Die gro­ße Kri­se kam auf lei­sen Soh­len

Ös­ter­reichs Wirt­schaft be­fin­det sich 2007 im Hoch, in den USA braut sich ein Sturm zu­sam­men.

Salzburger Nachrichten - - 100 JAHRE REPUBLIK ÖSTERREICH - Wie

Wenn die Re­de auf die größ­te Fi­nanz­kri­se seit den 1930er-Jah­ren kommt, fällt den meis­ten Men­schen als Ers­tes der Zu­sam­men­bruch der In­vest­ment­bank Leh­man Bro­thers ein. Nun mar­kiert der 15. Sep­tem­ber 2008 zwar den dra­ma­ti­schen Hö­he­punkt, von dem an es in der Fi­nanz­welt und in der Fol­ge auch in der Ge­samt­wirt­schaft steil berg­ab ging. Aber die Kri­se bau­te sich schon viel frü­her auf und es fehl­te auch nicht an War­nun­gen. Nur woll­te sie nie­mand hö­ren.

Der US-Öko­nom Nou­riel Rou­bi­ni sag­te bei ei­nem Vor­trag im In­ter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds im Sep­tem­ber 2006, dass den USA ei­ne Im­mo­bi­li­en­kri­se bis­her nie ge­se­he­nen Aus­ma­ßes be­vor­ste­he. Und er skiz­zier­te die Ab­fol­ge von Er­eig­nis­sen, die nie­mand für mög­lich hielt. Haus­be­sit­zer wür­den ih­re Kre­di­te nicht mehr zu­rück­zah­len kön­nen, im­mo­bi­li­en­be­si­cher­te Pa­pie­re im Wert von Bil­lio­nen Dol­lar wür­den aus­fal­len, das Fi­nanz­sys­tem wer­de zum Still­stand kom­men.

Sei­ne düs­te­ren Pro­gno­sen tru­gen Rou­bi­ni den Bei­na­men Dr. Doom (Un­ter­gang) ein, sei­ne Ein­wän­de nahm man nicht ernst, aber lei­der be­hielt er recht. Aus­gangs­punkt für die Fi­nanz­kri­se war ein heh­res po­li­ti­sches Ziel, je­der US-Bür­ger soll­te sein Ei­gen­heim ha­ben. Be­feu­ert von nied­ri­gen Zin­sen, er­hielt je­der ei­nen Kre­dit, un­ab­hän­gig da­von, ob er ihn sich leis­ten konn­te. Im Früh­jahr 2007 taucht erst­mals der Be­griff Sub­pri­me-Kre­di­te auf, Hy­po­the­ken­dar­le­hen, die ei­ne hö­he­re Aus­fall­wahr­schein­lich­keit auf­wie­sen.

Weil Ban­ken die nicht in ih­ren Bü­chern ha­ben woll­ten, wur­den sie zu Wert­pa­pie­ren ge­schnürt und ver­kauft. Da­mit war die Saat für die welt­wei­te Fi­nanz­kri­se ge­legt. Im April 2007 war der dritt­größ­te US-An­bie­ter sol­cher Sub­pri­me-Kre­di­te, New Cen­tu­ry, plei­te. US-No­ten­bank­chef Ben Bernan­ke be­ru­hig­te, die Kri­se auf dem Im­mo­bi­li­en­markt wer­de nicht auf die Ge­samt­wirt­schaft über­sprin­gen. In Eu­ro­pa blieb man noch ru­hig.

Mit der Ru­he war es spä­tes­tens im Ju­li vor­bei, als die deut­sche IKB Bank we­gen Spe­ku­la­ti­ons­ver­lus­ten mit Sub­pri­me-Wert­pa­pie­ren von der staat­li­chen KfW auf­ge­fan­gen wer­den muss. Im Au­gust friert die fran­zö­si­sche BNP Pa­ri­bas das Ver­mö­gen von drei Fonds ein, die EZB muss 150 Mrd. Eu­ro in den Markt pum­pen, um zu ver­hin­dern, dass der In­ter­ban­ken­markt zum Er­lie­gen kommt. Im Sep­tem­ber setzt ein Run auf die bri­ti­sche Hy­po­the­ken­bank Nort­hern Rock ein, der Staat muss die Ein­la­gen ga­ran­tie­ren. In die­ser Ton­art ging es wei­ter bis ins Früh­jahr 2008.

In Ös­ter­reich wiegt man sich 2007 noch in Si­cher­heit. Der Kon­junk­tur­mo­tor schnurr­te, die Wirt­schafts­leis­tung stieg um 3,7 Pro­zent. Neun Mo­na­te spä­ter, im Herbst 2008, legt die Re­gie­rung ein 100-Mrd.-Eu­ro-Pa­ket zur Ab­si­che­rung des Ban­ken­sek­tors und der Er­spar­nis­se der Ös­ter­rei­cher auf. Auf die tie­fe Re­zes­si­on 2009 (–3,8 Pro­zent) folgt ein Jahr­zehnt schwa­chen Wachs­tums.

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