr zum „ma­gi­schen Da­tum“.

Groß­bri­tan­ni­en wird am 29. März aus der EU aus­tre­ten. Laut Schei­dungs­ver­trag, der zu 95 Pro­zent aus­ver­han­delt ist, be­ginnt dann ei­ne 21-mo­na­ti­ge Über­gangs­frist zu lau­fen. Wäh­rend die­ser Zeit bleibt Groß­bri­tan­ni­en wei­ter EU-Mit­glied, je­doch oh­ne Mit­spra­che­recht. – und das künf­ti­ge Ver­hält­nis zu Eu­ro­pa soll ge­nau­er aus­ver­han­delt wer­den. Erst ab 1. Jän­ner 2021 wird Lon­don dann tat­säch­lich ein EUD­ritt­staat. Die Ver­hand­lun­gen, die auch am Wo­che­n­en­de in­ten­siv wei­ter­ge­hen, spie­ßen sich nach vor an der sel­ben Fra­ge: Wie lässt sich nach dem Br­ex­it ei­ne neue Gren­ze zwi­schen dem EU-Mit­glied Ir­land und der bri­ti­schen Pro­vinz Nord­ir­land ver­mei­den, ob­wohl dort die dann die EU-Au­ßen­gren­ze ver­läuft. Zoll­kon­trol­len auf der iri­schen In­sel könn­ten den vor 20 Jah­ren be­en­de­ten blu­ti­gen Bür­ger­krieg wie­der auf­flam­men las­sen, wie auf bei­den Sei­ten des Är­mel­ka­nals be­fürch­tet wird.

Um der­ar­ti­ge Pro­ble­me zu ver­hin­dern, ha­ben sich Brüs­sel und Lon­don be­reits vor ei­nem knap­pen Jahr auf ei­ne Not­fall­lö­sung ver­stän­digt. Die­ser „Back­stop“, wie es im EU-Jar­gon heißt, sieht vor, dass Nord­ir­land in zoll­tech­ni­scher Hin­sicht weit­ge­hend im Bin­nen­markt bliebt. Das Auf­fang­netz soll aber nur grei­fen, wenn bis zum end­gül­ti­gen Aus­tritt kei­ne bes­ser Va­ri­an­te ge­fun­den ist.

Mitt­ler­wei­le dreht sich al­les nur um die­se Fra­ge. Denn der Back­stop wür­de au­to­ma­tisch die künf­ti­ge Zoll­gren­ze in die iri­sche See ver­le­gen, was die bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May und ins­be­son­de­re ih­re Ver­bün­de­ten in Bel­fast, die DUP (De­mo­cra­tic Unio­nist Par­ty) bis­her aus­ge­schlos­sen ha­ben.

Um die­se Patt­stel­lung auf­zu­lö­sen, hat May ent­ge­gen ih­ren ur­sprüng­li­chen Plä­nen nun vor­ge­schla­gen, dass ganz Groß­bri­tan­ni­en in ei­ner Zoll­uni­on mit der EU bleibt.

Für die bri­ti­sche Sei­te ist das nicht sehr vor­teil­haft, weil Lon­don dann nicht die er­hoff­ten Han­dels­de­als mit an­de­ren Län­dern ab­schlie­ßen kann. Da­her will May ei­ne Aus­stiegs­klau­sel aus der Zoll­uni­on ein­bau­en, die auch die iri­sche Not­fall­lö­sung um­fas­sen soll. Das aber leh­nen die EU und al­len vor­an Du­blin ka­te­go­risch ab. Weil dies wie­der ei­ne iri­sche Gren­ze be­deu­ten wür­de.

Ei­ne Sit­zung der EU-Bot­schaf­ter am Frei­tag­nach­mit­tag soll­te zu­min­dest über die wei­te­re Vor­gangs­wei­se Klar­heit schaf­fen. Am Mon­tag tref- fen sich die Eu­ro­pa­mi­nis­ter un­ter Vor­sitz von Ös­ter­reichs Res­sort­chef Ger­not Blü­mel. Ob sich ein Ab­kom­men bis da­hin aus­geht, dar­über ge­hen die Mei­nun­gen in Brüs­sel aus­ein­an­der.

Die Teams um EU-Chef­ver­hand­ler Mi­chel Bar­nier und den bri­ti­schen Br­ex­it-Mi­nis­ter Do­mi­ni­que Ra­ab ha­ben sich ein­bun­kert. In­for­ma­tio­nen für die Öf­fent­lich­keit soll es erst wie­der ge­ben, wenn klar ist, ob der Durch­bruch ge­lun­gen ist. Bar­nier hat vor we­ni­gen Ta­gen die Aus­sicht auf ei­nen un­mit­tel­bar be­vor­ste­hen­den Durch­bruch ge­dämpft. „Es ist noch viel mehr Ar­beit nö­tig“, be­ton­te er. So­bald er „aus­rei­chen­den Fort­schritt“ver­mel­den kann, wür­de ein Gip­fel der Staats- und Re­gie­rungs­chefs ein­be­ru­fen. Für den ur­sprüng­lich an­vi­sier­ten Ter­min am 17. und 18. No­vem­ber reicht die Vor­lauf­zeit nicht mehr, heißt es in Brüs­sel. Ei­ni­ge Pre­miers müs­sen sich erst den Se­gen ih­rer Par­la­men­te ho­len oder die­se in­for­mie­ren, um den Aus­stiegs­ver­trag end­gül­tig zu be­sie­geln. Da­her wä­re ein Gip­fel wohl frü­hes­tens ei­ne Wo­che spä­ter mög­lich.

„Es ist noch viel mehr Ar­beit nö­tig.“Mi­chel Bar­nier, EU-Chef­ver­hand­ler

BILD: SN/FOTOLIA

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