Ein Le­ben lang im Schau­kas­ten

Der Film „An­ge­lo“schil­dert, wie ein schwar­zer Mann im Wi­en des 18. Jahr­hun­derts an­ge­schaut wur­de.

Salzburger Nachrichten - - KULTUR - Ein Schwar­zer wie ei­ne Pup­pe zur Schau ge­stellt. Ös­ter­reich/Lu­xem­burg 2018. Re­gie: Mar­kus Sch­lein­zer. Mit Ma­ki­ta Sam­ba, Al­ba Rohr­wa­cher. Start: 9. 11.

WI­EN. Als Kind wur­de er ge­raubt, als Skla­ve nach Eu­ro­pa ge­bracht und auf den Na­men „An­ge­lo“ge­tauft. Spä­ter wur­de An­ge­lo Soli­man dem Fürs­ten von Lob­ko­witz ge­schenkt, wur­de in Wi­en Kam­mer­die­ner, Prin­zen­er­zie­her, Frei­mau­rer, hei­ra­te­te und be­kam ei­ne Toch­ter. Und, ent­setz­lichs­tes De­tail ei­ner be­weg­ten Bio­gra­fie, nach sei­nem Tod wur­de sein Leich­nam prä­pa­riert und im Na­tur­his­to­ri­schen Mu­se­um aus­ge­stellt: Der be­rühm­tes­te schwar­ze Ös­ter­rei­cher An­ge­lo Soli­man war Zeit sei­nes Le­bens Pro­jek­ti­ons­flä­che für wei­ße Fan­ta­si­en. Re­gis­seur Mar­kus Sch­lein­zer setzt die Per­spek­ti­ve in sei­nem Film „An­ge­lo“fort – denn es sei die auf­rich­ti­ge­re: „Ich be­haup­te gar nicht erst, mich in ihn hin­ein­ver­set­zen zu kön­nen.“ SN: Nach Ih­rem Spiel­fil­merst­ling „Micha­el“, was hat Sie auf Soli­man als Film­fi­gur ge­bracht? Mar­kus Sch­lein­zer: Es gab vor ei­ni­gen Jah­ren im Wi­en Mu­se­um ei­ne Aus­stel­lung, „An­ge­lo Soli­man. Ein Afri­ka­ner in Wi­en“. Ich ha­be mir den Ka­ta­log ge­kauft und ge­merkt: Die­ser Herr Soli­man, das ist mein nächs­ter Film. Na­tür­lich gibt es hun­dert Ge­schich­ten, die man da er­zäh­len kann über Dia­spo­ra und schwar­ze Men­schen in Ös­ter­reich, aber mich hat vor­ran­gig Soli­man in­ter­es­siert, auch weil es span­nend ist, dass es so we­nig gibt über ihn. SN: Auf wel­ches Ma­te­ri­al konn­ten Sie sich stüt­zen? Wirk­lich em­pi­risch taucht er erst in sei­ner zwei­ten Le­bens­hälf­te auf, das ers­te Mal in den Wirt­schafts­bü­chern des Hau­ses Lich­ten­stein, aus de­nen man er­le­sen kann, wel­che Klei­dungs­stü­cke sie ihm in wel­chem Jahr ha­ben an­fer­ti­gen las­sen. Dann ist sei­ne Hei­rats­ur­kun­de er­hal­ten, auf der er ne­ben sei­nen Na­men auf La­tei­nisch „der kein Skla­ve ist“da­zu­ge­schrie­ben hat.

Sehr dicht do­ku­men­tiert sind nach sei­nem Ab­le­ben die Ein­ga­ben der Toch­ter und der Kir­che, die ge­for­dert ha­ben, sei­ne Haut und Kno­chen wie­der­zu­be­kom­men, um ihn be­stat­ten zu kön­nen. Und dann gibt es bald nach sei­nem Tod ei­ne ers­te Bio­gra­fie, die aber ver­schweigt, was nach sei­nem Tod ge­sche­hen ist. SN: Die­ses letz­te Ka­pi­tel sei­nes Da­seins als Mu­se­ums­prä­pa­rat schil­dert Ihr Film aus­führ­lich. War­um ist das so wich­tig? Das ist die letz­te Vier­tel­stun­de des Films, und ich fin­de, das darf man nicht weg­las­sen. Über den Le­bens­abend des Herrn Soli­man weiß man nur, dass er auf der Frey­ung ge­wohnt hat mit sei­ner Toch­ter. Es heißt, er sei bei den Frei­mau­rern ge­we­sen, und es wird auch be­haup­tet, er sei ein Freund von Mo­zart ge­we­sen. Man kann sich na­tür­lich be­geg­net sein, die Stadt war klein, aber ich woll­te kei­ne Kaf­fee­haus­sze­ne er­fin­den, „Ja grüß dich, Mo­zart, tust du grad was kom­po­nie­ren?“

Wir ha­ben in Ös­ter­reich oft ei­ne Ten­denz, al­les His­to­ri­sche in ei­ne Süß­lich­keit zu zie­hen. Was mir wich­tig war: Ich schaue dem aus­ge­stopf­ten Mann nicht in ei­ner Nah­auf­nah­me ins Ge­sicht, das hät­te ich de­spek­tier­lich ge­fun­den. Ver­ste­cken wä­re al­bern, aber die Groß­auf­nah­me be­kommt er nicht. SN: Was nach sei­nem Tod mit ihm pas­siert, treibt ei­gent­lich auf die Spit­ze, was sein gan­zes Le­ben ge­sche­hen ist: Dass er Pro­jek­ti­ons­flä­che eu­ro­päi­scher Fan­ta­si­en war. Ab­so­lut, er wird am En­de sei­nes Le­bens re­du­ziert auf et­was, was er ja nie war, das Wil­de, das Bar­ba­ri­sche, ei­ne Fan­ta­sie­fi­gur. Auf dem Kas­ten mit sei­nem Prä­pa­rat stand tat­säch­lich, „Ers­ter Ver­tre­ter des Men­schen­ge­schlechts“. Auch wenn das jetzt zy­nisch klin­gen mag: Es ist mir lo­gisch, dass das mit ihm pas­siert ist, weil er ja sein gan­zes Le­ben im Schau­kas­ten ge­stan­den ist. Er hat zwar et­was aus sei­nem Le­ben ge­macht, aber den Raum, in dem er sich be­we­gen konn­te, hat die Ge­sell­schaft ab­ge­steckt. Ich glaub nicht, dass er so frei war, wie man­che glau­ben möch­ten. SN: Sein ei­ge­nes Er­le­ben ist nicht im Vor­der­grund, es geht um den Blick an­de­rer auf ihn. Set­zen Sie mit die­ser Per­spek­ti­ve nicht ein Un­recht fort? Es ist für mich als Mit­glied die­ser Ge­sell­schaft ehr­li­cher, den Film aus die­sem Blick­win­kel zu ma­chen, als zu ver­su­chen, mich in ihn hin­ein­zu­ver­set­zen. Das fän­de ich ab­surd. Wenn sich ein Fil­me­ma­cher mit sei­ner Haupt­fi­gur gleich­setzt, kann das funk­tio­nie­ren, aber oft fin­de ich das schwie­rig.

Ich be­haup­te gar nicht erst, das zu kön­nen, da­durch ist der Film viel här­ter. Ich glau­be, sonst wä­re es ein sen­ti­men­ta­ler Film ge­wor­den, und das ist we­nig Er­kennt­nis­ge­winn. Wenn man am Schluss sa­gen kann, „Uff, ich mach sol­che Sa­chen auch, und es fällt mir gar nicht auf“– das ist viel stär­ker. An­ge­lo.

BILD: SN/FILM­LA­DEN

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